Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 34 werden wir wobl das Beispiel Oesterreichs — jedenfalls ohne Ungarn — nicht ausseracht lassen. Und das Beispiel der Schweiz: Sich selbstverwaltende Provinzen, aber ein geeintes Reich.“ »Und wie stellen Sie sich die Verhältnisse zwischen den Juden und Arabern in Palästina vor?“ frug ich weiter. „Auf diese Frage wird Ihnen mein Kollege -antworten, er ist Araber.“ „Ich kann wohl nicht im Namen der Araber sprechen“, sagte dieser, „da wir uns noch nicht mit dieser Frage beschäftigt haben.. Im allgemeinen aber glaube ich, dass unsere Beziehungen sehr freundschaftlich sein könnten. Unser Zentrum ist nicht Palästina, sondern Arabien und das eigentliche Syrien. Uebrigens sind wir ja dienächsten Verwandten. Ich war in Palästina, besuchte Ihre Kolonien, war aber nicht mit allem zufrieden. Erstens, sind Ihre Kolonisten nicht türkische Untertanen, sondern haben immer mit ihren Konsuln zu tun. Das reizt uns : D i e Juden sprechen von Palästina, als von ihrer Heimat und bleiben doch Ausländer . . „Ja, das ist die erste Bedingung eines Erfolges in Palästina“, unterbrach ihn der türkische Konsul. „Alle Juden müssen türkische Bürger werden. Sonst werden wir sie eben als Ausländer behandeln. Besonders jetzt dürfen die Juden nicht länger zögern, da bei uns Gesetz und Freiheit herrschen“. „Weiters“, begann wieder der Araber, „verhalten sich Euere Kolonisten den Arabern gegenüber nicht immer gut. Das darf nicht Vorkommen. Die Kolonisten behandeln die Araber sehr oft wie Parias. Es ist auch nicht gut, dassdie Kolonisten meistens die Wirte sind und nicht Arbeiter. Sie sind kulturell höher als wir, aber doch müssen die Verhältnisse brüderliche sein. Wie gesagt, haben wir uns mit dem Zionismus wenig beschäftigt, aber gegen die Kolonisation der Juden in Palästina können auch die Araber nichts haben. Es gibt dort Land genug und wir suchen unsere Stärke am allerwenigsten in Palästina“. „Wissen Sie“, sagte der erste Redner, „alles dies ist nur dann von Bedeutung, wenn Sie sofort mit einer massenhaften Kolonisation in Palästina beginnen werden. Das können Sie jetzt ganz frei besorgen, alles weitere wird sich bald klären. Ich versichere Sie, dass nirgends in der, Welt der Jude die Gleichberechtigung, geniesst, wie in der Türkei. Und die Jungtürken sind keine Chauvinisten, wie manche Zeitungen fälschlich berichten. Wir wollen nur das Wohl der Türkei und das ist ohne die Befriedigung der berechtigten Wünsche der unser Reich bewohnenden Nationen unmöglich zu erreichen. Schauen Sie: Der Grossvezier Kiamil-Pascha, ist jüdischer Abstammung, ein Minister ist Armenier, der andere ist Grieche und dieses Ministerium ist unter dem direkten Einflüsse des jungtürkiseben Zentralkomitees gebildet worden. Und bald werden Sie uns auch in unserer gesetzgeberischen Tätigkeit beobachten können. Den Z onisten -wird es viel leichter sein, mit einem Parlamente zu verhandeln, d. i. mit einer parlamentarischen Regierung, als mit Einzelpersonen. Selbstverständlich dürfen Sie nicht von einen jüdischen Staate sprechen. Zur politischen Lage. Die heurigen Sommerferien bringen allerlei Ueberraschungen, welche sowohl für die äussere wie die innere Politik Oesterreichs und speziell auch für die Juden von grösster Bedeutung sind. In erster Linie figuriert die Wiederherstellung der türkischen Verfassung. Die nächste Konsequenz für Oesterreich ist naturgemäss die Aufrollung der Frage nach' der staatsrechtlichen Zukunft von Bosnien-Herzegowina, die enge zusammenhängt put dem kroatischen Problem sowie dem Verhältnisse der beiden Reichshälften zueinander. Die alleinige Antwort' auf alle diese ungelösten Fragen aber ist:•' Die national -autonomistischei Reichs Verfassungsrevision. i * * Vom Gesichtspunkte der nationalen: Autonomie aus kann man sich aber, keines-i wegs für das Institut der Landtage' erwärmen. V' * Immerhin nötigt uns die A u f 1 ö s u n g ' desselben und die Ausschreibung von Neu-' wählen — eine weitere Sommerüberraschung'; — zur Stellungnahme und zur Würdigung; gewisser, zutage' tretender Begleiterscheinun- . gen. Da fällt1 vor allem wieder die. Intimität ' eines grossen Teiles der- Deutschfreiheitlichen zu den- Christlichsozialen auf. Nur Abg.; Hofrat Kur ah da schwärmt für das! Bündnis mit den’Sozialdemokraten, trotzdem er Anhänger einer kapitalistischen: Wirtschaftspolitik ist. Die Frage ~des Antisemitismus: möchte natürlich der Vertreter einer jüdischen Wählerschaft „in zweite Linie“ stellen und diesbezüglich, wie er in der „Neuen Freien Presse“ ausführt, warten, bis sich die Wandlung im christlichsozialen Lager vollzogen hat. Unterdessen vollzieht sich im gesamten „freiheitlichen“ deutschbürgerlichen Lager immer sichtbarer eine andere Wandlung: Die Wandlung vom Schein liberalismus zum Anti liberalismusl Die Furcht vor. dem Verlust ihrer Mandate lässt jene Stjmmen im „Deutschn a t i o n a 1 ,e,p Verbände“, welche für ein Kompromiss mit. den christlichsozialen bei ,deri bevorstehenden niederösterreichischen Landtagswahlen plaidieren, immer zahlreicher werden. Der deutschnationale^.Abg. Kiitinger ist bereits der erste Kpp^omisskandidat! Aber nicht nur in' Niederösterreich, sondern auch in allen übrigen Kronländern kann man beobachten, wie die Deutsch- „freiheitlichen“, allerdings in Gruppen gespalten uiid uneinig unter der Parole1 „gegen den gemeinsamen sozialdemokratischen Feind des Bürgertums“ sich immer mehr den Christlichsozialen nähern. Bei den ander en Nationalitäten findet dieses Beispiel immer mehr Nachahmung. So gibt es auch antisemitische, tschechische, polnische «etc. Gemeinschaften, der noch Juden Heeresfolge leisten. Gerade das gegenwärtige österreichische [ Volksparlament, welches angeblich das getreue Spiegelbild des Denkens und Fuhlens der österreichischen Gesamtbevölkerung sein soll, hat seit seinem einjährigen Bestände den Beweis für die Richtigkeit dieser Tatsachen erbracht. Von der N i c h t aufnahme der jüdischen Abgeordneten in den deutschnationalen Verband bis zum S c h m i d sehen Schulantrag im Budgetausschusse, durchzieht der Antisemitismus wie ein roter Faden die gesamte Tätigkeit des gegenwärtigen österreichischen Abgeordnetenhauses. Er verbindet die verschiedensten Fraktionen, die in nationalen, konfessionellen und ökonomischen Fragen sich sonst gegenüberstehen. Die Hoffnung, dass im neuen Abgeordnetenhauses ein neuer Geist, der Geist nationaler Gerechtigkeit im allgemeinen und Gerechtigkeit gegen die Juden insbesondere herrschen wird, hat sich als illusorisch erwiesen. Der. nationale Fanatismus und der brutalste Rassenantisemitismus feiern wahre Orgien und verhindern jede Gesundung unseres öffentlichen Lebens und jede positive Arb e it. Erst wenn durch eine Neuordnung der Verhältnisse, die jedem Volke in Amt und Schule seine Gleichberechtigung sichert, das österreichische Parlament aufhört die Stätte des steten Nationalitätengezänkes zu sein, _ wenn die Parteigruppierung nach politischen und ökonomischen Grundsätzen erfolgt, ist im österreichischen Abgeordnetenhause eineproduktive Arbeit eine Aera grosszügiger Soziälreformen möglich. Es bildet daher die Forderung nach einer national-autonom istischen ReichsverfassungsreVision unser oberstes Postulat, sowohl vom jüdischnationalen, wie vom g esamtösterreichischen Stand» p’un kte. Dr. K. Zionistische Jahreskonferenz in Köln. '(Spezialbericht der „Jüd. Ztg-“) (Schluss des Berichtes.) In der vertraulichen Sitzung wurde die jetzige politische Situation in der Türkei im Verhältnis zum Zionismus nach allen Eichtungen eingehend besprochen. Die Vertreter verschiedener Pairteischattierungen gaben ihren" Anschauungen beredten Ausdruck. Die Gestaltung der neuen -Verhältnisse in der Türkei bezüglich der dort lebenden Juden überhaupt wurde in den Kreis der Erörterungen gezogen. In richtiger Würdigung des hochbedeutenden Momentes, den jetzt das türkische Reich und die dort lebenden Juden im jetzigen Aniangsstadium einer neuen Entwicklung durchleben, wurden verschiedene Anregungen und Vermutungen über die wahrscheinlichen Vorteile der neuen Aera ausführlich diskutiert. Im Vordergründe der Debatte stand die Frage der Methoden des politischen Zionismus und der Kolonisationsmöglichkeiten in Palästina. Ausser diesen Fragen boten auch die Bemühungen in Russland ergiebigen Stoff für eine längere Debatte, bei der mehrere Mitteilungen gemacht worden sind, die den diesbezüglichen Passus des Berichtes in mancher Beziehung ergänzen. . Im allgemeinen zeichnete sich die Diskussion dadurch aus, dass der Kritik der freieste Spielraum gewährt worden ist. ... In der Abendsitzung werden die Berichte der einzelnen Landsmannschaften erstattet: Herr Kessler bringt einzelne Wünsche der südafrikanischen Federation vor, die unter anderem wünscht, dass ihr gestattet werde, von allen Sammlungen, einen kleinen Prozentsatz zufückzubehalten. Diesen Betrag habe sie zur Fortführung ihrer Geschäfte unbedingt notwendig. Präsident W olffsohn erklärt, dass das E. A. C. diese Wünsche zur Kenntnis nehme. Dr. ßraude verweist darauf, dass in Oesterreich und Galizien die Schekelsammlung noch nicht zum Abschluss gelangt sei. Daher erkläre sich die niedrige Ziffer in der Schekeltabelle. Die Sammlung des Parteifonds sei in Galizien sehr schwierig, die Zionisten ständen der Idee eines Parteifonds nicht sympathisch gegenüber. Präsident Wolfisohn: Wir bedauern lebhaft, dass, es uns nicht gelingt,-mit den Landeskomitees in Oesterreich und Galizien in engeren Kontakt zu kommen. Das Zentralkomitee in Lemberg hat sechs Monate lang unsere Briefe nicht beantwortet. Auch sonst sind in Galizien die organisatorischen Verhältnisse nicht erfreulich- Das südgalizische Distriktskomitee z. B. hat sicii ohne weiteres über den Kongrebsbeschluss, der den Schekel auf K 1.20 iestsetzte, hinweggesetzt und ihn auf der ursprünglichen Höhe von K 1.— belassen. Die Tatsache kann nicht bestritten werden, dass für die eigentlichen Zwecke der Organisation in Oesterreich und Galizien ausserordentlich; wenig geleistet wird. Auch - in England ist die Arbeit nicht auf der Höhe. Auf unsere Anfrage •hat man den Mangel an Schekeleingang mit der Sammlung für den Parteifonds erklärt. Dr. Hantke meint, dass die Ursache, warum die grossen Organisationen nicht ganz befriedigend arbeiten, darin begründet sei, dass sie zu grosse Bezirke umfassen. Er regt eine Teilung an. Hier wind die Beratung dieses Punktes unterbrochen und über die'in der Vormittagssitzung vorgeschlagene Resolution des E. A. C. angestammt, die lautet: Die in Köln versammelte Jahreskonferenz