Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 38 JÜDISCHE ZEITUNG Parteien und Fraktionellen in Oesterreich einer überaus scharfen Kritik zu unterziehen. Seine wuchtige Rede klang in der Warnung aus, sich endlich auf sch zu besinnen, bevor es zu spät ist. Die Wirkung seiner gelungenen Ausführungen blieb nicht aus. Der Nestor der hiesigen jüdischen Gesellschaft, Herr Oberlehrer Poläak, richtete an die Versammlung den kräftigen Appell, endlich der vielen Worte zu lassen und durch Zusammenschluss die erhabene Idee moralisch und materiell zu unterstützen. Eine während der Versammlung durchgeführte Sammlung für den Nationaifonds ergab die namhafte Summe von 23 K- H. M. * ' * * ■ , Studententag. Prossnitz. Sonntag und Montag, den 6. und 7. d. M. fand in Prossnitz ein aus allen Teilen des Reiches beschickter Studentenag statt. Die Zahl der Teilnehmer betrug 150. In Vertretung 4es reichsrätlichen Jüdischen Klubs hatte sich R. R.-Abg. Dr. Ma hier eingefunden. Folgende Referate wurden erstattet: Erziehungswesen; Organisation der jüdischen Studenten; Stellung zur zionistischen. Organisation; Stellung zur jüdisch -reat io na len Partei. An die intdressanik Tagung schlcßs sich ein Festkommers, der einen überaus würdigen Verlauf nahm. Wir behalten uns vor, in der nächsten Nummer einen ausführlichen Bericht zu veröffentlichen. * * * Der Antisemitismus in Ungarn. Budapest. Während die Führer der Verfassungspartei undder Kossuthisten miteinander über die .Möglichkiei einer Fusion beraten, unterrmniert die klerikale Volkspartei durch eine überaus rührige Christlichsoziale antisemitische Propaganda ihre beiderseitigen Positionen. Der efce'.r sb-geiialtene <K: a t h1 o 1 ii'k' e:n t a g und der demonstrative Aufzug des „Katholischen Volk sbJin des“ mit'seinen 20.000 Mi tg'läedern in Budapest, sowie lie gegen die Juden gehaltenen Brandreden — allerdings - auch gegen die Protestanten — beleuchten die ernste Situation in Ungarn. J.etzi, freilich zu spät, entdeckt der „Fester Lloyd“ das Organ der magyarischen Fortschrittsjudeo, dass auch in Ungarn, ebenso -wie in Westösterreich dler nationale Chauvinismus. den Antisemitis.jn.us und die klerökale Reaktion züchten musste. — Mit de;r Hetze gegen die Deutschen, Slowaken, Rutheitfan, Rumänen, Serben und Kroaten hat in Ungarn die magyarisch-nationale Koterie begonnen und nun dehnt sie ihre Brutalität auch auf die Juden aus. Und wie in Zisleithanien, so flüchten sich jetzt in Ungarn die parteiobdachlosen Juden in die Arme der Sozialdemokratie. Bei dar grossen antiklerikalen, sozialdemokratischen Strassendemonstration * im Budapest haben auch Juden mitgetan und ganz nach dem Muster, der russischen „Schwärzen Hundert“ hat die Budapester Polizei „Ordnung“ gemacht, eine grosse Menge Demonstrierender darunter viele Juden misshandelt und sodann verhaftet. Werden die Ju!d/:ii Ungarns endlich doch zur Vernunft kommen, werden sie endlich eünsehen, dass die magyarische Koalition nur Bahnbrecher der. klerikalen-christlichsozialen Bewegung ist? Für die ungarischen Juden naht die Stunde der Umkehr und Einkehr, der selbständigen Organisation. * * * Prof. Sternbach, Mitglied des Landesschulrates. Lemberg. Als Vertreter der Juden im galizischen Landesschulrate ist P.rof. Sternbach aus Krakau mit einer Funktionsdauer von 3 Jahren ernannt worden. Prof. Sternbach ist einer der bestgehasstesten und markantesten Moschkos in Galizien. Er ist der Hauptinitiator des famosen „Theologischen Institutes“ in Lemberg, das als eine Brutstätte ass'milatorischjer polnisch-nationaler Theologen geplant ist. Prof. Sternbach „vertrat“ schon durch drei Jahre die israelitischen Interessen der galizischen Assimilanten und hat augenscheinlich ein derartiges Wohlgefallen bei den Stanczyken gefunden, dass sie ihn neuerdings zum jüdischen Vertreter machten, trotzdem j Sternbach das Vertrauen der jüdischen Massen nicht geniesst. ' Die Juden in der jungtürkischen Bewegung. Monastir. Die Juden haben sich an der türkischen Freiheitsbewegung nicht in eigenen Komitees beteiligt wie die anderen ottomanischen Nationen, sondern sich überall den jungtürkischen Komitees angesclulossen. Deshalb ist die hervorragende und ehrenvolle RoCle, welche sie in dieser- Bewegung gespielt haben, nicht genügend in die Oeffentlichkeit gedrungen. Es‘dürfte daher besonderes Interesse erregen, wenn wir den im jungtürkcsheu Organ „Progres de SalorJique“ veröffentlichten Wortlaut des Diploms reproduzieren, welches das jungtürkische Komitee von Monastir an einen jüdischen Mitkämpfer namens Walter Wechselmann zugesendet hat. Es heisst daselbst: „Sehr geehrter Herr! Die ottomanische L:ga für Einheit und Fortschritt betrachtet es als ihre heilige Pflicht, Ihnen für die unschätzbaren Dienste, welche Sie ihr in uneigennütziger Weise geleistet haben, den tiefgefühltesten Dank auszusprechen. Da Sie einer Nation angehören, die nie Öie Gelegenheit Vorbeigehen liess, den Ottomanen ihie Sympathie a-uiszudrücken, - war es natürlich, dass Sie sich unserer Sache widmeten. Bewunderung aber -muss erregen, dass Sie dies in einer so hingebungsvollen und selbstlosen Weise taten, wie wann es Ihre eigene Sache wäre, welche Sie führten. Das Andenkeir an Ihre Taten wird in unseren Herzen eiiigegraben bleiben und auf die Nachwelt übergehen-“ * * * Ein Interview mt Rabbi Nahoum. Konstantine,pel. Der serbische Korrespondent des „Jewüsh Ohronicle“ hatte ein Interview' mit dem rouen Kaimakam Ohacbam Baschi der Türkei, Rabbi Nohoum, in dessen Verlauf der neue Chacham eich fcsgenciermassen äusserte: „Mein Hauptstreben geht dahin, dlie Differenzen zwischen Sephardim uni Aochfcenasam auszugleichen, jfl-, disches Wissen wtd jüdische Kultur unter,.den . breiten jüdischen Völksmassen zu vierhf.ieiten, die Juden vorder Regierung zu vertreten und die Unterstützung dejr Regierung iüfl das Kolonisationswerk in Palästina zu erlangen.“ — Derselbe Korrespondent berichtet, dass der Zionismus unter der jüdischen Bevölkerung an Verbreitung gewönne und dass stell eine jüdisch-ottomanische Liga gebildet habe, die sich als Hauptaufgabe die Agitation für den Zionismus unter den türkischen Juden gestellt hat. . Russische Praxis. Winize (Podolien). Die Mehrzahl unserer 40.000 Einwohner zählenden Stadt besteht aus , Juden. Vor einigen Jahren hinterliess ein hiesiger Jude eine grosse Summe für die Errichtung einer Realschule. Die Schule ist inzwischen errichtet worden; wer aber glaubt, dass diese Schule unbeschränkt jüdische Kinder annehmeii würde, der irrt sich. Von 70 jüdischen Kindern, die sich in dieser mit jüdischem Oelde errichteten und erhaltenen Schule zum Eintritt meldeten, wurden diesmal nur 7 angenommen. Dem Examen als Externe unterzogen sich im letzten Frühjahr in der Anstalt etwa 20 jüdische junge Leute; aber nur -drei liessen die Lehrer, die meist treue Mitglieder des Verbandes der echt russischen Leute sind, bestehen; zwei der jungen Leute nahmen sich nach dem Examen das Leben. ‘ # * * Rabbinerkonferenz. Lublin. 14 Rabbiner und Kronrabb'ner des hiesigen Gouvernements hielten hier hinter verschlossenen. Türen eine Versammlung ab, von der nur folgende Depesche an den Premierminister, in die Oeffentlichkeit gelangt ist: „Die Versammlung der Rabbiner des Dübliner Gouvernements bittet, zu den Füssen Sr. Kaiserl. Majestät den Ausdruck ihrer untertänigsten Gefühle der Ergebenheit und Treue für Thron und Vaterland niederzulegen.“ Inzwischen setzt Se. Majestät die Begnadigung der Pogromhelden fort. — Und zu diesen ihren Führern soll das jüdische Volk Vertrauen haben! i* * sit' . W. >; Russische Auswanderung. Odessa. Die Auswanderung aus den jüdischen Kolonien Südrusslands wüchst mit jedem Tage., Die meistenwählen Amerika als Reiseziel, wo sie kraft ihrer landwirtschaftlichen Qualifikation gutes Fortkommen finden. Aus der Kolonie Dobroje ist 'dieser Tage eine Gruppe von 10 Personen ausgewandert, der nach den Feiertagen noch weitere 50—60 Personen folgen werden. Die Ursache dar Emigration liegt überall in der kritischen wirtschaftlichen 'Lage der jüdischen Bauern. -Im vielen Fällen wirken aber auch die. guten Nachrichten, die von den Emigranten aus der neuen Welt bierhergelangen, die Wanderlust unter den Bauern zu steigern. Die Auswanderer-fahren auf. eigene Kosten, da sie fast alle noch einige Mittel besitzen. Das Entgegenkommen der Ica beschränkt sich bis daihiin nur auf die Ausstellung von Zeugnissen, die sie empfehlen und ihnen die Reise und das Fortkommen etwas erleichtern. * jjj sjc Die Abänderung der Bankstatuten. London. Die am 9. September stattgehabte zweite ausserordentliche Generalversammlung der Jüdischen Kolonialbank -nahm mit Stimmenmehrheit die von der ersten Generalversammlung beschlossene Abänderung der Bankstatuten an. Damit ist diese Abänderung perfekt. - * * * Jüdische Opfer des Mädchenhandels. London. In London existiert eine „Jüdisohe Gesellschaft zum Schutze der Mädchen und F'riauen/*.- .Dem neuesten Jahresberichte dlieser Gesellschaft entnehmen wir folgendes: „Es -ist ein Unglück, dass es jüdische Männer und Frauen gibt, die an dem schmutzigen Gewerbe des „weissen Sklavenhandels“ — w>ie der Mädchenhandel genannt wird' — Anteil haben, dessen Opier hauptsächlich jüdische Mädchen sind. Das Uebel kann nicht leicht bekämpft werden, da es über die ganze , Weltverbreitet ist und die herzlosen Mädchenhändler sehr schlau und geschickt arbeiten, um ihr Ziel zu erreichen und ’ keine Gewissensbisse kennen, wenn es gilt, ein unschuldiges und unwissendes Mädchen in ihre Netze zu locken. Sie kennen -die Gesetze eines jeden Landes sehr genau und wissen sie zu umgehen und' besitzen genug Mittel, um im1 Notfälle keine Kosten scheuen zu < müssen.“ Der Bericht hebt besonders hervor, dass die Gesellschaft hauptsächlich ausländischen Mädchen, welche die in England geltenden Ehegesetze nicht kennen, Schutz gewährt. Ein solches Mädchen. das noch nicht lange in England lebt, sieht In dem Hei-ratsantrage eines Mädchenhändlers, dessen verbrecherische Absicht sie nicht kennt, ein Glück und -ist bald einverstanden, sich mit ihm ‘ nach jüdischem Ritus trauen zu lassen. Eine derartige Ehe ist aber in England ungültig und bedeutet gewöhnlich den Anfang des „Falles“. Die Mädchenhändler gehen natürlich mehrere solche ungültige Ehen ein. Eine der vielen Methoden, welche die „weissen Sklavenhändler“ anwenden, besteht darin, dass sie mit einem alleinstehenden Mädchen Beziehungen anknüpfen, ausforschen, wo es in Arbeit steht und-ihm einen besseren Arbeitsplatz mit höherem Arbeitslohn in Aussicht stellen. Auf diese Weise wird das Mädchen in ein verrufenes Haus gelockt, das.von seinem Arbeitsplatz sehr entfernt liegt und wo es seinen etwaigen Freunden und Bekannten entrückt ist. Das Müdohen wird dann so lange gequält und bedroht, bis es jeden •Widerstand auigibt -und immer riefer sinkt. Die Gesellschaft hält eine gründliche Heilung dieses tief eingewurzelten Uebels nur dann für möglich, wenn sich alle jüdischen Vereinigungen zu gemeinsamer Arbeit vereinigen und mit der Londoner Gesellschaft Zusammenwirken werden, da die meisten Opfer über London nach einem überseeischen -Hafen gebracht werden. Die wichtigste Aufgabe der gemeinsamen Tätigkeit müsste die Durchsetzung einer strengeren internationalen Gesetzgebung gegen den Mädchenhandel sein. * '* * > Die marokkanischen Juden beim Gouverneur; Tanger. Der .Gouverneur hat sofort nach' dem : entscheidenden Siege Muley fiafids’ den Ober-