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Jüdische Zeitung · 1908-09-11 · 37 (11.9.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCH^ ZEITUNG Nr. 37 mit dem Nationalitäten- und Rassenkampfe tabula rasa und die Bahn für eine sozialösterreichische Reichspolitik frei macht. Speziell in einem Staate wie Oesterreich, wo die sogenannten nationalen und religiösen Ideale der einen im kontradiktorischen Gegensätze zu denen der anderen stehen, wird melir als anderswo die r.ea-österreichi-. sehe Staatsidee eine soziale sein müssen. Die Geltendmachung der jüdischen Volksinteressen bei dieser sozial -österreichischen Reichspolitik der Zukunft wird abhängig sein von dem Grade des Verständnisses für die Existenzbedingungen und Aufgaben Neuösterreichs, sowie von der Stärke der jüdischen Organisation, von der Klugheit der jungjüdischen Politiker, von dem Vermögen eine Harmonie herzustellen mit den Modernen der übrigen Nationalitäten, die gleich uns ein national-autonomistisches, demokratisches Oesterreich erstreben. Dr. K. Oie Kultuswahlen. keineswegs aus politischen, sondern ledigl'ch aus fiskalischen Gründen, um das durch Ueberschreitung der Gewichtsgrenze diesmal wahrscheinlich höhere Porto zu ersparen. Massgebende Auskunft aber könne nur der Herr S t e u e r a m t s 1 e i telr Popper geben. Dieser, alsbald herbeigerufen, erklärte mit Nachdruck, es sei nur innerhalb der Beamtenschaft die Möglichkeit1 und Tunlichkeit erörtert worden, ob man nicht die Drucklegung der Wählerliste aus Erspänmgsgründen fortan unterlassen solle. Ein diesbezüglicher Antrag jedoch j sei an das Vertreterkolleg niemals gestellt und | von demselben eine Aeuderung der bisherigen; Uebut'g niemals ihs Auge gefasst wonden. ■ „Die Wählerlisten werden also, s e 1 b s t v e r s t;i li d!i i c h g e d r u c k t u n d an die W übler verschickt werden. ) Die Offerte der Drucker liegen bereits vor.“ Mit einem stolzen: „Also, sehen Sie!“ be- 1 kräftigte der Herr Sekretär diese wertvolle Aufj klärung. ' i Also hat es das Vertreterkolleg doch gegraut, | völlig in die Fussstapfen der Christl'ichsozialeu zu treten. Desto besser.für das Vertreterkölleg! schieht, dass Personen nur deshalb angestellt werden, weil der Vater schon so und so viele Jahre Grasen, der Onkel Seharnes und der Bi nder Beamter der Gemeinde .Ist. Empfehlungen einzelner Vorstandsmitglieder dürfen nicht (wie es leider bsher der Fall ist) ausschliesslich massgebend sein, es muss vielmehr auf die Fähigkeit der Bewerber Rücksicht genommen werden Die Zentral- Verwaltuiigskominission müsste auch als Personalkommission füngieren und die Tätigkeit des Bqamtenapparates kontrollieren. Sie dürfte es nicht zulassen, dass Beamte aussei ball-, des Amtes in verschiedenen Nebenberufen mehr 1 eschäftigt werden als im Amte selbst. Wenn die Bezahlung' der Beamten eine derartige ist, dass sie Nebenbeschäit'gnngen betreiben müssen, so sollten es doch ihrem eigentlichen Berufe entsprechendere sein. In der Abteilung fiir Kultus und Unterricht müssten Personen sitzen, die .reiche Kenntnis vom Judentum und seiner Geschichte haben. Im Steueramte sollten zumindest die oberen Beamten nationalökonomische Kenntnisse besitzen, denn sie sind es, die mit den Steuerträgern in Berührung kommen und die materiellen Verhältnisse derselben besser beurteilen könnten, als die Steuer¬ Wird die Kultuswäbleriiste diesmal gedruckt und an die Wähler verschickt? Diese Frage, welche allein schon geeignet ist, den Kultusvorstand schwer zu kompromittieren, ist innerhalb der Wählerschaft laut geworden und wohl nicht ohne Veranlassung seitens des Vorstandes selbst Hat er doch, als die Giltigkeit der letzten KnltuswahSen ua. durch Hinweis auf die willkürliche Abfassung der Wählerliste angefochten wurde, in einer Eingabe an das Kultusministerium als höchsten Triumph ausgespielt, der Vorstand sei nach dem Statut überhaupt nicht verpflichtet, gedruckte Wählerlisten auszugeben. Unter 4en Kultusbeamten verlautete in ganz bestimmter Weise, dass die Wählerliste diesmal nicht gedruckt werde. Das oppositionelle Wahlkomitee fand es daher bei dieser Sachlage für angezeigt, eine direkte Anfrage an die offiziellen Persönlichkeiten zu rich- „ten,,und.sprachen letztemSonutag .zwei Komiteeherren, da der Präsident Dr. Stern noch auf dem Lande weflt, beim Gemeindesekretär Herrn Dr. Lieben vor. Dieser erklärte zuerst reserviert, ein Beschluss des Vertreterkoitegs, die Drucklegung der Wählerlisten zu unterlassen, liege noch nicht vor, er selbst sei entschieden gegen eine solche Massregel, da die Wählerliste den Wählern ständig als Nachschlagebudr und überdies zur Feststellung der Apostaten und Steuerpflichtigen auch dem Vorstande dienen solle. Würde dennoch ein solcher Beschluss gefasst, so geschähe es zu bewahren und viele sahen, da die jüdischen Schulen in den Bann getan waren, keinen Unterschied zwischen jüdischen und Missionsschulen. Jetzt geht der Einfluss der Missionäre infolge der Gründung neuer jüdischer Schulen und der Bedeutung, die sie errungen haben, zurück. Immerhin ist er aber noch teilweise vorhanden. Er wird erst dann vollständig verschwunden sein, wenn die Orthodoxie .bildungsfreundlicher und die Achtung vor den jüdischen Schulen allgemein geworden ist und das moralische und kulturelle Leben der jüdischen Bevölkerung ein höheres Niveau erreicht haben wird. .(Aius dem Jüdischen des 1. L. von M. Waidniaiin.) Allerlei. Einkommen von Christen und Juden in Berlin. ln dem Statistischen Jahrbuch der Stadt Berlin, 30. Jahrgang, findet sich eine Tabelle über die Konfession der Steuerpflichtigen, weiche im Etatsjahre 1904/1905 zu einem Steuersätze von 21 jMik. und mehr veranlagt waren: Die Juden bildeten -darnach, obwohl sie im Jahre 1905 mit nur 4,84 Prozent au der Gesamfbevöikeruiig Berlins' beteiligt waren. 15,044 Prozent Her- Gesamtzahl der Steuerzahler mit einem Steuersätze von 21 Mik. und darüber. Sie brachten 30,265 Prozent,' also fast ein Drittel des gesamten Einkommensteuersol'ls auf. Auch in der Höhe des auf den Einzelnen entfallenden Einkommensteuerbetrages stehen die Juden mit 328,99 Mk. an erster Stelle und weit über dem Durcksehrhtsbetrage von 163.49 Mk. Zwei Ukase gegen die Minjanim. Jeder Wiener Khijleniann weiss, wer unter dem „Trepow der Seiteiistettengasse" gemehlt ist. Dass der Volkswitz bei Prägung dieser Titulatur kaum übertrieben hat, wird in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift“ erhärtet. Dieses vielseitige Organ bringtauf pagina 637 im redaktionellen Teile, wo es warm für die Leiden der jüdischen Brüder fühlt; eine bewegliche Notiz: „Verbot von M'njahim“. Darnach erliess dieser Tage der Odessaer Polizeimeister den Befehlt, genau darauf , zu achten, dass anlässlich der herainiähenden jüdischen Feiertage keine Privatminjanim gedulcjet werden und ermächtigt die Bezi'rkshauptleute,. solche Minjamin samt und sonders zu verhaften find dem Gerichte zuübergeben -— Ein wenig weiter hinten, auf pagina 642, wo die -Inserate (gegen Ehrensold) stehen, dräut eine. .jKuüdmachung“ des Vorstandes der Ls r a e vi tri s c he n Kultusge-meinde' W je n, . dass .„mit der "Sperrung aller unbefugten, d. li. ohne die gesetzlich erforderliche Zustimmung des Kultusvorstandes veranstalteten Betversammlungen u n n a c h s i. c h t .- ilich Vorlegungen werden muss“.-Fehlt nur noch die Drohung mit der Verhaftung und Emlieferung ans Gericht. Weiss-Gott. Herr Dr. Stern trägt an dieser Schwäche keine Schuld! Hätte er die Macht und die Schergen dazu, bei. wie wollte j er aW die revolutionären Elemente, d e ihm Oppo- I sition zu bieten wagen, verhaften, .e nkerkern, | füsilieren, hängen! Die Administration der Wiener Kultusgemeinde. Eine Zuschrift aus dem Leserkreise. Anlässlich der bevorstehenden Wahlen in den Vorstand der Wiener Kult-usgenieinde -ist es nicht uninteressant, der Verwaltung derselben einige Auf merk saink ei t zu, schenken. Seit vielen Jahren und insbesondere vor den jeweiligen Waiden wind in Wählerversammlungen und in einem Teile der jüdischen Presse viel darüber gesprochen und geschrieben, wie man aus der israelitischen eine jüdische Gemeinde macjien und wie man dir rückschrittliches. antidemokratisches Wahlsystem in ein demokratisches umwandeln könne; bisnun ist esaber noch niemanden eingefallen, die Verwaltung der Gemeinde und ihre Organe einer rein sachlichen Kritik zu unterziehen. Wie notwendig aber eine solche Kritik ist, werden die weiteren Ausführungen bewe:si:n. Die Kultusgemeir.de Wien mit ihrem Milllonen-tBudget, mit ihren mannigfachen Agenden, die zirka achtzig Beamte belschäftigt, muss neben Ihren diversen Kommissionen auch eine Verwaltungskommission ins Leben rufen. Diese Kommission hätte die Aufgabe, die gesamte Verwaltung der Gemeinde zu überwachen und dem Plenum des Verstandes von Zf.it zit Zeit Bericht zu erstatten. ,Sie müsste dafür sorgen, dass vakat gewordene Beamtenstellen öffentlich ausgeschrieben werden und dass nur qualifizierte Kräfte dieselben erlangen, nicht dulden, wie es bisher geschätzungskommission, die sich -nur ein- oder zweimal Im Jahre mit diesen Angelegenheiten befasst. Die Beamten dies Armenamtes dürften die Armen nicht, wie es bisher leider der Fall ist. nach einer Schablone behandeln, sondern es müssen die Fälle individuell behandelt werden. Das treffen aber nur intelligente Personen, nicht aber Leute, die zwar früher als Kellner, vielleicht sehr gute Dienste geleistet haben, aber für eine erspriessliche Tätigkeit im Armenamte nicht die Fähigkeit aufweisen. Die Animosität, die ganz unbegriindeterweise gegen die in Wien lebenden galizischen Juden h erfrischt, unter denen sehr viele Kultussteuerträger sind, muss verschwinden, denn nichts berechtigt die Herren im Vorstande, die galizischen Juden als Juden zweiter Klasse zu behandeln. Bei Besetzungen von Posten darf die Abstammung aus Galizien kein Hindernis bilden. Die galizischen Juden haben dasselbe,. Recht auf eine Anstellung, wie die gestern oder vorgestern erst aus Lackenbach, Mattersdon, und wie die sonstigen ungarischen Städte heissen mögen. Eingewänderteii. Die Budapester Kultusgeämeinde würde es sich wohl überlegen, einen Oesterreicher und noch viel weniger einen galizischen Juden anzustellen, es muss daher auch die Wiener Gemeinde Ln erster Reihe dafür sorgen, dass zuerst die fähigen Inländer, wenn auch gegen den Willen mancher: Herren aus Prag, Leitomisehl und Egier berücksichtigt werden. Dem Schreiber dieser Zeilen ist bekannt, dass sehr würdige und in Wien schon lange ansässige galiziscbe Juden sich um einen Tempeldienerposten jahrelang erfolglos bewerben, während ein ungarischer Jude, der viel später eingereicht und aus seinem früheren Berufe (er war nämlich Bäckermeister) nicht viele Fähigkeiten für einen Tempeldienerposten mitgebracht hat. rhu dank seiner Beziehungen zur herrschenden Beamtenfamilie sofort erlhielt-, Gelegentlich der heurigen Wahlen ist es notwendig, die Wähler auf alle diese Uebelstände aufmerksam zu machen und den Wählern Kandidaten vorzustellen, die administratives Talent besitzen und welche den in Wien lebenden Juden aus Tarnopol ncht geringer taxieren, als den aus Presisburg oder Gaya Eingewandertbi. Die erledigten Kultusmandate. . Von den dreizehn bei der kommenden Ku\ tuswahl ‘ zur Besetzung gelangenden Mandaten entfallen vier auf die Kurie der Höherbesteüerten, sind also dem Wünschen und Streben des Volkes entrückt, und neun auf die sogenannte allgemeine Kurie. Turnus- . mässig scheiden hier acht Kultusvorsteher . aus, und zwar die Herren Salo Cohn, Dr. , Sal. E h r m a n n,, Dr. Benjamin Rappaport, Dr. Adolf S tei n. (sämtlich 1902 gewahl), Leop. Sachs (1904 gewählt), Max Frank, Dr. Herrn. L ö w y und Sam. Steiner (sämtlich 1906 gewählt); ..das neunte Mandat ist durch das vorzeitige Hinscheiden des Herrn Salo Landau zur Erledigung gelangt.

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