Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Seite 5 JÜDISCHE ZEITUNG Aus dem jüdischen Leben. Politische Delirien in Leipnik. Leipnik. (Orig.-Korr.) Unser Städtchen ist auf dem. besten Wege, ein politisches Kuriosum rm Kampf um die Hegemonie dier grossen und kleinen Parteien, die es 'bewohnen, zu wenden. Die erbgesessenen DeutscMJberalen kämpfen nach wie vor beim Bierglas am Stammtisch mit den wuchtigsten Schlagern gegen die slawische Hochflut, deren äusseres Merkmal leicht in den Scharen der Sakolvereine zu erkennen 'ist, die unsere Stadt allwöchentlich mit ihrem Besuche beehren. Dazwischen gibt es Demonstrationsausiliige der Tschechisch-Klerikalen, Deutschnat'onalen. Sozialdemokraten usw., kurz ein politisches Babel in dieser kleinen Stadt mit 5000 Seelen. — Eine traurige Rolle spielen da'bei die hiesigen Juden. Vergangene Woche veranstaltete der h. nichtpotitische Kasino-Verein eine „intime“ Unterhaltung. Und noch vor Beginn der geselligen Zusammenkunft ward es den indischen Mitgliedern des Vereines, unter denen sich Gründer, Stii-ter und, was d:e materielle Unterstützung anbelangt, geradezu Erhalter desselben beenden, klar, dass „intim antisemitisch bedeutet. Sie wurden nämlich insgesamt bei der Einladung Übergänge «n, und als einige Juden trotzdem der Unterhaltung beiwohnen wollten, wurde ihnen kurzweg bedeutet, dass der Zutritt nur Ariern gestattet sei. Das war der Beginn der grossen Aktion, die sich die Leipnlker Antisemiten für den heurigen Sommer in den Kopf gesetzt haben und die im der Gründung eines „arischen Jugendbundes“ gipieln sollte. Am letzten Sonntag hat sich nun der „arisohe Jugenlbund" konstituiert. Vom Obmann «desselben, einem hiesigen Realschulproiessor, wurde zwar den neuen Mitgliedern das stille Versprechen abgenominem, Ihnen Antisemitismus) nicht offen zur .Schau zu tragen. Aber schon beginnt aus dem stillen Antisemitismus ein unangenehm lauter zu werden, in Ider letzten Sitzung der hiesigen Gemeindevertretung, die dank der jüdischen Stimmen'noch' iriurier eine deutsche Majorität besitzt, wurde das Ersuchen der Leipniker Kultusgemeinde um Verlegung des Markttages, an dem heuer Jom kippur fällt, zum erstenmal e abschlägig b e s c h i e d e n, wobei der Referent den jüdischen Ausschussmii tgll cd e r n klipp und! klar bedeutete, dass sie i n e 1 m e m c h r 1 s 11 i ch e n Staate leben* und die Anordnungen desselben zu r e s«p qk 16e r en h ä.t t e n. Dem 'Kultusvorstand scheinen alle diese Sachen nicht sonderlich nahe zu gehen. Bekanntlich steht er als Beklagter mit dom deutschnationalen Reichsratsabgeordneten Prof. Sommer in einem „hochwichtigen“ Ehrerjbeteiidiigungsprozesse. Der Leipniker Kultusvorstand richtete nämlich an das Kuratorium der Olmützer Handelsakademie, die grösstenteils von Jüdischem Gelde erhalten wird, die Aufforderung, Dr. Sommer, der an dieser Schule als Professor wirkt, wegen seiner Abstimmung bei der Resolution Scbmid seines Amtes zu entsetzen. Es ist hoch an der Zeit den Leipnäker Juden zu sagen, welohe Gefahr auf sie wartet. Für die nächste Zeit plant die hiesige jüdLschnatiomale Fernalvenbindung „Massada'h“ eine Versammlung. Gg. * * * Die Kurkommission in Baden — antisemitisch. Baden bei Wien. (Orig.-Korr.) Bekanntlich wird der berühmte Kurort Baden bei Wien grösstenteils von jüdischen Sommergästen besucht, dagegen ist die Zahl der ortsansässigen Juden eine ziemlich geringe. Daher 'hat hier die deutschliberale Gemeindevertretung die Möglichkeit, ihrer Judenreindlichke'.t ungehindert zu iröhnen. Die gerifige Anzahl der jüdischen W ä h.I e r. fürchtet man nicht, die jüdischen Sommergäste bringen auf jeden Fall alljährlich schweres Geld in . den Kurort, die Badener „Liberalen“ können daher im Gegensatz zu den mährischen und böhmischen es sich gestatten, ihr wahres antisemitisches Gesicht zu zeigen. Ein besonders krasser Fall solcher Gesinnung zeigte sich in der letzten Woche. Im Lesesaale des Kurhauses liegen unter anderen sämtliche antisemitischen Zeitungen auf. Einige Zionisten verlangten nun in einem gehörig motit vierten Besuche, dass auch die „Jüdische Zeitung“ abonniert werde. . Dieses Ansuchen wurde mit der lächerlichen Begründung abgelehnt, dass das Zeitungsbirdget bereits längst überschatten sei. Daraufhin erlegten unsere Gesinnungsgenossen den Abonnementsbetrag und erwarteten nun, ihr Parteiorgan i'm Lesesaale aufliegeii zu sehen. Weit gefehlt! D:e Kurkomnrssüm verbot streng, dass das Blatt auiliege und liess sich durch nichts von ihrem Beschlüsse abbringe n. Unter den jüdischen Kurgästen ist die Aufregung über ö.eses antisemitische Gehaben gross. Eine in der nächsten Woche stattrindende jüdische Volksversammlung wird sich mit diesem unglaublichen Vorgehen eingehend beschäftigen. Baden wird nun auch in der Liste der antisemitischen Kurorte Aufnahme linden. P. D. ♦ * * Abg. Tryiowski über die jüdisch-nationale Partei. Lemberg. (Orig.-Korr.) Anlässlich eines Interviews eines Mitarbeiters des Lemberger Tagblattes mit dem radikalen rutbeniseben Abgeordneten Dr. Tryiowski äusserte sich dieser iolgendermassen. Im Falle einer Verständigung der Polen und Ruthencn wird die jüd isch-nationale Polit.'k gewiss eine starke Förderung erfahren. Die Rutheiten fordern unbedingt die Aenderung des autokratischen Systems in der galizOschen Verwaltung und de Demokratisierung des Wahlrechtes. Die nationalen Juden werden aus diesen Reformen Nutzen ziehen. 1m Verlaufe des Interviews sagte Dr. Tryiowski weiters: „Ich weiss, dass die zionistische Partei v o 1 k s a u f k I ä r e n tl und f o r t s c h r i 11- 1 i c h w i r k t. loh schätze sie darum sehr hoah. Ich kann ihr in Galizien eine sehr schöne Zukunft Voraussagen. Es liegt im Interesse aller fortschrittlichen Elemente des Landes, die zionistische 'Bewegung zu unterstützen.“’— So lautet das Urteil eines wahrhaft freiheitlichen und demokratischen Politikers. Die Einweihung einer Synagoge. Tarnow. (Orig.-Korr.) Dienstag den 18. August fand dl.'e feierliche Einweihung dei neuen Synagoge statt. Die Genesis dieses «Baues reicht tief bis ins vorige Jahrhundert hinein und eine ganze Legende knüpft sich an seine bewegte Entstehungsgeschichte. , Im Jaihre 1864 wurde der Grundstein gelegt, doch kannten aus Mangel an Mitteln nur die Wandmauern aufgcfülhrt werden, die mehr als ein Menschenalter .uniertig, den Unbilden des Wetters ausgesetzt, als ein trauriges Wahrzeichen Jüdischer Indolenz im Golus clastandeu. Jahrzehntelang vernachlässigte man das Bauwerk gänzlich, bis die Kultusgemeinde vor ungefähr 8 Jahren unter Idem Drucke der Behörden zur Synagogenfrage Stellung nehmen musste. Vor die Alternative gestellt: entweder Demolierung oder Vollendung, entschloss sich (die Kultusgemeinde das Gebäude zu Ende zu führen, was ihr auch unter grosser Kraftamstrengung gelang. Aber die Freude am vollbrachten Werke entsprach nlaht Im geringsten der Grosse der Opfer, die zur Vollendung des Gotteshauses aufgowendet wurden. Die sogenannte Eröt.’nungs f e i e r hatte nichts 'Feierliches an sich. Der religiöse "Akt der Einweihung vollzog sich tagszuvor in aller Stalle bei geschlossenen Türen. Offenbar wollte man sich vor den „polnischen Brüdern“, die zur offiziellen Feier eingelafden waren, nicht allzu „jüdisch“ zeigen. Am liebsten hätte man sich die alten bärtigen Gestalten mit den Schläienitocken und langen Kaftanen vom Halse geschafft, um sich ungestört „polnisch“ geberden zu können. Ihr Korrespondent war Zeuge folgender Szene. Ein Ordner mit der rot-weissen Kokarde an der Brust forderte einen Juden in langen Kleidern, dessen Eintrittskarte zufällig die Npmmer eines Sitzes in der Reihe der „Vornehmen“ trug, auf, senen Platz zu verlassen. Als der Mann unter Hinweis auf seine Nummer dagegen protestierte, erwiderte der biedere Ordner: „Das muss e:n Irrtum sein, hier darf dieser Herr nicht sitzen; diese Plätze sind für die christlichen Gäste bestimmt. So lastete alpschwer der böse Geist der Asslfmiiatilon auf den jüdischen Gemütern, und die festliche Stimmung, die die Arrangeure simulierten, wollte sich den Anwesenkteui nicht mitteilen. Die „christlichen Gäste“ vertrieben sich d.e Langeweile, indem sie die Frauengalerte musterten; die versammelten Juden aber hörten apathisch zu, wie man sie wiederholt und 'bis zum Ueberdrusse auironderte, den „polnischen Brüdern“ für ewige Zeiten dankbar zu sein, weil . , . nun wert mau in Tarnow eine Synagoge mit jüdischem Gefde erbaut hat! Freue dich, Moschko, und juble! Gban. * . * Versammlung des jüdischen Nationaivereines. Czernowitz. Am 22. d. fand eine vom jüdisc.ien Nationalvereine elnberufene Versammlung nvt der Tagesordnung: die christtichsoziale Bewegung statt. Dr. Diamant wies an der Hand der wirtschaftlichen und poetischen Lage Idfer Judenschaft des Landes nach, «dass der Lärm der Bukow.naer Christliohsozialen über die Herrschaft der Judenschaft, über die Knechtung und Unterdrückung des christlichen Volkes völlig unbegründet st. Weiters beschäftigte sich der Reierent m.t den Angriffen der Christliohsozialen auf HE*; jüdische Volk und die jüdische Religion in den chirlstl'ichsoztalen Parterblättern und gab seinem Bedauern Ausdruck, dass diese Ausfälle von der Staatsanwaltschaft in Czernowitz und dter Landesregierung geduldet werden. Dr. Kinsbrunner kritisierte die ungesetzliche Vorgangsweise des Landesausschusses und die von Ihm getroiienen feindlichen Bestimmungen des Gesetzentwurfes insbesondere die 'Bestimmung über dien Steuerzensus, der zufolge den Juden kein einziges Mandat zugesxheFt erscheine. Zum Schlüsse seine nAusliihrungen nahm die Versammlung einstimmig Resolutionen gegen die Haltung der Behörden gegenüber der christlichsozialen Bewegung, wie auah gegen dlie Vorlegung der Landtagswahlrefonm zur kaiserlichen Sanktion an. * # * Pansemltismus. Kairo. (Orig.-Korr.) In einer grossen Versammlung hielt ein Araber eine zündende Rede» In der er für den Zusammenschluss aller semitischen Völker Propaganda machte. Am Schlüsse senior Redet bediente er stich der ihobiäisohen Sprache und erklärte, alle semitischen Völker müssten die zionistische Bewegung fördern, weil die Juden derzeit als der kulturell höchststehende semitische Stamm berufen erscheinen, ander Spitze der semitischen Völkeriamilie zu marsch i er e n. Die neue pansemitische Idee mag manchen sonderbar anmuten, gewiss aber ist es., dass der allgemeine Kulturzustand der semitischen Völker einen ungeahnten Auischwung erfahren muss, sobald die zionistische Bewegung ihr Endziel erreicht hat. De Araber haben tatsächlich ein eminentes Interesse daran, den Zionismus nach Kräften zu unterstützen. » * » Jüdische Parteien In der Türkei. SalonikL Wie irrig die Meinung von der politischen Unreife und Indolenz der türkischen Juden istt beweisen die Vorgänge in Saloniki!, wo anlässlich der Parlamentswahlen «mehrere jüdische Parteien einander gegenüberstehen und 5hre Programme mit viel Temperament vertreten. Vorige Woche kam es während einer grossen, jüdischen Versammlung zu lebhaften Diskussionen, in denen Orthodoxe und Zionisten, Spanfiolen und Aschkenasims ihren speziellen Wünschen und Forderungen Ausdruck gaben. Die Regierung verhält sich ganz neutral und nimmt auf de Wahlvorbereitungen und die Bildung der Wahtkomitees keinen Einfluss. * * * Die jüdischen Gemeinden iür den Zionismus^ Sofia. Die Vorstände der jüdischen Gemeinden in Bulgarien haben beschlossen, einen gewissen Prozentsatz der eingehenden Gemeindesteuern dem NaFonalionds zuzuführen.