Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Zionistische Jahreskonferenz I in Köln. I (Spezialbericht der „Jüd. Ztg.“) Dienstag den 12. und Mittwoch den 13. d. fand die Jahreskonferenz der zionistischen Organisation in Köln statt. Sie wurde Dienstag uni 10 Uhr in Anwesenheit von 40 Delegierten, die aus allen Ländern herbeigeeilt sind, vom Präsidenten Wolffsohn mit einer hebräischen Ansprache eröffnet. Vor dem Eingehen in die Tagesordnung gelangte die Frage der Zulassung der Herren Dr. Friedländer von der amerikanischen Föderation und Kaplanski von der Paale- Zion-F Öderation zur Debatte. Herr Dr. Friedländer ist nicht Präsident der zion. Förderation Amerikas, die P.-Z.-Förderation hat noch keine vollen 3000 Schekel abgeliefert. Es gelangt das Schreiben des p.-z. Verbandsbureaus zur Verlesung, 'in dem die Einsendung der fehlenden Schekel für die nächste Zeit garantiert wird. Nach längerer Geschäfts oirdnungsdebatte wird den beiden Vertretern bloss das Recht zuerkannt, mit beratender Stimme an der Jahreskonferenz teilzunehmen. Henr Kaplanski protestiert, dass man ihn als den einzigen Vertreter, des zionistischen Proletariats von der Abstimmung ausschliesse und verlässt den Verhandlungssaal. Hierauf erstattet Generalsekretär Herr N. Sokolow den Bericht: Nach einer allgemeinen Betrachtung über die Fortschritte unserer Bewegung geht der Referent zur Besprechung der politischen Lage über. Er führt aus: Stets auf die Pflege und Entwicklung der Beziehungen bedacht, die uns unserem Ziele näher bringen können,, und unserer Aufgabe bewusst, dem politischen Zionismus die vorderste Stelle in unserem Arbeiteprogramm einzuräumen, war unsere Energie in erster Reihe darauf gerichtet, unablässig die Bemühungen um die Erlangung einer wohlwollenden Förderung unserer Pläne seitens der Hohen Pforte zu erneuere Diesem Zwecke diente zunächst die Reise des Präsidenten des A.-C. nach Konstantinopel im Oktober v. J. Unterhandlungen ernster Natur wurden dann gepflogen, Anregungen und Vorstellungen erwogen; erfreulicherweise konnte diesmal eine Kontinuität zwischen den früheren und den neueren Beratungen wahrgenommen werden, der Gedankenaustausch gewann an Unmittelbarkeit und der Kreis der Verbindungen erweiterte sich merklich. Die Tatsache, die unter allen Umständen als unumstösslich iestgehalten werden muss, dass Se. Majestät der Sultan von einer edien Sympathie für unser Volk durchdrungen und dass seine Regierung sich nicht nur nicht ablehnend gegen unsere Arbeiten verhält, sondern dass sie auch geneigt ist, wenn der richtige Modus gefunden wird, unser Werk zu fördern, — diese Tatsache trat uns abermals als Resultat der genannten Reise lebendig vor die Augen. Es ist selbstverständlich, dass die Unterhandlungen von so hochwichtiger Bedeutung mit hastigem politischem Hazard und abenteuerlichem Losgehertum unvereinbar sind. Sie müssen gründlich und systematisch geführt werden. Die Form muss gefunden werden, die die Hohe Pforte absolut darüber versichert, dass unsere Pläne keineswegs gegen die Souveränität des Sultans oder gegen die Integrität des türkischen Reiches gerichtet sind und die andererseits auch uns in genügenden Wese die notwendigen rechtlichen Garantien gewähren kann. Auch müssen die Voraussetzungen für die Ermöglichung von 'Vereinbarungen vorbereitet werden, und den grössten Teil dieser Voraussetzungen müssen wir selbst schaffen. Was wir aber klar über allen Zweifel feststellem können, ist, dass unsere Beziehungen zu der Türkei sich in einer fortschreitenden Entwicklung befinden und zu den schönsten Aussichten für die Zukunft die Grundlage bilden. Der Präsident des A. C. wurde auf seiner Reise nach Konstantinopel vom Präsidenten der Jüdischem Koiomialbank begleitet. Der Aufenthalt des Präsidenten des J. C. T. in Konstantinopel galt der Verwirklichung des Beschlusses wegen der Baukgriindung daselbst. Unsere Finanzinstitute waren lange mit der Ausführung dieses Projektes beschäftigt. Es handelte sich nun darum, die lokalen Verhältnisse zu untersuchen und die Farm zu wählen, die der Zweckbestimmung am besten entspräche. Die Gründung wurde infolgedessen in üeme.nschaft mit einem Baukhause in Konstantinopel unternommen. Der ursprüngliche Plan, eine Abteilung unserer bereits vorhandenen Finanzinstitute zu gründen, wurde aufgegeben, und um dem neuen Institut eine grössere Bewegungsfreiheit zu gewähren, wurde eine selbständige Form gewählt. Das neue Unternehmen wurde unter dem Namen Anglo Levantine Banking Company nach englischen Gesetzen in London eingetragen und wird bald in Konstantinopel seine Tätigkeit beginnen. Wir hoffen und glauben zuversichtlich, dass wir in Konstantinopel Schritt für Schritt unserem Ziele näherrücken wenden. Die neuen Ereignisse und die Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei schwächen unsere Hoffnung nicht, sie bestärken sie vielmehr. Das jüdische Volk entbietet seinen tiefempfundenen Gruss und seine herzlichen Glückwünsche der ihm geistesverwandten ottomanischen Völkerfamilie, die es vermocht hat, aus dem harten Ringen siegreich emporzugehen und das erhabene Panier individueller Freiheit, bürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung In einer vom Blut der Kämpfe unbefleckten Reinheit in die Höhe zu schwingen. Die Erinnerung au die Zeiten, da wir mit dieser Völkeriamil.e in traulichem Bund unter dem Schutz seiner ruhmreichen Tugenden uns von ringsunfcer wütenden Verfolgungen geborgen fühlten, webt neue Fäden, die uns mit dem ottomanischen Rechtsstaat verbinden werden, in dem sich die Völker nebeneinander unter dem Szepter eines gerechten Herrschers, der den Pulsschlag der Zeit beginnen, in Friede und Eintracht ihren höchsten historischen Kultu rauf gaben widmen werden. Natürlich macht jede neue Gestaltung der Dinge in der Regel manche alte Beziehung wertlos und manche herkömmliche Methode abänderungsbedürftig. Die Machtverhältnisse der massgebenden Faktoren verschieben sich, neue Gesichtspunkte tun sidh auf, Personen und Einrichtungen lösen sich ab, und was gestern noch Gültigkeit hatte, wird heute , ausser Kurs gesetzt, um vielleicht morgen wieder in einer anderen Form zur Geltung zu kommen. Bei politischer Arbeit muss man immer mit dar Vergänglichkeit menschlicher Einrichtungen und Verhältnisse rechnen. Aber was wir vertreten ist das unwandelbare Ideal unseres Volkes. Die wirklichen Grundlagen unserer Politik liegen in der sittlichen Kraft und in der logischen Notwendigkeit der Lösung unseres Problems, Die Taktik ist ein nebensächliches Moment und muss sich selbstverständlich je nach den Verhältnissen richten. Wir werden zu jeder Zeit in richtiger Würdigung der Sachlage die notwendigen Mittel und Wege finden, und es wäre verfrüht, von vornherein in dieser Beziehung sdhon jetzt Horoskope zu stellen. Aber eines können wir schon jetzt ieststellen: Alles, was im türkischen Reiche kulturgestaltend sein wird, muss unserer Sache zugute kommen. Die wirtschaftlichen Vorteile, die wir bieten, die Schaffung neuer Erwerbsquellen, die moderne Entwicklung, die wir in Palästina vertreten, gewinnen ein umso grösseres Gewicht, als das ottomanische Gesamtreich einen neuen Aufschwung nach dieser Richtung zu nehmen bestrebt ist Unsere praktischen Unternehmungen, unsere realen Arbeiten und Anlagen werden sich gedeihlicher entfalten können. In die verhüllte Zukunft, der inneren Gestaltung des türkischen Reiches fällt ein Strahl von Licht: unsere friedliche, kulturelle, historische Aufgabe im Lande unserer Väter. Es ist für uns ein aufrichtendes Bewusstsein, dass unser Orient zu neuem Leben erwacht. Unsere Gegner wurden nicht müde, uns den Vorwurf zu machen, dass wir unsere Blicke dorthin richten, wo rückständige und rückbi'idende Verhältnisse für alle Ewigkeit, wie sie erwähnten, herrschen müssen. Nun zeigt der neue Geschichtsgang, dass unseren Gegnern nicht nur die historische Treue und Anhänglichkeit an das Land der Väter, sondern auch der weitausschauende Blick für die allgemeine politische Entwicklung fehlte. Wir werden mit dem vorwärtsstrebenden ottomanischen Volke einen ' ebenso innigen Kontakt suchen, wie mit den von ihm anerkannten Autoritäten. Unser loyales und kulturelles Werk kann dadurch nur gefördert werden, wenn der öffentlichen Meinung eine Einflussnahme auf die Regierungsgeschäfte eingeräumt wird. Denn was' wir anstreben, ist nicht für dieses oder jenes Regime,' für diese oder jene Partei, sondern für deren Gesamtheit erspriesslich liltd gedeihlich. Darin liegt die Garantie unseres Erfolges. Die Bemühungen in Russland. Seit dem Anfänge der zionistischen Bewegung stand unsere Parteigenossenschaft in Russland im Vordergrund unserer Organisation. Leider haben aber die Ereignisse der fetzten Jahre diesen beträchtlichen Teil unserer Partei ausserordentlich geschwächt. Die schicksalsschwere Zeit /des Uebergangsstadiums und der Erschütterungen hatte tiefe Spuren in unseren Reihen in Russland hinterlassen. Zersplittert und zerfahren, zerklüftet und unsicher, jedoch im Geiste unbeugsam und gesinmungstüchtig, versuchten unsere dortigen Brüder in der letzten Zeit, ihre Organisation wieder aufzubauen; aber sie vermochten sich nicht gegen die Missgriffe lokaler bureaukratischer Willkür zu schützen. Die Krise verschärfte sich immer mehr: die elementarste Betätigung der Parteiarbeit war lahmgelegt, die Gefahr vollständiger Verkümmerung drohte. Diese Erwägung, wie auch manche diesbezügliche Anregung unserer russischen Gesinnungsgenossen waren für uns entscheidend, als wir uns bereits vor mehr als einem Jahre entschlossen haben, einen Versuch zu machen, unserseits dazu beizutragen, die Wirrnisse in Russland zu klären und die Hindernisse der dortigen Organisation aus dem Wege zu räumen. Während des letzten Kongresses im Haag war unsere Arbeit schon im vollen Gange, als wir die Gelegenheit wa'hrgeuommen haben, mit hohen Vertretern der russischen Regierung einen bereite irüher begonnenen Meinungsaustausch zu diesem Zwecke mit aller Energie weiterzuführen. Miitbestimmend wirkte auch die Auffassung, dass die Fühlungnahme mit der russischen Regierung wie mit allen anderen Grossmächten überhaupt in der Konsequenz unseres Programmes des politischen Zionismus liegt Müssen wir ja immer unser Augenmerk darauf lenken, die politisch-internationalen Beziehungen, die von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung für die Chancen und Möglichkeiten unseres Endzieles sind, zu suchen und zu unterhalten. , Infolge längerer Unterhandlungen erging an den Präsidenten des A.-C. vor zwei Monaten vom russischen Premierminister eine Einladung, nach Petersburg zu kommen. Der Präsident des A.-C. begab sich infolgedessen in Begleitung des Generalsekretärs nach Petersburg, wurde dort in würdiger Weise als Leiter der zionistischen Organisation empfangen und hatte eine Reihe von Konferenzen mit den hervorragendsten Vertretern der russischen Zentralregierung über die Zwecke und Aufgaben des Zionismus im allgemeinen wie auch im besonderen. Zur selben Zeit sind auch die meisten A.-C.- Mitglieder Russlands nach Petersburg herbeigeeift, um im vollen Bewusstsein ihrer Verantwortung und der Wichtigkeit dieser Bemühungen gemeinsam mit dem Präsidenten über 'deren Einzelheiten zu beraten und zu bestimmen. Die Reise hat im Prinzipe und iür die allgemeine Stimmung schon jetzt ein günstiges Resultat ergeben. Die Konferenzen haben die berufensten Vertreter der russischen Regierung zu sympathischen Erklärungen über den Zionismus angeregt und manches störende grundsätzliche Missverständnis zerstreut. Um aber die vorgesteckte Aufgabe auch praktisch zu erreichen, war es notwendig, nn Knielange mit den gepilogenen Unterhandlungen mit der Regelung der Angelegenheiten in Tokaladministrativer Hinsicht einige von uns zu diesem Zwecke gewählte Vertrauensmänner in Russland zu betrauen'. Unsere Vertrauensmänner werden sich angelegen sein lassen, mit den massgebenden Faktoren, bei denen sie unserseits eingeiührt worden sind, über die Modalitäten zu verhandeln, die die zionistische Arbeit im Rahmen unseres Programmes in Russland ermöglichen und den bisherigen Konflikten Einhalt gebieten können^ Auch hat die Annäherung an die Vertreter der auswärtigen Politik Russlands einen sympathischen Zusammenhang ge-