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Jüdische Zeitung · 1908-09-18 · 38 (18.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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kerern“ und „berufsmässigen Lärnunaehern“ gegenüber, jetzt greifen sie, an der eigenen Krait verzweifelnd, zum Mittel der niedrigsten Wahlmanipuiation. Nie ist die Verbohrtheit und Rückständigkeit der derzeitigen Kultusgewaltigen so zutage getreten, wie eben jetzt. Durch ein plumpes Taschenspielerstückchen wollen sie einer mächtigen Bewegung unter der Wählerschaft begegnen, sie scheinen keine Ahnung zu haben, dass dieser Streich aus dem Hinterhalte der Opposition unzählige vernünftig und anständig denkende Wähler, die sich bisher neutral verhielten, zuführen muss, dass dieses Vorgehen dem Gegner den prächtigsten Behelf für die Agitation bietet. So tief steht doch der indolenteste' Jude nicht, als dass er sich nicht gegen die Einführung christliclisozialer Wahlbräuche in die jüdische Gemeinschaft empören sollte! Unwürdig, urijüdisch ist solche Kampfesart. Indem sich der Wiener Kultusvorstand ihrer bedient, hat er sein längst und wohlverdientes Schicksal besiegelt. Wer einen Funken Ehre im Leibe hat, verweigert den Luegerschülern seine Stimme! * * * Die Judenschijacht von Bergreichenstein« Die deutschen und tschechischen Berufspcl tikcr haben es wieder einmal tür nöt;g befunden, zur 'Belebung der faulen Situation eine läranhafte Prügeikomödie zu veranstalten ln Bergreichenstein und Schüttenhofen wurden zu i'.hrc'i Wotans und Libussas einige Hüte und Kopfe beschädigt in beiden Lagern werden jetit die Müulcr mächtig aufgerissen, das welterschätternde Ereignis mit Tmtenströmen übergossen, und Abgeordnete sohiessen hin und her, ehrsame Spiesse*’ geben blutrünstige Resolutionen von sich, es wird protestiert, interpelliert, interveniert, dass alles kraeht. Die Arrangeure können zufrieden sein. Dem Beobachter dieses oft wiederholten, also heirzlich uninteressanten Schauspiels musste nur: ein Umstand auffallen. Die Namen der veröienstvöl&en deutschen Prügelempfänger wurden in der Presse teils sehr flüchtig erwähnt, vorwiegend ganz verschwiegen. Der Grund: die Helden im Kampfe von Bergreichenstein waren Juden, deutschnationale Studenten waren überhaupt nicht dort, lediglich jüdische deutschliberale Studenten haben sich diesen dummdreisten Provokationsausflug in rein tschechisches Gebiet geleistet. Die Wiener „FideKtas“ und „Marchia“ und diverse Prager liberale Verbindungen haben das „teutsche“ Truppenkontingent gestellt, also Vereinigungen, die nur durch ausgiebigen Gebrauch von Tauf- . wasser und gelegentlichen Erwerb vereinzelter Paradegojim dazu gelangen, „a u c li Christen zu haben“. Zu Hause von den Deutschenmissachtet, für ehrlos und als lästige Schmarotzer er-, j klärt, wissen sich diese harthäutigen und rückgratlosen Schwärmer kein besseres Vergnügen, als auszuziehen und in Vertretung der deutschen ' Nation saft'ge Haue einzuheimsen. Das der Grund, , warum die Tagesgeschichte bei der enthus;astisehen Schilderung der „blutigen“ Vorgänge Namensnennungen. vermeidet. Worte wie „Kohn“, „Rosenberg“, „Robitschek“, und ähnliche hätten in den Lobgesängen auf deutsche Kraft und deutschen Mut stilwidrig gewirkt. Dem Judentum haben die Ausflügler einen schlechten Dienst erwiesen. Ihrer Dummheit, Charakterlosigkeit und Vordringlichkeitist es zu danken, wenn der tschechische Antisemitismus in diesen Tagen um ein gut Teil stärker geworden ist. Wer ihnen die 1 ausgefassten Hiebe nicht vergönnt, der verdient selbst eine gehörige Tracht.! Revolution,'torer Märtyrer, Kämpfer und Geistesheroen. Nun wohlan! Wer bildet die Majorität dieser Helden? Polnische Judenjüngel! Wer stirbt ‘am Galgen und im Gefängnis, wer verschmachtet ■in ci:-u Schneewüsten Sibiriens, alles um der Freiheit willen? Polnische Jüngel! Wer spricht in feuriger Rede zum russischen Volke und peitscht es auf? Politische, mauschelnde Judenjüngel! ln einer Spalte streut man ihnen Weihrauch, in der nächsten wird erklärt, dass ihr F.uss die Stätten moderner Kultur entweiht. Fürwahr, eine ritterliche und ehrliche Handlungsweise! Wenn schon die „Arbeiter-Zeitung“ zum Zweck der Erweiterung ihres. Leserkreises unbedingt antisemitein zu müssen glaubt, täte sie viel besser, schlankweg zum Ritualmordmärchen oder sonst einem gebräuchlichen antisemitischen Requisit zu greifen. Das wäre weit zweckdienlicher und nicht um ein Jota bösartiger und unanständiger als derartige im Plaudhrtone gehaltene feige Attacken auf das Judentum. Eine Perfidie der „Arbeiter-Zeitung“. , Werke jüdischer Künstler werden sofort j nach dem Erscheinen' von der antisemitischen; Kritik prompt in Empfang genommen, zerpflückt , und zerzaust und in den Grund getadelt. Wie un- nachahmlich und unübertrefflich die Fertigkeit deutschnationaler und christlichsozialer Skribler im Hmrichten „beschnittener“ Literaturprodukte i erscheint, so reicht sie doch noch lange nicht an die Virtuosität des sozialdemokratischen Kunst- : Plauderers von der „Arbeiter-Zeitung“ heran, j Der antisemitische Federhjeld wartet das Er- : scheinen ab und schlägt 'dann los, dem heben Herrn von der „Arbeiter-Zeitung“ aber ist das Manöver noch viel zu plump und umständlich und . er drischt auf Werke von Juden los, bevor sie noch erschienen sind. Der Burgtheaterdiröktor Schlenther hat das Erstlingswerk eines der Oefientiichkeit völlig unbekannten jungen jüdischen Schriftstellers, der vor Jahren aus Polen rach Wien eingewandert ist, angenommen und d:e Aufführung für die nächste Zeit angekündiigt: Ob dieses' kühnen Unterfangens erg:esst ‘ sich der Zorn der „Aabeiter-Zeitung“ über den armen Schlenther. Die'Bühne dürfe durch das Machwerk eines „polnischen“ Judenjüngelis nicht besudelt, die reine Atmosphäre eines Kunsttempels durch Mausoheldeutsch nicht verdorbenwerden und dgl. mehr. Wohlgemerkt: sowohl der Autor, als auch das fragliche Drama sind noch völlig unbekannt! Vom Standpunkte des Kunstkritikers und Journalisten betrachtet, stellt sich dieser. Angriff als eine selten rohe und platte Gemeinheit 'dar, vom politischen Standpunkte als unsäglich ekelhaft und niederträchtig. Die „Arbe'ter-Zeitung“ Ist dr.e ‘Lobsängerin der russischen Die Wissenschaft im Dienste des . preussischen Feldwebels. In der Mannheimer „Zeitschrift für Schulgesundheitspflege“ wird ein gelungenes Stückchen, das sich anlässlich des Schulhygiemkerkongresses in 'Darmstadt abgespielt hat, erzählt. Das Referat über Mädchenschulhyg'iene sollte Dr. meö. Julius Moses aus Mannheim, ein Fachmann von Ruf, erstatten. ' Im letzten Augenblicke jedoch wurde ihm 'das Referat entZ9gea Ueber sein Be-' fragen erklärte ihm der Vorsitzende des Kongiesses, die Massregel sei auf'den prononciert a 111 e s t am e n t a ri s ch e n Klang seines Namens zurückzuiührenhDie Regierung habe dem Ausschuss mitgeteilt, dass sie, falls der allzu jüdisch klingende Ref erentemiame Moses auf der Tagesordnung belassen würde, keinen Vertreter zu dem Kongresse entsenden könme! Die Servil.tät und Kiüechbereitschaft preussischer Wissenschaftler und Künstler ist ja seit langem bekannt. In Piteussen wird auf allerhöchsten Befehl geforscht, gelehrt, gedichtet, gemeisselt und musiziert. Greise Gelehrte stecken die dürren, zittrigen Beine in Hofjagduniformen, gottbegnadete Komponisten fehrirzieren Parademärsche, geiaale Architekten schuften im Kasernbaustil, weil DR und seine Schranzen es wünschen. In vorliegendem Fajfle wird den Herren Gelehrten das Eingehen auf den Wunsch 'd'er Junkerregiierung nooh leichter gefallen sein, da es sich ja doch nur um e:nen Juden gehandelt hat. Viele unserer Stamrnesgenossen drüben im Reiche sind trotz aller Erfahrungen Preussenschwärmer katexochen, besonderen Verhältnisse. Ich habe viele seiner Sachen ins Deutsche überselzt, mit Liebe übersetzt, wie ich betonen möchte. Ich weiss nicht wieso es kam, ich hatle gefürchtet, 'dass er mich enttäuschen werde. Irgendwie halte sich die Vor-; Stellung, als müsste er anmassend sein, meiner bemächtigt, und ich finde Anmassung so schmählich, 'so klein, so unwürdig eines Grossen. Wie glücklich bin ieli, dass ich anders und angenehm enttäuscht wurde. Er hält wohl viel von sich und noch etwas mehr auf Distanz, aber dies geht nirgends über die Gienzlinie des Harmonischen heraus. Ich fand ihn lieb, wohlwollend, gut, Seele \ von einem Menschen. Und naiv, wie nur ein S Dichter sein-kann. Und raffiniert durchschauend, | wie wieder nur ein Dichter sein kann. AeusserJich j wenig jüdisch, mehr Pole, namentlich durch den Schnauzbart, innerlich ein ganzer- Jude: Nicht nur mit seinem Optimismus und seiner Ausdauer, auch mit dem eigentümlichen lyrischen Pathos des Juden, das nicht nur in seihen Dichtungen hervortrilt, sondern noch kräftiger, wenn er diese selbst vorliest, und auch dann, wenn er spricht. Er ist ein guter Redner. Schon das Vibrieren seiner Stimme, das übrigens auch zum erwähnten Pathos gehört, wirkt. Dann das Kaskadenartige des Satzbaues. Weniger jüdisch, als russländischjüdiscb, voijüngster Marke ist sein politischer Radikalismus: Schrecklich einfach und kindlich, und im vollen Gegensatz zu seiner freien Natur, die sonst gegen alles Schema revoltiert. Das Judentum liebt er über alle Massen und er ist sozusagen auf der ständigen Suche hach junger »Jüdischkeil“. So fand er ja auch die Schönheit im Chassidismus. Von einem Besuche in Sadagora kam er wie verzückt zurück. Das jüdische „Adelsschloss“ hatte es ihm und den anderen angetan, den „radikalen“ Dichtern. Ein Elementarereignis ist Schalom Asch. Ein Sturm! Wenn er dahinzufegen beginnt, fühlt man sich versucht, einzuknicken. Spricht manchmal erzschlecht, kommt aus dem Stottern nicht heraus. Manchmal aber, sowie die Erleuchtung über ihn kommt, mit der Wucht des Weltgerichts: Dann bekommt seine hohe starke Gestalt, die sonst etwas linkisch wirkt, Sinn. Und die Tränen, die in seinen Augen erschimmern, adeln die Unadeligsten. Ungeheuer ist seine Liebe zur jüdischen, und speziell zur biblischen Vergangenheit, darum ist seine jiddische Uebersetzung des Buches Ruth, die er in Czemowitz zum erstenmal der Oeffentlichkeit vorlegte, so gewaltig gross und ihr Eindruck so überwältigend, geworden. Asch’ Art ist unvermittelt. Soeben war er' noch ein grosses tändelndes Kind — ich musste immer' an ein kluges, gutesß Elefantenbaby denken — und einen Augenblick später stürzt sein Genius brausend hervor, und die Seelen peigen sieh ihm, ■ wie die Bäume dem Gewittersturme. Mit Perez und Asch war aus Warschau' auch H. D. Nomberg gekommen. Du siehst ihm den bebend zarten Lyriker nicht an. Hinter einer unscheinbaren Gestalt und einer Ueberschlichlheit der Geberde feines dichterisches Empfinden und enthusiastische Hingebung. Und dabei ein Humor, wie ihn eben nur noch der „Osten“ im Judentum zeitigt. Aeusserst streitbar in der Debatte, im Grunde aber der friedlichste und bescheidenste Mensch. Ein Ideal an Selbstlosigkeit — bis zur Boheme. Er selbst rechnet sich zu ihr. Nicht mit Unrecht und nicht ohne Koketterie. Ich halte ihn für einen der Glücklichsten unter den Schaffenden. In lächelnder Erinnerung bleibt mir, wie er sich einmal abseits setzt, um rasch einen Artikel, zu erledigen. Es war putzig zu schauen, wie er sich förmlich in seine Arbeit verkroch. Ein wohlwollend bissiger Freund verglich ihn mit einem Hündchen, das einen Knochen erwischt hat und diesen nun ruhig und glückselig in einem Winkel -. chen verzehrt. ’ •' Ein Bohemien ist auch Reisen, nur weniger freiwillig und weniger glücklich, wie mir scheint. Auch ein Mann, der nicht an sich denkt, dem’s aber weniger gut bekommt Er muss sein Herzblut geben. Der Zorn, der Eifer, die manchmal in seinen Gedichten und seinen sozialen Skizzen widerklingen, beherrschen ihn auch im öffentlichen Auftreten. So setzte er die Konferenz* durch die Folgerichtigkeit in Erstaunen, mit der er den kleinsten Anlass herausfand, um seinen extremen Standpunkt in der Frage des Jiddisch durch Rede oder Zwischenruf hervorzukehren. Viele, sehr viele haben es ihm verübelt, selbst solche, die seiner Meinung sind. Im Grunde mit Unrecht. Es war vielleicht der erste, der aus Russland -kommend, ein neuartiges Interesse an jiddischer Sprache und Literatur in Galizien begründete, und es ist kein Wunder, wenn er nervös wird, sobald er glaubt, dass seinen Lieblingen eine Gefahr droht. , Und nun. Dr. Chaim Schitlowsky (den ich, ebenso wie Reisen, schon früher kannte). Er

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