Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 39 ungeheuerliche Attentat auf unser heiligstes Gut, auf unsere. Jugend, als einen .-.unbedeutenden Nadelstich“ ‘.bezeichnet, in der Universitätsfrage hat er, der vielgerühmte Totfeind' des Klerikalisinus, willig anderen das Wort gelassen. Ist ein solcher Mann zum Schützer der Juden berufein? In der Zeit des Wiedererwachens des jüdischen Nationalgedankens, des von den Modernen aller Nationen gewürdigten jüdischen Volksbewusstseins,. übernimmt es die deutsch-demokratische Partei, die Juden neuerlich zu „Deutschen“ zu machen, neuerlich in den Dienst unserer ärgsten Feinde, in den Dienst der reaktionären deutschen Politik zu hetzen. Einem solchen Führer, einer solchen Partei darf kein selbstbewusster Jude die Stimme schenken! Diesem Wust von Lüge und Unfähigkeit gegenüber wird der gewissenhafte jüdische Wähler, der angesichts der antisemitischen Gefahr auf die Abgabe der Stimme nicht verzichten kann, wohl oder übel den Kandidaten der Sozialdemokratie, so rückständig und illoyal deren Anschauungen bezüglich der Judenfrage auch sein mögen, im Kampfe gegen die Christlichsozialen unterstützen müssen. Eine schreiend ungerechte Wahlordnung macht die Aufstellung nationaler Kandidaten für den Landtag leider aussichtslos und es bleibt nur die Wahl des kleineren Uebels. * * Auch ein Kavalier! . Der deutschnationale Abgeordnete Dr Wcidenhofier, die neueste Zierde der Deutschen Voi-kskoschere Stimmzettel aus. Dem Hausherrn gegenüber bedauert er seine Haltung in der Angelegenheit des Schmid’scben Schulantrages und erklärt, von seiner Partei und seinen Wählern gedrängt worden zu sein. Tatsächlich hat d:e Volkspartei damals ihren Mitgliedern die Abstimmung freigegeben, einige wenige haben sogar dagegen gestimmt, und die Wählerschaft hat zur Frage überhaupt nicht Stellung genommen. Ueber so kleinliche Tatsachen gehen aber grosse Männer ä la We:denhoffer einfach hinweg. In den deutschfreiheitlich sich nennenden Parteien Oesterreichs wimmelt es heute von solchen Exemplaren. Im Kampfe gegen die Juden scheuen sie vor dein niedrigsten Mitteln nicht zurück und ihr Verhalten zur eigenen Partei, zum e:genen Wähler ist treulos und verlogen. Wir wünschen, Herr Dr. Weidenhoffer möge bei seinem nächsten Besuche einen gut jüdischen und handfesten Hausherrn antrefien, [ das Treppensteigen wird ihm dann höchstwahr-! scheinlich zur Hälfte erspart bleiben. I * * * j Wer steckt Judengelder ein?! In Czernowitz besteht ein Studentenheim, zu dessen Stiftung lediglich Juden Gaüd beigesteuert : haben, ein Herr Marku Fischer allein 61.000 ■ Kronen. Nun sind heuer von den 32 Plätzen nur | sechs, d. h. das stiftsbrieflich festgesetzte Minimum, | an Juden, alte übrigen an rumänische Antisemiten j verliehen werden, wozu bemerkt wird, dass die! Czernow'itzer Studentenschaft mehr als' fünfzig Prozent Juden zählt- Diese brutale Unverschämt-, winzigen vielleicht doch! Für dieses; Geld hat nur zu oft der arme Jnd gebüsst, nun: zu oft hat dieser Reichtum, seiner Brüder Hass, Not und Verfolgung über ihn herauibescinvoren; kann man den verfluchten Rothschild nicht fassen, packt man den Hausierer, den Krämer und Handwerker, er ist so bequem bei der Hand, "'ihr Herren, denen man nichts . dreinreden darf, wollt ihr schon nicht den Juden Spender sein, füttert doch nicht die Feinde! Nichts geben ist mindestens so nobel, schön und gut, auf jeden Fall heilbringender. * * * Deutschnationales aus der Provinz. In Friedek kam es jüngst anlässlich eines zionistischen Kommerses zu wüsten Radauszenen. Deutschnationale Turner, Lehrjungen und Kommis veranstalteten vor dem Festlokale eine Katzenmusik. Die radikalnationale „Deutsche Wehr“ in Troppau liess Brandartikel gegen den „frechen jüdischen“ Einbruch in deutsches Gebiet los und, was das amüsanteste äst, das Blatt, das noch kürzlich in Ritualmordgesciiichten und brutalen Judenhetzereien viel geleistet hat, beschwor die „wohlgesinnten“ jüdischen Mitbürger, auch weiterhin treue Gefolgschaft zu leisten. Die Herren Deutschnat'onalen kommen also langsam doch auf den Geschmack. Sie scheinen bisher geglaubt zu haben, dass die Zionisten nur ihnen zuliebe sich hübsch bescheiden vom Deutschtum zuriiekzogen. im übrigen aber alles beim Alten bleiben würde, d. hdass die Juden auch weiterhin für deutsche Zwecke Geld und Stimmen ff.eissig schwätzen werpartei, ‘hat seine Karriere im Deutschen Schulverein begonnen. Nachdem er genügend Beziehungen gesammelt hatte — nicht zum weavgsten jüdische — trat er als unentwegter Teutscher und Antisemit auf den Han und in den Reichsrat. Bei der Abstimmung über den Antrag S c -h m i d, die Juden ausserlialb der Staatsgrundgesetze zu stellen und ihre Kinder aus den Schulen zu verjagen, schmetterte er ein frisch-fromm-fröhliches „J a“ n den Saal. Seine entschiedene Haltung, sein mannhaftes Auftreten im Kampfe gegen die gottverdammten Juden hat ihm gewiss den Beifall seiner Wähler verschafft und wir sehen ihn nunmehr als Kandidaten für den Landtag. Hatte man früher Gelegenheit, den Mut und die Forschheit dieses lieben Herrn zu bewundern, so ist es nunmehr an der Zeit, seiie Klugheit- und seinen Geschäftssinn anzustaunen. Dr. W e i d e n h o f f e r macht - den israelitischen KuP.tusvorstehern und allen nur halbwegs einflussreichen- Juden seines Wahlbezirk;es höchstpersönlich Besuche und bittet um geneigte Zuwendung ihrer Stimmen! Der stramme Semiten Vertilger von dazumal antichambriert -in der Khille, küsst der Saujüdin die Hand, fragt etwa, wie’s den lieben Kinderchen geht, und schnorrt sich heit hat unter der Judenschaft grosse Aufregung erzeugt. Glücklicher Osten, wo man noch von derlei Dingen Aufhebens macht, da geht’s bei uns Westlern ganz anders zu! In jeder Sitzung des Wiener Gemeinderates leiert der Schriftführer eine stattliche Liste jüdischer Spender „ohne Unterschied der Konfession“ gewohnheitsmässig ab. Das Geld kriegen dann die Felicianeriraien. die christlichen Jungfrauenhorte, die katholischen Gesellenvereine und andere uns Juden so nahestehende ehrenfeste Korporationen, ein kranket zugereister Hebräer,'kann zehnmal verrecken, ehe ihn ein Wiener Spital aufnimmt. An unseren Hochschulen gibt’s Rothschild-, Guttmann- und Kuffnerstipendien. Man muss zumindest Konkneipant einer antisemitischen Couleur sein, um ihrer teilhaftig zu worden, die, jüdischen Studenten dürfen sich in die Tuberkulose hi-neinhungem. Nicht verstohlen wird’s gemacht, ganz offen, die Spatzen pfeifen’-s auf den Dächern. Genug Tinte wurde darob vergossen, die Herren Spender aber touchiert das nicht. Sie blechen weiter „ohne Unterschied der Konfession“. Reichtum legt die Pflicht zum Geben auf, das haben sie weg, wer die Gabe frisst, ist ihnen gleich. Einrede wird als Frechheit qualifiziert, ’s ist doch i h r Geld, das Volk hat kein Teil daran! Einen nicht .gar zu den. Da nun die jüdisch-nationale Politik -ihnen ernstlich an den Leib geht und die jüdischen Wurzen seltener werden, kommt höllische Angst über sie und sie bieten der Welt das köstliche , Schauspiel, dass teutsche Rassenantisemiten sich um „wohlgesinnte“ jüdische Mitbürger raufen, sich; mit jüdischen Assimilanten zum Kampie wider Nationaljuden verbinden. Die klägliche Bande wirrt Grundsätze, mit denen so geprunkt und geprotzt, feige über den Haufen und betteilt um Judengunst. Allen Juden, die noch einen Funken Respekt vor diesen chauvinistischen Wotansanbetern im Leibe haben, sei der Vorfall zur Beachtung empfohlen.; Und dieses Gesindel hat uns jahrzehntelang gross- I mäulig bedroht und terrorisiert, das Herrenvolk; gespielt. Ein Narr, wer 'da noch Furcht empfindet und Rücksicht walten lässt. Zum deutschfreiheitlichen Parteitage. Der mit so grossem Lärm angedeutete deutsch,freiheitliche“ Parteitag in Graz, der nach der Auffassung des Abg. Steinwender über Sein oder Nichtsein des „Deutschnationalen Verbandes“ ■* entscheiden sollte, hat endlich stattgefunden und mit wandelt sich beim Juden zum gewaltigen Posaunenstoss. Der Jude kennt kein Spiel; ihm ist nur der Emst vertraut, das ungeheuere, überwältigende und einfache Wort, der einförmige, erhabene und erschütternde Ton. Nicht durch lieb-- liches Spiel, sondern durch Donnerball werden die Seelen geweckt. Das ist jüdische ArL Grosszügig, einfach und erhaben. Denn der Jude kennt Ewigkeitswerte. Nicht für heute allem, für Aeonen ist alles bestimmt Er keimt nicht den einzelnen Menschen, sondern das All, nicht das kleine menschliche Ich, sondern das Weltgesetz, nicht das Heute, sondern die Zeit Wenn der Schofar erschallt, sollen die Himmel erzittern; seine Töne dringen durch das Universum, erfüllen die Welt und gelangen zu Gott. Und mahnen ihn, dass das jüdische Volk lebt, dass es sich einig fühlt in einer die ganze Welt umspannende Gemeinde. Und künden, dass eine unendliche Sehnsucht in ihm schlummert, die Sehnsucht des Göttlich werdens, die Sehnsucht nach der Höhe und der Vollkommenheit Um dies zu künden genügt kein liebliches Geklingel. Zu seinem Donnergotte spricht der Jude nach Gottesart, in donnerartigem Posaunenton. Das jüdische Volk hat das Streben zur Vollkommenheit Darum ist es das Volk der Propheten „der ungeheur asketischen Männer, deren Stimme durch die Jahrtausende schallt“. Der jüdische Geist ist das ganze Jahr durch Schlacken verunreinigt Am Roschhaschanoh aber reinigt er sieb von ihnen und ringt sich zur Klarheit durch. Wir sind anders als die anderen. Wir sind das Volk des Geistes und des ewigen Gedankens, das Volk der Vergangenheit und der weiten Zukunft. Kein Volk von Heute, sondern das Volk von Jeher. Dies ist unsere Wesenart. Wer sie zu ersticken versucht, verkrüppelt sie, verunreinigt sie, macht sie zu einer unnatürlichen und hässlichen Karikatur. Es gibt nur einen Weg für uns Juden.- Uns selbst zu erkennen und unserer eigenen Veranlagung gemäss weiter zu entwickeln und den inneren Gesetzen unseres Wesens zu folgen. Allerlei. Die Sprache der Sefardim im Orient. Die spanischen Juden, die im Jahre 1492 aus der pyrenäischen Halbinsel vertrieben worden sind, haben den Gebrauch der alten Sprache in der Türkei,. in Serbien, in Wien, in Aegypten, Tunis, Algerien und Marokko gewahrt, allerdings mit zahlreichen Veränderungen. In Salonik, wo zurzeit 70.000 Spaniolen wohnen, zeigt die Sprache die Einflüsse der aus Portugal vertriebenen und vieler italienischer Juden, die sich in Salonik niederliessen. Während man also in Konstantinopel für Sohn und Tochter „hijo, hija“ sagt, sagt man in Salonik „fijo“ und „fija“, ferner „facer“ statt „hacer“, ebenso werden alle Wörter auf „ci“ italienisch ausgesprochen. Das jüdische .Spanisch hat auch eine Anzahl hebräischer - Worte aufgenommen, die es auf spanische Weise konjugiert und dekliniert, z. B. „akal, satah“ (essen (trinken deutsch konjugieren und an deutsche Substantive im Plural die männliche oder weibliche Endung aus dem Hebräischen mit „im“ oder „es* anhängen. Das spanisch-jüdische „ladronim“ ist daher nichts besonders Auffallendes. Dadurch, dass die rabbinischen Tribunale im Orient ihre Urteile oft in aramäischer Sprache ausfertigten, sind zahlreiche , aramäische Ausdrücke aus dem Gerichts- und Handelsgebrauch in das jüdische Spanisch übergegangen. Der grösste Einfluss aber wurde durch das Türkische ausgeübt. Die Mischung ist so bedeutend,' dass die Spaniolen, die eine andere europäische Sprache nicht kennen, sich kaum verständlich machen können, ohne sich türkischer Worte zu bedienen. Zweifelhaft bleibt es, ob arabische Worte, die sich in der Umgangssprache der Spaniolen vorfinden, noch aus der Zeit der arabischen Herrschaft auf der pyrenäischen Halbinsel herrühren. oder durch das Türkische eingeflossen sind. Auch das Haupthandelsvolk des Orients, die Griechen, haben Ausdrücke für die Sprache der Spaniolen. geliefert, die dann der spanischen Grammatik unterworfen wurden. Und seitdem die Alliance Israelite durch ihre Schulen ihren grossen Erfolg auf die östlichen Juden ausübt, kann man auch französische Worte finden, wie z. B. statt des alten spanischen „sentido“, „senso“ und statt „porvenir“ „avenir“ gesagt wird. Auch die hebräische Schrift, die nicht imstande ist, die spanische Aussprache genau wiederzugeben, hat zu der Deformation des alten castilianischen Spanisch viel beigetragen. Alle Veränderungen, die das Spanische in den vier Jahrhunderten seit der Vertreibung der Juden aus dem Lande hat ertragen müssen, finden sich in dem Idiom