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Jüdische Zeitung · 1908-08-07 · 32 (7.8.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Hebräisch, 72 auf Deutsch und 14 auf Polnisch. Unter den Anfragenden überwog infolge der ökonomisch abnormen Struktur des jüdischen Lebens in Russland der Gewerbeberuf ganz erheblich; es be* zeichneten sich 45% (1905: 40%) als Handwerker, 8% (15°/0) als Landwirte oder landwirtschaftliche Arbeiter, 18% (15%) als Kaufleute und Kommis; die anderen gaben keinen bestimmten Beruf an. Die Briefe enthielten über. G500 (5000) Fragen; von ihnen bezogen sich auf Nordamerika 37% (35°'0), auf Kanada 19% (15%), auf Argentinien 14° „ (10%), auf England S% (10%), auf Palästina G% (5%), auf Zypern 2%. Diese Zahlen veranlassen zu interessanten Schlüssen über die Einwanderungsmöglichkeiten in den verschiedenen Ländern; in England, dem einzigen Lande, wo ein Rückgang zu verzeichnen ist, ist z. B. die Rückwirkung der Alien-Bill vom Jahre 1905 unverkennbar. Dem sachlichen Inhalt nach bezogen sich von den Fragen auf den Arbeitsmarkt 21% (25%), auf Reiserouten und Reisekosten 25% (20%), auf Einwanderungsbeschränkungen 16% (18%), auf Gepäckbeförderung S%, auf Unterstützung 18%. Die Beantwortung dieser Briefe und Fragen ist eine mühevolle, aber höchst nutzbringende Kleinarbeit; denn die Antworten liest nicht nur der Adressat, sondern siegehen, namentlich in den kleinen jüdischen Städten, von Hand zu Hand und verbreiten besser als alle Publikationen bis in die tiefsten Schichten der auswanderungslustigen Bevölkerung die Kenntnis der wahren Verhältnisse über die Auswanderung. Um das Fortkommen der Emigranten in der neuen Heimat zu fördern, sind von der Zentrale auch zwei Wörterbücher herausgegeben und in vielen Tausenden von Exemplaren verbreitet worden, ein spanisch-jüdisches für die Südamerika-Wanderer (Argentinien, Kuba) und ein englisch-jüdisches für diejenigen die nach England oder den englischen Kolonien und in die Vereinigten Staaten ziehen. Das englisch-jüdische Wörterbuch berücksichtigt in der bereits erschienenen zweiten Auflage besonders eingehend die amerikanischen Verhältnisse; für amerikanische Einwanderer ist die Erlernung der englischen Sprache ja umso notwendiger, als das neue Naturalisationsgesetz vom 29. Juni 1906 in Artikel 8 bestimmt, dass künftighin kein Einwanderer . ohne Kenntnis der englischen Sprache naturalisiert werden und das Bürgerrecht erhalten kann. Als das Hauptziel der Einwanderung wurde bereits Am eri ka genannt Etwa 80 bis 85% aller Auswanderer wenden sich dorthin, während nur 10% nach England gehen; der Rest verteilt sich . auf die übrigen Länder. Von den ca. 200.000 jüdischen Auswanderern des letzten Jahres sind 153.748 nach Amerika gezogen. Seine Anziehungskraft rührt einmal von dem industriellen Aufschwung in den Vereinigten Staaten, der für den dortigen Arbeitsmarkt günstige Konjukturen zur Folge gehabt hat, dann aber auch von der kompakten Masse des jüdischen Proletariats, die bereits in Amerika ansässig ist. In den Vereinigten Staaten leben bereits fast 1% Millionen Juden, davon in New York allein ungefähr die Hälfte; in den letzten Jahren verblieben in der Stadt 65 bis 70% aller jüdischen Einwanderer. Die Anhäufung dieser Massen in zwei bis . drei der östlichen Staaten und vor allem in den Zentren wie New York, Philadelphia, Chicago muss mit der Zeit naturgemäss zu ungesunden Zuständen führen. Sie erscheint _ gleich bedrohlich für die Entwicklung der amerikanischen Judenheit wie für die dortigen Staatsbehörden. Daher begegnen sich beidein dem Bestreben, den Strom der Emigranten von den grossen Industrieherden abzulenken. Im Februar 1901 wurde zu diesem' Zwecke in New York das Industrial Removel Office errichtet, das sich zur Aufgabe stellte, die arbeitslosen Juden der Stadt im SüdeD und Westen der Vereinigten Staaten anzusiedeln und dort neue Ablenkungszentren zu schaffen. Bis heute hat dieses Bureau etwa 20.000 Personen von New York nach anderen Orten übergeleitet. Gehemmt wird seine Tätigkeit durch den Masseninstinkt des jüdischen Volkes. Daher hat die Einwandererzahl der letzten Jahre auch nur einen ganz geringen Bruchteil für diese Staaten westlich vom Mississippi gestellt. Von den 129.910 Ankömmlingen des Jahres 1904/05 sind nur 2983—2‘3%, von den 153.748 des Jahres 1905/06 nur 3935— 2‘56% dorthin gewandert. Für die Zukunft ist aber durch eine zweckmässige Organisation des Arbeitsnachweises in diesen Staaten und durch reiche Stiftungen der amerikanischen- Philanthropen eine grosszügigere Einwanderung in den Westen geplant, an der sich das Berliner Bureau durch Bereitstellung von Mitteln und Verhandlung mit der Schiffahrtsgesellschaft beteiligt. Die praktische Ausführung erfolgt unter Mitwirkung der Jewish Territorial Organisation (kurzweg Ito genannt), die sich unter Führung des Engländers Zan g will nach dem letzten Baseler Zionistenkongress von den echten den Palästinazionisfen, abgezweigt hat und nun hier eine Reihe neuer jüdischer Zentren und Gemeinden zu schaffen hofft. Als Einwanderungshafen ist Galveston in Texas in Aussicht genommen, die erste Expedition nach Galveston war bereits für Mitte April 1907 geplant. Die nordatlantischen Häfen wie New York, Boston, Philadelphia, Baltimore müssen für das Projekt schon aus dem Grunde ausser Betracht bleiben, weil sonst die .Gefahr besteht, dass viele Ankömmlinge doch in diesen Hafenstädten hängen bleiben. Nächst Amerika, aber höchstens mit dem zehnten Teil seiner Einwandererzahl, kommt England als Einwanderungsland in Betracht. Die englische Statistik führt die jüdische Einwanderung nicht gesondert auf, aber es dürften kaum mehr als 12—15.000 Juden im verflossenen Jahre nach England gewandert sein. Die erschwerenden Wirkungen des neuen EinwaDderungsgesetzes, der Alien Bill, die mit dem Jahre 1906 in Kraft getreten ist, äussem sich u. a. darin, dass 489 Personen von der Landung zurückgewiesen und 294 nach der Landung des Landes verwiesen wurden; wie viele von ihnen Juden waren, ist nicht bekannt. Vor allem aber lehnen die Schiffahrtsgesellschaften schon in den Einschiffungshäfen die Beförderung solcher Passagiere ab, die nicht unbedingt dem neuen Einwanderungsgesetz entsprechen, da sie sonst Gefahr laufen, dieselben auf eigene Kosten zurückbefördern zu müssen. England i \ ■ hat also wohl aufgehört, für mittel- und anhaltsi lose Juden ein Einwanderungsland zu sein. In dem Masse, als England seine Tore schliesst, steigt die Bedeutung von Kanada und Argentinien als Zufluchtsstätten für die jüdische Einwanderung, dieselbe dürfte sieb jetzt für Kanada auf8—10.000 Köpfe belaufen; in Argentinien wanderten 1905 7516 Personen ein. Palästina gehört ebenfalls als eiserner Bestand in den Rahmen der Einwanderungsländer, obwohl das Berliner Auswanderungsbureau angesichts wirtschaftlichen Tiefstandes der palästinensischen Judenheit die dorthin zielende Bewegung keineswegs begünstigt. Aber es hat mit ihr als einer Tatsache zu rechnen und lässt es sich daher angelegen sein, die Wanderung dorthin zu einer streng geregelten zu machen, den Arbeitsnachweis zu organisieren, zuverlässige Auskunftsstellen zu schaffen und einer industriellen Entwicklung des Landes die Wege zu bahnen. Daher hat es auch das ,Allgemeine fnformations- Bureau für jüdische Einwanderer in Jaffa“, das von dem „Odessaer Komitee zur Förderung von Ackerbau, Handel und Gewerbe für Palästina“ begründet wurde, auf seine Kosten übernommen. Eine nicht unerhebliche Einwanderung findet auch nach den nordischen Ländern, namentlich nach Dänemark, statt. Hier ist die jüdische Bevölkerung nach den Tabellen des dänischstatistischen Amtes (Kopenhagen 1905) in den sechzig Jahren von 1840 bis 1901 von 2’99% der Gesamtbevölkerung auf 1‘42% zurückgegangen. Aber trotzdem ist die Möglichkeit, dauernd Beschäftigung zu finden, infolge der schlechten Lage des Arbeitsmarktes eine sehr geringe. Daher wurde Ende des vorigen Jahres auf einer Konferenz zu Stettin beschlossen, eine weitere Einwanderung dorthin, besonders nach Kopenhagen zu verhindern, weil sonst das Fortkommen der bereits Eingewanderten ernstlich in Frage gestellt würde; deren Zahl beläuft sich unter den 349G Juden Dänemarks auf etwa 1000. So gehen in der Auswandererfürsorge eine Ablenkungs- und eine Sammlungstendenz neben einander her. Die Tatsache, dass die Haupteinwanderungsländer auf die Dauer Jen Strom der jüdischen Massen einfach nicht mehr aufnehmen können, nötigt zur Suche nach neuen Wanderungsmöglichkeiten. Das Zentralbureau in Berlin ist daher der ,Geographische Kommission* der Jewish Territorial Organisation beigetreten, welche sich bestrebt, irgendwo in der Welt ein autonomes Territorium für die osteuropäischen Juden ausfindig zu machen. Welche praktischen Erfolge dies Bestreben zeitigen wird, bleibt abzuwarten; allzu grosse Hoffnungen wird man kaum an dasselbe knüpfen dürfen, wenn man erwägt, dass die brauchbaren Distrikte der gemässigten Zone durchwegs schon, wenn auch teilweise nur dünn, bevölkert sind, und dass die bereits dort Ansässigen die Umwandlung ihrer Heimat in einen autonomen Judenstaat fraglos scharf bekämpfen werden, wie es z. B. seitens der wenigen englischen Ansiedler in Britisch-Ostafrika bereits geschehen ist, als im Jahre 1903 innerhalb der zionistischen Bewegung das sogenannte Ugandaprojekt auftauchte. In den tropischen Gebieten aber können menschenleere Stätten auch nur die Wüste oder das von dem in grösserer Zahl fast nur in den diversen Industrieorten. Besonders stark ist die Zunahme der jüdischen Bevölkerung im Ostrauer Kohlenrevier, und zwar sowohl auf mährischem als auf .schlesischem Territorium, in den Gerichtsbezirken Mähr.-Ostrau, Oderberg und Polnisch-Ostrau. Der Gerichtssprengel Mähr.-Ostrau erfuhr in den letzten 3 Jahrzehnten eine Steigerung der jüdischen Bevölkerung von 1017 auf 2222, bezw. auf 4985; die beiden anderen schlesischen 'Gerichtsbezirke von 557 auf 691, bzw. auf 1523. Im allgemeinen hat die jüdische Bevölkerung Schlesiens seit der Emanzipation kontinuierlich, sowohl absolut als auch relativ zugenommen, nur in dem, wie oben erwähnt antisemitisch 'durchtränkten Westschlesien ist während des letzten Dezenniums eine Abnahme der Juden zu konstatieren. Nach den statistischen Ausweisen wohnten in Oesterreichisch-Schlesien. '*)*""’ im Jahre 1850 2456 Juden „ „ 1857 3280 „ (= 0-71% d. Ges.-Bev. Schl. 0‘5% sämtl. öst. Jud.) im Jahre 1869 6J23 Juden . (= 1-2% d. Ges.-Bev.-Schl. 0-75°/» sämtl. öst. Jud.) im Jahre 1880 8580 Juden (■** 1-51% (L Ges.-Bev.-Schl. 0-85% sämtl. öst. Jud.) im Jahre 1890 10042 Juden («1*66% d, Ges.-BeV.-Schl. 0‘88% sämtliöst. Jud.) im Jahre. 1900 11988 Juden lr76% di Ges.rBev.TSchl.: Of98®/o sämtl, ,ö$t. .Jud.) „ Auch im Verhältnisse zur christlichen Bevölkerung ist das Zuwachsprozent der Juden Schlesiens ein bedeutendes; denn während die Gesamtbevölkerung Schlesiens innerhalb der Zeitperioden 1889—1890—1900 Steigerungen von 7'1 und 12,35% aufweist, beträgt das Zuwachsprozent unter den Juden 17,84 und 19,38%; auf Ostschlesien entfällt ungefähr %, auf Westschlesien ungefähr V* der gesamten Judenschaft des Landes. Der Umgangssprache nach waren laut des Ergebnisses der letzten Volkszählung im Jahre 1900 9681 Deutsche. 80,75% 263 Gzechen.2,19% 1028 Polen .'.8,58*/. und 1016 Fremde (Ausländer) . 8,48% Zusammen 11,988 Juden. 100,00% Es erübrigt nur noch, die kulturellen Verhältnisse der Juden Schlesien^ einer Erörterung zu unterziehen. Mit der Regelung der bürgerlichen Rechtsverhältnisse der Juden Oesterreichs ergab sich audi die Notwendigkeit der einheitlichen 'Regelung ihrer religiös-internen Angelegenheiten.;Nach mehrfachen Versuchen erfolgte diese mit Gesetz vom 21. März 1890, R. G. B. Nr. 57, durch welches die Institution der „Kultusgemeinden* geschaffen wurde, und den nach Ländern erlassenen (Durchführungsverordnungen, durch welche die einzelnen Küftusgemeinden ins Leben gerufen wurden. In Schlesien war wohl nicht jene Basis für die Kreierung der Kultusgemeinden vorhanden, (.wie .m.Mahren, wo die alten Judengemeinden die Grundlage für die Errichtung der neuen Kullusge meinden boten, aber auch in Schlesien schloss man naturgemäss an jene Orte an, in welchen die Juden teils bereits vor dem Jahre 1848 in grösserer Zahl gewohnt hatten, teils seit Erlangung der Freizügigkeit sich zahlreicher ansiedelten. Mit Verordnung der schlesischen Landesregierung vom 12. Dezember 1892 wurden für Schlesien 10 Kultusgemeinden geschaffen: Troppau, Teschen, Bielitz, Jägerndorf, Friedek, Skotschau, Freistadt, Wagstadt, Freiwaldau und in der alten mährischen Judengemeinde Hotzenplotz. Die ehemalige nicht geschlossene Judengemeinde Weidenau wurde wegen der geringen Anzahl und der schwachen materiellen Kräfte ihrer jüdischen Insassen nicht zur Kultusgemeinde erhoben. Die Kreierung der schlesischen Kultusgemeinden übte auch ihren Einfluss auf die bereits mit Statthalterei-Verordnung vom 15. Juni 1891 vollzogene Einteilung der mährischen Kultusbezirke. Aus Griinden der Zweckmässigkeit wurde nämlich der mährische Gerichtsbezirk Mistek vom Kultussprengel Mähr.-Ostrau abgetrennt und mit dem schlesischen Kultussprengel Friedek zur Kultusgemeinde Friedek-Mistek vereinigt: hierfür wurde wiederum der schlesische Gerichtsbezirk Oderberg dem Kultussprengel Mähr.-Ostrau einverleibt. Auch Kultusvereine1) befinden sich in mehreren Orten Schlesiens, so in Dzieditz (Kultussprengel Bielitz) Ustron und Chybi (Kultussprengel Skotschau), Orlau, (Kultussprengel Freistadt), Oderberg (Kultussprengel Mähr.-Ostrau), Königsberg,

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