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Jüdische Zeitung · 1908-09-11 · 37 (11.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 37 bunte Gesellschaft hat ihr 'Möglichstes getan. Widerspenstige zionistische WähUer wunden von den Behörden drangsaliert, von den Moschkos in ihrer Existenz bedroht, boykottiert, als ReÜgionsverächter — so heulten gefällige jüdische Pfaffen — und Verräter an der heiligen polnischen Sache . — so zeterten die Schlachzizen — geächtet. Ihre Steuern wurden erhöht, ihre Geschäfte aus „gewerbebehördliichen“ Rücksichten gesperrt, ihre Häuser aus „baubehördlicheji“ Rücksichten niedergerissen. Die Jungen und Mädchen wurden in den Schulen unter Drohungen gezwungen, den Zionisnms abzuschwören u. dgl. Scheint aber auch verlorene Mühe gewesen zu sein, denn nunmehr soül zum letzten Mittel gegriffen werden, zum Mittel der Verzweiflung: zur Vernunft, zur Anständigkeit Dr. L ö w en stein, der Führer der polnischen Assimilantenjuden, liess kürzlich den Plan verlauten. Er und der Statthalter Botrr-; z f n s k i hätten erkannt, dass es vorwiegend' die; grosse Not sei, welclie die polnischen Juden ins zionistische Lager treibt. Um diesem heftigsten aller zionistischen Agitatoren, der jüdischen Not, die Zähne auszubrechen, beabsichtigen die Herren eine grosse Enquete zu veranstalten, welche Mittel und Wege zur Linderung des galizischen Judenelends angeben soll.; Bravo! Endlich ein Streich, der sitzt. Und wahrlich: die zionistische Opposition weiss sich keinen schöneren Tod, alls durch Befriedigung der Förderungen, weliche sie nun. seit Jahr und Tag erhebt, einfach erstickt zu werden. Lindert die materielle Not, dann die seelische, macht die*Juden zu satten, freien, aufrechten Menschen ufidi der zionistische Wildling wird zum Lamm! Die zionist'sche Partei wird die angekündigte Aktion"' mit Wohlwollen verfolgen und das insolange, als nicht diie Absficht, eine parteipolitische Komödie zu spielen, offenbar wird. Allzu optimistisch ist ihre Stimmung allerdings nicht. Schon der Umstand, dass nicht Gerechtigkeitsgefühl und Menschlichkeit, sondern politische Verlegenheit den Anstoss gibt, ist ein ’ ominöses Vorzeichen. Wenn'Üie Enquete nach gebräuchlichem Muster verlaufen sdllte, indem nach Konstatierung der jüdischen Not Herr Bobrzinsk® das ' goldene-Herz' deSiLöwenstedu hnd dieser -das edle 'Gemüt-Bobrzmskis «bei Braten und, Champagner feiert, ein paar .i protegierte Hausjuden aus Regierungsgeldem Unterstützungen erhalten. und der Rest eitel Augenauswischerei ist, dann könnten die neugebackenen Judenretter vor ihren .erstaunten Augen eine Opposition erstehen sehen, mit welcher die alte keinen Vergleich aushält. Die; Zionisten werden nicht stören, aber verflucht aufpassen. Gemogelt wird nicht, das Spiej ist zu ernst!; ■ ■ * * . * Von den jüdischen Aerzten. Die Ausschaltung der Juden1 von der. militärärztlichen Karriere wird In Oesterreich schon so lange und so konsequent geübt, dass die Oefientlichkeit, die jüdische inbegriffen, sie nachgerade als selbstverständlich betrachtet. Die Massregel zerstört vielen jungen Aerzten aus den wenig bemittelten Klassen die Hoffnung auf baldige Versorgung; ob-sie der Armee selber zum Vorteile gereicht, ist mehr als fraglich. In Betreff der fürsorglichen und liebevollen Behandlung kranker Soldaten scheinen die arischen Militärärzte den jüdischen nicht über zu sein. Nur allzu oft bot sich in neuerer Zeit im Parlamente die Gelegenheit zur Besprechung miKtärärztfcher Roheits¬ und Fahrlässigkeitsdelikte, der Name eines jüdischen Arztes wird hierbei nie genannt. Wie dem auch sei, in absehbarer Zeit wird wohl kaum Remedur zugunsten der Juden geschaffen werden. Weniger bekannt dürfte, es aber seiv dass nach und nach auch unsere Z'ivilbehörden sich jüdischen Aerzten gegenüber der nämliichen feindlichen Haltung befleissigen. Anstellungen jn Spitälern sind heute für jüdische Aerzte fast unerreichbar. Als unbesoldete Sekundarärzte muss man sie wohl' zulasse;'., ist aber auch da bemüht, ihnen das Leben sauer zu machen und ihnen die praktische Ausbildung möglichst zu erschweren. In einigen Anstalten hat sich bereits die Norm herausgebiidet, dass Juden zu selbständiger Arbeit nicht zuge&assen werden. Am Krankenbette brüskieren Teutonenfiegel ihre jüdischen Kollegen, wenn sie auf energische und mutige Abwehr stossen, machen. sie ihrem deutschen Herzen durch Intriguen kleinlichster Art Luft. Da es sich hierbei nicht um mosaische ärztliche Reklame und Modegrössen, sondern lediglich um junge, unbekannte Mediziner handelt, hat die jüdische Gesellschaft bisher von diesen Zuständen ke ne Notiz genommen. Es ist hoch an der Zeit, ihnen die’gebührende Beachtung zuzuwenden und in Fällen, wo eine Abwehr turfich ist, energisch zuzugreifen. Auf eine Gelegenheit sei bereits heute bingewiesen. Das Gremium der Wiener Kaufmannschaft errichtet ein Sanatorium für Kinder. Es handelt sich also um eine Stiftung zum grösste n'T.e.il e jüdischen Geldes. Bei der Verleihung der ärztlichen Stellen werden Juden ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Es ist Pflicht d'eser Juden, dahin zu wirken, dass die Gesuche jüdischer Bewerber entsprechend gewürdigt'und verschämte - und unverschämte antisemitische Gelüste nachdrücklich zurückgewiesen werden. Die Jüdenschaft spricht mit Stolz von ihrem Aerztestande. hier bietet sich Gelegeiihe't, diesen Stolz nutzbringend zu betätigen. Wir werden es nicht unterlassen, diesen Fall im richtigen Zeitpunkte wieder zur Sprache zu bringen. * ' * * Schönerer. Ein erbitterter und erfolgreicher Feind der Juden ist in das Dunkel poetischen Nichtseins ver- Was Wunder, dass ein solcher Mann und Baron dazu schleunigst auf den Schild gehoben ward! Als er dann-noch in jener denkwürdigen Versammlung im Hotel „Zur Post* von einem Bezirksrat und einem Couleurstudenten deutsch-mosaischen Bekenntnisses umringt, bescheiden erklärte, dass er fürs Erste nur die Christlichsozialen, die Sozialdemokraten und Zionisten zu zerschmettern gedenke, jubelte ihm die siebenköpfige Biesendemonstrationsversammlungsmenge, zwei Speisenträger nicht inbegriffen, frenetisch zu. Die miessliebig vermerkte Zurückhaltung eines dicken Herren fand als blosse Folge eines fehlenden, in Reparatur befindlichen Gebisses späterhin befriedigende Aufklärung und Hocks Ruhm war endgiltig besiegelt. Jetzt, in der Zeit der grossen Not, thront er in der Leopoldstadt, deutsch ist der Mann, deutsch bis in die Knochen und deutsch auf eigene Faust, trotz aller Rausgeschmissenheit. Was Wunder, dass ein aus Pest, aus Galizien, aus Mähren und der Slowakei enstammender germanischer Heereshaufen ihn wehrhaft umgibt, dass sein Bildnis im Herzen und auf dem Busen liberaler Wahlkomiteedamen aus dem Cafe Mandl und der Zirkusgasse. sehr warm, hoch und sicher liegt! All ihr gequälten und verfolgten Juden, eilt herbei und huldigt ihm, Eure Not hat ein Ende, denn er ist Baron und für die „Freie Schule“! Was bleibt Euch noch zu wünschen übrig? Gehet hin und agitiert für ihn! Euer Heil ist in Hock! Am Tage der Wahl sollst du dich aus dem Schosse der Familie reissen, Weib und Kind verlassen und Hock wählen, im Drange der Geschäfte und selbst am Turf seiner nicht vergessen. Wenn du am Kartentische sitzest und hast ein schlechtes Blatt in der Hand, so wirf es hin und geh’ Hock wählen, und hast du ein gutes Blatt, spiel’ das Spiel zu Ende und geh’ Hock wählen, auf dass er Landtagsabgeordneter werde und uns allen geholfen sei! Amen. ' * * * Ein rationelles Verfahren. ' . In dem Kampfe gegen den Zionismus haben die Regierenden In Galizien kein, Mittel unversucht gelassen. Erst hallteein spöttisches Lachen durch' die offiziöse Presse, dann, versuchte man es mit sachlichen Widerlegungen, hierauf mit der giftigen Verleumdung. Als sich diese „ideellen“ Massnahmen in ihrer Wirkung gar zu schwach zeigten, als sxh des polnäschnationalen Geistes Kraft allein denn doch zu. gering erwies, ging man zur Tat über, zur rohen Vergewaltigung. Ein ganzer Heerbann von Gendarmen,' Wunderrabbinen, KültusvoTstehern, Bezfrkshauptlauten und Bürgermeistern wurde gegen die Zionisten kommandiert. Die wusst, sie sind stolz auf ihr Judentum und ihre Vergangenheit und dies verschafft ihnen eine höhere Achtung. Der Jude kennt dort keine Angst, kerne Knechtschaft; er ahm t niemandem nach, er lebt sein eigenes Leben, er fühlt, dass er zu Hause ist. Die jüdischen Institute haben für die gesamte Stadt eine grosse Bedeutung. In die jüdischen Spitäler werden oft Andersgläubige aufgenommen. Die jüdischen Ambulatorien gewähren jedem, ohne Unterschied der Nation, Hilfe. In einigen iüdischen Schulen werden auch Nichtjuden aufgenommen. Viele Mohammedaner und Christen besuchen die Allianzeschulen. Man gewährt ihnen leider die Erleichterung, dass man sie von dem Unterricht im Hebräischen befreit. Doch geschieht dies nur darum, weil die Allianz unter Judentum nur die'jüdische Religion versteht In der Lämmelschule werden Mohammedaner und Christen nur in beschränkter Zahl aufgenommen. Vor kurzem absolvierten zwei Kinder einer ange-- sehenen mohammedanischen Familie, die Nach-, kommen des Jussuf Pascha, des jerusalemitischen Abgeordneten im ersten türkischen Parlamente, diese Schule. . Alle Mohammedaner und Christen, die die jüdischen Schulen besucht haben, bleiben immer anhängliche Freunde der Juden. Oft kommen Araber in die jüdischen Kindergärten und bitten,, dass inan ihre Kinder aufnehme. In den jerusalemirischen Schulen herrscht aber ein b e s t an d iger Platzmangel und ausserdem fürchtet man den schädiichen' Einfluss, den die Araber. auf die Juden ausüben könnten, denn allgemein heisst es, dass die: arabische Jugend früh verderbt ist Im wirtschaftlichen Leben Jerusalems nehmen die Juden ,eine herrschende Stellung ein. Man nimmt vielfach an dass die jerusalemitiselien Juden pur von der Chalukah leben und nicht arbeiten. Das ist ein grosser Irrtum. Die Ghaluka wäre keineswegs, imstande, eine so zahlreiche Gemeinde zu erhalten. In den Gassen von Jerusalem sieht man überall jüdische Kaufläden, jüdische Werkstätten, jüdische Träger,, Steinmetze, Schmiede und Stiefelputzer. In den jüdischen Vierteln wird der gesamte Handel von Judern besorgt. In den Kaufläden sitzen Juden mit langen Peies. Unter den Handwerkern und. Hilfsarbeitern findet man oft sehr gelehrte und talmudkundige Männer. In der Statistik vom Jahre 1881, also einer Zeit, wo die Juden nach Jerusalem nur „sterben kamen“, findet inan bereits 1426jüdische Familien, welche sich mit Handel und Gewerbe beschäftigten. Nach , jener Statistik befanden: sich uftter den Sephardim 242 Familien, die Handel trieben, 200 Familien, die ein Handwerk ausübten, 92 Familien, deren Häupter gewöhnliche Arbeiter waren und 98 Familien, deren Häupter Öffentliche Stellen (Lehrer, Tempeldiener, Schächter usw.) bekleideten. Unter den Aschkenasim befanden sich j 255 Familien; die von öffentlichen Berufen lebten; I vom Handel lebten, 215 Familien, Handwerker waren 364, Arbeiter 215, Gehilfen waren 89 Familienhäuoter. Dip Anzahl der Juden, welche Handel trieben oder ein Handwerk ausübten, überstieg die Anzahl der dieselben Berufe ausübenden Christen und Mohammedaner um das 21/,fache '(Luncz Year Book 1882). Nach der Statistik des Herrn Luncz vom Jahre 1898 findet man unter den Juden Jerusalems 2576 Familien, verteilt aut 75 Handwerke und 1576 Familien, die Handelszweige betrieben. Unter den Handwerkern finden sich 127. Maurer, 96 Steinmelze, 319 Tischler und Zimmerleute, 228 Schuster, 304 Schneider, 60 Schmiede, 35 Wäscherinnen, 36 Fuhrleute, 10 Strassenkehrer usw. Aus diesen Angaben ei kennt man, dass die Zahl der jüdischen Kaufleute, Handwerker und Arbeiter im beständigen Steigen begriffen ist. Seit- ' .dem in Jerusalem eine Filiale der asiatischen Bank eröffnet wurde, hat der jüdische Handel einen starken Aufschwung genommen. Jüdische Schilder sieht man in Jerusalem in überwiegender Zähl. In den jüdischen Vierteln findet man überhaupt nur hebräische Aufschriften; Im Stadtzentrum rechnen xdie Juden schon mehr mit dein europäischen. Käufer und er bringt neben ■ dem hebräischen auch ein fremdsprachiges Schild! ah.- Doch sehen sich .anderseits auch - viele christliche und mohammedanische Kaufleute gezwungen, jüdische Schilder , bei ihren j Geschäften anzubringen. , j In allen Pöstanstalten sind Juden; angestellt. I Der Direktor der russischen Post,ist ein. Jude. Bei der deutschen und französischen Post

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