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Jüdische Zeitung · 1908-09-18 · 38 (18.9.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Seite 3 JÜDISCHE ZEITUNG blinde, fanatische Verehrer preussischer Wissenschaft und Kunst. Hoffentlich wird dieser, ergötzliche Zwischenfall, dieser Liebeäbewfeis. den Ihnen die .deutsche Wissenschaften geliefert haben, sie nicht abhalten, auch weiterhin für Zeppelinsche Luftschiffe,, kaiserliche Reiterstandbilder und Hohenzollernsche Gedächtniskapellen Millionen zu spenden, auf dass der Ruhm Preussens wachse für und für. Die Wiener Kultuswahlen. Die amtliche Dezimierung der Kultuswähler.' Man mag an unserem Herrn Kultuspräsrdenten noch so viel auszusetzen haben, das eine wird ihm auch der Neid lassen müssen, dass seine Phantasie unter der Last der Jahre nicht gelitten hat. Denn nur aus dem Kopfe Dr. Sterns kann die glänzende Idee entsprungen sein, den verschollenen § 2 b der Wahlordnung zum Leben zu erwecken, wonach jeder bei Ablauf des Wahlreklamationstermins für das laufende Jahr mit der Kultussteuer Rückständige vom Wahlrecht ausgeschlossen bleibt. Und wieder nur Dr. Stern kann de• Wirksamkeit dieses tückischen § 2 so meisterhaft vorbereitet haben. ■ Nebst den bereits in der Extraausgabe angeführten Momenten, wonach die Eintreibung der Steuer künstlich gehemmt wurde, muss noch darauf verwiesen werden, dass diesmal der Wahlr e k 1 a m a t i o n s s c -h 1 u s s t e r m i n und damit die Möglichkeit einer zur Erhaltung des Wahlrechtes wirksamen Steuerzahlung auf e:nen auffallend frühen Zeitpunkt verlegt worden ist. Als erster Wahltag ist nämlich der 22. November in Auss'cht genommen. Da nun nach § 6 der Wahlordnung die Wählerliste mindestens 6 Wochen vor der Wahl zur öffentlichen Einsicht aufgelegt werden soll, wäre Zeit genug gewesen, die Wählerliste erst am 11. Oktober und nicht schon am 10- September aufzuliegen, wodurch ein ganzer Monat für d:e Steuerzahlung verloren geht. Wir erinnern daran, dass bei der letzten Wahl die Wählerliste tatsächlich erst im Oktober aufgelegt worden ist. Dass die''Kalkulation des Herrn Dr. Stern, durch sein Manöver die ihm gefährlichere Klasse der ärmeren Zensiten zu treffen, richtig ist, erhellt schon daraus, dass die Anzahl der Wähäer aus der Inneren Stadt, dem bisherigen Bollwerk des Kahals, sich wenig vermindert hat, während die Wählerschaften der zur Auflehnung geneigten äusseren Bezirke geradezu dezimiert sind. Am auffallendsten ist daher das Beispiel des neu zugewachsenen 21- Bezirkes. Den Willen der Floridsdorfer Judenschaft, welche einige Tausend Seelen umfasst, sollen ganze 65 Wähler zum Ausdruck bringen. Durch diese Dezimierung sollen die Floridsdorfer dafür gestraft werden, dass sie mit der Einverleibung ihres blühenden Gemeindewesens in die Wiener Kultusgemernde und mit der Beraubung jeglicher Autonomie nicht einverstanden sind. Um diese Dezimierung zu erzielen, hat der Wiener Kultusvorstand von den 375 Steuerzahlern, welche die Kultusgemeinde Floridsdorf zur Zeit ihrer Einverleibung hatte, bei allen Personen, welche bis dahin mit einem Steuersatz vc-n weniger als 20 K b:s zu 3 K hinunter besteuert waren, -diese Steuer einfach — erlassen. So wird mit Gemeindegeld gewirtschaftet! Herr Dr. Stern wünscht naturgemäss, dass während der Reklamationsfrist möglichst wenige Zensiten sich durch Nachzahlung der Steuer das Wahlrecht retten. So wurde dem Obmanne eines Steuenbez'irkskoLlegs, der dfe Eintreibung der Kultussteuer freiwillig Tür den Kultusvorstand besorgen wollte, die Ausfolgung einer Restantenliste seines Bezirkes verweigert. Auch die anderen Paragraphen der Wahlordnung werden jetzt auf das strengste ausgelegt, um nur ja jede Vermehrung der Wählerzahl zu hintertreiben. Als ein Wähler, der die Kultussteuer für 1907 bezahlt hatte, dieselbe für 1Ö08! und 1906 entrichten wollte, wurde ihm bedeutet, dass dies zur Gewinnung des Wahlrechtesnicht genüge, vielmehr nach § 1 a der Wahlordnung die Kultussteuer nicht bloss für die letzten zwei, dem Wahljahre vorhergegangenen Verwaltungsjah-r-e, sondern zugleich i n diesen Jahren bezahlt sein müsse. Nur die Wählerkategorie der Kultusbeamten hat sich vermehrt. Schon bei flüchtiger Durchsicht der Wählerliste fällt auf, dass es in allen Bezirken von Beamten der Kultusgemeinde geradezu wimmelt. ' Ein Wähler verlangte nun auf Grund des § 1 c der Wahlordnung, wonach nur den Ge- : meinderabbinern und den definitiv angestellten Beamten der Kultusgemeinde das aktive Wahlrecht gebührt, von Herrn Sekretär-Stellvertreter Dr. Adler zur Kontrolle ein Verzeichnis i dieser definitiven Beamten. Auch dieses gerechtfertigte Begehren wurde abgeschlagen! i So wird das oppositionelle Wahlkomitee gej nötigt sein, alle Beamten, 'deren definitive An-; Stellung nicht notorisch ist, aus der Wählerliste 1 herauszureklamieren. Dies soll kein Akt der Unfreundlichkeit gegen diese Beamten sein, da uns . ja deren oppositionelle Gesinnung zur Genüge bej kannt ist. Doch von einem definitiven Beamten dürfen wir erwarten, dass er beim Wahlakt seiner Ueberzeugung die Ehre gibt, von einem provisorischen Beamten aber, der in! seiner Existenz von dem Kultusvorstand vollj ständig abhängt, dürfen wir nicht em gleiches I verlangen und erwarten. Die Statthalterei und das Kultusstatut. I Das oppositionelle Wahlkomitee hat an die Statthalterei und den Kultusvorstand eine Eingabe gerichtet, in welcher die Auflegung der Wählerliste in den einzelnen Bezirken verlangt wird. Das magistratische Bezirksamt hat dieses Ersuchen zwar dahin erledigt, dass dfie geltenden- Statuten eine solche Auflegung nicht vorschreiben, hat aber gleichzeitig dem Kultusvorj stand den Auftrag erteilt, sich über i eine Aenderung des in Frage komm enden Paragraphen im Sinne dfcs Begehrens des oppositionellen Wiahlkomitees zu äu&sern. Die Bestimmungen des geltenden Kultusstatuts, dessen Rerorm von der herrschenden Kultusclique so beharrlich abgelähnt wird, erscheinen bereits auch den staatlichen Behörden derart veraltet und sinnlos, dass sie von amtswegen s.ch um dieselben zu bekümmern beginnt Aus dem jüdischen Leben. Antisemitische Büberei.; Wien. Wir erhalten folgende Zuschriit; Löbj liehe Redaktion! Bei einer Wanderung durch das i Hochschwabgebiet geriet ich vor kurzem in die i Ortschaft Oberort (Gemeinde Tragöss in i Steiermark). Die Strassen dieser gastlichen Ortj Schaft zeigen aui sämtlichen Ruhebänken in be- J sonderen Biechplakaten die Inschrift: „F ü r : Juden und Juden Sprösslinge kein P 1 a t z.“ Die Urheber dieser bübischen Provokation konnte ich leider während des kurzen Aufenthaltes nicht eruieren. Doch habe ich unverzüglich die kompetenten staatlichen und autonomen Behörden, insbesondere auch die KultusgemeiiKle Graz von diesem in Oesterreich wohl i vereinzelt dastehenden frechen Unfug benach-; richtigt. Ob hierdurch dem Gesetz m dem steirischen Tragösstal Geltung verschafft werden kann, bleibe dahingestellt. Jedenfalls wird jeder jüdische Tourist gut tun, dem gastfreundlichen Tragösstal seine Gegenwart und Geldbörse zu entziehen. Mit vorzüglicher Hochachtung und Zionsgruss Ihr sehr ergebener Dr. Be r n h a r d t. * * * Agitationsversammlung. Prerau. Nach Tagen politischer Teilnahmslosigkeit wieder einmal eine jüdische Agitationsversammlung. Die jikt-akad. Fejrfalverbsndtnig „Massada" berief für Sonntag den 7. September eine Agitationsversammllung ein, die sehr zahlreich besucht war. Der Referent Herr Dr. Fritz Löhner. Wien, skizzierte in fesselnder Weise die überaus triste Gesamtlage der Juden, um dann mit ätzender Ironie das verhängnisvolle Treiben detr zahlreichen, den Juden heilverkündendesn ist der Einzige von den liier erwähnten, der nicht zu der Dichtergilde gehört. Und doch möchte ich an ihm in allererster Linie die Anmut hervorheben. Ich bitte nicht zu staunen. Ich weiss, er ist ein Denker von prächtiger Sehschärfe; ich weiss, er ist ein Volkserzieher, wie ihn kein Volk besser haben könnte. Ich weiss, ich weiss. Aber ich lasse mir nichts ausreden, dass sein Denken und Erziehen erst durch die Anmut, durch die sichere und schöne Eleganz seiner. Rede und und seines Auftretens, zur vollen Wirkung kommt. Man hat ihn als Vorsitzenden bewundert. Ich führe auch diese Eignung auf die Anmut zurück. Sie ist es, mit der er schon seit Jahren die ostjüdische Intelligenz in Amerika, und wohin er kömmt, für das Jiddische gewinnt. Ohne von der Sache zu reden, nur durch die Art, wie er jiddisch spricht, wie er einfach mit seiner Person beweist, dass man mit Jiddisch ebenso auf das Katheder steigen und in, den Salon kommen kann, wie in die Kneipe und in die Volksversammlung. Er bezaubert und die Bezauberung ist nachhaltig. Man .vergisst ihn nicht, vergisst die gedrungene Gestalt nicht mit dem hochzivilierten und feinkiiltivierten Gesichte, vergisst nicht die blauen Denker^ und Frageraugen, und vergisst nicht sein schönes, durchdachtes und doch beschwingtes, stilles und doch feuriges Apostehvort .... Und so wird schon seiner allein wegen die Konferenz nicht vergessen werden ... Allerlei. Analphabeten in Ungarn. Der ungarische Minister des Innern hat soeben seinen Entwurf zu einem neuen Wahlgesetze fertiggestellt. Dieses Gesetz enthält unter anderem die Verfügung, dass das Wahlrecht an die Kenntnis des Lesens und Schreibens geknüpft sei und Analphabeten demnach kein Wahlrecht besitzen. Aus diesem Anlässe Hess der Minister Graf Andrassy eine Statistik der in Ungarn lebenden Analphabeten nach Konfessionen ausarbeiten. Laut dieser Statistik gibt es in Ungarn: Gesamtzahl Analphabeten o/n Römisch-katholische 8792287 4181343 47,68 Griechisch-katholische 1670662 1450853 83,84 Griech.-orientalische 2632187 2052976 77,99 Augsb. Evangelische 1203815 3-13166 28,55 Reformierte 2225028 816321 36,69 Unitarier 61644 29617 48,04 Juden 724733 249123 34,37 Prozentuell haben also in Ungarn — von den Evangelischen abgesehen — unter allen übrigen Konfessionen die Juden die wenigsten Analphabeten. Zudem ist aber bei dieser Statistik das Schreiben und Lesen jüdischer Buchstaben gar nicht in Betracht gezogen worden, so dass also die Zahl derjenigen Juden, die in keiner Sprache schreiben und lesen können, sicherlich bei weitem nicht die Zahl von 249123 erreicht. Die älteste Synagoge der Diaspora* Der Grossrabbiirer von Mossoul (Türkei) ist augenblicklich damit beschäftigt unter den Israeliten der ganzen Welt Gelder zu sammeln, um die alte Synagoge von Mossoul. die als die älteste der Welt gilt, für 3500 Personen zu erweitern. Der Grossrabbiner versichert, dass die Juidengemeinde von Mossoul sich gleich nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem gebildet habe und darum die älteste Judertgemeinde der Diaspora wäre. Die Gemeinde hat drei Synagogen, von denen dte älteste vor 1265 Jahren gebaut wurde. Vor 760 Jahren wurdfc der Bau das erstemal erweitert und repariert und ist auch heute noch keineswegs schadhaft. Nur reicht er für die Bdürfnisse der Gemeinde nicht mehr aus. Eine alte jüdische Münze. Wie dem „American Israelite“ berichtet wird, ist der jüdische Polizeiofnzier B. F. Klopfer in Washington im Besitze einer alten jüdischen Münze, die nur wenig bekannt se:n dürfte- Klopfer erhielt die Münze von seinem Vater, der sie vor vielen Jahren von einem befreundeten Seemann zum Geschenke bekommen hatte. Professor J. C. Hagev vom Smithsonian Institut in Washington, der d:e Münze untersucht hatte, behauptet, dass sie von Judas Maccabeus im Jahre 168 vor unserer Zeitrechnung ausgegeben worden sei. Sie zeigt schon ö!e Spuren der Zeit, aber die Wahlspriiche lassen sich zum Teile noch entziffern. So entziiterte der Gelehrte den in hebräischer Sprache geprägten Wahlspruch: „Eit sollt Weinen anderen Gott vor euch haben!“ Klopfer wtrde für die Münze schon ein Preis von 200 Dollars angeboten, doch mag er sich des Andenkens an seinen Vater nicht entäussern

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