Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sanken; die Deutschen Oesterreiohs haben dem Alten von der Rosenburg endgültig den Laufpass gegeben. Weder die Juden, noch die Deutschen haben Ursache, das Ereignis zu bejubeln, auch der Aesthet kommt bei dem Abgänge des triefäugigen, bierbäuchigen Eiferers nicht auf die Rechnung. Ein Arger hat Aergeren Platz gemacht- Er war dem Judenvolke d'n blutiger Hasser und Verächter, sdine .triumphierenden Widersacher sind in dieser Hinsicht seine gelehrigsten und treuesten Schüler. Der Prophet ging, die Lehre blüieb. Der Antisemitismus ist heute Gemefngut aller Deutschen. Schönerers Berserkerwut mutete noch sympathischer und minder gefährlich an, d!s die konsequente, bis ins Kleinlichste gehende Wühlarbeit seiner Nachfolger. Sein Ruf nach Mord und Totschlag erweckte oft den Protest nüchterner Köpfe, das von den heutigen Führern geübte System der Boykottierung und tückischen Ausschaltung der Juden erfreut sich des Beifalles der „gesittetsten“ und „fortschrittl'chsten“ deutschen Elemente. Und für d'ie Deutschen sel'.bst bedeutet das Verschwinden dieses Marmes auch keinen Fortschritt. Sein Begehren grenzte an Wahnwitz, sein Gehaben nur zu oft an Tollwut, aber sein Programm barg Ehrlichkeit. Ehrtich war sein Kampf gegen Rom. eh rieh se;n Kampf für ein Alldeutschland'. Seine Epigonen sind verlogen und feige. Der Kampfruf gegen Rom list verstummt. Wenn es sich darum handelt, ein armseliges 'Mandätchen zu ergattern, winseln ,die deutschen Recken um die Gnade der Pfaffen, wenn ein. deutscheu Ministersessel ins Wackeln gerät, fressen die blonden Helden der Regierung aus der Hand. Er wusste die Jugend zu entflammen und in seltenem Grade’ zu beherrschen. Die heutige deutsche Jugend ist schwächlich und farblos. Sein volltrunkenes Geheul ging an die Nervest, aber die feige .unehrliche und ohnmächtige Art seiner Verdränger erweckt Ekel'. Seine Fehler waren unzählig. aber fest will es Schemen, als wäre er nur um seiner guten Seiten Willen verjagt worden. Sein Weggang gibt keinen Anlass zur Freude. gestellt und aufrechtgehalten wird. Zum Zwecke der politischen Erziehung und Organisation des jüdischen Volkes in Gesamtösterreich, wurde ja der .Jüdische Nationalverein“ ins Leben gerufen. Soll aber derselbe seine Aufgabe erfüllen, dann müssen schleunigst die Voraussetzungen erfüllt werden, ohne welche eine gesunde Bewegung nicht möglich ist, geschweige denn wachsen und gedeihen kann. Vor allem muss endlich auf einer Konferenz, respektive auf einem Parteitage ein definitives Programm festgestellt werden. Ferner muss eine zweckentsprechende politische Organisation aller österreichischen Gesinnungsgenossen geschaffen werden, wobei eine stete Fühlung mit den Abgeordneten unerlässlich ist. Ausser diesen Lebensbedingungen . einer starken jüdischen Volksorganisation ist die eheste Gründung eines Agitationsfonds eine selbstverständliche nicht weiter zu verzögernde Pflicht aller derer, die ernste politische Arbeit überhaupt wollen. Die ewige Raunzerei, es geschehe nichts, verbunden mit der Nichterfüllung der eben erwähnten Postulate, also mit absoluter Verhinderung jeder planmässigen Aufklärungsarbeit (die weit mehr Wert hat, als periodisch wiederkehrende Parade - Versammlungen); werden uns um keinen Schritt weiter nach vorwärts bringen. Programmatische Klärung, endgültige Regelung der Organisation, sowie rascheste Herbeischaffung der nötigen Geldmittel muss somit die Devise aller jener bilden, welche ein Verständnis für die ernste Situation der österreichischen Jnden haben und von der Ueberzeugung durchdrungen sind, dass die Juden von keiner, der bestehenden parlan. tatarischen Parteien Hilfe erhoffen dürfen, wenn sie sich nicht durch eine starke Reichsorganisation selbst helfen. Unsere nächsten Aufgaben. Die. Sommerferien sind vorüber und es ist hoch an der Zeit endlich einmal an eine systematische und intensive Arbeit, sowohl in agitatorischer, wie organisatorischer Hinsicht zu schreiten. Die jüdische ■ Volkspolitik soll von der assimilatorischen Politik sich auch dadurch unterscheiden, dass nicht nur vor den Wahlen, sondern die ganze, Zeit hindurch der rege Zusammenhang mit den jüdischen Volksmassen durch stete Diskussion aller Zeit- und Streitfragen her¬ So sehr ich nun., ein Anhänger der weitgehendsten Autonomie der Individuen und auch von der Ueberzeugung durchdrungen bin, dass eine gewisse Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse in den einzelnen Kronländern unerlässlich ist, so muss doch mit aller Klarheit und Entschiedenheit betont werden, dass eine jung jüdische Politik in Oesterreich mir dann einen Zweck und die Möglichkeit eines Bestandes hat, wenn sie nach gewissen feststehen den G run dsät zen und -einheitlich in Gesamt Österreich praktiziert wird. Es ist eine Farce, eine jüdische Politik zu wollen und gleichzeitig die Programmlosigkeit zum obersten Programm zu erheben. Eia jüdisches Volksprogramm muss drei Hauptforderungen entsprechen: 1. muss es Werbekraft in den jüdischen Volksmassen besitzen und muss daher national-s ozia 1 sein; 2. muss es eine Attraktion auf die jüdischen Intelektuellen ausüben, daher in allen Zeit- und Streitfragen deu Standpunkt der .Moderne“ vertreten und 3. muss es, um ein Zusammengehen mit den übrigen Nationalitäten zu ermöglichen, mit Entschiedenheit den national-autonomistischen, österreichischen Reichsstandpunkt zum Ausdruck bringen. Biesen drei Hauptpostulaten hat ja der seinerzeitige Krakauer Programmentwurf Genüge geleistet und es wäre daher am Platze, ihn als Plattform der Diskussion und Beschlussfassung zu wählen. Sicher aber ist es, dass eine jüdisch-nationale Bewegung ohne jüdisch-soziale Volkspolitik und so zialösterreichische Reichspolitik nie in den Massen Wurzel fassen kann. Gerade die Juden, die am spätesten unter allen Völkern zum Volksbewusstsein gelangten, deren nationale Not sich zugleich als eine wirtschaftliche äussert, haben die Verpflichtung im Sinne der tschechischen Realisten (Masarykpartei) und der „ruthenischen Radikalen“ soziale Nationalisten zu sein. Der jüdische Nationalismus wird entweder vom sozialen Geiste durchdrungen sein, oder er 'wird in. der grossen Masse der österreichischen Juden überhaupt kein Echo finden. Die wirtschaftliche Not der breiten jüdischen Volksschichten steigert sich von Tag zu Tag, das Interesse derselben an der Tagespolitik und an dem Kampfe der Parteien wird immer geringer and in nicht allzuferner Zeit wir der Ruf nach Brot in Gesamtösterreich, alle staatsrechtlichen, nationalen und konfessionellen Schlagworte übertönen. Nationale and religiöse Ideen werden nur insoferne die Massen erwärmen, als sie zugleich eine wirtschaftliche Besserung der besitzlosen Schichten verkünden. Man kann ja jetzt bereits bei allen Völkern des Donaureiches den Niedergang sämtlicher Fraktionen mit Ausnahme der beiden Parteien konstatieren, die sich als „sozial“ und als „Reichsparteien“ bezeichnen: die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten. Allerdings setzt eine intensive Sozialreform eine neue österreichische Reichsordnung im Sinne der nationalen Autonomie voraus, die im ganzen Reiche findet man jüdische Beamte angestellt Die österreichische Post, die in Jerusalem den grössten Einfluss besitzt, hat fünf jüdische Beamte. In der österreichischen Post wird auch hebräisch gesprochen und man kanh alle Bestellungen in hebräischer Sprache erledigen. Die türkische Post hat im jüdischen Viertel eine Filiale. Die Aufschrift dieser Filiale ist hebräisch, arabisch und französisch. Der Filialleiter ist ein Jude mit langen Peies, der zweite Beamte sieht wie ein Talmudschüler aus. In dem Postamte hängen zwei hebräische Landkarten, die eine von Palästina, die andere von dem russischjapanischen Kriegsschauplatz. Am Abend wird im Postamt manchmal mit Minjan gebetet. Die meisten Kcnsulatsbeamteu sind Juden. Als Dragomane sind sie sehr geschätzt. Man muss nämlich im Verkehre mit den Juden Hebräisch können, denn das ist die einzige Sprache, welche von den alten Juden mehr oder weniger verstanden wird. In Anbetracht der grossen Zahl der in Jerusalem lebenden Juden und des gewaltigen historischen Eindruckes der Stadt, glauben viele Christen an die Zukunft der Juden in Palästina und nehmen darauf Rücksicht Höchst charakteristisch ist das Verhalten einer christlich-englischen Gesellschaft, deren. Tätigkeit sich auf die jerüsalemitischen Juden erstreckt, ohne Missionsabsichten zu verfolgen. Diese Gesellschaft ist vor 56 Jahren von der Frau des damaligen englischen Konsuls in Jerusalem begründet worden und heisst „Kerem schel Abraham abenu*. Die Gesellschaft ist überzeugt, dass die Herrschaft Palästinas unbedingt in iüdische Hände gelangen muss, deshalb bestrebt sie sich, die „Erlösung* durch die Verbesserung der ökonomischen Lage der Juden zu beschleunigen. Angesehene englische Staatsmänner, wie Roseb.ery und Salisbury waren Mitglieder der Gesellschaft Auch Beaconsfield gehörte ihm längere Zeit an. Die Gesellschaft fördert die produktive Arbeit unter den Juden; sie erzieht sie zu Steinmetzen und Seifensiedern und lehrt sie den Hausbau. Sie beschäftigt jetzt 75 Handwerker, welche 5 Tage in der Woche arbeiten. Samstag und Sonntag feiern sie vollständig und am Freitag arbeiten sie bloss einen halben Tag. Die Seife trägt die Aufschrift; „Koscher Jeruscholajim“ und wird nach England exportiert In Zeiten der Not gewährt die Gesellschaft den Juden Unterstützung. Während der vorjährigen Dürre verteilte sie unter sie 28.000 Mass Wasser. Die anderen christlichen Gesellschaften verwenden grosse Mühe, um die Jaden zu bekehren. Sie bauen Spitäler, gründen Schalen, unterstützen Arme, alles in der Hoffnung, Proselyten für das Christentum zu machen. Die englische Missionsgesellschaft unterhält ein Spital, in das nur Juden — Christen und Mohammedaner unter keiner Bedingung — aufgenommen werden. Ausserdem besteht eine englische Missionsschule, speziell für jüdische Kinder. In dieser Schule wird auch hebräisch unterrichtet und ein jüdischer Aufseher achtet darauf, dass die Kinder jeden Tag fleissig beten; AU dies geschieht in der Absicht, die Kinder langsam zum Christentume zu bekehren. Die jüdische Gesellschaft führt mit den Missionären einen beständigen Kampf Ueber diejenigen, welche bei den Missionären Heilung suchen, wird der Bann ausgesprochen; es wurde die Weisung erlassen, allen das Begräbnis auf einem jüdischen Friedhof zu verweigern, welche im Spitale der Missionsgesellschaft gestorben sind. Der englische Konsul versuchte einst unter Assistenz des türkischen Militärs einen derartigen jüdischen Toten auf dem jüdischen Friedhofe zu begraben. Die Juden rotteten sich auf dem Friedhof zusammen, entwaffneten das Militär und entfernten den Leichnam vom Friedhof. Die Missionäre bereiten in Jerusalem beständig Kalamitäten. Wenn man, in Unkenntnis der Verhältnisse, ein Kind in ihre Schule gibt, lassen sie die Eltern des aufgenommenen Kindes eine Urkunde unterschreiben,, dass das Kind bis zur Beendigung des Studiums in der Schule verbleiben werde. Wenn man dann das Kind zurück haben will, wird die Herausgabe verweigert; in vielen Fällen hilft auch die Intervention des Konsuls nichts und man muss die Kinder aus den Missionsschulen mit Gewaltherausholen. Dass dennoch manche Eltern ihre Kinder in die Missionsschulen geben, kommt daher, weil die orthodoxen Rabbinen die jüdischen Bildungsanstalten in den Bann getan haben. Manche schickten nun ihre Kinder aus Trotz zu den Missionären, manche taten es, um sie „vor den jüdischen Apikorsim“