Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Diese Auslassungen sind auf das Konto der liberalen Partei zu setzen, sie atmen ihren Geist der Lügenhaftigkeit und Schwäche, auf die Spezialrechnung des Herrn Abg. Kuranda entfallen nur die grammatikalischen Fehler und haarsträubenden Satzkonstruktionen des fraglichen Artikels und noch eines: Dieser Jude Kuranda wurde in einem ausschliesslich jüdischen Wahlkreise gewählt und nur deshalb, weil er Jude ist, andere bemerkenswerte Eigenschaften hat er nicht aufzuweisen. Unter solchen Umständen gehört wirklich eine Riesenportion Dreistigkeit dazu, ein Kompromiss mit dem Antisemitismus anzuempfehlen. Um gelegentliche Abrechnung braucht Herrn Kuranda nicht bange zu sein! Die Herren Liberalen haben diesmal die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der politischen Ausbeutung der Juden, welche früher bedingungslos für die Liberalen stimmen mussten, weil ihnen keine andere Wahl blieb, wird entgegengearbeitet werden. Die Jüdischnationalen werden Wacht halten und faulen Kompromisslern, verkappten Antisemiten und gewissenlosen jüdischen Wahlagenten unsanft auf die Finger klopfen. Auf Wiedersehen bei den Landtagswahleri! * * * Liebe Türken, seid bedankt! R. St — Man darf sie nicht beim Volke suchen, man findet sie nie am Krankenlager des Armen, aber immer an der Tafel des Reichen und hinter seinem Sarge. Sie besitzen sehr viel Gemüt, aber es arbeitet nur gegen Barbezahlung. Das leise rührende Beben der Stimme, wenn sie das Andenken des Verstorbenen preisen, die würdevolle Trauer am Grabe des Wucherers, der herzerquickende Trost, den sie lachenden Erben spenden, all das liefern sie prompt gegen fixen Preis. Auf besonderes Verlangen erglänzen sogar Tränen in ihren Augenwinkeln, aber nur wer sechsspännig, mit vier Kranzwagen und zwanzig Lampenreitern zu Gyabe fährt, kann sich, dieses kostbare Nass leisten. Wenn Leiden das Volk bedrohen, in der Not des Tages tauchen 6ie nicht auf, weder als Berater, noch als Tröster, aber an höchsten und allerhöchsten Geburtstagen, bei Empfangen von Statthaltern, Bezirkshauptleuten und Bürgermeistern sind sie alleweil dabei, im Namen des Judentums, lassen den Himmel scheffelweise Segen regnen, im Namen des Judentums, und wetzen die Zunge und krümmen den Rücken und kriegen Orden, im Namen des Judentums. Der Alltag rieht sie nicht, aber an hohen Festtagen ergötzen und amüsieren sie als Wortjongleure und Meister süsslicher Rede das bessersituierte Publikum im Tempel. Ein winziges Bibelverschen balancieren sie kunstvoll auf der Spitze der Zunge, dann ziehen sie’s lang und kneten es breit, tun moralische Sentenzen hinein, süss runzelig wie Rosinen, giessen Worte darüber, linde wie laues Seifenwasser und der Festtagskuchen ist fertig. Alles ist entzückt und erbaut und rennt nach Hause und lässt die Kinder taufen. Die höchsten Kullussteuerträger sind voll des Lobes unserer Grossrabbinnen, die den mächtigen Hauptstädten und Kulturzentren den Verkehr mit dem Himmel besorgen. Umgekehrt sind diese aber auch sorglich bemüht, den goldwolligen Schafen ihrer Herde das Leben bequem zu gestalten und alles Störende femzuhalten. Der Zionismus ist für reiche Juden keine Annehmlichkeit Flugs taten sich alle bedeutenden Rabbinnen zusammen, erklärten ihn für sündigen Wahnwitz, tolles Auflehnen gegen die göttliche Ordnung und warnten die Regierungen und Behörden vor diesen Vaterlandsverrätern, Unruhestiftern, vor diesen frechen Zionisten. — In diesen Tagen ist einem der mächtigsten Vertreter dieser Rasse ein kleines Malheur passiert. Der Grossrabbiner der Türkei, Chacham Baschi von Konstantinopel ist seiner Würde entsetzt worden, das jungtürkische Komitee hat ihn zum Teufel gejagt Er war ein glatter Schleicher, von allen Palasteufluchen und diebischen Paschas wohlgelitten und natürlich wütender Antizionist. Sein letzter Spitzbubenstreich war gegen die jungjüdische Bewegung gerichtet. Die Juden in Jerusalem wählten den Zionisten Rabbi Meir zum Chacham Baschi, flugs eilte der Konstantinopler zur Pforte, denunzierte den Neugewählten als Fortschrittler und Revolutionär und die Wahl wurde behördlich anulliert. Nun hat die neue Regierung den frommen Dunkelmann hinausgeworfen und aussichtsvoller Bewerber um seinen Posten ist der verlästerte Zionist Rabbi Meir. Wir Zionisten haben von der veijüngten Türkei so unendlich viel zu erwarten und der Sturz unseres hochwürdigen Feindes ist wie ein günstiges Omen. Schade, dass nicht auch bei uns im Abendlande ein so gutes Lüftchen die Oberbonzen fliegen macht. Doch was nicht ist, kann werden. Liebe Türken, seid bedankt! * * * Rumänisches. Der radikale Antisemit und gemässigte Ehrenmann R. v. Onciul, Mitglied des Rumänenklubs, brachte im Parlamente eine Interpellation ein, welche die Rechtspflege in der Bukowina behandelte. Die Zustände wurden als haarsträubend geschildert und die Schuld den jüdischen Richtern beigemessen. Ein aufsehenerregender Vorfall der jüngsten Zeit hat die teilweise Richtigkeit der aufgestellten Behauptungen erwiesen. Als vor Monaten die jüdische Familie.) G o 1 d b e r g t einer besüälischen Mordtat zum Opfer gefallen war, erschienen mehrere reiche und einflussreiche Bauern aus der Gegend um Suczawa der Tat verdächtig, kamen in Untersuchungshaft, wurden aber trotz der belastendsten Momente freigelassen. Dame Justitia scheint also tatsächlich im Buchenlande auf etwas verschlungenen Pfaden zu wandeln. Die Sache erregte unliebsames Aufsehen, man wispelte und raunte, die sonderbarsten Gerüchte tauchten auf und schliesslich sah sich die Oberbehörde genötigt, die beteiligten Richter in Disziplinaruntersuchung zu ziehen. Soweit die Dinge bis jetzt gediehen sind, scheint die öffentliche Meinung recht zu behalten und ein ungeheuerlicher Justizskandal vorzuliegen. Mehrere Richter sind bereits suspendiert, aber durchwegs Richter rumänischer Nationalität, Stammesgenossen des höchst ehrenwerten R. v. Onciul. Der erste Ausflug ins Sittliche, den 'sich der neugebackene rumänische Antisemit leistete, hat also einen etwas unerwarteten Abschluss gefunden. Irren ist menschlich! * * * Ein verunglücktes Experiment. Das Bedürfnis nach einer jüdischen Weltorganisation bricht sich unaufhaltsam Bahn, selbst in Kreisen, die dem jüdischen Volksleben völlig entrückt sind, regt es sich. Die Herren der »Alliance israelite“, der „Jewish Colonisätion Association“ und anderer reicher Hilfsinstitute haben sich zusammengetan und den Plan für eine derartige Organisation entworfen. Der Wille war gut, das Verständnis aber sehr schwach und der Versuch ''fiel kläglich aus. Die Herren haben nämlich folgende »Grundsätze“ ausgesprochen: Russische Juden, Zionisten und Jüdischnationale sind ausgeschlossen, die Vereinigung darf ferner nur in Aktion treten, wenn das Judentum von irgend einer Katastrophe heimgesucht wird, Wie sich der kleine Moriz eine Weltorganisation vorstefit'. Die Veröffentlichung hat vielfach Entrüstung hervorgerufen. Sie ist ungerechtfertigt. Dieses Vorgehen ist zu täppisch, als das man es verdammen sollte. Jüdische Interessen nur dann als vorhanden zu betrachten, wenn es,blutige Köpfe gibt, ein Volk organisieren zu wollen und Neunzehntel von vomeherein auszuschliessen! Die Beschränktheit und Verständnislosigkeit ist allzugross, da scheint Böswilligkeit völlig ausgeschlossen. Unsere Taüfstatistik. Der Gharlatan Ben Samuel, welcher die Zunahme der Wiener »Judentaufen“ frisch und keck auf das Schuldkonto H e r z 1 s und seines Zionismus setzen wollte, hat sowohl, in der »Welt“ von Austriacus als auch, in diesem Blatte von B. schon genug abbekommen, als dass noch ich vom Leder ziehen sollte; es wäre Leichenschändung! Bloss dies eine sei unseren beiden Wortführern, von denen nebstbei bemerkt, B. aus Thons »Die Juden in Oesterreich* irrtümlich nur die Daten über die Apostaten männlichen Geschlechtes zitiert hat!, vorgehalten, dass sie die Abfallstatistik der allerletzten Jahre zur Polemik nicht herangezogen haben. So wäre klar geworden, dass von 1902 bis 1907 mit einziger Ausnahme des Jahres 1906 die Zahl unserer Abtrünnigen in Wien stetig gesunken ist, und zwar nicht nur relativ in Hinblick auf das Anwachsen der hiesigen Judenschaft (Zuwachs jährlich um 21|2°/oi das ist um zirka 3500 Seelen), sondern sogar a b s o 1 u t; es wäre ferner klar geworden, dass im gleichen Zeiträume die füllend als erfüllend, tragen alle diese auftauchenden und wieder verschwindenden Figuren ein eigenes Seelengepräge, das bei jeder einzelnen, von der Persönlichkeit durchflossen, verschieden, individuell erscheint, das aber im wesentlichen eineu gemeinsamen Zug trägt. Eine sentimentalisch ungeklärte Innenkultur, tiefblickende Lebenserfassung ohne wegweisende Klarheit. Es ist etwas Schwankendes, Unlogisches in allen diesen Menschen, die ihre eigene Seele bis in die tiefsten Fältchen durchleuchten und doch nie wissen, was sie wollen. Der Dichter Bermänn mit seiner genialen Phantasie, seinem „herrlichen Verstehen“ sagt selbst, dass er bei jeder Tat zwischen Verherrlichen und Verdammen schwankt; er findet sie gut, und sieht er tiefer in sein Ich, schlecht. Und noch tiefer wieder gut und wieder schlecht. Und wenn schliesslich „alle Stockwerke seiner Seele“ beleuchtet sind, ist er ein Wohltäter und Tyrann, ein Bettler und König, ein Narr und Weiser zugleich. Oder der geistvolle, r,cbeusarkastische Nürnberger, der allem und allen misstraut, schliesslich sich selbst und seinem eigenen Misstrauen. Und die dunkle Else Ehrenberg, bei der sich' eine verhalten-flammende Sinnlichkeit mit klug-grüblerischer Kälte paart. Und die Sozialistin Therese, die ihr Leben dem Proletariat begeistert hingibt, unterbrochen durch eine frivole Läebesreise mit einem interessanten Kavalier. Und alle die anderen. Ein umschl’eiertes, opalisierendes Seelenspiel. Seltsam, von einer ergreifenden Schönheit, aber krank, tief krank. Alle die Menschen scheinen zu ringen, zu kämpfenmit einem unsichtbaren Todfeind, den :sie in sich tragen; irgend j etwas fanatisch zu lieben, das ihnen fremd ist und j wie ein Wurm an ihrer inneren Kraft nagt. Es sind lauter Juden. Zumeist reiche Juden, die alle Segnungen westeuropäischer Zivilisation mit hastigen Zügen in sich getrunken haben und im Innern verarbeitet, als eine kränklich-vergeistigte Schönheitskultur von sich geben. Denn schliesslich ist jede Kulur innerlich verarbeitete Zivilisation, von Seele durchtränkter Tatsachen- Fortschritt. Eine rätselhafte Kultur. An Schönheit und Geist vollends gesättigt. Voll Güte und Milde. Und doch blass, blass und blutleer, entwicklungsunfähig, tot. Und mit einem Male kommt mir das wunderschöne tote Kind in den Sinn, das die bodenständigklare Anna Rosner dem übergeistigt-traumverlomen Georg gebar. Und mit einem Male alle die schmerzenden Risse und Zuckungen, mit denen sich bei diesen beiden, die ein Totes schufen, das Voneinanderlösen vollzieht. Und mir ist es, als ob alle diese seltsamen Menschen, die alles geniessen können und in nichts ein reines Glück empfinden, sich lostrennen wollten von etwas Fremdem, das sie abgöttisch geliebt, das , ihnen aber ein Totes gebar. Wie Georg aus eben den kämpfenden, brodelnden Empfindungen hinaus, immer stärker die grenzenlose Sehnsucht nach dem Weg ins Eigne, den Weg ins Freie auffiackern fühlt, so ringen alle diese glücklich-unglücklichen Seelen, um sich von unsichtbaren Fesseln aus dem Dunkeln, Verschwommenen, Ungesunden ins Freie, Ganze, Reine zu retten.- Der eine sieht das Heil in unendlicher Menschheitsevolution, der andere in greifbarer Absonderung, der dritte durch die Lösung im eignen Innern. Aber alle suchen den Weg, lechzen nach der Freie. Ehe Georg von Wergenthin hinauszieht, wo ihm die goldenen Klänge der Ferne entgegenrauschen, sieht er auf dem Grabe seines Kindes grosse, dunkelrote, ernste Rosen; Anna hatte sie von ihm in der Stunde des Abschieds genommen und auf den traurigen Hügel gelegt. Vielleicht ist das herrliche Werk Artur Schnitzlers, die grosse dünkelrote, ernste Rose, die der Dichter auf dem Grabe einer toten Kultur niederlegt, da er ihn ahnt, den Weg ins Freie. Allerlei. Kopfindex der polnischen Juden. Wie F. A. Baiyvezki-Bindjä in einem Vorträge: Der Kopfindex der Siaven! Letto-Littauen u. a. auf Grund von Messungen an russischen Soldaten in der russisch-anthropologischen Gesellschaft in Petersburg ausführt. zeigen die Juden (92 Beobachtungen), eine gewisse Aehnlichkeit des Kopfindex mit dem Index der Siaven, unter denen sie leben, mit den Polen. Brachyzephal waren 56,50, idol'ichozephal 29,60. während such unter den Polen 59,19 Prozent Brachyzephale und 18,58 Prozent Dolichozephale befanden. (Archiv für Anthropologie 1908.)