Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufst eilen in Wien: Administration,. Türkenstrasse Nr. 9. ZeitungsbureauGoldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Vertretungen in der Provinz . In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverseh leiss Wlezet, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Ganzjäbr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Abonnementsproise: Manuskripte werden nioht zurückgestellt. t_i _ - Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., <füi>1{ei)sfrasse föv. 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. □ -—-n Wien, Freitag, den li. September 1908. $5<is dett) Inhalte: In der Leopoldstadt werden Jnden gerettet! Ein rationelles Verfahren. Von den jüdischen Ärzten. Schönerer. Unsere nächsten Aufgaben. Die Wiener Kultuswahlen: Was ist’s mit der Kultuswählerliste? Zwei Utase; Die Administration der Kultusgemeinde. Aus dem jüdischen Lehen. Nationale Solidarität. Feuilleton: Jerusalem. Liste der Veberläufer. Vereinsnachrichten, Parteinachrichten. Zionisten! Es ist unbedingte Pflicht jedes Gesinnungsgenossen, die »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten! 2 Wiener Kultuswähler! Im November finden die Wahlen in den Wiener Kultusvorstand statt. Wer sich das Wahlrecht sichern will, muss bis zum 24. September die Kultussteuer für das Jahr 190S erlegt haben 1 Vom 10. bis 24. September hat im Steueramt der Kultusgemeinde I., Seitenstettengasse 4, ";die Wählerliste aufzuliegen. Prüfet ob ihr darin und zwar mit der richtigen Wohnungs- (und nieht Geschäfts-) Adresse verzeichnet steht. Spendet und sammelt bei allen Anlässen für den „Kultuswahlfonds“. Das oppositionelle Kultuswahlkomitee, Wien IX., Türkenstrasse 9. ¥¥¥•«*¥ ¥!¥¥¥¥!¥¥»: II. Jahrgang. * » . \ i * 9t I v* ■ Rundschau. In der Leopoldstad werden Juden gerettet! R.St. Die Sache verspricht wenig Erfolg aber viel Amüsement, wird zwar nicht billig sein, aber hol’s der Teufel, die Leopoldstädter fortschrittlichen Juden sind keine Schnorrer und lassen sich ein politisches Spösschen auch was kosten. Zum Retter aus der christlichsozialen Not wurde höchst feierlich Baron Hock proklamiert. Drei Sendboten haben ihn mit Triumph und der Stadtbahn aus der ländlichen Einsamkeit hereingeholt. Seine Person bildet den Damm, an welchem die reaktionäre antisemitische Sturmflut zerschellen soll. Wer sich hinter i diesem Damme sicher fühlt, muss sehr, sehr viel Gottvertrauen besitzen oder sehr, sehr gut schwimmen können. Wer ist Hock? Zur "nämlichen Zeit wie die’ Gföckenhate lind Pepitaröcke kam auch er in Mode und aus ungefähr ebenso tiefliegenden und naturnotwendigen Gründen, ln einer Periode der grössten liberalen Flauheit wusste er sich folgende grosse Verdienste zu erwerben: Er fand infolge absoluter Harmlosigkeit Wohlgefallen in den Augen der von allen politischen Parteien schnöde verlassenen »Neuen Freien Presse“, er wurde ferner aus der deutschfreiheitlichen Partei herausgeworfen, respektive nicht hineingelassen und entwickelte weiters die für grosse staatsmännische Begabung zeugende Fähigkeit, die Worte „Freie Schule“ dreiundsiebzigmal in der Minute ohne Zungenstolpern herunterzuratschen. FEUILLETON. Jerusalem. Zwei Dritteile der jerusalemitischen Bevölkerung sind jüdisch. Die Juden bilden daher in der Stadt eine Macht und Jerusalem ist eine der wenigen Städte Palästinas, wo sich der Jude zu Hause fühlt und in einem ausgesprochen jüdisch-kulturellen Milieu lebt. Die türkische Verwaltung pflegt sich in das innere Leben der Bevölkerung nicht zu mengen und nimmt auf die nationale Eigenart einer jeden Gruppe grosse Rücksicht. Datier herrscht in den einzelnen Gebieten jenes Volk, das die Majorität besitzt. Die Kultur, die Sprache, die Sitten und die Verwaltung der Majorität äussern sich in jeder Betätigung des allgemeinen Lebens der betreffenden Stadt, ln Jerusalem aber können die Juden einen umso grösseren Einflugs erringen, als der Dritteil der Bevölkerung, welches nichtjüdisch ist, kein homogenes Ganze, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen Nationen und Pveligionsgruppen darstellt, die einander feindlich gegenüberstehen. Die Juden sind aber auch keine einheitliche Gruppe. Sie sind vielmehr in viele Gruppen von verschiedener Sprache und Kultur gespalten und können daher nicht als einheitliche und geschlossene jüdische Macht nach aussen a u f t r e t e n und wirken. Wenn die Juden trotzdem in Jerusalem so starken Einfluss besitzen, so ist dies deshalb der Fall, weil keine andere starke Kultur da ist, weil die türkische Regierung, die in Palästina schwach ist (Türken sind fast in ganz Palästina nicht vorhanden), sich in Jerusalem auf die “Majorität stützen muss und weil die grandiose jüdische Kultur der Vergangenheit in Jerusalem stark nach wirkt. Die Juden betrachten sicli in Jerusalem nicht als einen gleichartigen Teil der allgemeinen Bevölkerung, sondern sie spielen in der Stadt die Rolle einer anerkannten besonderen nationalen Gruppe. ln der Türkei scheidet man nicht zwischen Religion und Nation. Der Ghacham- Baschi ist daher der offizielle Vertreter aller jerusalemitischen Juden. Er wird durch einen speziellen Ferman des Sultans ernannt. Die Einsetzung in sein Amt erfolgt mit grossem Pomp, Dem Chaeham-Baschi werden militärische Ehren erwiesen. Er wird, als eine der bedeutendsten offiziellen Persönlichkeiten Jerusalems betrachtet. Zum Zeichen seiner Würde ist ihm ein eigener Kawass beigegeben. Dem Chacham-Basehi steht das Recht zu, die Gerichtsbarkeit über die Juden auszuüben. Der Gerichtshof, dem er vor: steht, ist von der Regierung anerkannt und die türkische Verwaltung ist verpflichtet, seine Beschlüsse durchzuführen. Die Ghaehamim und Rabbinen gelten als die Vertreter der jüdischen Nation und gelten ungefähr so viel, wie die Konsilien der anderen Völker. An jüdischen Feiertagen statten Regierungsvertreter und die ausländischen Konsilien den Ghaehamim offizielle Besuche ab. Die Juden spielen in Jerusalem im grossen ganzen die Rolle der dominierenden Nation. Wenn ein jüdischer Abend stattfindet, eine jüdische Feier begangen oder eine jüdische Anstalt eröffnet wird, erscheinen die angesehensten und vornehmsten Mitglieder der mohammedanischen und christlichen Gesellschaft. — Der Samstag und die jüdischen Feiertage machen sich in Jerusalem sehr stark fühlbar. Die jüdischen Regierungsbeamten, die jüdischen Beamten der europäischen Poslanstalteu und sogar der privaten christlichen Unternehmungen, wie des Credit Lyonnais, haben den Samstag dienstfrei. Die jüdischen Satzungen und die jüdische Vergangenheit werden in Jerusalem auch von der u i c h t j u d i s c h e n Gesellschaft geachtet. Die Nichtjuden suchen die jüdischen Altertümer auf und sehen auf Schritt und Tritt die lebenden Erben des grossen Volkes, das im Verlaufe der Jahrtausende so viel geschaffen hat. Unwillkürlich müssen sie ein gewisses Gefühl der Bewunderung, das sie für die vergangenen Geschlechter empfinden, auch auf die heutigen Juden übertragen. Aber auch die jerusalemitischen Juden fühlen sich in Jerusalem ganz anders als überall. Sie sind selbstbe-