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Jüdische Zeitung · 1908-08-28 · 35 (28.8.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Brief aus der Bukowina. „Nur wenn wir im Kot uns fanden, da verstanden wir uns gleich.“ Dieser Satz gilt für die rumänischen und deutschen Politiker unseres Kronlandes. Im Zeichen des Antisemitismus haben sie sich gefunden und nun veranstalten sie einträchtig die rüdeste Judenhetze. Das „Bukowinaer Volksblatt“ fordert in jeder Nummer zu Totschlag auf, es verleumdet uns, predigt Mord und die Staatsanwaltschaft findet keinen „Anlass“ einzuschreiten. Der von den jüdischen Blättern in den Himmel gelobte Chef der Landesverwaltung, Herr v. Bleyleben mengt sich nicht in den Streit. Er ist eben ein objektiver, vom Ministerium des Innern abhängiger Beamter und Gessmann ist Bienerths Kollege. Das erklärt das wohlwollende System des laissez faire. Die brutale Entrechtungstendenz der Antisemiten äussert sich am augenfälligsten in dem neuen vom berüchtigten Abg. 0 n c i u 1 verfassten Entwürfe der Landtagswahlreform, in welchem den Juden, der an Zahl drittstärksten. an Steuerkraft und Intelligenz an erster Stelle stehenden Nation, kein einziger Wahlkreis mit jüdischer Majorität eingeräumt wird. Obendrein wurde dieser Entwurf, ohne dass er im Plenum des Landtages beraten worden wäre, der kaiserlichen Sanktion unterbreitet. Die Ungesetzlichkeit dieses Vorganges sowie die Ausserachtlassung der jüdischen Ansprüche riefen in der jüdischen Bevölkerung der Bukowina berechtigte Entrüstung hervor. In allen grösseren Städten fanden Protestversammlungen statt, in welchen sowohl die christlichsoziale Invasion als der Entwurf der Landtagswahlreform besprochen und auf das schärfste verurteilt wurden. Die wackeren Brüder Doktores Kinsbrunner, Dr. Diamant, Dr. Bi er er u. a. referierten am 15. d. M. in Oesterr.-Nowosielitza und in Radautz. In beiden Versammlungen wurden gleichlautende Resolutionen folgenden Inhaltes einstimmig angenommen: 1. Die Versammlung erhebt gegen die Duldung, deren sich die strafgesetzUeh verpönten Angriffe der deutschen und rumänischen christlichsozialen Parteiblätter und Volksverhetzer auf das jüdische Volk und die jüdische Religion von seiten der Landesregierung und der übrigen Behörden erfreuen, Protest, konstatiert, dass dieses Verhalten der Behörden die Judenschaft vogelfrei erklärt und fordert, dass das Gesetz auch zum Schutze der Juden angewendet werde. 2. Die Versammlung erhebt Protest gegen die Vorlegung der Landtagswahlreform zur kaiserlichen Sanktion. Die geheime Vorgangsweise des Landesausschusses verletzt die Verfassung und umgeht in gesetzwidriger Weise das Bestimmungsrecht der Landesvertretung. Der Entwurf vernichtet die ohnehin schwache Vertretung der städt. Interessengruppe im Landtage, und bedroht durch künstliche Zusammenlegung von Kampfbezirken den Frieden im Lande. Das krasseste Unrecht fügt der Entwurf jedoch den Juden des Landes zu, indem er ihnen nicht nur die ihnen nach Zahl, Intelligenz und Steuerleistung zukommende Anzahl von Mandaten vorenthält, sondern ihnen kein einziges sicheres Mandat zuweist. Es ist zu erwarten dass diese Proteste die beabsichtigte Wirkung haben werden, umsomehr als auch andere politischen Parteien des Landes auf das heftigste gegen den Wahlreformentwurf ankämpfen. Wie ungesund die Verhältnisse im Lande im allgemeinen und die der Juden im besonderen sind, zeigen die verschiedenen Prozesse und Korruptionsaffairen, in. welche viele Mitglieder des Richterstandes und politischen Führer verwickelt sind. Wie seinerzeit in der liberalen Aera in Wien einige Börsejuden durch ihre Manipulationen den Hass der Bevölkerung heraufbeschwören halfen, so wirtschaften jetzt bei uns einige reiche jüdische Familien unverantwortlich, bringen alles unter ihren Einfluss, bereichern sich und die zum grössten Teile arme, jüdische Bevölkerung hat dann für die Sünden der wenigen Oligarchen, die sich um das Schicksal ihrer Volksgenossen weiter nicht kümmern, zu büssen. In der Bukowina erregt derzeit die jüdische Sprachkonferenz, die am 30. d. M. eröffnet wird, das grösste Interesse. Sie wird im jüdischen Nationalhause, einem der schönsten Gebäude der Landeshauptstadt tagen. Die bekanntesten jüdischen Dichter und Schriftsteller werden anwesend sein. Während der Tagung der Konferenz werden im Stadttheater jüdische Stücke aufgeführt werden. Das rührige Vorbereitungskomitee, hauptsächlich aus Mitgliedern des Wiener Vereines „Jüdische Kultur“ bestehend, plant eine imposante literarische Veranstaltung, bei welcher Morris R o s e n f e 1 d, J. L. Perez, Schalom Asch u. a. mitwirken werden. Das Programm der Konferenz ist noch nicht endgültig festgesetzt. Vorläufig hat Sch. Asch das Referat über „Bibelübersetzung“, Dr. Birnbaum „Das junge jüdische Geschlecht und diejüdische Sprache“, M. Spektor „Die jüdische Presse und die jüdische Sprache,“ N. Prilutzki, Knöpfe gab ich dem Goldschmied, und für das Geld habe ich den Sabbat bestellt. Meister, als ich das hörte, da gingen mir die Augen von Tränen über, so gross war die Freude, die mir aus dem Herzen kam. Und ich warf mich nieder vor dem Herrn und dankte ihm, dass er meines Sabbats gedacht hatte. Ich sah mein Weib und sah ihr gutes Gesicht von meinem Glücke widerstrahlen. Da wurde mir warm und ich vergass der vielen kümmerlichen Tage und fasste meine Frau und führte sie im Tanze rund in der Stube herum. Dann ass ich die Sabbatsuppe und mir war immer leichter und dankbarer zumute; da tanzte ich in Freuden und Lachen ein zweitesmal, und als ich die Zukost verzehrt hatte, tat ichis zum dritten. Sieh, Meister, so gross war mein Glück, dass diese Segensgabe am Sabbat mir von Gott allein und nicht von den Menschen gekommen war. So konnte ich mein Herz nicht verschliessen. in dieser gewaltigen Freude, Herr, wenn es aber, wiewohl es mir im Sinne lag, mich damit vor Gott zu neigen, unwürdige Torheit war vor dem Höchsten, dass ich mit meinem Weibe getanzt habe, so gebet mir die gnädige Busse, und es soll an mir nicht fehlen, dass ich sie' verrichte.“ Hier schwieg Sabbatai, der Buchbinder. Und der Baalschemsprach zu seinen Schülern: „Wisset! Alle Heerscharen des Himmels haben mit ihm gejubelt und mit ihm sich im Reigen gedreht, und eine goldene Freude strahlte im Paradiese um der Freude dieser beiden alten Herzen willen . . Und ich, der all dies sab, lachte darob mit ihm zu den drei Malen.“ Allerlei. Eine Bombengeschichte. In der Rue Berthelot in Paris hatten zwei russische Studenten eoe Mansardenwohnung inne. Eines schönen Tages waren die Studenten verschwunden und hinterliessen einen Sammetbeutel sehr verdächtigen Aussehens. Die Wirtin verständigte die Polizei, dass Studenten in ihrer Wohnung Bomben hinterlassen hätten und bald fand sich ein Potizeikommissär mit einigen Wachleuten ein, die den gefährlichen Samtfbeutd zur PoiizeAlLvektl'an transportierten. Dort wurde er unter Anwendung der weitgehendsten Vorsichtsmassregeln behutsam geöffnet und man fand darin — ein Paar Tefiilin. Die Zahl der Juden in Süd-Australien betrug nach dem Statistical Register of South Austraiira, Bd. VII rm Jahre 1906 im Ganzen 786; davon waren 406 männlich und 380 weiblich. Die Gesamtbevölkerung Süd-Australiens bestand aus 362.604 Personen, und zwar aus 184.422 männlichen und 178.182 weiblichen. Die Juden machten also 0,22 Prozent der gesamten Bevölkerung aus. Oie Unfruchtbarkeit der jüdischen Frauen in Russisch-Polen wurde von einem deutschen Gelehrten zum Gegenstände eingehenden Studiums gemacht. Der Gelehrte berichtet, dass er im Jahre 1907 zweihundert Fälle weiblicher Unfruchtbarkeit behandelt hat Zwei Drittel der behandelten Fälle beziehen sich auf jüdische Frauen in Russisch-Polen, bei welchen mangelhafte Entwicklung die häufigste Ursache der Unfruchtbarkeit ist Der Gelehrte schreibt dies der vorzeitigen Heirat zu. „Die jüdische Bühne und die jüdischen Schauspieler“ und Abraham Reisen „Der Zustand der jüdischen Literatur in Galizien* übernommen. Vorige Woche fand in Suczawa im Beisein der Vertreter aller Konfessionen und der Behörden die Einweihung eines „Jüdidischen Hauses“ statt. * * * Will man ein aufrichtiges Urteil über die Lage der Juden in der Bukowina abgeben, so muss man sagen: Es kommen böse Zeiten. Pflicht der Führer ist es, die Juden zu organisieren und kampfbereit zu machen. Die Organisation der Bukowinaer Juden ist trotz des Tamtams, der so oft geschlagen wird, unzureichend und funktioniert nichts weniger als tadellos. Die Massen sind politisch unreif, wie vordem. Will man den Juden helfen, so muss die jüdische Gesamtheit mobilisiert werden. Aufklären und organisieren das ist die nächstliegende Aufgabe. K. Für die Kultuswahlen! Parteigenossen! Im November dieses Jahres finden in Wien die nächsten Kultuswahlen statt, wobei von den 36 Mandaten 13 erledigte zur Besetzung kommen. Das zionistische Gemeindeprogramm vertritt die Forderungen der radikalen Demokratie, der Kultusvorstand hat sich nach wie vor als Bollwerk antidemokratischer Gesinnungen und Institutionen erwiesen. Bei dieser Sachlage ist der Kampf um die Gemeindeherrschaft für uns nnausweichlich. Und wir Zionisten sind auch entschlossen, diesen Kampf als Vollstrecker des Volkswillens mit allem Nachdruck, mit Disziplin und Begeisterung und — dies sei nicht zuletzt betont —■ nur mit würdigen Mitteln zu führen. Auch bei unseren Gegnern wollen wir eine der Würde des Judentums entsprechende Verteidigung erhoffen, trotz der wiederholten bitteren Erfahrungen der Vergangenheit. Gemäss Beschlusses des Innerösterreichischen Distriktstages vom März dieses Jahres hat sich das Innerösterreichische Distriktskomitee als „Oppositionelles Kultuswahl k omit ee* konstituiert, das als solches für Freund und Feind allein kompetent ist. Hiemit ist für jeden Zionisten und überhaupt für jeden Juden, der die Gesundung und Verjüngung unseres Gemeindelebens ersehnt, das Zeichen gegeben, zu jeder Frist und an jedem Orte das Interesse der jüdischen Bevölkerung für die bevorstehende Kultuswahl zu wecken und so auf die Grösse unseres Sieges hinznwirken. Ein wichtiges Erfordernis zum Kampfe ist ein hinreichender Kriegsfonds; leider ist durch die Wahl 1906 unser Kultuswahlfonds fast erschöpft. Den derzeitigen Machthabern stehen in den Kassen der von ihnen vertretenen Millionäre Agitationsmittel nach Belieben zur Verfügung. Wir Zionisten sind aber auf den Opfermut der Parteigenossen, auf die aus den Händen der jüdischen Masse gesammelten Groschen angewiesen. Beim letzten Wahlkampfe haben wir diesen Opfermut bewährt gefunden und vertrauen ihm auch diesesmal. Für unseren Kultuswahlfonds bestimmte Spenden sind an das Innerösterreichische Distriktskomitee, Wien IX., Türkenstrasse 0, zu richten, woselbst auch Posterlagscheine zu diesem Zwecke erhältlich sind. Das oppositionelle Wahlkomitee für die Wiener Kultuswahlen 1908.

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