Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., $föi>l{ensh>asse 9. Telephon Nr. 14.199? Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. =□ Wochenschrift Erscheint jeden Freitag. Verkaufetellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, L, Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreiss: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. E 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Analand ganz)* Pros. 15.—. Vertretungen ln der Provinz Mannskripte werden nicht zurückgestellt. In Brünn : Zeitungsburea n, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleias Wlazek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Bucbhlndferlsche Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 39. Wien, Freitag, den 25. September 1908. II. Jahrgang. ${as den) lobalte: Oie Jüdischnationalen, und die Landtags- Wahlen in der Leopoldstadt. Auch ein Kavalier Deutschnationales aus der Provinz. Wer stecht Judengelder ein? Zum deutsch-freiheitlichen Parteitage. Präsident Woifsohn in Wien. Wiener Kultaswahlen: Die Wirkung unserer Extraausgabe. Das deutsche Volksblatt rettet die Situation. Eine Beschwerde an das Ministerium. Aus dem jüdischen Leben: Der türkische Generalkonsul über den - Zionismus. Zionistische Abgeordnete bei der inter- . parlamentarischen Konferenz, etc. faste der Überläufer. Feuilleton: Neujahr. Von Moses 'Waldmann. Vereinsnachrichten. Parteinachrichten. An unsere Abonnenten. Wir ersuchen diejenigen Abonnenten, deren Bezugszeit am 30« September abläuft um rechtzeitige Erneuerung des Abonnements, da sonst eine Unterbrechung in der Zustellung des Blattes unvermeidlich ist. Unseren Abonnenten und Lesern entbieten wir anlässlich des Jahreswechsels herzlichste Glückwünsche. Redaktion und Administration „Jüdische Zeitung“. Rundschau. R. St -— Die Jfidischnationalen und die Landtagswahlen in der Leopoldstadt. Mtt dem Kampfrufe: „Gegen Lueger! Gegen ■die Christlichsozialen!" wird schon seit - langem politischer Missbrauch getrieben, die Parole hat schon manch urdummes und manch urschmutziges Manöver decken müssen, sie hat schon bei vielen an den Juden verübten politischen Erpressungen als Legitimation gedient. Anlässlich der Landtagswahlen in der Leopoldstadt wird der alte Trick neuerlich versucht. Eine Gruppe von Bezirksmachern hat unter dem Titel „Deutschdemokratische Partei“ — nach Bedarf nennen sich die Herren auch ..freiheitlichsozial", „demokratisch", „sozialpolitisch“ etc. — ehre Firma zur Lancierung und politischen Etablierung des Baron Hock gegründet. Die Reklame schreit ihn als einzigen Ritter der Juden aus, der Name „Hock“ wird zum Programm aufgebauscht. Es sei gleich hervorge- , hoben, dass Baron Hock nicht der eigentliche, zumindest nicht der einzige Interessent am Kuhhandel ist. Da sind einige Streber, allzu unbedeutend, um unter eigenem Namen auf dem politischen Markte erfolgreich zu operieren, und vor allem die „Neue Freie Presse" -— dieses Blatt, das von dem unter den Juden herrschenden politischen Schlendrian, von ihrer politischen Unreife lebt und herrlich lebt und von ihrer Gesundung alles zu befürchten hätte, hat den Baron Hock als Köder in die Arena geworfen. Eine erkleckliche Anzahl Naiver hat bereits angebissen und die Komödie hätte gewiss den glattesten Verlauf genommen, wenn nicht im letzten Augenblicke unverhofft ein Störenfried eingegriffen ,hätte. Die Jiidischnationalen erheben Protest gegen die neuerliche Düpierung und Ausbeutung d e-r jüdischen Wählerschaft, sie fordern die Juden zunt Kampfe gegen den deutsch-demokratischen Schwindel ani. Sie erblicken in der Kandidatur Hock einen Missbrauch der allzu grossen Geduld des jüdischen Wählers. Hock umgibt sich mit einem Stabe getaufter Juden, er hat wiederholt die Taufe als empfehlenswert, als das geeignete Mittel zur Lösung der Judenfrage bezeichnet. Scheint ein solcher Mann zur Vertretung jüdischer Interessen geeignet? Hock, der angeblich gefährlichste Gegner der Antisemiten, hat es wöW für gut befunden, seine politische Existenz auf Judenstimmen zu gründen, aber aus „taktischen“ Gründen keinen Juden in den Ausschuss seines Vereines genommen, im Reichsrate hat er sich den Antisemiten gegenüber gründlich ausgeschwiegen und — sehr bequem — erklärt, „er gebe süch mit ihnen nicht ab“, gelegentlich der Resolution Schmid hat er nicht den Mund auigetan, dieses FEUILLETON. Neujahr. Von Moses W a 1 d m a n n. Der Unterschied drängt sich immer auf: zwischen uns und den anderen. Wir mögen uns an das fremde Leben gewöhnthaben und scheinbar in der fremden Kultur aufgegangen sein. Einmal erscheint der Tag, an dem es blitzartig in unser Bewusstsein tritt: wir sind anders. Unsere Gewohnheiten anderer Art, unsere Traditionen denen der anderen wesensfremd, der Geist unserer Geschichte, unserer Kultur himmelweit von dem der anderen verschieden. Eine ungeheuere Kluft klafft zwischen uns und den anderen; sie kann vielleicht überdeckt, nie aber ausgefüilt werden. Wir sind nicht mehr wert und nicht minderwertig, anders sind wir. Und jedweder Versuch Gegensätze auszugleichen, die Jahrtausende alt sind, ist vergeblich und töricht. Es gibt nur einen Weg: unsere Wesensart erkennen und sie weiter pflegen. Sie zu ersticken suchen, heisst verkrüppeln, karikieren, aber nicht ändern, nicht besser machen. Beachten wir unsere Feiertage und die ihrigen. Das Neujahr der anderen! Glanz, Freude, heiteres Spiel und strahlende Helle. Und nun unser Neujahr — das jüdische Neujahr. . Wochen vorher schon wallen wir zu den Gräbern unserer Toten, beten wir und bereiten uns vor. Die ganze Welt wird für uns geheimnisvoll und gotterfüllt. Der Herr Gott geht um! Und in der Erkenntnis der tiefen Lebensgeheimnisse, des Weltwerdens und Vergehens, des ewigen Schicksals und der unwandelbaren Gesetze, erbebt jedes Herz und jeder Jude fühlt seine menschliche Nichtigkeit, empfindet den Unwert des äusseren Lebens und ein tiefes Insich versenken, ein unvergleichliches Innenleben beherrscht die Staub- - geborenen. Ein neues Jahr! Für die anderen ist es der Anfang des Kommenden, für uns der Abschiuss des Vergangenen. Wir kennen kein Vergessen. Hinwegkommen. Ist der abschliessende Zeitpunkt erschienen, .heisst es die Vergangenheit zurückrufen, die durch die Zeit mit Rost bedeckten Seelen läutern, die Herzen den Ewigkeitswerten zu- . wenden, die Gemüter von heiligen Gedanken durchschauem lassen. Wir Juden kennen keine Festtage. Jeder Festtag wird uns zur erhabenen Feier. Kein leichtsinniges Getändel, keine lachenden Oasen in der Wüste der Zeit sind sie uns, sondern halbdämmerige weihevolle hohe Baumkronenwölbungen im dichten verschlungenen Urwald des unaufhörlichen Werdens.. Die Feiertage, erhabene Stunden werden sie für-uns, wo wir uns vom Irdischen kehren und uns eins fühlen mit der ungeheueren Vergangenheit. Wir sind nicht allein Eie uns, kein Selbstzweck, der Freude und dem -Leben, geweiht, sondern Bindeglieder zwischen den Ahnen in Urväterzeit und den fernsten Zukunftsgeschlechtern. Dieses Erkennen der Zugehörigkeit zu unseren Vätern und Kindern, zu unseren Brüdern, zu unserem Stamm und seinen Leiden äussert sich ‘in tiefsinniger und überwältigender Weise an den „furchtbaren Tagen“ des Rosch haschanah. Wochenlang bereitet sich der Jude für diese Tage vor. Um Mitternacht geht er in sein Gotteshaus: am frühen Morgen erscheint er dort, um Bussgebete, tieftraurige, erhabene, selbstankiagende und weihevolle Bussgebete zu sprechen. Für sich und sein Volk. Für alle. Am Rosch haschanah stehen nicht einzelne Juden vor Gott, sondern die Gesamtheit, in der jeder Einzelwille, jeder Einzelgedanke aufgeht. Ein merkwürdiges Volk! Sündigt einer von ihnen, so wird die Gesamtheit angeklagt; fehlt einer, so fühlen sich alle schuldig und gemeinsam treten sie hin vor Gott, und sprechen nicht für den Sünder etwa — sondern für die Gesamtheit, ihre Bussgebete und Lobgesänge sind sehönheits- und poesiedurchtränkte Lieder! Das Bussgebet ist keine Sündenliste und winselndes Flehen. Es ist Weihegesang und Prophetenwort. Am Rochhaschanoh hallt der Schofar durch die Welt. Es ist die Instrumentalbegleitung des jüdischen Gebetes. Ist das nicht eigenartig? Kein Klingen und Pfeifen, kein Summen und Saitenschwingen, sondern langgezogene, markerschütternde furchbare Töne. Der Saitenklang der Fremden