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Jüdische Zeitung · 1908-09-04 · 36 (4.9.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ihr eigenes Ermessen zu ziehen oder gar aus dem angeblichen Mangel „eines lokalen Bedürfnisses“ das Recht für sich abzuleiten, bereits bestehende, sich selbst erhaltende Bethäuser, geschweige denn „Minjanim“ zu sperren. Das Gesetz (§ 25, Absatz 3, und § 26 des Gesetzes vom 21, März 1890, R- G.-Bl. Nr. 57) gewährt allerdings der Kultusgemeinde das Aufsichtsrecht über Privatbethäuser und Vereine, welche Zwecke rein konfessioneller Natur verfolgen, aber dieses Aufsichtsrecht ‘findet seine Begrenzung einerseits in der Bestimmung des § 1, laut welcher der Kültusgemeinde die Aufgabe zukommt, für die- Befriedigung der. religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu sorgen und anderseits in dem im §25 kundgegebenen Prinzip e, dass die freie Betätigung der religiösen Ueb erzeugung, insbesondere in ritueller Beziehung, nicht behindert werden darf. Die Gefahren, welche der Religiosität durch die unrichtige Ausübung des Autsichtsrecbtes seitens des Kultusvorstandes drohen, sind nicht gering. D**r Vorstand erteilt, gestützt auf die §§ 17, lit. a), und 79 des Statutes — welcher übrigens im Widerspruche mit den oben angeführten Gesetzen steht — Vereinen und Privatpersonen Bewilligungen („K onzessionen“) zur Errichtung von ständigen und temporären Bethäusern und macht sogar die Weiterexistenz der Privat- und Vereinsbethäuser von seineraGutdünken abhängig; ja, er beansprucht sogar für sich das Recht (§ 80 des Kultusstatutes), solchen Beihäusern jederzeit, nachGutdünken, das Lebenslicht aüszublaseD, das heisst, die „Konzession“ zu entziehen. Das Konzessions wesen auf Minjanim und Bethäuser ausgedehnt,-kann aber leicht zu einem jeder Religion fremden ULa-nMeL. m i.t . d em B e t,e n La h r en. Eine Bewilligung, als „Konzession“ aufgefasst, repräsentiert gemeiniglich einen Geldwert für den Konzessionsinhaber. Eine „Konzession“ für das Beten, verliehen an einzelne Vereine oder gar an einzelne Privatpersonen, kann als eine Zuwendung eines vermögensrechtlichen Vorteiles aufgefasst und auch zur Schaffung einer Einnahme für Privatzwecke (zum Beispiel bei Bewilligungen an Privatpersonen, temporäre Minjanim während der hohen Feiertage zu errichten) ausgenützt werden. Dieser Schein muss, unseres Erachtens, im Interesse der Reinheit unserer Religion vom Kultusvorstande aufs peinlichste vermieden werden. Es müssen daher die §§17, 79 und 80 des Kultusstätutes zunächst mit Absatz 3 des § 25 des Gesetzes vom 21. März 1890, R.- G.-Bl. Nr. 57, dahin in Einklang gebracht werden, dass bei Erteilung der Bewilligung zur Errichtung von Privat- und Vereinsbethämem ausschliesslich das religiöse .Moment -mastgebend sei, nämlich, dass sich der Vorstand bloss die Gewissheit zu verschaffen hat, dass in den neu zu errichtenden Bethäusern der Gottesdienst strenge nach den Vorschriften der jüdischen Religion abgehalten werde. Auch die Aufsicht dieser Bethäuser hat sich bloss in dieser von dem Gesetzgeber beabsichtigten Richtung zu bewegen. Von e j n em „1 o k al en Bedürfnis“ nach Beten darf im Statute einer israelitischen Kultus gemeinde keine Rede sein, denn dort, wo Juden beten wollen, da liegt schon ein „Bedürfnis“ vor, ohne dass dasselbe erst im Wege von Eingaben, Erhebungen und Beschlüssen konstatiert zu werden braucht. Noch bedenklicher aber vom-Standpunkte der Religion ist eine solche Entscbeidung über das Beten nach freiem Ermessen des Kultusvorstandes. Hiebei bestreiten wir nicht das Recht des Vorstandes —jedoch auf Grün d eines Gutachtens des Gemeinderabbin a t s — gegen eventuelle Verletzungen der Vorschriften unserer Religion seitens Privat- und Vereinsbethäusem in erster Linie durch Belehrung und Mahnung einzuschreiten, damit sieb in dieselben religions- und traditionswidrige Gebräuche nicht einschleichen oder von Unberufenen nicht eingeschmuggelt werden. Schliesslich darf nicht ausser acht gelassen werden, dass der überwiegende Teil der jüdischen Vereine in Wien humanitäre Zwecke verfolgt und eine wahrhaft für die Glaubensgenossen segensreiche Wirksamkeit entwickelt. Die Mittel dieser Vereine rühren zum grössten Teile aus-den anlässlich des öfteren Betens gemachten Spenden. Durch die Bestimmungen der §§17, lit. a), 79 und 80 des Statutes erscheinen aber die humanitären Vereine, die Minjanim haben, in ihrer Existenz bedroht. Die versuchte Anwendung dieser Paragraphen gegen den humanitären Verein „SchomreHadath* seitens des Kultusvorstandes lässt die Wohltätigkeitsvereine befürchten, dass es diesem oder einem späteren Kultusvorstande gefallen könnte, künftighin den Wohltätigkeitsvereinen das „Minj an“ zu verbieten oder den bestehenden „Minjanim“ die Bewilligung zu entziehen. Um diese, nach unserer Anschauung, gesetzwidrige Möglichkeit zu verhüten, müssen die §§ 17, lit. a), 79 und 80 des Statutes der Kultusgemeinde in Wien abgeändert werden. Die jüdische Sprachkonferenz. Am 30. August begann in Czernowitz die erste jüdische Sprachkonferenz. Die bedeutendsten Schriftsteller der modernen jüdischen Literatur haben an ihr teilgenommen. Alle, deren Namen sei es auf dem Gebiete der Poesie, des Dramas, der Erzählung oder der jüdischen Publizistik sipep. Klang haben, waren versammelt, um über die Entwicklung der jüdischen Sprache zu beraten. Bei diesem'Anlässe sei die alte Streitfrage Jüdisch-Hebräisch nicht berührt, denn diese wird nicht durch Sympathien oder Antipathien gelöst werden. Das jüdische Leben, die Entwicklung der jüdischen Geschichte werden sie beantworten. Jedenfalls . ist die Abhaltung der Sprachkonferenz und die lebhafte Beteiligung an derselben ein Zeichen des entwickelten jüdischen Nationalgefühles und als solches freudig zu begrüssen. , Nachstehend der uns zugekommene Bericht: Sonntag den 30. August begann um halb 11 Uhr vormittags in Czernowitz di; für iiim Tage airberaumte jüdische Sprachkonferenz. Zur Konferenz fanden sich ungefähr hundert Delegierte aus allen Weltteilen und 150 Gäste e'n. Dr. Natan Birnbaum hielt folgende Eröffnungsrede: Die Masse hat iast immer gern über alie diese Leute zu lachen, welche neue Wege einschlugen. Nichtsdestoweniger besiegt nach einer langen Zeit hartnäckigen Kampfes die Ueberzeugungskrait dieser „Stürmer“ die Apathie und das ironische Lächeln dieser Gegner; die neue Idee triumphiert. So vörhält sidh auch die Sache mit'der Frage der jüdischen Sprache. Diese Bewegung hat schon vor mehreren Jahren begonnen. Schon vor Jahrzehnten haben sich manche von uns gefragt: Wenn andere Völker verschiedene Sprachen ausnützen, entsteht dann eine neue Schöpfung m:t einer neuen Seide, es bildet sich eine neue Sprache. Warum zieht man die . jüdische Sprache, die aus der deutschen, hebräischen und slawischen sich herausgebildet hat, ins Lächerliche und nennt sie Jargon. Es. war damalsdie Blütezeit der Assimilation und die 'nationale Bewegung hat kaum ihre ersten Schritte gjemacht. Wahrscheinlich hat nur eine kleine Anzahl. von Leuten überhaupt etwas von dieser 'neuen Sprachenfrage erfahren, die Leute müssten aber schön darüber gelacht haben. | Der Gedanke ist aber nicht gestorben und einer seiner ersten Pioniere, Alexander Harkawy, lebt noch heute in Newyork. Als sich die jüdische Intelligenz der nationalen Idee anschloss, brachte sie der jüdischen Sprache keine Liebe, sondern Spott entgegen. Die jüdische Sprache hat sich aber nicht viel um den Spott der Intelligenz gekümmert. Die neue Zeit wollte durch die jüdische Sprache den breiten Massen Licht und Kultur bringen. Langam ist auch ein neues Geschlecht herangewachsen, welches ein tieierös Verständnis für unsere Sprache zeigte. Diese neue Intelligenz fühlte, dass das Unglück unserer Nation auch darin besteht, dass wir uns unser selber, unserer Sprache, unserer wahren Volksseele schämen. Entfernen wir diese Schmach vonunserer Muttersprache und unser Volk wird in Ehre leuchten. Dass wir aber in anderen Sprachen schaffen wollten, hat sicherlich unsere innerliche Schönheit nicht erhöht. Detr Abscheu vor dem „Jargon" war der Ausdruck des .Abscheues, welchen wir vor uns selbst hatten. Die beste Garantie für die Schönheit bietet afcur die Liebe undi Verehrung der eigenen Sprache. Während solche und ähnliche Gedanken sich jeden Tag allgemeiner vei breiteten, entwickelte sich die jüdische Literatur. Es kam «ein zweites und drittes Dichtergeschlecht und bald brach sich die jüdische Sprache durch alle Fragen unseres Lebens den Weg. Zugleich mit der wachsenden Bedeutung der Sprache wollte man auch gewisse grammatikalische Gesetze feststellen diie Orthographie regulieren und das Jüdische als eine besondere Sprache anerkennen. Die heutige Konferenz, au welcher selbst von Gegnern bewunderte jüdische Schriftsteller aus vielen weiten Ländern teilnehmen, will diese Frage in Betracht ziehen. Wir wollen aber niemand angreüen; selbst fanatische Gegner nicht, die für uns übrigens ja gar nicht schädlich sein können. Ehrlichen und achtungsvollen Gegndm werden wir ehrlich und achtungsvoll antworten. Das Wichtigste aber ist: viel, gut und still arbeiten. Die Komerenz will diese Arbeit beginnen.“ Der Redner dankt zum Schluss den Teilnehmern und Gästen für ihr zahlreiches Erscheinen, insbesondere aber dem Verein „Jüdische Kultur“, kJessen Mitglieder mit a'len Kräften sich in den Dienst der guten Sache gestellt haben, und «-öffnete unter stürmischem Händeklatschen die erste jüdische Sprachkonferenz. Stürmisch begrüsst, betritt die Tribüne J. L. Perez. Der Redner bespricht zunächst die politischen und sozialen Momente, welche die Veranstaltung dieser Konferenz hervorgerur.'eu haben- Als erstes Moment hebt Perez die Demokratisierung des Volkes hervor und bespricht die Rol'e des Chassidismus bei der Ausbildung der jüdischen Sprache. Die Beire'ung der jüdischen Frau — das zweite wichtige Moment für die Entwicklung der jüdischen Sprache — hatte ihren Widerhall in der jüdischen Literatur gefunden. Es wurden religiöse Erbauungsschriften für die Erau geschaffen. Das Erwachen des jüdischen Proletariats endlich in der Jetztzeit ist eines der bedeutendsten Momente, welche die Wichtigkeit der jüdischen Sprache für das jüdische Volk dokumentieren. Alle diese Momente würden jedoch zur Veranstaltung dieser Konferenz nicht ausgereicht haben, wenn nicht das in allen Nationen erwachte Bewusstsein und das Bedürfnis nach selbständigem Ausleben in der eigenen Sprache und Kultur wären. Und auch wir Juden, die unterdrückteste aller Nationen, haben unsere Sprache, unsere Kultur. Wir sind zur Konferenz gekommen, um einander kennen zu lernen, um die Grenze.n, die die jüdischen Literaten und Künstler getrennt haben, zu verwischen, um eine allgemeine jüdische Literatur zu schaffen. Eine weitere wichtige Aufgabe der Konferenz ist die Vermittlung der i n jüdischer Sprache geschaffenen Kultur werke an die anderen Völker, denn unser Volk muss von den anderen gehört werden. Zu diesem Zwecke wird ein Vorschlag gemacht werden, alle in jüdischer Sprache erschienenen Kulturwerke in lateinischer Transkription herauszugeben. Stürmischer Applaus erschallt nach den glänzenden Ausführungen dieses Redners. Nach-

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