Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG Saite 3 einem totalen Fiasko geendet. Kaum der dritte Teil der „deutsch- und freiheitlich gesinnten“ Abgeordneten war erschienen, um nach langatmigen Auseinandersetzungen über die „Notwendigkeit einer Einigung aller Deutschen“ zu dem Ergebnisse zu gegelangen, dass alles beim — Alten bleibt. Allerdings wurde ein Einigungskomitee eingesetzt, zu welchem nebst anderen Antisemiten, auch K. H. Wolf zählt, ein Komitee, das eine engere Zusammenfassung , der deutsch - „freiheitlichen“ Gruppen bewerkstelligen soll. Aber cs kann jetzt bereits gesagt werden, dass eine wirkliche Einigung nur dann zustande kommen kann, wenn alle Deutsch-freihei11 ichen “ sich unter das kaudinische Joch der deutsch-ra dika 1 en Chauvinisten und Antisemiten beugen. Abg. Mühlwer.t hat ja namens der Deutschradjkalen ausdrücklich in einem Grazer Blatte auseinandergesetzt, dass die Deutschradikalen einer Fusion nur unter Wahrung ihres radikal-nationalen und antisemitischen Standpunktes eingehen könnten. Also von „fr e'i h eit li ch en“ Prinzipien, denen zu Liebe die jüdischen AssimilanUn immer von uns die Unterstützung der sogenannten Fortschrittsparteien fordern, war in Graz absolut keine Rede. Es wurde nur Oel ins Feuer des verheerenden Brandes des Nationalitätenhaders und Rassenhasses gegossen. Die Früchte dieser Nationalitätenpolitik (ander gleichmässig die tschechischen, slowenischen und deutschen Chauvinisten Schuld tragen) sind Tote und Verwundete in Böhmen, Krain und Steiermark. Das sind die Konsequenzen der Wühlarbeit jener verbrecherischen Demagogen, die berufsmässig unter allen Nationalitäten des Reiches die Herzen des Volkes vergiften, zu Nutz und Frommen jener — klerikalen Politiker, die sie mit Phrasen bekämpfen, denen sie de facto den Weg ebnen. Oder ist es nicht direkte Förderung der christlichsozialen Propaganda unter Deutschen und Slawen, wenn die „Neue Freie Presse“, welche für den Parteitag die Reklametrommel rührt, als Waffe gegen (!) die Christlichsozialen den Umstand anführt, dass von einzelnen ihrer Wortführer am Grazer Handwerkertage für eine Kooperation der Gewerbetreibenden der verschiedenen Nationalitäten plaidiert wurde? Begreifen denn diese borniert assimilatorischjüdischen Wortführer noch immer nicht, dass jede Verquickung des Nationalitätenhaders mit ökonomischen Fragen alle wirtschaftlichen Boykotte geradezu untrennbar mit dem Antisemitismus verbunden sind und vereinigt, das die Spaniolen in Aegypten sprechen, deren Anzahl UDgefahr 20.000 beträgt. Zurzeit ist ein Gelehrter in Smyrna, Nessim de Juda Pardo, damit beschäftigt, ein Wörterbuch des jüdischen Spanisch herzustellen. In zehnjähriger Arbeit hat er bereits 16.000 Wörter zusammengetragen, von denen nicht weniger als 10.000 aus fremden Sprachen in die Sprache der Spaniolen übergegangen sind. * * * Eine Forderung um Anstellung jüdischer Wachleute in Montreal (Kanada). Beim Bürgermeister unserer Stadt sprach eine aus jüdischen Bürgern bestehende Deputation vor, welche über die Verfolgungen und Misshandlungen von Juden klage iiihrten und sich darüber beschwerten, dass der Schutz der Juden seitens der städtischen Polizei unzureichend sei. Wiederholt hätten Juden, welche von dem Pöbel auf offener Strasse attackiert wurden, vergeblich den Schutz der Polizei angermen. Dieses inhuman, gesetzwidrige Verhalten der Polizei sei zum Teil ihrem Antisemitismus, zum Teil aber dem Umstande zuzusdireiben, dass die Polizisten sich besonders mit den neueingewanderten Juden nicht verständigen können. Die Juden verlangen daher, dass in denjenigen Stadtteilen, welche hauptsächlich, von Juden bewohnt sind, jüdische Wachleute angestellt werden. Der Bürgermeister gab die Berechtigung der Beschwerde zu und teilte auch die Ansicht der Deputation, dass durch Anstellung jüdischer Wachleute dem Uebel zum Teil abgeholfen werden könnte. Er versprach, sich mit dem- Polizeidirektor ins Einvernehmen zu setzen, und. er zweifelt nicht daran, dass derselbe dieser Massregel zustimmen wurden. am meisten gerade die j ü dis che Geschäftswelt in den gemischtsprachigen Gebieten des Reiches schädigt? Und eine solche, den Antisemitismus fördernde Politik sollen wir Jüngjuden unterstützen, unsere eigene jüdischnationale Individualität sollen wir opfern, um fr e md nationalen, freiheits- und kulturmörderischen Chauvinismus zu unterstützen? Nie und nimmermehr! Wir sind bereit, auf der Basis der nationalen Autonomie mit jenen Modernen aller übrigen Nationalitäten, die uns als gleichberechtigtes jüdisches Volk anerkennen, in allen Fragen der Freiheit und ehrlicher Sozialreform zusammenzugehen — aber von der nationalen Autonomie, welche den nationalen Besitzstand sowohl der Deutschen als auch der Slawen, der Juden etc. schützt, wurde am Grazer deutschfreiheitlichen Parteitage nichts^ gesprochen. Vertraulich waren die Beratungen — aber keineswegs vertrauenerregend, weder für das deutsche Volk, noch für die freiheitliche Sache, am allerwenigsten aber für die — Juden. Wahrlich, der Abg. Steinwender, der sich stolz den ältesten Antisemiten nennt, dem aber in Graz die Mitarbeiterschaft an den „Juden“ blättern vorgeworfen wurde, hatte recht, wenn er den deutschfreiheitlichen Politikern den Rat erteilte, samt und sonders von der politischen Bildfläche zu verschwinden, sofern sie sich nicht auf ein zeitgemässes Programm einigen könnten. Die Prinzipienlosigkeit, die in Oesterreich Realpolitik genannt wird, triumphiert auf der ganzen Linie im politischen Leben Oesterreichs und hat auch in Graz Orgien gefeiert. Die Wiener Kultuswahien. Wie unsere Extra-Ausgabe gewirkt hat. Zensiten zumeist persönlich am Schalter entrichtet werden. Die armen Beamten haben neben der gehäuften Arbeit noch manchen Vorwurf und manche Grobheit einzustecken, welche rechtmässig an die Adresse des Vertreterkollegiums gehören. Die Wählerzahi. Unserer Schätzung nach ist so die Zahl der in die Wählerliste Eingetragenen seit dem 10. September um zi rka 1500 Personen, von 9700 auf 11.200 angewachsen; diese 11.200 verteilen sich auf die einzelnen „Wahlbezirke“ wie folgt: II., XX. Bezirk. 2700 Wähler I- VIII., LX. , VI.. VII. „ IV., V., X. , HL, XI. XII., XV. „ XVI., XVII. , XVHL XIX. , XXL . . . - 1900 . . . . 1760 . . . . 1600 . . . . 810 . . . . 750 . . . . 630 . . . . 340 . . . . 640 . . . . 70 Das deutsche Voiksblatt 11 rettet die Situation. Ein süsser Trost nur ist den Herren vom Kahal geblieben: Das „Deutsche Volksblatt“ hat unsere Extraausgabe nachgedruckt! Mag es auch seine hämischen Randglossen gegen die Juden hüben und drüben richten, den Kahalniks ist es Grund genug, gegen uns mit dem alten Schlager auszurücken, wir seien die „jüdischen Antisemite n“. Der Schlager aber schreckt uns nicht. Mögen die Herren Kultusvorsteher in ihren nichtöffentlichen Sitzungen, deren eine letzten Sonntag stattfand, immerzu konspirieren, w i r haben die Flucht in die Oeffenttichkeit angetreten. Uns geht es darum, die Juden aus ihrer durch Jahrzehnte von den Parnassim gezüchteten Indolenz aufzurütteln; da heist es laut sprechen, und so müssen wir es mit in den Kauf nehmeu, dass auch Nichtjuden — auch Antisemiten — von unserer Belehrung etwas aufschnappen. Doch, was die darauf meinen, ihr Lob und ihr Tadel, ist und bleibt uns gleiehgiltig. * * * Auf diese prompte Antwort waren die Herren vom Vertreterkollegium nicht gefasst. Kaum war die famose Wählerliste aufgelegt, sah man unsere freiwilligen Mitarbeiter am Werke, durch Vergleichung mit der Wählerliste von 1906 alle nun ge- . strichenen Wahlberechtigten festzustellen und ein i paar Tage darauf trug die Post den Weckruf I unserer Extraausgabe an diese 7000 in ihrem! Wahlrecht bedrängten Mitbürger. Da es j jedoch galt, auch eine grosse Anzahl von | Wahlberechtigten zu verständigen, welche 1906 das Wahlrecht noch nicht genossen hatten und darum aus der alten Liste nicht ersichtlich waren, liess das oppositionelle Wahlkomitee weitere Tausende der Extraausgabe allenthalben vor den Tempeln und Bethäusern, in Restaurants und Cafes sowie auf offener Strasse an die Juden ver- * * teilen. Und mit Freude dürfen wir es sagen, dass unsere Kraftanstrengung keine vergebliche war. Das Telephon in unserem Agitationslokal ist seither nicht zur Ruhe gekommen. Eine Menge von Kultuswählern, deren Mehrzahl der zionistischen Idee und Partei bis nun ganz lern gestanden, gaben ihrer Empörung über den Streich des Vertreterkollegiums und ihrem Dankgefühle für unsere Verteidigung der Volksrechte Ausdruck und stellten sich und ihre Bekannten für die kommende Agitation zur Verfügung; Männer, welche hierzu nicht selbst Zeit erübrigen konnten, baten, für sie beim Kultussteueramte nachzusehen, ob sie nunmehr nach erfolgter Steuerzahlung auch richtig in die Wählerliste eingetragen sind. Gleichen Inhalt zeigen die zahlreich einlaufenden Zuschriften. Charakteristisch für das Mass der Entrüstung gegen die derzeitigen Machthaber ist die Tatsache, dass mehrere Personen ihre Absicht ankündigten, dem Kultusvorstand zu Trotz sich kon fessionslos erklären zu lassen, darunter ein frommer Greis, der 26 Jahre der Gemeinde pünktlich und friedlich gesteuert hatte und sich nun durch eine zwischen ihm und dem Steueramte strittige Ratj in seinem Wahlrecht bedroht sab. Selbstverständlich wurde in solchen Fällen den Empörten der geplante Abfall von uns wieder ausgeredet, indem wir ihnen die Augen darüber öffneten, dass die jüdische Gemeinde mit den derzeitigen Machthabern derselben nicht identifiziert werden dürfe. Auch im Kultussteueramte selbst | ist es lebendig geworden. Es erfolgen eine Menge Nachzahlungen, die von den besorgten Eine Beschwerde des oppositionellen VVahlkommitees. Der Gewaltstreich des Kultusvorsiandes hat! das oppositionelle Wahlkomitee veranlasst, auch die Behörden auf das Treiben der Kahalsclique in der Äctenstettengasse auimerksam zu machen. Das Komitee hat an die Ministerien für Kultus und Unterricht, der Justiz und des Innern eine B esehwerde gerichtet, in welcher erstens auf die Gesetzwidrigkeit des § 2 b des Kultusstatutes, auf Grund dessen 7000 Steuerzahler um ihr Wahlrecht gebracht wurden und dann als mit dem Kultusstatute im unlösbaren Wide r- Spruche befindlich hingewiesen wird, in lij.-r Beschwerde wird ausgefiihr,t, dass nach dem Kultussteuerreguiativ die Kultussteuer am 1. Jänner des neuen Verwaltungsjahres zu entrichten sei. Rückständige Kultussteuern werden aui Begehren des Kultusvorstandes im W e g e de r politischen Exekution eingebracht. Der Kultusvorstand hatte nicht nur ein Riecht, sondern die P 11 i c h t, die Kultussteuer vor Ausschreibung der Wahlen cinzutre'ibei», da einerseits durch Ntchteingang de« präliminierten Kultus- Stegerbeträge sich ein Geldmangel entstellen könnte, andererseits bedeutet die Vernachlässigung der Steuereintreibung eine Beeinträchü.gurg des Wahlrechtes von Tausenden Zensiten- Diese Beeinträchtigung einzelner tangiert aber zugleich die Gesamt Wählerschaft, weil das Ergebnis jeder Wahl von der Anzahl der Wähler abhängig ist. § 2 b ist aber auch mit sonstigen Paragraphen des Kultusstatutes i„ unlösbarem Widerspruche. So besagt § 7. dass beim Ausscheiden ..eines Viertel der Mitglieder des Kultusvorstandes längstens innerhalb 4 Wochen die Ersatzwahl ausgeschrieben werden rruss". Würde nun beispielsweise anfangs Dezember ein Viertel der Mitglieder des Kttltusvorstand.es ausscheklen, so fiele die Ersatzwahl auf Anfang lämier, also einen Zeitpunkt, da noch niemand oder doch nur eine Handvoll Personen die Kultussteuer bezahlt haben würden. Wollte man s:ch an dfe Einschränkung des § 2b halten, so wären überhaupt nur die Beamten der Kultusgemeinöe wahlberechtigt.