Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 zehnte hindurch das kostbare Recht der Selbstverwaltung einer Gesellschaft von Strebern und Geldsäcken bedingungslos überlässt, wenn man sich bei Kultuswahlen dem Kommando von Tetnpeldieuern, Leichenträgern und pauschalierten Journalisten fügt, muss man auch aui derairtige Zumutungen gefasst sein. Die Majorität der so unsanft gestörten Gläubigen hat noch vor zwei Jahren dem strammen Kultuspräsidenten Stern zum Siege über die Zionisten verholten, sie hat gegen die „glaubenslosen“, rücksichtslosen Jüdischnationalen gestimmt. Heute wird ihr die Sache vielleicht in einem anderen Lichte erscheinen. Den Zionisten — und sei er noch so wenig fromm — wedcher auf Grund eines wahnsinnigen Paragraphen Polizei aui jüdische Betgememden hetzt, der Welt das klägliche Schauspiel bietet, dass christlichsoziale Antisemiten für die Weihe eines jüdischen Gottesdienstes sorgen müssen, einen solchen Zionisten wird man nicht finden. Solche Pflanzen gedeihen nur in den Kreisen, welche heute d'ie jüdische Gesellschaft beherrschen, im Innern schwächen und desorganisieren und nach aussen hin entsetzlich blossstellen. Welches Kunststück wird sich der Wiener Vorstand nächstens leisten? Er handhabt virtuos Paragraphen, welche den Wählern das Wählen und den Betern das Beten verbieten; vielleicht hat er noch einige Gesetzbestimmungen am Lager, welche die Atmung, Verdauung und Fortpflanzungstätigkeit jüdischer Steuerzahler unter kultusbehördliche Kontrolle stgllen und Unbotmässige an den Galgen bringen. * -j- * Ein Schritt nach vorwärts. Die sozialdemokratische Parteileitung hat bisher dem Zionismus gegenüber eine schroff ablehnende Haltung-eingenommen und insbesondere die Anerkennung der jüdischen Nationalität rundweg abgelehnt. Dieser Widerstand, der programmatisch absolut unbegründet und zum grössten Teile auf die Umtriebe weniger jiidisch-assimilatorischer Führer zurückzuführen ist, scheint weichen zu wollen. Das Programm der am 11. Oktober in Brüssel stattrindenden Internationalen Soziaüistenkonferenz enthält als e:nen Punkt der Tagesordnung: „Zionistische Sozialisten“. Auch hat der sozialdemokratische Abgeordnete Daszynski kürzlich vor dem galizischen Statthalter Forderungen im Namen des polnischen, ruthenischen und „jüdischen“ Volkes erhoben. Auf döe Dauer kann man eben eine umfassende nationale Bewegung nicht tot dekretieren, sei sie momentan auch noch so unbequem- Wenn sich die sozialdemokratische Partei zur vollen, rückhaltlosen und ehrifichen Anerkennung des jüdischen Nationalgedankens entschliesst, wird sie ihre Zwecke nur fördern! Tolstoi als Ahtizionist. Der grosse Mann ist einem kleinen Schwindler -erbärmlich hineingefallen. Durch falsche Informationen, vielleicht auch durch plumpe Schmeicheleien hat er sich veranlasst gefühlt, einem politischen Mäkler beim schmutzigen Geschälte behilflich zu sein. Ip der letzten Sonntagsnummer veröffentlicht das „Neue Wiener Journal“ einen Auszug aus dem Buche des ehemaligen Dumaabgeordneten O. Pergament „Graf Tolstoi und die Jude n". Abfällige Aeusserungen Tolstois überden Zionismus werden in mehreren Spalten wiedergegeben. Mau kann sich eine Widerlegung ersparen, die Wiedergabe einiger Stellen wird deutlich genug veranschaulichen, auf welchem Niveau sich diesmal der grosse Dichter bewegt, weicher Mangel an Sachkenntnis sich bet ihm zeigt. — „Vor unseren Augen' erkrankt ein altes, kluges und vielgeprüftes Volk, von neuem spricht aus ihm das Verlangen nach einem eigenen Staate und der böswillige (!) Wunsch zu regieren und e'iue Rolle zu spielen. Ich glaube aber, dass nur die Minorität des Volkes von dieser finsteren (!) Leidenschaft ergrifien ist.-.“ — Eine Rolle wollen die Juden spielen — Tolstoi nennt das böswillige Unverschämtheit, finstere Leidenschaft! — „Das (jüdische) Volk ist kein Archäologe und wird nicht in der Stärke von 10 Millionen zu Ausgrabungen (?) nach Palästina ausrücken. Das sieht man an jenen, die nach Amerika fahren und die Qualen des Heimwehs (?) nicht ertragen, ermattet nach der Heimat zurückkehren und den schwarzen Boden Russlands küssen (!) . . .“ — Dass die Zionisten nach Palästina wollen, um alte Heiligtümer auszugraben und 10 Millionen mit dieser Erdarbeit zu beschäftigen, ist neu. Neu ist es auch, dass das Heimweh die Juden nach Russland , zurücktreibt. Bis jetzt haben immer die schlechte wirtschaftliche Konjunktur i;ad vor allem -das amerikanische Kontrollamt, .welches jüdische Ankömmlinge massenhaft zuriickweist, die Rück- 1 Wanderung bewirkt, ob der russische Boden unter jüdischen Küssen allzu sehr leidet ist auch fraglich. Aber Tolstoi und Pergament werden da vielleicht besser Bescheid wissen. — „Die Führer des Zionismus erleichtern noch die Arbeit dieses Giftes (!), hoheitsvoll ignorieren sie die reit- .giöse Frage und rücken in den Vordergrund bloss (!) Emigration und Politik — und wiederum Politik und! Emigration. Vor allem muss man! sich zu Gott wenden — Gott wird Allerlei. Die alten Juden und das Theater. Auf dem Boden Palästinas konnte sich das Theater nicht akklimatisieren. In Alt-Judäa gab es viele Kültstälten, heilige Gräber, Versammlungsorte, Vergnügungslokale, Tanzgärten, aber keine Theater, keine Volksbelustigungen und Schaustellungen. Die starren Religionsformen, die gleich eisernen Reifen das ganze Leben umspannten, Hessen ein Bedürfnis nach ähnlichen Dingen gar nicht aufkommen. Aus den Dionysien ist die griechische Schauspielkunst hervorgegangen. Dieser Umstand genügte für die Juden in Palästina vollständig, die Ursache mit der Wirkung zu verwechseln und das Theater an »sich als etwas Heidnisches, mit der Ethik des Judentums Unvereinbares zu betrachten. Mit dem Siegeszug Alexanders des Grossen durch Asien begann sich das Griechentum auch in Palästina einzubürgem. Eine masslose Schwärmerei für alles Griechische bemächtigte sich der jüngeren Elemente. Unter der syrischen Herrschaft des Antiochus Epiphanes errichtete der Hellenist und Hohepriester Jason in Jerusalem Turnschulen nach griechischem Muster und führte die Kampfspiele ein. Der baulustige Herodes der Grosse, errichtete das erste Theater in Jerusalem; er liess auch in der Nähe Jerusalems ein Amphitheater erbauen, ebenso Schaubühnen in Gäsarea, Tiberias und in anderen Gressstädten seines Königreichs. Die Herodäer scheinen eifrige Theaterbesucher gewesen zu sein; gegen Herodes I.- planten Verschwörer einen Ueberfall im Theater, Herodes Agrippa starb eines plötz- Uchen Todes im Theater zu Gäsarea- In Alexandrien, wo sich die Verschmelzung des jüdischen Geistes mit dem griechischen Kulturelement am ungezwungensten vollzog, trat zum ersten Male ein jüdischer Dramatiker namens Ezekielos auf, der ein den Auszug aus Aegypten behandelndes Drama schrieb. Hüben und drüben widmeten sich jüdische Jünglinge der Schauspielkunst. Bekannt ist, dass der jüdische Schauspieler AHtyros der Liebling des Kaisers Nero und seiner Gemahlin Poppäa war. Die Gesetzeslehrer in Judäa führten einen erbitterten Kampf gegen den Hellenismus überhaupt und gegen das Theater im -besonderen. Das Theater galt ihnen als Giftpflanze, die dem Geist des Judentums verhängnisvoll werden könnte. Sie stellten es daher als ein Saianswerk hin; sie warnten die Bevölkerung vor dem Besuch des Theaters. »Der Aufenthalt der Spötter“ — nennt es ein Rabbi im Talmud. Und an einer anderen Stelle im Talmud urteilt ein Rabbiner hoch schärfer: „Wer das Theater besucht, macht sieh des Götzendienstes schuldig.“ Der Midrasch Rabbah legt Ruth, der Stammmutter des Davidischen Geschlechts, den allerdings sonderbaren Ausspruch in den Mund: „Es gehört nicht zu den Gewohnheiten der Töchter Israels, die Theater zu besuchen.“ Derselbe Midrasch zur Genesis weiss sogar zu erzählen, die Frau des Potiphar habe, um mit Joseph allein zu bleiben, ihren Herrn Gemahl mit samt dem Hausgesinde ins Theater geschickt, denn „es war gerade joro teatrom“, ein Theatertag. schon selbst sein Werk tun, wird dem Volke ein Land geben und wird es mit noch mehr Gnade überhäufen!“ — Dieser Ratschlag wurde uns Zionisten bereits von vielen Seiten erteilt. Er ist äusserst bequem, wir ziehen es aber vor. auf menschliche Arbe.t absolut nicht zu verzichten und nicht mit gekreuzten Armen aui himmlische Segnungen zu warten. — „Deshalb höre ich auch, dass unter den Rabbinern Verwünschungen laut we'rden, die den Zionismus als iremde (!) Lehre verurteilen — hier steht die jüdische Orthodoxie auf festem Boden und ihr Widerstand ist völlig gerechtfertigt!“ — Urplötzlich iiih t sich Tolstoi zur starrsten Orthdoxie hingezogen und billigt die Verwünschungen einiger Finsterlinge. Er geht da weiter, als die Mehrzahl der jüdischen Orthodoxen, die Zionisten sind. Oder sollte ihn das heilvolile Wirken seiner grössten Feinde, der russischen Orthodoxen, so beeinflusst haben.? — „Was verlockt die Zionisten, was gefällt ihnen an der!m Grunde militaristischen (!?) Bewegung?“ — Dieser Vorwuri geht denn doch schon über die Hutschnur. Genug. — Der Geistesriese Tolstoi hat diesmal mit Binsen gekämpft, aber seine Waffen s;nd nicht nur schwach, sie sind auch unsauber. O. Pergament, dem er diese Auslassungen zur Verfügung gestellt hat, ist ein getaufter Jude, der schon in der Duma lebhaft bemüht war. die jüdische Sache zu bekämpien, der sich dort als „Russe griechischorthodoxen Glaubens“ ausgegeben hat (die anderen Täuflinge in der Duma haben in das Nationale „Bürger jüdischer Nationalität, griechisch-orthodoxen Bekenntnisses“ eingetragen). Von welch ehrlichen Absichten ein solcher Mann den Juden gegenüber erfüllt ist. ist leicht zu ermessen. Dieser Kompagnon wird dem Grafen Tolstoi nicht allzu v;e! Ehre einbringen! Gesetzwidriges im Wiener Kultusstatute.*) Von Dr. Josef Zipser, Hof- und Gerichtsadvokat, Wien. (Siehe Nr. 28, 29, 30, 34, 36 und 38 d. „Jüd. Ztg.“) Die österreichischen Gesetze haben bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sc gar den Rabbinern die richterliche Gewalt zuerkannt, sie durften ihre Glaubensgenossen auch mit dem Banne belegen. Die Funktionen der Rabbiner in der Jetztzeit ergeben sich aus ihrer Eigenschaft als ReUgionslehrer. Sie haben über den Ritus beim Gottesdienste, über alle zum Gottesdienste und zum religiösen Leben gehörigen Einrichtungen zu wachen. Seit dem IS. Jahrhundert hat sich das Verhältnis zwischen Rabbinern und Kultusgemeinde herausgebildet, dass die Entscheidung religiöser Fragen dem von der Gemeinde gewählten Rabbiner — welchem für wichtige Fälle ein Kollegium von Assessoren (Dajanim Beth-Din) beizugeben ist — zusteht und dass die Besorgung der übrigen Angelegenheiten, *wie die Vertretung der Gemeinde nach Aussen, die Verwaltung des Gemeindevermögens, die Besteuerung der Gemeindemitglieder, die Armenpflege u. dgl. von den Gemeindeältesten besorgt wird. Und diese Aufgaben der Kultusvorstände sind auch im Kultusgesetz vom Jahre 1890 im § 9 festgesetzt worden. Die Rabbiner — und nicht die Kultusvorstände — sind den staatlichen Behörden gegenüberöffentlicheOrgane, Organe der publica fides, sie sind von Staats wegen berufene öffenüiche Funktionäre zur Intervention bei Eheschliessungen (§§ 70, 126 und 127 a. b.G;B. Ges. vom 31. Dezember 1868 R.-G.-B1. Nr. 4 ex 1869 und § 17 G. G.), sie stellen in ihren amt- Uchen Geburts-’und Ehezeugnissen, Totenscheinen etc. Urkunden aus, welchen der Charakter öffentlicher Urkunden zukommt. (§§ 292, 293 G. P. O.) *) Anmerkung der Redaktion. Die unter diesem Titel erscheinende Artikelserie bildet die Grundlage eines Memorandums, das seitens der O bmänner-Konferenz der Wiener Wohltätigkeit s- und Bethausvereine der Regierung unterbreitet werden soll. Es entspricht — von einigen Punkten abgesehen — dem Jüdischnationalen Knltuspr ogr amme. Die Wirtschaft in der Wiener Kultusstube, bringt, also schon die loyalsten Elemente in Aufregung und zu uns. Die Ausführungen sind von ganz besonderem Interesse, da ja die Statuten vieler österreichischer Kultusgemeinden direkt nach \Viener Muster fabriziert worden sind, in allen aber analoge Bestimmungen zu finden sein werden.