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Jüdische Zeitung · 1908-08-28 · 35 (28.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 der herrschenden Macht. Das jüngste Beispiel ist der „freisinnige“ Unterricbtsminister Marcbet, der erst kürzlich dem Erchenfeinde Wahrmund höchst „liberal*1 das Genick gebrochen hat. Was im eigenen Lager an der Tagesordnung war, setzte man auch beim Gegner als selbstverständlich voraus. Hört der zur Macht gelangte Liberale auf, liberal zu sein, so muss der Antisemit gleichfalls aufhören, antisemitisch zu sein. Nun ist es anders gekommen. Der Antisemitismus ist eben aus widerstandsfähigerem Stoffe gebildet als der morsche Parteiliberalismus und verträgt Erfolge. Die Christlichsozialen haben den Gipfel der Macht erklommen, sie sind heute die Staatslenker und antisemitischer den je. Unbeschadet ihrer offiziellen Würden schwelgen sie in judenfeindlichen Exzessen, die an Roheit denen aus der oppositionellen Vorzeit nicht nacbstehen. Die letzten Tage haben wieder ein trauriges Zeugnis abgelegt. 61 j ü d ischeOmnibusbedienstete wurden von der Kommune aufs Pflaster geworfen, trotz aller Verträge und salbungsvoller Versicherungen des auch von so vielen Juden als gutmütig verschrieenen Lueger, . 4er — so schwört das Gros der jüdischen Kaffeehauspolitiker steif und fest — „innerlich kein Antisemit“ ist. Das war wieder einmal eine Tat, an deren aufrichtig antisemitischer Absicht wohl nicht zu zweifeln ist. Von Popularitätshascherei kann da wirklich nicht gesprochen werden, denn der Ruin dieser 61 armen Teufel lässt sich agitatorisch gar nicht ausbeuten. Trotz aller Voraussagungen halten die Christlichsozialen an der Tendenz fest, sie machen nicht einmal in der Form die geringste Konzession. Sie lässt auch heute nichts an altgewohnter ' Blutrünstigkeit zu wünschen übrig. Bringt doch das offizielle Organ der angeblich zahm gewordenen Regierungspartei, das „Deutsche .Volksblatt“, in einer der letzten Nummern an leitender Stelle den Vorschlag, alle Juden zu kastrieren! Der liberale Optimist lacht über so was und freut sich des Besitzes seiner teilweisen- Männlichkeit. Die Wirkungen aber, die derartige noch so hirnrissige Ausführungen auf christliche Durchschnittsleser ausübeh, sind, nicht lächerlich, zumindest haben sie uns Juden nie Stoff zum Lachen gegeben. Man darf augenfälligen Begleiterscheinungen zuliebe nie den Kern einer Sache übersehen. Die beliebte Methode, den Antisemitismus als unhaltbaren politischen Schwindel und alle seine Träger als Heuchler zu bezeichnen ist läppisch und unfruchtbar. Wohl sind die derzeitigen Repräsentanten der antisemitischen Bewegung in der Mehri zahl Subjekte höchst zweifelhafter Qualität. | Aber heute und seit zwei Jahrtausenden bekennen sich Millionen zum Antisemitismus und all diese als Betrüger oder verblödete Herdentiere hinstellen, einer seit grauen Zeiten herrschenden Anschauung fort und fort stumpfsinnig beharrlich die Möglichkeit des Bestandes absprechen zu wollen, führt zu keinem Ziele. Der Antisemitismus ist als eine der hässlichsten Regungen der Menschheit zu betrachten und zu verurteilen, aber die Geschichte zwingt uns, mit seinem Bestehen und seiner Kraft und Expansionsfähigkeit zu rechnen. Was nützt es, den Gegner in der Phantasie bis zur Vernichtung zu zerkleinern, während er in Wirklichkeit zu ungeheurer Ftiikrippirjrlrt ° Die Juden der wohlhabenden IJürgerklasse können ohne sonderlichen Schaden einer sb billigen und bequemen Anschauungsweise: huldigen, denn sie sind den Folgen des Judenhasses nicht sonderlich ausgesetzt. Aber in der breiten Masse des jüdischen Volkes wirkt diese Anschauungsweiseverhängnisvoll, weil das Ver- . kennen und Unterschätzen einer Gefahr zu politischer Untätigkeit verlockt und die Widerstandskraft raubt. Rundschau. Das ungarische Judenparadies. Schon anlässlich der 'Affäre des Polony begann’s zu kriseln, die vielgerühmte Jud'eiifreundlichkeit der Magyaren iiberkarrr ein bedenkliches Wackeln. Die Verteidiger aes angegriffenen Ministers wussten sich kein besseres Mittel und stempelten den als BordelladvJdkaten und Ueferungsschwindler Gebrandmarkten zum Opfer jüdischer Ränke. Sie 'haben durch diesen altbewährten Trick seine Sache wesentlich gefördert und — Schule gemacht- - Vergangene Woche meldeten bereits alle Blätter-* dass in ganz Ungarn Aufrufe zirkulieren, die dpen Judenmord predigen. Die Verbreitung, wird nicht von obskuren Wänkelhetzem, -sondern von Organen "derbeute allmäch tigen V o Lk s p a r t e L von Pfarrern und Notabein besorgt. Diese Entwicklung ist rasch vor sch gegangen. Man vermeidet den beschwerlichen Umweg und setzt gleich dort ein, wo man anderwärts beschliesst: bei Mord und Totschlag. — Das Unvermeidliche ist ein getroffen un'd es Ist vielleicht gut, dass es eben Jetzt so kam. Die ungarische Regierungsebene rüstet zum Hetzten Schlage gegen ift unbotmässigen Eremdnatlonalen und Arbeiter. Den Vergewaltigungen durch Gendarmen und Richter soll die endgültige 'Knebelung durch ein wahnwitzig ungerechtes Wahlrecht folgen. Tn Arbeiterkreisen und in den Kreisen der verfolgten Slovaken, Rumänen und Kroaten wird die Empörung aufflammen, die Empörung gegen die Regierung und ihre Helfer. Die Juden waren 'bisher nur zu getreue Helfer. Im Vertrauen auf (das uuerschiitterlifclhe ■Wotttliwollen der Magyaren haben sie diesen dankbar und hingebungsvoll Dienste erwiesen, auch politisch anrüchige. Die letzten Proben ungarischer Rrtterbchkeit und Judeiifreundiliclikeit werden sie viellecht zur Einsicht mahnen und davor bewahren, um einer bedenklichen Freundschaft willen, den gerechten Hass von Millionen Unterdrückten auf sich zu laden. Es ist höchste Zeit, von der Chauvinistischen Regierungspolitik Abschied zu nehmen. * 4 =r Schneidige Patrioten. Tatkräftigen Patriotismus gibt's nur im Volke. Da liest man breit und gross von Kaisergeburtstagsfeiernin Hauptstädten, Sommerfrischen und Bädern, von Illuminationen und Veteranenrevuen, toastenden Bürgermeistern und stimmungsvoll gehobenen Diabetikern und Rheumatikern, Wohiltätigkeitsfesten, wo Kommerzienrätinnen mit schrecklich liebenswürdiger Bereitwilligkeit Schubertlieder gurgeln, zugunsten gefallener Mädchen, und Ministerialräte Cakewalk tanzen und Feuer fressen, zugunsten entlassener Sträflinge. Worte und Lärm, eitel Tamtam. Willst du was Gediegenes sehen, teurer Leser, dann folge mir ostwärts. Da stelht ein Städtchen, Saybusch, berühmt darob, dass die Bevölkerung keine Juden duldet, nicht e:n einziger wohnt dort, sie leben än den Nachbardörfern- Die Saybusoher sind gute Patrioten und absolvieren das Festprogramm mit Gottesdienst, Volksfest, Feuerwehirparade und Feuerwerk gewissenhaft. Sie s:ind aller noch bessere Patrioten, das Hochgefühl «i ihrer Brust verlangt Taten. Jahr iür Jahr ziehen sie nach Schluss des Festes in die Nachbarschaft und schlagenden Juden die Fenster ein. Auch heuer. Der sinnige Gebrauch -ist fest eingewurzelt und bildet den eisernen Bestand in der Flucht, der Geschehnisse. Volksfeste werden zu Wässer,- wenn das Wetter schlecht, Paraden verunglücken, wenn der Kommandant enge. Schuhe oder Kolik hat, J u d e nie n s t e r werden Immer eingeschlagen, ob schön, ob R eg e n. Die Behörden, gegen die so oft der Vorwurf erhoben wird!, dass sie des Volkes Gefühle nicht zu achten und schonen wissen, benehmen sich musterhaft, man hat von einer Störung der heiligen Handlung noch nie etwas gehört. Auch auf das patriotische Gefühl der betroffenen Juden sollen Glasscherben in der Abendsuppe und Löcher in den Köpfen der Kinder ungemein anregend wirken. So kommen alle auf ihre Kosten: die Saybuscher,’ der Patriotismus und die Juden. Brauch, dass am Mittag des fünften Tages in der Woche mein Weib hinging, um mit aller Sorglichkeit jene Dinge einzukaufen, die nötig sind, den . Sabbat zu feiern, unser Bedürfen an MebJ, Fleisch, Fischen und Lichtem. Und wenn am Vortag des Sabbats die zehnte Stunde sich erfüllt hatte, so liess ich meine Arbeit und ging zum Bethaus, um dort bis nach dem Abendgebet zu verweilen. So habe ich von Jugend an getan. Jetzt aber, da ich zu altern anhebe, hat sich das Glücksrad über mir gedreht, mein Besitz ist mir aus den Händen geschwunden, und meine Kraft, mir aus meiner Arbeit Früchte zu schaffen, ist gar gering. Nun lebe ich ein bitteres Sorgenleben, und oft ist es mir nicht gegeben, alles Bedürfen des Sabbats am fünften Tage einzuschaffen, . wie es unser Hausbrauch zu guter Zeit war. Mein Trost ist, — was auch über.mich kommen mag, eines brauche ich nicht zu lassen: um (he zehnte Stunde des Sabbatvortages ins Bethaus zu gehen und so das Meine zu tun. Nun vernimm, Meister, es war die zehnte Stunde am Vortag dieses Sabbats, und in meiner Hand lag auch nicht ein Heller, die Bedürfnisse des Sabbats zu erstehen, und mein armes Weib hatte kein Stäubchen Mehl mehr in der Truhe, nun aber hatte ich alle Tage meines Lebens nie eines Menschen bedurft, so wollte ich auch diesen Tag ohne Almosen' bestehen und nicht bittend eine Schwelle überschreiten. Und es war in meinem Herzen beschlossen, dass es besser sei, am Sabbat zu fasten, denn eine Gabe zu begehren von Fleisch und Blut Aber ich fürchtete, dass es meiner Frau allzusehr das Herz bedrücken würde, am Sabbat auch nicht eine Kerze auf dem Tische brennen zu sehen, und dass sie eine oder etwa ein Sabbatbrot oder ein wenig Fisch annebmen möchte, wenn ihr’s eine Nachbarin in Güte anböte. Darum redete ich zu ihr und verlangte ihr es ab, dass sie 'Verspräche, von keinem Menschen eine Hilfe zu nehmen, sei es auch, dass wer sie darum bedrängte; denn verstehe, Meister, die Juden, unter denen wir leben, sind gut von Gemüt und möchten es schwerlich besehen, dass uns der Tisch am Sabbat leer stünde. Und meine Frau sagte mir’s zu. Ehe ich zum Bethaus ging, sprach ich zu ihr; „Heute werde ich säumen und mich im Gebet' verweilen, bis der Tag sich neigt. Denn wenn ich mit den andern vom Bethaus heimginge und sie sähen in meinem Hause kein Licht, so würden sie mich um die Ursache fragen, und ich wüsste nicht, was ihnen antworten. Wenn ich aber dann komme, mein Weib, so wollen wir in Liebe empfangen, was der Himmel uns bescheiden wird.“ So sagte ich meiner alten Ehefrau zum Tröste. Sie aber blieb und kehrte und säuberte das Haus in allen Ecken und Winkeln, und da der Herd kalt war und sie keine Speise vorzubereiten hatte, blieb ihr viel Zeit, die sie nicht anders hinzubringen wusste, als dass sie einen alten Schrein öflhete und die vergilbten, verblichenen Kleider aus unserer Jugend herausnahm, um sie zu bürsten und reinlich wieder einzüBreiten. Da fand sie unter all dem alten vertragenen Zeug einen Aermel, den wir vor Jahren einmal vermisst hatten und der seither nimmer aufzufinden gewesen war. Auf dem Kleidungsstücke aber sassen etliche Knöpfe, wie Blümlein gefort, aus Gold- und Silberdraht, wie man dergleichen lieben Zierat auf altem Zeug wohl antrifft. Die schnitt mein 1 Weib gar eilig ab und trug sie dem Goldschmied hin, und der gab ihr so viel Münze, .dass sie erstehen konnte, was an Speisen für den Sabbat not tat, auch zwei gute, starke Lichter und sogar noch, wessen wir für den nächsten Tag bedurften. Am Abend, als alles Volk gegangen war, schritt ich langsam die Gässchen lang unserem Hause zu und sah schön von weitem, dass ein Licht brannte, und der Kerzenschimmer liess sich gar festlich und traulich an. Ich aber mochte dessen nicht in mir achten und dachte: Siehe, meine alte Frau hat getan nach Weiberart und konnte sich nicht enthalten, etwas anzunehmen. . Ich trat, ein und fand den Tisch wohl gedeckt und bereitet mit Sabbatbrot und Fischen, und auch den Wein fand ich vor, den Segen darüber zu sprechen. Aber ich verwehrte mir, mich zu erzürnen, weil ich den Sabbat nicht zerreissen wollte. So hielt ich mich zurück und sprach den Segen und ass vom Fisch. Darnach sagte ich, aber , ich tat es mit sanfter Rede, weil mich ihrer ärmen bekümmerten Seele erbarmte, zu meiner -Frau: „Nun erweist es sich, dass dein Herz nicht bereit und stark ist, das Harte zu empfangen.“ Sie aber liess mich nicht zu Ende reden, sondern sprach mit heller Stimme: „Mein Mann, entsinnst du dich noch das alten Zeugs mit den Silberknöpfen, das uns seit Jahren mangelt? Als ich heute die grosse Truhe ausfegte, habe ich es vorgefunden. Die

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