Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG , Nr. 32 letzten Zionistenkongress wegen seiner 'wirtschaftlichen Untauglichkeit abgelehnte Gebiet in Britisch- Ostafrika bezw. ähnliche ungünstige Gegenden im nördlichen Australien in Frage kommen. Diese Erwägungen fuhren schliesslich alle auf ein einziges Land zurück, in dem die Sidelungsfrage befriedigend zu lösen wäre: Palästina. Aber wollten wir dieser Perspektive weiter nachdenken, so wären wir genötigt, die ganze schwere Juden frage, das Problem des jüdischen Volkes, aufzurollen und zugleich den wirtschaftlichen Möglichkeiten des gelobten Landes nachzugehen. Das fallt aus den Rahmen dieser- Zeilen; hier muss es genügen, einen Ausschnitt aus jener Frage aufgezeigt zu haben, die Auswanderung und die Auswandererfürsorge. Kotelow i. Meckl. 0. Eberhard. Masaryk, Marx und die Juden. Die gegenwärtige Zeitperiode trägt deutlich den Stempel einer Uebergangsperiode von einer alten Kultur zu einer neuen, vom Herdenmenschen zu dem seiner Eigenart sich bewusstwerdenden Individualmenschen. Alle mit der Weiterentwicklung des Menschentums zusammenhängenden Probleme sind aufgerollt, in erster Linie die nationalen, religiösen und sozialen Fragen. Im engen Konnexe mit allen diesen, die Kulturmenschheit bewegenden Problemen steht die Judenfrage. Ohne Erfassung dieses Zusammenhanges ist die auch nur theoretisch wichtige Lösung derselben ausgeschlossen. Der Rassenantisemitismus ist das Produkt zum Chauvinismus und Fanatismus entarteten Nationalismus, der religiöse Antisemitismus die Konsequenz des überall erstarkenden Klerikalismus und der ökonomische Antisemitismus eine Begleiterscheinung der wirtschaftlichen Not. Die richtige Erfassung der Judenfrage ermöglicht daher nur eine synthetische Weltanschauung, die gleichmässig alle Ursachen der Judennot und des Antisemitismus -berücksichtigt. Alle die rück - ständigen Auffassungen der Judenfrage, welche einseitig nur einen Teil derselben sehen, kommen zu falschen Diagnosen und daher auch zu irrigen Lösungen. Ein Schulbeispiel dafür bietet Karl Marx, der von seinem materialistischen Standpunkte aus im Egoismus das Wesen des Judentums erblickt. .Welches ist der welt’iche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz.“ „Welches ist die weltliche Kultur der Juden? Der Schacher?“ „Welches ist sein weltlicherGott? Das Gel d.“ _ „Nun wohl’, ruft Karl Marx aus, „die Emanzipation vom Schraeh e-r' und vom Geld, also vom p r ä:lrt is c h e n, realen Judentum wäre; ‘ die S elbstemanzipation unserer Zeit“ . . „Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen R e 1 i g i o n?“ Das praktische Bedürfnis. Der Egoismus. . . .... . Das G e 1 d ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer bestehen darf. Der Jude hat keine Nationalität, seine Nationalität ist die Nationalität des Kaufmannes, des Geldmenschen überhaupt.“ In diesen Sätzen gipfelt die Anschauung von K arl-M a r x über die Judenfrage. Mit vollem Rechte betont nun Reichsratsabgeordneter Th. G. Märaryk in seinem Buche: „Die philosophischen und soziologischen Grundlagen des Masxismus,“ dass Karl Marx infolge seiner einseitigen materialistischen Auffassung zu dieser total' falschen Anschauung über die Judenfrage gelangt sei. Masaryk sagt diesbezüglich folgendes: Marx will, in der jüdischen Frage nicht die nationale, die Rassenseite sehen — und doch besteht diese. Die Juden sind ein eigenes Volk, wenn sie auch ihre Umgangssprache aufgegeben haben. -Die Sprache allein ist eben nicht das einzige und wichtigste Merkmal der Nationalität. Marx beurteilt die religiöse Frage überhaupt unrichtig und somit missversteht er auch .diese Seite der Judenfrage. . .;. In seiner materialistisch en Einseitigkeit reduziert er das Wesen des Judentums und Christentums auf den Egoismus. Nun kann man zwar aus dem Juden gewissermassen ein Organ der allgemeinen Habgier, quasi einen Blitzableiter aller Habgier machen, aber darin liegt eben nurein;T e il. der -Wahrheit. Marx anali-; sierte die Eigenschaften der Juden1 nicht genügend und er unterscheidet nicht die guten Seiten ihres Charakters von den schlechten . . . . Marx hat das jüdische Problem auch von der historischen und kulturellen Seite nicht begriffen ...... . Ein Stück Reformarbeit erblicke ich (Masaryk) inr Zionismus. Ich meine" darunter nicht die Auswanderung nach Palästina. — Die Juden können ruhig dort bleiben, wo sie sind, sie müssen aber begreifen, dass ihr moralischer Charakter und ihre ganze Weltanschauun g reformbedürftig ist . . . Der Marxische Messianismus krankt an dem Fehler, den er selbst den Juden zuschreibt. Der Marxismus jst zu praktisch, zu objektivistisch, zu materialistisch.“ Masaryk beschränkt sich aber nicht nur auf eine Kritik des assimilatorischen Judentums, des „Marxischen Antisemitismus“, sondern dehnt sie auch aus auf das .antisemitische Christentum“, er fordert nicht nur eine Gesellschafts-, sondern auch eine Menschenrefo rm. Und in der Tat ist die soziale Frage eine ü b e r wirtschaftliche Frage; nicht nur eine neue bessere Wirtschaftsordnung benötigen wir, sondern auch neue moderne- Menschen, die die Voraussetzung derselben bilden. Herdenmenschen können ebenso wenig das Fundament einer wirklich freien Gesellschaft bilden, als die Juden mit einer rückständigen dogmatischen Weltanschauung nützliche Arbeiter für die jüdische Renaissance sein. Die moderne marxistische W el t an s ch au un g aber allein ist imstande eine Harmonie herbeizuführen zwischen allen Aktionen, welche zur Regeneration des jüdischen Volkes erforderlich sind; die syelhetische Weltanschauung wird auch in das Verhältnis zwischen den Juden und den übrigen Nationen weit mehr Klarheit bringen, als die berüchtigte Sch lag wortpolitik eine Eiterb.eule der Gegenwart. Diese Politik haftet nur an der Oberfläche, da sie nie in den Kern der Probleme eindringt, nur vorübergehende, berauschte, irregeleitete Massen befriedigt, nie aber moderne Renaissancemenschen, die allein erfolgreiche .Vorkämpfer sowohl für die Palästinaarbeit wie für die n at io na 1 - sozia 1 en, kulturellen, politischen und ethischen Postulale unseres Volkes in Oesterreich zu sein vermögen. < Nationalfonds-Statistik. Die statistischen Monats-, Vierteljahrs- / und Halbjahrstabellen, welche nunmehr, ständig vom N.-F.-Hauptbureau . veröffentlicht werden, sind jedem, der für unseren Nationalschatz arbeitet und insbesondere den N.-F.-Kommissären der einzelnen Landessammelstellen hochwillkommen. Denn diese Tabellen zeigen den absoluten und auch den relativen Erfolg der N.-F.-Arbeit auf, letzteren im Hinblick auf die Erfolge der anderem Länder, und sind so ein mächtiger Ansporn, den einmal errungenen Platz zu behaupten, Versäumtes nachzuholen und womöglich sich an die Spitze der wetteifernden Landsmannschaften durchzuringen. Dem lehrhaften Zwecke der klaren Uebersicht über die eigenen Leistungen und jene der anderen scheinen mir jedoch die Tabellen des Schönbrunn, Odrau und Wlgstadtl (Kultussprengel Wagstadt), Freudenthal (Kultussprengel Jägeradolf), Weidenau (Kultussprengel Freiwaldau),- Zuckmantel und Glbersdorf (Kultussprengel Hotzenplotz). *) Von dieser Bestimmung erfolgten noch vor der Emanzipation der Juden Ausnahmen, indem die Landesregierung im Jahre 1828 der Bielitzer und 1838 der Teschner Judenschaft, mit Rücksicht auf ihre grosse Anzahl gestattete, Synagogen zu errichten. Die Fenster und Türen der Bethäuser mussten jedoch gegen den Hof gekehrt sein." ln ’ Teschen wurde auch' ein „Religionsweiser“ - bestellt, der die Seelsorgefunktionen (Trauungen, Erteilung von Religionszeugnissen an Brautleute usw.) für ganz Ostschlesien zu vollziehen hatte. a) Eine Entvölkerung einzelner Gemeinden von Juden, wie dies in Mähren vielfach erfolgte, lässt sich in-Sehesien nicht konstatieren. Denn selbst in den von den Juden am stärksten bewohnten Städten, wie Bielitz und Teschen, wohnten die Juden nicht in einer verhältnismässig so grossen Zahl, als dass ihnen nicht genügende Erwerbsgelegenheit geboten gewesen wäre. Anderseits wurden die Industriestädte Troppau, Jägemdorf, Freiwaldau u. a. von Juden rasch bevölkert. •Y Siehe mein Buch : „Die Juden in Mähren“' S. 45 T. ' \ Dar Stand dar jüdischen Bevölkerung in Österreichisch-Schlesien. Stadt, bezw. Gerichtsbezirk 1880 1890 1900 in o|0 dar Gaumt. BavSIka'f. I. Ostschlesien (Kreisgerichtssprengel Teschen). Kultusspreng. -Teichen: Stadt Teschen. '. die übrigen Orte des J1484 1712 1666 8,96 Gerichtsbez. Teschen, 1 407 0,84 Gerichtsbez. Jabluhk&u 253 247 Stadt 1)8 3-B.lOS } 0,71 Kultusspreng. Friedek- ' Mistek: Stadt Friedek . . . die übrig. Orte des Ge- 217 205 262 326 3,60 richtsbez. Friedek ,. 252 - 255 0,61 Kultussprengel Bielitz: Stadt Bielitz . . . . die übrig. Orte des Ge- 1660 1977 2460 14,82 richtsbezirkes Bielitz 394 471 644 2,27 Kultussprg. Skotfchau: Stadt Skotschau . . \ 222 6 85 Stadt Ustron .... die übrig. Orte des Ge- ’ ■ richtsbez. Skotschau \ 436 586 110 2,34 1) - 234 0,95 .Gerichtsbez;. - Schwarz- ^Wasser Lifis 263- 260 1)76 i | 4S17 | 5770 6791 1 Stadt, bezw. Gerichtsbezirk 1880 1890 1900 n dar Gaumt» Jevölkerg. I. Ostschlesien (Kreisgerichtssprengel Teschen.) Uebertrag 4817 5770 6791 Kultussprg. Freistadt: Stadt Freistadt ,. . 210 Gemeinde Karwin . . 104 Gemeinde Läzy . . . 524 609 150 . 1 tV7 Gemeinde Orlau . . 220 die übrig. Orte des Gerichtsbez. Freistadt 326 Kultussprengel Mähr- Ostrau: Stadt Oderberg... . 67 Bahnhof Oderberg (Schönichl) .... 418 die übrig. Orte des Gerichtsbez.: Oderberg 557 691 477 Y2,14 Stadt Polnisch-Ostrau | 325 ■ Gemeinde Hruschau . 129 Gern. Michalkowitz . 1 107 / Summa 5898 | 7070 9324 2,52 II. WestscMesien (Kreisgerichtssprengel Troppau) Kultussprg. Troppau:; / ■ ' 1 ■ Stadt Troppau . . . die übrig. Orte des Ge- 1061 1089 1047' 3,92 richtsbez. Troppau . 138 139 116;JÖ,30 Gerichtsbez. Beunisch 65 51 Stadt 29 24 } 0,30 Fürtrag. 1264 1269 j 1216