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Jüdische Zeitung · 1908-08-14 · 33 (14.8.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
33 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 33 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Zahl der Uebertritte zum Judentum ebenso stetig gewachsen ist, so dass der Saldo sich für uns doppelt günstig stellt. Dies »doppelt günstig“ wage ich auszusprechen, denn mögen jene Uebertritte auch zum grössten Teil Arier betreffen, welche mit Juden eine Mischehe schliessen wollen, und ist auch jede Mischehe von unserem völkischen Standpunkt aus unbedingt verwerflich so scheint doch die steigende Zahl der Uebertritte zum Judentum auf das zunehmende Selbstbewusstsein der jüdischen Ehewerber zu deuten, die dem anderen Teile den Religionswechsel diktieren, statt ihn sich diktieren zu lassen. Die folgende Tabelle gibt die offiziellen Daten des Wiener jüdischen Matrikelamtes wieder : Abfall vom TJebertritt zum Verlust- J u d.entiim saldo 1902 646 9S 548 1903 638 105 533 1904 623 111 512 1905 607 107 500 1906 692 117 575 1907 603 134 469 Wir Zionisten könnten also Herrn Ben Samuel mit seiner eigenen Waffe schlagen, wenn wir behaupten, dass diese Besserung seit 1902 bereits den Effekt der zionistischenVolkserziehung zeigt. So tief mich solche Ueberzeugung erquicken würde, wage ich die Behauptung dennoch nicht. Denn ist die Statistik überhaupt eine schwierige Wissenschaft, die sehr leicht zu Fehlschlüssen verleitet, so ist doppelte Vorsicht bei unserem Thema von der Apostasie nötig, wo vorerst auch nur die verlässliche Zifferngrundlage fehlt. Denn wir armen Wiener Juden sind mit nicht weniger als vier verschiedenen Abfallstatistiken bedacht. > Dr. Thon führt seine mit dem Jahre 1868 beginnenden Tabellen auf »amtliche Queilen* zurück. Dies sind offenbar die Berichte der alle zu Wien erfolgten Austrittserklärungen entgegennehmenden magistratischen Bezirksämter an das statistische Zentralbureau, welches diese Berichte für das Jahrbuch der Stadt Wien alljährlich verarbeitet. Thon selbst verweist aber darauf, dass diese von ihm adoptierten Ziffern nicht vollständig mit den in Dr. N. Samters Broschüre : »Judentaufen im XIX. Jahrhundert“ (Verlag Poppel auer 1906) mitgeteilten und gleichfalls ab 1868 laufenden Daten übereinstimmen, welche von Oberrabbiner Dr. Güdemann herrühren. Dessen Daten seien zumeist höher, jedoch nicht bedeutend (doch bis zu 10%)i welche Differenz Thon darauf zurückführt, dass Güdemann auch die im Alter unter 7 Jahren getauften Kinder mitgezählt habe. Diese Deutung lässt jedoch die Tatsache unerklärt, dass die G ü d e m a n n’schen Ziffern bisweilen, so noch 1893, niedriger sind als die amtlichen. Da Güdemann offenbar aus den seit 1868 vorliegenden Apostatenbücherh des jüdischen Matrikelannes geschöpft hat, liegt eben die Vermutung nahe, dass diese Bücher in früheren Jahren aus Mange 1 an Interesse recht ungenau geführt worden sind. Erst seit dem Jahre 1902, und wohl nicht zuletzt dank des seit 1898 von uns Zionisten geführten Kampfes gegen die Verschleierung der Apostasien wird von der Wiener Kultusgemeinde durch deren Matrikelamt eine offizielle Statistik regelrecht ausgearbeitet und jedes zweite Jahr in den vor jeder Kultuswahl edierten Rechenschaftsberichten des Vorstandes veröffentlicht. Analog der Abfallstatistik wird auf Grund des sogenannten Proselytenbuches auch eine Proselytenstatistik geführt. Bezüglich der Apostasien sei festgehalten, dass die Bücher des Matrikelamtes und die darnach verfassten Austrittslisten der Wiener jüdischen Blätter nicht bloss die von den magistratischen Bezirksämtern gelieferten Daten über die in Wien wohnhaften Apostaten, sondern auch die von auswärts, sei es von politischen Behörden, sei es von anderen Kultusgemeinden im Austausche gemeldeten Daten über auswärts wohnhafte, doch in Wien gebürtige Apostaten enthalten. Die Statistik des Matrikelamtes aber beschränkt sich auf erstere Gruppe, ist daher von der staatlichen Statistik, welche sich bloss nach dem Orte des Austrittes richtet, auch in dieser Hinsicht verschieden. So dankenswert Güdemanns Arbeit für die Zeit vor 1902. gewesen war, hätte er seither seine statistische Tätigkeit einstellen müssen. Denn es macht einen mehr als blamablen Eindruck, wenn der oberste Seelsorger einer Gemeinde statistische Befunde (nämlich für 1902, 1903, 1904) a u s s t e 111, welche mit den offiziellen Angaben des Matrikelamtes eben dieser Gemeinde nicht übereinstimmen. Um das Mass der Verwirrung vollzumachen, hat m. sch. in Nr. 4 der „N e uen Nationalzeitung“ ex 1908 eine vierte, angeblich von ihm seist im Matrikelamte gemachte Aufstellung gebracht, deren Ziffern für 1902 und 1903 offenbar Güdemann entlehnt und für 1906 und 1907, wenn auch selbständig, so doch gleichfalls falsch berechnet sind. Wollen wir demnach als Grundlage der dringend nötigen Organisation zum Boykott unserer Meschumedim eine verlässliche Abfall- und Proselytenstatistik haben, dann müssen wir uns erstens einigen, nur die — relativ noch verlässlichste — Statistik des Wiener jüdischen Matrikelurntes zu benützen, anderseits auf dieses Amt einwirken, dass es diese Statistik nach allenRichtungen ausbaue und so der jüdischen Gemeinschaft durch ständige P u b 1 izierung an Hand gebe. Wir wollen wissen, wie viel von den in Wien wohnhaften Apostaten hier und wie viel auswärts geboren sind, wie viel anderseits von den auswärts wohnhaften Apostaten aus Wien gebürtig sind; wir wollen den Altersaufbau und womöglich auch wissen, zu welcher Konfession oder Konfessionslosigkeit der Abfall geschah, wie viele von den Proselyten schon als Juden geboren waren usw. Wir dürfen hoffen, dass das löbliche Matrikelamt diesem dringenden Appell gern Gehör schenken wird, da ja der Vorstand sein vordem ängstlich gehütetes Vertuschungssystem gottlob aufgegeben hat. Die genaue Abfallstatistik würde gewiss ein weit grösseres Interesse bei den jüdischen Gemeindemitgliedern wecken, als die seit Ausgabe der Rechenschaftsberichte so detailliert veröffentlichte Statistik von 37 Todesursachen. Während hier höchstens der Arzt einen Fingerzeig bekommt, was zu bessern wäre, kann aus einer präzisen und volkstümlich erläuterten Abfallstatistik jeder Jude Belehrung schöpfen, wo er für sein.Teil das Uebel des deklarierten Volksverrates am kräftigstenund wirksamsten anzupacken hat Dr. Egon Zweig. Unerhörte Ausbeutung seitens eines Kultusvorstehers.*) Wie allgemein bekannt ist, hat der Hilfsverein für galizische Juden, um das Elend der verarmten Bevölkerung teilweise zu lindern, vor zirka 8 Jahren in *) Anmerkung der Redaktion. — Diese an uns gelangte Zuschrift ist voll gezeichnet; die Herren Einsender sind jederzeit bereit, den Wahrheitsbeweis zu erbringen, resp. die Verantwortung für diese Veröffentlichung zu übernehmen. mehreren kleinen Städtchen Galiziens die Haarnetzindustrie eingeführt. Die Erzeugnisse werden von grossen Wiener Firmen gegen festgesetzte Preise pro Dutzend und Nummerngrösse abgenommen. Der Gwozdziecer Kultusvorsteher Majer Pelikant, der gleichzeitig Leiter der Baron-Hirschstiftungsschule ist, wurde auf Anregung des obgenannten Hilfsvereines von einer Haarnetzfirma als Faktor angestellt und hat den Arbeiterinnen das Rohmaterial (Haare) zuzuteilen und ihnen nach Ablieferung der fertiggestellten Netze den von der Firma festgesetzten Arbeitslohn auszubezahlen. Hiefür wird ihm seitens der Firma eine gewisse Provision gewährt. Wie es sich nun herausstellt, hat der gewissenhafte Herr Pelikant, der sich ohne Kontrolle wusste, Jahre hindurch den Arbeiterinnen einen um 30—40 Prozent niedrigeren Arbeitslohn ausbezahkt, als ihm de facto seitens der Firma vorgeschrieben war. Die Enthüllung dieser unerhörten Ausbeutung welche sich durch eine Reihe von 8 Jahren hinzieht, verdanken wir dem Lemberger Tagblatte, welches kürzlich einen Preistarif für Haarnetze aller Nummern und Grössen und gleichzeitig eine Warnung vor Ausbeutern veröffentlicht hat. Ein Vergleich zwischen dem veröffentlichten Preistarife und den Löhnen, welche Pelikant den hiesigen Arbeiterinnen zahlte, führte zur unumstösslichen Erkenntnis, dass dieser Moschko sich auf Kosten der armen 250 Gwozdziecer Proletariermädchen ein Vermögen von mehr als K 100.000 zusammengescharrt hat. Dabei waren noch die Arbeiterinnen unerhörten Chikanen seitens dieses Menschen ausgesetzt. Diesem Treiben glauben wir durch die Veröffentlichung dieser Zeilen ein Ende zu bereiten, und hoffen, dass das Kuratorium der Baron-Hirsch.stiftung endlich Anlass nehmen wird, den ihm unterstehenden Schulleitern die strikte Weisung zu erteilen, sich mehr ihrem eigentlichen Berufe, der Erziehung der Kinder zu widmen, anstatt als Unternehmer und Fabrikanten den eigentlichen Beruf zu vernachlässigen und hiebei auf das Niveau eines Herrn Pelikant herabzusinken. Gwozdziec, den 7. August 1908. Aus dem jüdischen Leben. Krakau. (Orhj.-Korr.) Morris R o s e n f e Id, der berühmte jüdische Jargondichter, weilt jetzt in Krakau, von wo er sich zur Erholung in den Kurort Zakopane begeben wird. Dann wird er eine Reise in einige Städte Galiziens unternehmen, um die Verhältnisse der galizischen Juden zu studieren, ln Krakau rindet Ende August ein Rezitationsabend statt, der vom Verein jüd. Hochsc'niüer „Przedswit-Haschac'nar“ veranstaltet wird. Morris Rosenfeki selbst wird seine Werke lesen. * * * Herzl-Gedenkversammlungen in der Bukowina. Czemowitz. Der akademische Verband »Hasmonaea“ hat aus Anlass des Todestages Theodor Herzls, wie alljährlich, in den meisten Städten der Bukowina Gedenkversammlungen abgehalten, die überall zu imposanten zionistischen Kundgebungen sich gestalteten. Das Volk strömte in grosser Menge zu den Versammlungen und die Redner konnten vor einem Massenpublikum der bedeutenden Schöpfungen Theodor Herzls gedenken und zu weiterer Arbeit im Dienste der Organisafion ermuntern. Die Solidarität aller Juden kam bei diesen Versammlungen durch zahlreiche Kundgebungen umso lebhafter zum Ausdruck, als in der euphemistisch bisher als Judenland Gezeichneten Bukowina der Antisemitismus seinen Siegeszug zu nehmen beginnt und so den Beweis liefert, dass der Anschluss an die zionistische Organisation auch in jenen Ländern, wo es den Juden bisher relativ gut gegangen, ein Gebot der Notwendigkeit geworden ist. ln Suczawa fand die Versammlung unter überaus zahlreicher Beteiligung statt

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