Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V Zeitnn •Sprechstunden täglich van 10—12 Uhr - : vormittags. Redaktion, Administration und . Inseratenaufnahme: IX., ^üp^cnsipassc $r. 9 •Telephon Nr. 14.199. Wochenschriit. Erscheint jeden Freitag. Verkaufst eilen in Wien: Administration, Türkeustrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. V<dUAj(*Ui« IUA« IV* f halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Ahonnementspreise: Manuskripte werden nioht ararückgostellt. Manuskripte werden nioht. mrückgestellt. Vertretungen, in der Provinz ln Brünn : Z eitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsversehleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 40 Wien, Freitag, den 2. Oktober 1908. II. Jahrgang. ftas den) ji>baHe* Herzls Vermächtnis. Hallo! Hier Knltuspräsident Stern' — Hier Vergani! Ungemein erfreut .... Jüdischer Neujahrsgottesdienst unter christlich-sozialer Patronanz. Ein Schritt nach vorwärts. Tolstoi als Antizionist. Gesetzwidriges im Wiener Kultusstatute. Von Dr. J. Zipser. Konferenz jüdischer Notabein. Ans dem jüdischen Leben: Praktischer Antisemitismus. Czernowitzer Gemeinderatswahlen. Scholem Aleichems Jubiläum. . Hie Gleichberechtigung der galiziechen Juden etc. Liste der Überläufer. Feuilleton: Das verkaufte Hans. Von D. Rot.lv bl um. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. An unsere Abonnenten. Wir ersuchen diejenigen Abonnenten, deren Bezugszeit am 30> September abgelaufen ist um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, da sonst eine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes unvermeidlich ist. Her heutigen Fostauilage fegen Erlagscheine bei, welche zur Zahlung der Abennementsgebühr benützt werden mögen. Herzls Vermächtnis. So lange unser grosser Führer lebte, war in allen Lebenslagen der Pariei seine Woblmeinung, sein Wille richtung- und ausschlaggebend und noch heute, 4 Jahre nach seinem Tode, regt sich kein Wunsch, kein Streben eines wahrhaften Zionisten ohne Rücksichtnahme auf die Meinung des Verstorbenen. Bisweilen freilich bleibt die Frage offen, was seine wahre Meinung gewesen. Wenn nun wir Wiener Zionisten vor dem neuen Feldzuge zur Eroberung des Kultusvorstandes uns pflichtmässig befragen, wie Herzl sich an unserem Platz vei halten hätte, dann sehen wir uns zur freudigsten Erleichterung jedes Zweifels überhoben, so klar und e:nheitlich war gerade in diesem Punkte während der ganzen Zeit seines Wirkens die Stellungnahme des Verblichenen. Der I. Kongress 1897 blieb der Formulierung unseres Programmzs imd-der jubeln^ den Verkündung unseres Endzieles Vorbehalten; doch schon der II. Kongress war der Beratung der Mittel zum Endziel gewidmet und in diesem Zusammenhänge hat a m 28. August 1898, diesem denkwürdigen Datum, Herzls vertrautester Freund, Dr. Nordau die markvolle Parole hinausgeschleudert: „Zionisten erobert diejüdischen Gemeinden!“ Und Herzl, als Mann der Tat, wollte es bei blossen Worten nicht bewenden lassen. Die Wiener Kultusgemeinde, die zweitgrösste Europas, dieses Sammelbecken von Ost- und Westjuden, sollte den anderen da draussen ein an feuerndes Beispiel geben. So Hess Herzl alsbald in der „Welt“ von seinen besten Freunden: York-Steiner, Dr. S. Werner u. a., die Kampagne für die kommende Kultuswahl 1898 einleiten. Dann brachte Nr. 4& der „Welt“ das in den Grundzügen noch jetzt gültige demokratische Programm, das von den vereinigten Zionisten, den Tempelvereinen, der „Jüdischen Volkspartei“, der „Oesterreichisch-isrealitischen Union“ und dem „Politischen Volksverein“ aufgestellt, in ein^r Reihe von Versammlungen durch Herzls Generale Marmorek, Kahn, Mintz, Weisl eifrigst verfochten wurde. Schon war alles für den Wahltag zum Streit bereit, auch zionistische Kandidaten waren nominiert und unsere Studentenschaft hatte ihre Agitationsposten' bezogen, als die „Union* und der „Politische Volksverein“ uns in den Rücken fielen. Grollend entschloss sich jetzt Herzl für Wahlenthaltung, doch gelobte er seinen^ - Studantenin jeaertLefbeweetemVersammlun^W den Kampf das nächstemal umso energischer aufzunehmen und die »Welt* schrieb in. einem Epilog zur „schmählichen Komödie“ dieser Wahl wortwörtlich: „Die Wahlspielerei ist vorüber und der Wahlkampf beginnt. Wir werden ihn allein führen, weil wir ihn ernst und würdig führen wollen!“ Und Herzl hielt Wort, Fast kein Heft der „Welt“ ex 1900, das nicht den Wiener Kultusvorstand mit eingehender und scharfer Kritik bedachte und insbesonders die damals vom Kultuspräsidenten Klinger betriebene 1 und durebgesetzte Einführung einer Kurie I der Höherbesteuerten bot eine kräftige Hand- FEUILLETON. Das verkautle Haus. Von D. Eothbluiu. Lieber Freund! . Das verkaufte Haus geht mir nicht aus dem Sinn. Heute, am Vorabend des Versöhnungstages, musste ich -in aller Gottesfrühe schon daran denken. Hier ist auch dieser Tag ein Alltag, von den Mühen beruflicher Arbeit erfüllt, von sich abhetzenden Menschen nicht beachtet. Als ich aber des Morgens einer goldenen Sonne entgegenging, die heute überall dort, wo Juden in Massen wohnen,, Gottesfrieden leuchtet und Verheissung strahlt, da musste ich daren denken, dass diese Sonne in der Vaterstadt eine Strasse beleuchtet, in. der ein altes einsames Haus steht, das Haus unserer Jugend. Und dieses Haus wurde jetzt verkauft. Von einem Juden an ein Nonnenheim. Du hast es mir geschrieben und Deine Nachricht hat mich tief betrübt. Mit dem Hause geht der letzte Besitz jüdischen Eigentums in dieser Strasse auf die anderen über. Langsam aber sicher haben sie uns expropriert. Zuerst den Hof, wo Frau Schewe die Milch ihrer fetten Kühe an jüdische Kinder, wenn sie mit der sinkenden Sonne aus dem Gheder heimwärts wanderten, um billiges Geld verkaufte. Sähest Du ihr einmal zu, wie sie das gefüllte Glas mit segnenden Lippen dem Kinde reichte? Eine Mutter hätte es rührender nicht vermocht. Dann kam der grosse Garten, der bis zum jüdischen Krankenhause führt. Dann die kleinen Häuschen, wo das Elend jahrüber zur Miete wohnte. Und dann der grosse Raum zwischen Beth-hamidrasch nnd unserem Hause, dicht mit Brettern verschlagen, durch die man mit williger Aufopferung seiner Kleider schlüpfen konnte, jetzt von hohen geheimnisvollen Mauern umgeben. Mählich verschlang sie die gewaltige Kirche. Nur unser Haus stand fest. Ein einsames jüdisches Haus inmitten einer andersgläubigen Umgebung. Ein Symbol des Volkes in der Diaspora. Mächtig und festgemauert stand es da, ein selbstbewusster Jude, der sich seines Volkstums nicht schämt! Und nun ist es verkauft! Mir ist es, als wäre an ihm ein Verrat begangen worden. Denn nun werden aus seinen guten Stuben Klosterzellen errichtet werden. Und alle Juden, die dort wohnen, werden eines Tages, der nicht weit ist, ihre Bündel schnüren und in andere Häuser wandern; ln Häuser, die weder sie noch ihre Väter' gekannt, während sie hier ihre Jugend verbrachten und ihr Alter erreichten. Sie werden eine Träne auf die Dielen rollen lassen und gehen ... Halt, da lallt mir was ein. Wie wird Grossvater seine Stuben verlassen? Er wohnt dort seit sechzig Jahren, mit der Geliebten seiner Jugend Dort erblickten seine Kinder die Welt. Alle fünf- : zehn. Elfmal musste das schwere Tor sich öffnen, 1 um einen Kindersarg auf die Strasse tragen zu lassen . . Denen aber Gott das Leben schenkte, sie wurden in diesen Stuben aufgepäppelt und mit tausend Sorgen erzogen. Hier wurden die hohen Zeiten ihrer Vermählungen gefeiert. Von hier aus gingen sie. dankbar wie schon Kinder sind, in die weiten Femen und Hessen die Alten in den-grossen Stuben zurück. Ganz allein. Uud nun sollen sie das Heim ihres Lebens verlassen und in fremde Zimmer ziehen? Lieber Freund, ich möchte um alle Schätze in der Welt den heutigen Tag zu Hause nicht verbringen, Schon in meiner Jugend war er mir ein Tag des Schreckens und der Furcht, von wunderbarem Grauen erfüllt, von einer märchenhaften Gloriole umrahmt, aber gruselig. Kaum dass die Sonnenstrahlen sich zu verfärben begannen, verfiel alles in ein tiefes Schweigen. Noch stak der letzte Bissen im Munde, als schon die ersten Tränen fielen. Sie fielen lautlos über Grossvaters unvergleichlich schönen Bart, wie die Tropfen, die auf Hermons Gipfeln auf die Rosen fallen. Da begannen uns alle die Tränen zu würgen. Wir weinten nicht laut, um Grossvater im Tischgebet nicht zu stören. Aber wir weinten. Und dann erhob er sieh und legte an den Kittel und den Talles. Und er stellte sieh dann zum Fenster hin, durch das die sterbende Sonne ihre Strahlen grüssend sandte. Einzeln kamen zu ihm die Kinder, die er segnete. Mit schluchzender Stimme, die seine Schultern stiess. Und seitdem / ,: