Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 habe für den zielbewussten Angriff. Am 20. November gab die „Welt“ eine eigene Agitationsnummer aus und am 25. November 1900 war Wahltag. Von den 9 Mandaten waren 7 strittig. Die Opposition, von uns Zionisten und der „Jüdischen Volkspartei“ formiert, brachte zwei Mann in die Stichwahl und diese entschied für unseren braven Isidor Gewitsch und Hermann Eltbogen von der Volkspartei. Da diese beiden im Vorstande zu isoliert waren, um für das demokratische Programm erfolgreich zu wirken, wollte ihnen Herzl bei der Eultuswahl 1902 durch neuerlichen Ansturm Sukkurs bringen. Diesmal aber setzte sich der Kahal, unterstützt von der „Union“, den Sozialdemokraten und allen anderen Zionsfeinden, zäh zur Wehr und schreckte auch vor den ärgsten Intrigen und Brutalitäten nicht zurück. Als damals am Wahltag in unserem Hauptquartier von überallher Klagen und Beschwerden einliefen, eilte Herzl nach den bedrängtesten Punkten, feuerte unsere Agitatoren an und schüchterte die Widersacher ein. Mir war damals das Fähnlein unserer Freiwilligen in der Tempelgasse anvertraut. Mittags vorbei, rief mich ein Barkochbaner zum Telephon. Herzl befahl mir, gleich den andern Agitationsleitern, gegen den Wahlakt sofort Protest einzulegen. Das waren die ersten Worte, die mir von dem Führer persönlich gegönnt waren. Mein Herz klopfte, unwillkürlich schlug ich die Haken zusammen und war glücklich, zu gehorchen. Wir unterlagen in diesem mit schöner Erbitterung geführten Streite und Herzl selbst diktierte Herrn Gewitsch das überaus scharfe Demissionsgesuch. Am 3. österreichischen Parteitag zu Wien Ende Juni 1903 erschien Herzl, um das Referat: „Gestaltung und Zukunft der österreichischen Kultusgemeinden“, sowie die anschliessende Debatte zu hören und unter seiner ausdrücklichen Zustimmung und gerade in Hinblick auf den .Wiener Kultusvorstand ging damals der Beschluss durch: „Wo die Verwirklichung dieser für unser1 Volk einzig heilsamen Forderungen von den gegenwärtigen Machthabern der Kultusgemeinde nicht zu erwarten steht, ist es unabweisliche zionistische Pflicht, die Macht in den jüdischen Gemeinden in offenem Kampfe zu erringen.“ Zwei Monate darauf kam der 6. Kongress und mit ihm das unselige Uganda-Projekt. Der hier entfesselte Parteihader gipfelte in der Revolte von Charkow. Noch war diese nicht beigelegt, als Herzl im Februar 1904 mich, der eben zum Obmann des I. Oe.-D.-K. gewählt wurde, zu sich beschied. Ich zweifelte keinen Moment, dass unsere Zwiesprache | die brennende Frage: für oder gegen Uganda j betreffen werde und mit dem wohlstudierten Plan einer Brandrede für die „Neinsager“ fuhr ich nach der Villa Herzls und trat in sein Arbeitszimmer. Er aber empfing mich in seiner resoluten Art: Was .halten Sie von den nächsten Kultuswahlen? Als ich rasch gefasst, meiner Hoffnung auf unseren endlichen Sieg lebhaft Ausdruck gab und rief: „Das wäre der grösste Schritt nach vorwärts!*, lächelte der Meister: „Nun, wir haben noch grössere Dinge vor, aber ein Gros'ses wäre es freilich!“ Dann meinte Herzl, er könne und wolle nicht bis in den Winter auf den Ausgang des nächsten Kultuswahlkampfes warten; ob denn die Regierung nicht den Kahal zu einer Modernisierung der Statuten verhalten könne, und als ich dies bejahte, ward mir der diskrete Auftrag, die volksfeindlichsten Punkte des Wiener Kultusstatuts und unsere Reformwünsche wohlbegründet in ein Memorandum zu fassen. „Dies vor den Minister zu bringen, lassen Sie meine Sorge sein. So werden wir rasch und sicher Ordnung machen!“ Es kam nicht dazu. Schon damals trug der Führer den Todeskeim in sich, wenige Monate darauf und das kampffrohe Herz hatte ausgeschlagen. Noch dröhnte uns das Poltern seines Sarges ins Ohr, als der Wiener Kahal ein. Wablkompromiss mit den Zionisten erschlich, ein Kompromiss, das uns bis zur Stunde wie ein Nessushemd den Leib ver-. sengt. 1906 aber flog Herzls Kampfpanier wieder auf und mit ihm unser Mut, unser Selbstvertrauen. Und 1908 hoffen wir Herzls Vermächtnis zu erfüllen. Dr. Egon Zweig. Rundschau. R. St. —- Malloh! Hier Kultuspräsident Stern! — Hier Vergani! Ungemein erfreut ... Vergangene Woche brachte das „Deutsche Volksblatt“ die Notiz, dass ein Beamter der Wiener Kultusgemeinde, der mit dem Arrangement der Begräbnisse betraut ist, die Leidtragenden in unverschämter Weise bemogelt Sofort wandte sich das Präsidium telephonisch an das Organ des Herrn Vergani, bat um nähere Details und versprach sofortige Abhilfe. — Allen Interessenten ist hiermit der einzige Weg gewiesen, auf welchem bei unserer lieben Kultusgemeinde etwas zu erreichen ist. Wer etwas am Herzen hat, lasse sich taufen, verbreite einige die Jahre der Psalmisten in seinem Leben vorüber waren, pflegte er zu mir, laut aufschluchzend, gebrochen, sich tief demütigend vor dem, der die Welt erschaffen, zu sagen: Meine Zeit ist um, bete für mein Leben . .... Und da war es mir, als wenn sich mein Herz losrisse von all den Fäden, -an welchen es hängt, um zu bluten . . . Ich möchte zu Hause nicht sein und doch kann mich das Bild nicht verlassen. Und ich weiss es: das Haus steht in seiner Einsamkeit da und wird von einer scheidenden Sonne begrüsst. Die Strasse ist öde und verlassen. Grossvater wird jetzt tratschen. Grossmutter wird mit verschlossenen dünnen Lippen, die in ihrem Gesicht eine Linie ■bilden, ruhig wie eine Säule dasitzen, mit verträumten Augen,. die im Geiste ihre Kinder sehen. Und dann wird die Türe geben und der erste Nachbar in die Stube treten. Und er wird dem Alten wünschen: Gesundheit, Glück an den Kindern zu erleben. Und ehe er seine Wünsche zu Ende dargebracht haben wird, wird der zweite und der dritte Nachbar kommen. Und die Stuben werden sich füllen mit Männern und Frauen. Irgendjemand wird das Wort sprechen: Es ist der letzte Erew-Jom-Kippur, an dem wir zusammen and, denn wir müssen das Haus verlassen. Da werden die Frauen* ihre Stimmen erheben und die Männer werden sich nicht zurückhalten können. Und sie werden weinen wie eine kleine Gemeinde und unter ihnen der Grossvater ... Das Haus ist verkauft Die Juden werden von der Strasse mählich verschwinden und mit ihnen die Erinnerungen an ihr Leben, das in dieser Strasse verrann. Das ist so unser Los. Und kein Dichter wird sich finden, der nach ihnen forscht, ihre Leiden und ihre Freuden der Nachwelt überliefert Denn mit dem Hause fallt jedes Wahrzeichen jüdischer Ansiedlung in dieser Strasse, für alle Zeiten. Und doch, lieber Freund, hat ihr einmal ein Jude den Namen gegeben. Erinnerst Du Dich an Jojne Bäcker? Das magere Männlein, das Sommer und Winter in Hemdärmeln auf dem Hofe zu sehen war? Nach seinem Gewerbe ward die Strasse benamst Er war ein gutes Herz, und buk so lange für die Juden der umliegenden Gasse, bis er nicht mehr wusste, womit er heizen solle. Und als er seinem Berufe nicht mehr nachgehen konnte, legte er sich hin und starb. Uns aber lieber Freund geht mit dem Hause eine Stätte verloren, ‘die wir in einsamen Stunden, wenn uns das Schicksal in ' der Vaterstadt zusammenführle, aufgesucht haben, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. Jetzt wird sich das grosse Tor nicht mehr öfihen, wenn Du mit Deiner Hand die Klinke drücken wirst. Kein williger Hausbesorger wird Dich in den Garten führen, wo Du einst das Obst gestohlen. Und Du wirst von der Höhe des dritten Stockwerkes den Mond nicht sehen, wenn er silberhell über der Kirche steht, wo einst ein Tyrann das Blut eines Priesters vergoss ... Grossvater aber wird sagen, dass sich an dem Haus <ein vorbestimmtes Schicksal erfüllt. Er wird es sagen nüt der Resignation eines Mannes, Rituälmordmärchen, trete dann offiziell der christlichsozialen Partei bei und er wird gehört werden. Jahrelang bespricht die Opposition. in der Presse und in Versammlungen die Missstände in der Kultus Wirtschaft, die Uebergriffe der hohen und niederen. Funktionäre, umsonst. Herr Dr. Stern wirft die Beschwerden in den Papierkorb, schnalzt die Deputationen barsch* ab, mag der Skandal auch zum Himmel stinken. Aber ein Antisemit braucht nur zu winken und der Allgewaltige fliegt zum Telephon, katzenbuckelt, recherchiert, diszipliniert und’ reformiert. Das Vernünftigste wäre, die Juden wählten einen christlichsozialen Wohlfahrtsausschuss, gegen entsprechende Diäten würden ja Schneider, Vergani und Bielohlawek gerne kandidieren: ' Billig wäre die Sache nicht, aber rentabel. Stern lernt so gern von solchen (Herren. Wie man 12.000 Wählern ihr Wahlrecht konfisziert, das hat er ihnen so rasch unds gründlich abgeguckt, vielleicht bringen sie -es ihm auch bei, unredliche Beamte zum Teufel zu jagen, arroganten Seelenhirten über den Schnabel zu fahren, vernünftig zu wirtschaften und dergleichen mehr. Möge der Himmel dem herzlichen telephonischen Verkehr zwischen Stern und Vergani Beistand verleihen, möge der gebenedeiete Telephondraht die beiden Edlen recht fest und andauernd umschlingen, dann kann uns Juden noch geholfen werden. * * Jüdischer Neujahrsgottesdienst unter christlichsozialer .Patronanz. In der Brigittenau hat sich am vorigen Samstag eine Szene abgespielt, die nicht widriger und beschämender hätte erdacht werden können. I m zwanzigsten' Wiener Oemeindebezirke wurde am Neuj a h r s t ag e eine Gesellschaft betender Juden auf ßeieh 1 des Ku 1 tuspräsidenten Stern während der Verrichtung des Gottesdienstes durchdie Polizei a u s e i n a nd e r g e j a g t. Eine vielköpfige, überwiegend christliche Zuschauermenge, durch den lauten Protest der Gemassregelten angelockt, ergriff zugunsten dei; jüdischen Beter Partei; die Sache artete in eine förmliche Strassenrevolte aus- Der Magistrat entsandte dien Bezirksvorsteher Müler und dieser, ein christlichsozialer Parteimann, kommandierte die Wache ab, forderte die Juden auf, ruhig und unbekümmert im. Gottesdienste fortzufahren, da e r für Fernhaltung jeder weiteren Störung seitens des Kultusvorstandes garantiere! Die Wiener Juden haben’s weit gebracht! Wenn sie beten wollen, müssen sie sich unter antisemitisches Protektorat begeben, sie müssen vor der handgreiflichen Fürsorge ihres frei ge wählten Vorstandes bei Chris t Ii c h s ozia len Schutz suchen!’ Das Schicksal ist wohl verdient. Wenn man Jahrder sich nach vergossenen Tränen in das Unvermeidliche fügt. Denn er weiss es, dass Menschen wie Dinge einen bestimmten Weg wandern müssen, den sie nicht wandeln können. Auf dem Hause aber ruhte eine unsichtbare Hand. In einer stürmischen Nacht, als ein heulender Sturm Einlass durch das Fenster bat, raunte es mir Grossvater ins Ohr. Das Haus wurde von einem Freimaurer erbaut. Freimaurer? Jawohl. Das sind Männer, richtiger waren Männer, die frei gemauert haben. Sie standen mit der' Geisterwelt in Verbindung und kleine Männer, bärtige Wichte schichteten des Nachts geschäftig die Ziegel übereinander, festigten sie mit feinem Mörtel und tünchten die aufgeführten Mauern mit auserlesenem Kalk. Wenn man sie bei der Arbeit erwischte, stoben sie auseinander, kamen aber hurtig zusammen, wenn sie sich unbeachtet wähnten. So wurde das Haus frei gemauert. Und. während seines hundertjährigen Bestandes brach kein Brand in ihm aus. Jawohl, es ruhte auf ihm eine unsichtbare Hand. Und deswegen, wird Grossvater schliesslich sagen, musste es zurück —. in den Besitz der anderen. Mir aber wird es leid tun, um seinen Uehergang wie etwa um die Taufe eines guten Freundes. Denn er war das einzige Haus, in dem ich in meiner Vaterstadt gespielt und geträumt. Das erste und das letzte ...