Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-09-04 · 36 (4.9.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438202--0731-2440269
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

1 Üeite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 36 cfsm noch der Beschluss einst'mraig gefasst wurde, an den Nestor derjüdischen Literatur Mendel Mocher Sforim (Abrahamowicz) ein Begriissungstelegramm aibzusenden und eine vom Herrn Löbel Taubes proponierte Geschäftsordnung en bloc zur Annahme gelangte, ivuide zur Wahl des Präsidiums geschritten. Das Ergebnis der Wiahl ist folgendes: Dr. Nathan Birnbaum, Vorsitzender: J. L. Perez, Dr. Chaim Schitlowsky. und Löbel Taubes, Stellvertreter. Ins Sekretariat wurden gewählt: Oh. D. Nomberg,‘ Dr. Sottek, Singer, Weissmann, Kleinmänn (,'Emunah“), Kahn und Frl. Rostier. Mit dem' Verliesen iä&r in grosser Anzahl eingetroffenen BegrüisungstelegraiTtrne wurde die Sitzung' geschlossen und die nächste für Montag vormittags anberaumt. Am Nachmittag fand eine grosse Volksversammlung statt, zu der sich trotz der glühenden Hitze eine überaus stärke Zuhörerschaft ein gefunden hatte. Auf der Tagesordnung stand „Die Bedeutung der jüdischen SFriachkonferenz“. Zu diesem Punkte waren als Referenten die Herren Dr. Ghaim Schitlowsky, -I- L. Perez und Löbel Taubes angemeldet. Ausserdem sprachen -noch mehrere andere. Die Versammlung dauerte ungefähr dnai Stunden und nahm einen würdigen Verlauf. (Schluss des Berichtes in nächster Nummer.) der antisemitischen Propaganda in Triest sein. Jedenfalls täten die Triester Juden gut, in der fetzigen Zeit, w oin Triest der nationale Gegensatz zw scheu Italienern, Slowenen und Deutschen (stark angewachsen ist und zu den nationalen Gegensätzen sich auch die konfessionellen und sozialen hinzugeseBten, sich auf Wahrung ihrer e i g e - n en Interessen zu beschränken und alles zu unterlassen, was den nationalen und konfessionellen Hader, ergo auch den A n t i s e m ä t i s m u |s, vermehrt. * * * Bukowinaer Mauscheln. Itzkany. Am 26. August traf der von den Juden gewählte deutschnaiionale Abgeordnete Keschmann in Itzkany ein, um über seine parlamentarische Tätigkeit Bericht zu erstatten. Selbstredend hatten sich die hiesigen Geldjuden m schwarzem Rock und’ Zylinder am Bahnhöf eingefunden, um „ihren“ Abgeordneten zu empfangen. Juden hielten Begrüssungsansprachen, Juden ttattcten ihm' Besuche ab. Es erweckte den Anschein, als ob die Juden dem Abgeordneten Kesotimann für seine Tätigkeit im Parlamente Dank abstatten, trotzdem man erst vor kurzem Gelegenheit •hatte, seine Judenfreundlichkeit bei' der Abstimmung über die Resolution Schmidt kennen zu lernen. Im Parlamente fand Keschmann nicht den Mut, gegen die bekannte Resolution zu stimmen, nisieren, denn es ist Gefahr vorhanden, dass sich unter ihnen assimilatorische Tendenzen regen werden. Dias würde dieselben verhängnisvollen Früchte tragen, wie die Assimilation unter den westeuropäischen Juden.“ Dr. Ehrenpreis ist der Ueberzeugung, dass die Aussichten des Zionismus jetzt giinst ger seien, denn. je zuvor. * * * Deputiertenwahl in Saloniki. Saloniki. Dem „Daily Chromicle“ zufolge ist im Salonrkier Sandscbak ein heftiger Wahlkampf entbrannt. Es sollen sechs Deputierte gewählt werden, drei- Türken, ein Bulgare, ein Grieche und - ein Jude. Die Chancen des Juden sind ausgezeichnet, weil Saloniki bekanntlich eine zahlreiche ' jüdische Bevölkerung hat. V * * Ein jüdischer Sous-Präfekt. Konstaritinopei. Seine. Exzellenz Bohor ,Erfendä Askenazi ein Jude, witrlde vom neuen Kabinett zum Souspräfekten von Konstantmopeil ernannt. - Askanazi Ist in der Türkei geboren und ' ein Schüler der Konstantinapeler Kultüsgemeinde- ’ schule. Er war zuerst Uebersetzer im Ministerium des Aeussern und bekleidete, -hernach mehrere höhere Staätspolstan. Vor einigen- Jahren wurde er zum Staatsrat ernannt. Bohor Effendi ist als einer der bedeutendsten türkischen Schriftsteller in seinem Wahlbezirke aber tritt er unterden |-allgemein geschätzt - Er ist auch ein tüchtiger Aus dem jüdischen Leben. Wahlenthaltung der Zionisten. Lemberg. Am 7- September findet im eristen Lemberger Wahlkreise, dessen Abgeordneter Dr. Malachowski gestorben Ist, eine Ersatzwahl statt Das zionistische Zentralkomitee von Galizien empfehlt allen Gesinnungsgenossen Wa-hlenthaütung, weil die Kandidaten, die sich um das Mandat bewerben, die jüdischnationalen Forderungen nicht anerkennen. * * * Ein Pogrom en miniature. StanFslau. Der „Sokol“-Vereur in Glogow feierte am Vorabende des 9. A<b des jüdischen Trauertages das Jubiläum des Papstes durch Illumination und-festlichen Umzug. Diese feiernden Christen wollten aber, dass auch die Juden sich mitfreuen und ihre Häuser aus diesem Anlässe illuminieren sollen. Die Juden verweigerten dies natürlich mit Rücksicht auf den nationalen und religiösen Trauertag. Die „Sokolisten“ rächten ßich •dafür und schlugen säst sämtliche Fensterscheiben der Judenhäuser in Trümmer. Die christlichen Häuser, d e aus irgend einem Grunde nicht illiMiHniert waren, blieben natürlich verschont . . . * * * Der Antisemitismus in Triest Triest (Orig.-Korr.) Der alte Erfahrungssatz, dass der Antisemitismus überall die Begleiterscheinung des nationalen Chauvinismus ist,' bestätigt sich nun auch bei den Italienern. Schon bei -den letzten Reichsratswahlen zeigte sich deutlich der Niedergang der italienischen Pseudoliberalen und ExtrenHiationalen; es wurden arisser itabenischen Sozialdemokraten vorwiegend italienische christlichsoziale Antisemiten in S ü d t i r o 1 und im Küsten la n d e gewählt, die auch durch ihr Votum für den Sc hm id'sehen Schulantrag ihre antisemitischen Anschauungen -dokumentierten- Das Zentrum der italienischen antisemitischen Bewegung ist aber Triest, wo es allerdings schon geraume Zeit eine antisemitische- Bewegung gäbt, die früher latent, nun immer offenkundiger auftritt, gefördert durch die vielfach chauvinistisch-italienische Richtung der Triester Juden, welche sich durch ihren italienischen Chauvinismus überdies die Triester Deutschen und Slowenen, die tatsächlich an die Wand gedrückt werden, zu Gegnern machten. Nun kam es vor kurzem zu einem Prozesse zwischen dem Führer der Triester Antisemiten und der dortigen" Aerztekammer, weil letztere, wegen der Bezeichnung eines Jüdischen S y n h e d r i u m s beleidigt, klagte. Der Freisp'ruch des;angeklagteri Antisemitenhäuptlings erregt nun im christlichsozialen Lager von Triest grosse Freude und dürfte Wasser auf die Mühle Juden ganz sicher "und fs-egesgewrss aus. In -der Wählerversammlung .bekundeten die Geldjuden wieder ihren Servilismus. Trotzdem unzählige Deutsche in der Versammlung anwesend waren, waren es ausschliesslich Juden, welche Keschmann lobten und unzählige Male hoch leben Kessen. Ai's endlich ein zufä'lig hier weilender Zionist vom Abg. Keschmann Rechtfertigung über sein Verhalten bei der Abstimmung über die Resolution Schnvdt verlangte, waren rasch die Mauscheln wieder zur Hand. Sie schrien aufgeregt: „Es gehört nicht hierher“, „Sie s-nd kein Wähler“ nisw. Auf die Anfrage des Zionisten gab der Abgeordnete folgende Erklärung; „Die Resolution Schmidt war eine Komödie, darum beschloss der Klub, dem ich angehöre, sich "von, der Abstimmung zu, enthalten. Im übrigen ist die Resolution Schmidt nachden Staatsgrundgesetzen’ unddürchführbar.“ Üm über diese Antwort keine Debatte abwickeln zu lajssen, schloss rasch nach der Erklärung Kescbmanns der Vors. Goldberg die Versammlung. In der Liste der Abgeordneten, welche für die Resolution Schmidt gestimmt haben, findet man viele Klubkollegen des Abg. Keschmann. Die Erklärung des Abg. Kdschmann ist somit unwahr. Er müsste den Juden eine Lüge auftischen, denn bei den nächsten Wahlen sind doch wieder die jüdischen Stimmen und Agitatoren nötig. Interessant ist, dass Abg. Keschmann in Eisenau einem Deutsch-Antisemiten auf die Frage, warum er nicht für die Resolution Schmidt gestimmt habe, dieselbe Antwort gab, wie dem Zionisten in Itzkany. Diese doppelzüngige Antwort lä^st ihn beiden. Parteien gerecht werden, wirft aber ein deutliches Licht auf seine Aufrichtigkeit in bezug aufdie Juden. Die Juden aber, die sich vom Abg. Keschmann betrügen lassen, würden es verdienen, die Folgen der Keschmannschen Komödien und die Behandlung, die ihnen nach den Staatsgrundgesetzen in Kasohmannscher Auslegung gebührt, zu spüren. m. s. d. * * * Dr. Ehrenpreis über die Aussichten des Zionismus. Sofia. Dr. Ehrenpreis .reiste zur Zeit der Konstjtutionsverleihung nach. Konstantinopel, uni die Verhältnisse zu studieren. Nach Sofia zurückgekehrt, ärisserte er sich über die Aussichten des Zionismus unter dem neuen Regime. Er meinte: „Ein abschliessendes Urteil wird man erst nach der -Eröffnung des Parlamentes fällen können. Soweit ich schon jetzt die Sachlage zu. beurteilen vermag, werden die neuen Zustände die jüdische Emigration nach Palästina fördern. Es Ist gewisk, dass das konstitutionelle Regime jüdisches Kapital und die jüdische Intelligenz in weit stärkerem Maisse als bisher nach Palästina locken wird. Meiner Meinung nach ist die Konstitution gesichert. und eine Reaktion ausgeschlossen. Ich glaube daher, dass für die’ jüdischen'Organisationen jeder Grund fehlt, den 'ziönlstEschen Bestfebühgen in Pä-;i' •lästina die Unterstützung zu versagen. Die ifächsk r liegende Aufgabe isL die türkischen.Judenjzij orga-;. Kenner des jüdischen Schrifttums und beherrscht das Hebräische ausgezeichnet, . * ± * \ D|e Feuersbrunst jn Konstantinopel. Berlin. Die furchtbare Feuersbrunst, d:e am 23. Augujst in Stambul gewütet 'inul ein ganzes Viertel im Zentrum der Stadt 'in Asche gelegt Kat, hat die zum grössten Teil. muselmanische Bevölkerung -.aufs schwerste betroffen. In dankbarer Erinnerung an die tatkräftige HÜfe, die die türkischen Behörden den Juden bei der grossen Brandkatastrophe in KonstantlnopeLHaskieu erwiesen, hat der Hilijsverein der Deutschen Juden 2500 Francs für die Opfer des Brarwunglückes. in Stambul telegraphisch angewiesen. Die A1 - liajice I s ra e 1 it-e i Um ive rse-I-Ie hat gleichfalls für diesen Zweck einen Betrag von 2000 Francs überwiesen. r Zu den Kultuswahlen Unsere Aussichten im kommenden Wiener Kultuswahlkampf. So gewiss eine politische Idee, wie die des Zionismus jeden ehrlichen Bekenner dem kleinlichen Egoismus des Alltags entrückt, vermag sie doch nicht die Unterschiede der natürlichen Veranlagung ganz auszugleichen und alle zur gleichen Höhe emporzutragen. Wenn das Zeichen zum Kampfe für die Parteir und Volkssache ertönt, werden darum die einen, dem kategorischen. Imperativ der Pflicht froh gehorchend, sich ohne weiteres Bedenken einreihen und vorstürmen, andere wieder — schwache Charaktere — werden erst ängstlich die Wahrscheinlichkeit eines Sieges abwägen und es von dem Ergebnisse dieser Erwägungen abhängig machen, ob sie eine Anstrengung riskieren sollen. 'Bei dieser Sachlage ist es nicht überflüssig, die Aussichten des kommenden Wiener Kultuswahlkampfes zu besprechen. Und ruhigen Gewissens können wir den Verzagten die tröstliche Versicherung bieten, dass diese unsere Aussichten im Vergleiche zu der Konstellation früherer Wahlkämpfe sich entschieden ge b ess ert haben. Die .wichtigste; Grundlage zu solchem Urteile liegt in der starken Verschiebung innerhalb der Wählerschaft. Zwei Jahrgänge der alten Generation, welche in der Hochkonjunktur; deutschliberaler Ideale aufgewachsen waren, 'sind seither ins Grab gesunken I und an ihre - Stelle sind zwei Jahrgänge junger Wähler. .götrQt|P,i:.der.efj. Kindheit schon pn^r^e^llipärücke'jles'siegreich;vprdringenden: Antisemitismus und des neu ..erweckten^ judischenfjNatiönalgefühtes^ stand-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.