Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 35 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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fjr Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^üpkcnslpassc 9. Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift.4 i Erscheint jeden Freitag. ■i. Verkaufstellen in'^Yien: Administration, Törkenstrasse Nr. 9. Z ettungsbur eau Goldsehmiedt, I., Wallzeile Nr. 11. uau6jaui» uia» iu.— halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ansland ganzj. Frcs. 13.—. Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Abonnementspreise: Manuskripte werden nicht zurückgestellt. _□ Einzett^udeHiuimern 20 Heller. yeM^tungeJ-ln der Provinz In Brünn: ’L e i t u n g s b u r e a n, Ferdinandgasse. — In Pragr^Z-eitaiigsvftf schleiss Wlozek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Manuskripte werden nioht zurückgesteilt. Nr. 35. fius dett) Jobalte: Der zähe Antisemitismus. Das ungarische Jadenparadies. Schneidige Patrioten. Brief ans der Bukowina. Generalversammlung des jüdischen [Nationalfonds. Manschet - Evolution. Von Beda. Aus dem jüdischen Leben: Politische Delirien, Abg. Trylowski über den Zionismus, Pansemitismus u. a. Für die Kultuswahlen. Feuilleton: Das dreimalige Lachen. Von Martin Buber. Liste dpr Ueberläufer. Vereinsnachrichten, Parteinachrichten. Zionisten! Es ist unbedingte Pflicht jedes Gesinnungsgenossen, die »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten! Wien, Freitag, den 28. August 1908. Juden! Hinaus aus dem „ Deutschen §chulverein! “ Der Ehrenpräsident des ^Deutschen Schulvereines“, Abg. Or. Steinwepäer, die Ehrenmitglieder und Funktionäre dieses Vereines, die Abg. Sylvester, Hoffmann, Weidenhoffer u. a. haben in der Parlamentssitzung vom 26. Juni 1908 für den Antrag des Ghristliehsozjalen .Schmid, das heisst für die Vertreibung deg jüdischen Kinder aus den österreichischen Schulen Qsstimmt. --fN?- Unter scheinheiligen liberalen Fräsen entlockt man Euch Geld für die Errichtung deutscher Lehranstalten und arbeitet gleichzeitig an Gesetzen, die Eueren Kindern den Eintritt in diese Schulen verwehren sollen. * Jeder Jude, der 'trotz -iäreses^frechen und niederträchtigen Vorgehens in einer Gemeinschaft mit solchen Leuten verweilt, handelt gewissenlos! Er tritt seine Mannesehre mit Fassen! Er belädt den jüdischen Namen mit Schande! Er beleidigt seine Kinder und untergräbt ihre Zukunft! It. Jahrgang. Der zähe Antisemitismus. R. St. Das rasche Emporgedeihen der . Ghristlichsozialen hat die Juden nicht sehr erschreckt, im Gegenteil, man kann sagen,; dass jede neue Errungenschaft der Antij semiten im Lager der jüdischen. Liberalen geradezu wohlwollend begrüsst und mit einer gewissen Schadenfreude registriert wurde. »Nur zu! Sie sollen Dur die Verwaltung in die‘Hand bekommen, sie sollen nur regierungs- und hoffähig werden, dann ist es auch um ihren Antisemitismus geschehen!“ So orakelten die gewiegten liberalen Politiker. Laut ihrer Theorie bedeutet Antisemitismus ausschliesslich Läge und schmutziges Mittel zum Zwecke, antisemitische Gesinnung lediglich eine brutale demagogische Formel, ohne wesentlichen Inhalt und. ohne jeglichen Bestand. Dass diese urdnmme Theorie bei den urgescheidten Juden Anklang finden konnte, ist erstlich ihrer ungeheueren Bequemlichkeit zuzuschreiben. Sie erspart jeden Kampf. Man prophezeit einfach, dass der Gegner an den Erfolgen zugrunde gehen werde, lässt ihn also logischerweise widerstandslos Erfolge erringen, fürwahr eine ebenso billige als radikale Lösung, echt liberal. Echt liberal ist aber auch der Gedankengang, welcher zu dieser Theorie geführt hat. Der Erfolg erschlägt die Gesinnung! Bei den Liberalen war das tatsächlich immer so. Kaum sass einer der ihren auf einem hohen Verwaltungsposten oder gar auf einem Ministersessel, ging seine Gesinnung fings flöten und er wurde der eifrigste Liebediener Juden! Hinaus aus dem „Deutschen Schulverein!“ FEUILLETON. Das dreimalige Lachen.*) Von Martin Bnber. Einmal an einem Freitagabend, als der Baalschem mit einigen seiner Schüler zu Tische sass, begab es sich, da er eben den Segen über den Wein gesprochen hatte, dass sein ernstes Gesicht mit einem Male wie von innen heraus mit einem hellen freudigen Schein erstrahlte, und er begann zu lachen und lachte gar sehr in einer innigen Weise. Die Schüler blickten im Zimmer umher und schauten sich untereinander an, aber da. war kein Ding, das des Lachens Ursache hätte sein können. Nach einer kurzen' Frist lachte der Baalschem zum andern Mal und ganz auf dieselbe Art, wie mit der unvermuteten Fröhlichkeit und Helle eines Kindes. Und dann ging eine kleine Weile hin, und sein Lachen erklang zum dritten Male. Die Schüler sassen schweigsam um den Tisch. In ihren Augen war dieser Vorfall ein seltsames und unbegreifliches Ding, denn sie *)_:Aus dem im Verlage Buetten & Loening erschienenen Buche ,,D i e Legende des Baalschem“ von Martin Bnber. Dieses eigenartige Werk stellt eine der bedeutendsten Neuerscheinungen auf dem jüdischen Büchermärkte dar. (Die Red.) kannten den Meister wohl und wussten, dass seine Seele sich nicht leichtfertig solcher Bewegung hingab. So ahnten sie einen tiefen unbekannten Grund dieser Freudigkeit und hätten ihn gern gekannt, doch keiner fand den Mut, dass er den Meister darum angegangen hätte. Da richteten sie alle ihre Augen auf den Rabbi Wolf in ihrer Mitte, dass der vom Meister erfrage, aus welcher Ursache dieses Lachen erklungen sei. Den so war der Brauch,, dass der Rabbi Wolf am Sabbatausgang, wenn der Baalschem in seiner Stube sass und Rast hielt, zu ihm trat, um von ihm zu vernehmen, was im Laufe des Sabbats sich mochte zugetragen haben. So geschah es auch diesmal, dass dieser Schüler zum Meister kam und ihn fragte: »Lass uns wissen, was der Sinn des Lachens war, das gestern abend über dich kam.“ Da sprach der Baalschem: »Nun wohl, so möget ihr wissen, woher mir die Freude zuflog. Haltet euch bereit, mit mir zu kommen, und ihr sollt hören.“ . . Darauf hiess er den Knecht die Pferde einspannen, denn so hielt es der Baalschem, dass er jedesmal nach Ausgang des Sabbats für eine Weile die Stadtliess, eine Fahrt ins freie Land zu tun. Er bestieg mit seinen Schülern das Gefährt und sie kehrten nicht wie sonst nach einigen Stundem in ihre Heimat zurück, sondern fuhren die ganze Nacht weiter schweigend durch die Dunkelheit. Am Morgen langten sie an einem Orte an, und der Baalschem liess bei dem Hause des Vorstehers den Wagen halten. Bald war seine Ankunft der ganzen Judenheit bekannt geworden, und alle kamen und umringten das Haus, um ihn zu ehren. Er aber achtete niemandes, sondern befahl dem Vorsteher, ihm Sabbatai, den Buchbinder, rufen zu lassen. Da erwiderte jener ein wenig unzufrieden: »Meister, was wollt Ihr von diesem, der ein kleiner unbeachteter Mann in imserer Gemeinde ist? Wohl weiss jeder von uns, er ist ein redlicher Jude, aber nie habe ich ihn um der geringsten Wissenschaft willen rühmen hören. Was kann Euch der frommen?“ »Gleichwohl“, sprach der Meister, »ist es mein Wille, dass du ihn mir rufest.“ Man schickte um ihn, und er kam, ein bescheidener grauhaariger Alter. Der Baalschem sah ihn und sprach: »Auch deine Ehefrau möge kommen“, und auch sie war alsbald zur Stelle. »Nun*, heischte der Meister, »magst du mir erzählen, was ihr in der letzten Sabbatnacht getan habt Aber sage die schlichte Wirklichkeit, habe keine Scham und verbirg uns nichts.“ „Herr“, erwiderte jener, »nichts will ich vor dir verhehlen, und habe ich gesündigt, so siehst du mich bereit, aus deinen Händen die Busse zu nehmen, als käme sie von Gott Siehe, alle Tage, die mir der Himmel gegeben hat, kam mir mein Erwerb aus meiner Arbeit. Einst war sie gesegnet, und ich war tätig und vermochte mir beizeiten ein kleines Gut zur Seite zu legen. Von Anfang an aber war es mein