Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Zeitun □ Redaktion, Administration und Wochenschrift. Li _l Abinnementspreiso: : 1 no-ratenaufnahme : Erscheint jeden Freitag. In Oesterreich-U n g arn: j IX., ^ürl<«Dsfrass« ßfr. 9* Ganzjähr. K 10. - halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K :{.—. ' -Telephon Nr. 14.199. In Deuts c'hUad: Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprschstund»n täglich von 10—12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.:—. 1 vormittags. n-:-:—:-:-:—ff Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Aasland ganzj. Frcs. 15.—. □ . □ Vertretungen In der Provinz In Brünn : "L * i t u n $ « i> u > e « u. F<-rdin»ndgasse. I» Prag: 7. ei tu n{rs vn rschle iss Wlezek, Graben 33. — In Lemberg: K a r 1 B u c h s i a D. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 33 Wien, Freitag, den 14. August 1908. II. Jahrgang. i\«s den) ji)balte: Der liberale Schwindel beginnt! Diebe Türken, seid bedankt! Rumänisches. Ein missglücktes Experiment. Unsere Taufstatistik. Von Dr. E. Zweig. Unerhörte Ausbeutung durch einen Kultusvorsteher. Zionistische Jahreskonferenz in Köln. Aus dem jüdischen Leben. Palästina. Feuilleton: Artur Schnitzlers „Der Weg ins Freie“. Von Dr. Fritz Loebner. Liste der Ueberläufer. Vereinsnachrichten und Parteinachrichten. Juden! Tretet dem „Jüdischen Nationalverein“, der einzigen jüdisch-politischen Organisation, bei. Jahresbeitrag 3 K. Beitrittserklärungen an die „Jüdische Zeitung*. Der liberale Schwindel beginnt! R. St. — Die liberale Partei in Oesterreich stirbt den hässlichen Tod des Schwächlings auf der Folterbank. Kein Aufbäumen, keine letzte Kraftentfaltung, nur schwächliches Gewinsel und schamloses Verleugnen aller Grundsätze, erbärmliches Betteln und Bitten um Verlängerung der Galgenfrist sind die Begleiterscheinungen. Die Partei, wenn man das Konglomerat von Kaffeehaus fraktionellen und Tischgesellschaften noch so nennen darf, geht nun daran, sich für die Wahlen in den niederösterreichischen Landtag zu rüsten. Todesahnungen im altersschwachen Herzen schnallt der Ritter von der traurigen Gestalt das rostige Schwert um die dürren Lenden und schielt nach Hilfe. Für ein bisschen Wohlwollen wirft er gerne seine schartige Plempe und sein altes Wappen hin. — Einige seiner Knappen ^baheo..sieb., bereits auf. fern, Schlachtfelde gezeigt. Man braucht nur das Gehaben dieser schäbigen Diener ihres schäbigen Herrn zu beobachten und ist sich des Ausganges dieser Farce vollkommen klar. Der Abgordnete K u r a n d a hat in einer der letzten Nummern der „N. F. P.“ das „Kampf“programm entwickelt. Ein drolligerer Schlachtenplan ward noch nie gezeichnet. Man höre! Punkt 1. Vorderhand darf der Kampf nicht begonnen werden, weil sich die liberalen „Massen“ noch in Seebädern und in Sommerfrischen befinden. Man darf die „erprobten“ Kämpfer für den Freisinn nicht schon jetzt belästigen, sonst werden sie missmutig und entsagen „definitiv“ dem Freisinn! — Das Vertrauen der liberalen Führer zu ihren Anhängern ist einfach fabelhaft! Die zarte Rücksichtnahme auf die „badenden“ Soldaten, ein Zeichen genialen Feldherrntalents! Und jetzt sage noch einer, die liberale Partei sei keine Volkspartei! 0, ihr bösen Christlichsozialen! Hat erst der K u r a n d a die Schwimmhosen runter, dann wehe euch! Punkt 2. Keinen Kulturkampf führen, weil die Wiener so was nicht lieben. Also nicht gegen klerikale Uebergriße ankämpfen, nicht für die Freiheit der Schule eintreten, nicht für die Unabhängigkeit der Wissenschaft plaidieren! „Wo bleibt aber dann der Freisinn?“ trägt der naive Normalmensch. Das ist eben das grosse Schlachtengeheimnis der liberalen Feldherren. Das Vorgehen ist ist zu plump, um Volksbetrug und gesinnungsloser Mandatschacher genannt zu werden; es istnicht mehr als. bodenlose Dummheit. Punkt 3. Nicht gegen den Antisemitismus sprechen, das ist heute nicht populär! Bisher hat die liberale Partei davon gelebt, dass kurzsichtige Juden in ihr eine Art Schutztruppe gegen den Antisemitismus erblickten, jetzt gestehen die Herren Macher ruhig ein, dass ihnen die Bedrängnis der Juden höchst gleichgiltig ist, dass sie bereit sind, den Juuenfeinden alle Konzessionen zu machen, wenn’s nur ein Mandätchen zu ergattern gibt. Hoffentlich wird ein so ehrliches Eingeständnis seitens der jüdischen Wählerschaft entsprechend gewürdigt werden. FEUILLETON. Artur Schnitzlers „Der Weg ins Freie“. Von Dr. Fritz Loe li n e r. Die einen nennen das neue Buch Schnitzlers einen Wiener Roman. Die anderen einen Judenroman. Sie legen dem schönen, stillen Musenkind ein Gewand an. Und dann klagen sie, wenn die zarten Gliedmassen nicht in die schablone-starren Falten passen. Sie können es nicht begreifen, dass ein Dichter seine Gedanken nicht aus dem Zettelkasten holt. Der Dichter aber geht mit einem milden, traurigen Lächeln seinen einsamen Weg. — — Als ich das parfümierte Plauderchen des Piaoul Auernheimer über den „Weg ins Freie“ las, kämpfte in mir ein nagender Schmerz mit aufbrausendem Zorn. Der Gedanke, dass dieses feige, unaufrichtige Sich-Drücken, dieses absichtliche Missverstehen, dieses näselnde Begackern von dem offiziellen Wortführer des modernen Geschmackes ausginge , und für die breite Oberschichte der deutsch-österreichischen Intelligenz die Elle des Urteiles wäre, war mir unerträglich. Ich hörte fast den guten Dresdner Strumpfhändler vor der Sixtinischen Madonna sprechen -. Wirklich, ganz gut! Und als in der . „Arbeiter-Zeitung“ der „talentierte“ Stefan Grossmann seinen heiligen, kosmopolitischen Geifer über des Dichters reines Kunstwerk ausgoss, weil es Schnitzler gewagt hat, seine jüdische Seele und sein liebevolles Erkennen des eigenen Volkes wie ein erwärmendes Feuer durch das Werk leuchten zu lassen, da erschaute ich mit entsetztem Auge den trostlosen Tiefstand dieser kulturgetünchten Gilde vom programmatischen Idealismus. Angriffspunkte hatten sie alle. Es gibt kaum ein bedeutsameres Werk der jüngsten Zeit, in welchem der Schöpfer so souverän sich über alle Forderungen des Lesepöbels hinweggesetzt hätte. Kein dämonisches Weib führt den erblassenden Leser durch den Sumpf, kein Weltdetektiv enthüllt das Verbrechen der Verbrechen, keine dämmende Anklage gegen die morsche Gesellschaftsordnung erquickt den satten Grosshämller — wie ein ruhiger, träumerischer Waldbach strömt die Handlung durch den dämmernden Abendfrieden abgeklärter Kunst dahin. Sind lauter Menschen mit ein wenig Güte, ein wenig Schlechtigkeit, mit mehr oder weniger Geist und Kultur, die nebeneinander und fast gar nie gegeneinander gehen — wie im wirklichen Leben; wo bleibt der „Roman“ V Herr Georg Freiherr von Wergenthin liebt die milde Anna R o s n e r, eine schlanke Gesangslehrerin aus bürgerlich-arischem Haus; sie gibt sich dem vornehmen, schönheit-trunkenen Kavalier nach vielen süssen Tagen keuschen Näherns hin; und die Liebenden -schlürfen viele Stunden köstlichen Lebensglückes auf den dunkelsehattenden Bergen, in dem träumerischen Zimmer, in das der Orgelklang von der benachbarten Kirche durch einen dichten Schneevorhang gedämpft hineinhallt, in den sonnigen Parken des Südens, wo der süsse Hauch der Fremde weht. •— Und Annas Leib saugt den Keim des Lebens in sich. In einem friedlichen Städtchen hei Wien kommt ein wunderschönes, totes Kind zur Welt. Und nun lösen sich die heimlichen Seelenfällen, mit zuckendem Schmerz aber unaufhaltsam, und Georg geht über die Leiche seiner Liebe und das Grab seines wunderschönen Kindes den Weg ins Freie. — — Das ist alles. Der ganze Inhalt eines grossen, ergreifenden Werkes, das uns in Herz und Seele verweilt, unsere Gedanken aus dem grauen Alllag in träumerische Fernen hebt; das wahre, blühende, verwelkende, herrliche und tieftraurige Leben, wie es sich in der ruhigen, klaren Seele eines Dichters spiegelt. Und ringsumher um die zwei jungen, schönen Menschenkinder wandeln gleich einem seltsamen Orchester-Ornament um eine feine, innig-tiefe Melodie, ein Dutzend Menschen, die einander merkwürdig ähnlich sehen. Männer und Weiber, Mädchen und Jünglinge. Bis auf die Familie Rosner, die nur mit leichten Konturstrichen gezeichnet auf der Bildfläche erscheint, mehr aus-