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Jüdische Zeitung · 1908-08-07 · 32 (7.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 32 Volke gehen! Weil das Volk nicht an der Tablo d’höte sitzt, ist er in die Schenken und Vorsfadhvirfshäuser gegangen und Minister geworden und geht als Minister unverdrossen in Schenken und Spelunken. Ein gesünder Instinkt weist ihn immer wieder dorthin, wo seine Macht den Ausgang genommen hat und er findet immer neue Kräfte. Das Volk kennt keine Erholungsurlaube. Es muss auch im'heissesten Sommer schuften und schaffen und blickt grollend und neidvoll auf die Glücklichen, die ausspannen dürfen. Und wer gerade in dieser Zeit zu ihm kommt, ist hochwillkommen und hat leichtes Spiel. So verzichtet Gessmann frischweg auf Alpenluft und Seewasser und weiss, was er tut. Dass die gegnerische Seite boshaft von „Popularitätshascherei“ spricht, schert ihn wenig. Von diesem unserem Erzfeinde können wir Juden was lernen. Seine unermüdliche volkstümliche politische Arbeit ist gegen uns gerichtet und wir müssen so arbeiten wie er, wenn wir «ns seiner erwehren wollen. Wir haben auch viel zu erlernen, denn wir haben unendlich lange als Anhänger der Liberalen die denkbar schlechteste Schule frequentiert; auf dem Lehrplan hat das Wörtchen „Volkstümlichkeit“ immer gefehlt. Verhandlungen am grünen Tisch mit „Machern“, Bezirks¬ und Kehillegrössen, „einflussreichen“ Bürgern und so fort, waren das Um und Auf dieser Politik, die angeblich zum Besten des Volkes und nie mit dem Volke betrieben wurde, und auch Verdientermassen verkracht ist. Wie dieser Antisemit, müssen auch unsere Vertreter mitten unters Volk gehen, das leidet und keine Badesaison kennt. Dort ist Kraft und Vertrauen zu holen, auch in der „toten“ Saison. * * * Wie man Judenmörder empfängt. Und dünkt man sich neunmal weise und aller Erfahrungenübervoll, so kommt ein Augenblick und man wird zum staunenden Tölpel! . Der Mann der feinen Umgangsformen greift dann sachte in die Frisur und seufzt: „Ich ahnungsloser Engel!“ Der ge-' wohnliche Mensch haut sich auf den Schädel und brüllt: „Ich Trottel!“ Eine Nachricht, die jüngst aus Galizien herüberflatterte, ist ganz darnach angetan, solch wenig schmeichelhaftes Erstaunen in den selbstbewusstesten Leserköpfen hervorzurufen. Auf der Durchreise hach Russland hat Graf Bobrinskij, der bekannte Führer der extremsten Rechten im russischen Parlamente, die Stadt Lemberg durch einen .Besuch geehrt. Dem illustren Schutzherm aller „Schwarzen Hundertschaften“, dem- Gönner aller Jüdenmörder und Brandstifter, dem echtesten aller echten Knüttelpatrioten wurde ein solenner Empfang bereitet. Eine auserlesene Gesellschaft von hervorragenden Politikern und; Würdenträgern bot ihm das Willkommen und Sprecher waren die Juden Abgeordneter Dr. L ö w e n s t e i n und Vizebürgermeister Dr. Aschkenase! — Es ist althergebrachte und teuere Sehlachzizensitte, vor jedem bedeutsamen Schritte Herz und Nieren gründlich zu prüfen und diese Organe vorsorglich und reichlich mit Schnaps zu begiessen. Zwiefach ist die Wirkung dieses starken Getränkes. Es macht den einen launig und witzig, den anderen stupid, wie das Vieh. Die Arrangeure des Empfanges waren Schlachzizen, das ist gewiss, gewiss ist daher auch, dass sie Schnaps getrunken haben. Haben sie nun dem russischen Grafen die zwei Juden entgegengeschickt, um ihn schnapslaunig zu frozzeln oder taten sie es in volltrunkener Bewusstlosigkeit? — Der Löwenstein und der Aschkenase selbst waren nicht besoffen, denn Hausjuden müssen allezeit klaren Kopfes und dienstbereit sein. Es war nüchternste Büberej, wenn diese Juden dem Judenmörder die Hände leckten, dem Bluthunde huldigten. — Lumpen hat jede Nation, also hat auch das jüdische Volk seine Polenklubjuden. Das wäre nicht allzutragiseh zu nehmen. Nur dass diese Leute bei uns immer unverschämter werden und ihr Treiben überall geduldet wird, dass sie vom Unwillen des Volkes heute noch so wenig zu befürchten haben, Ist ein betrübendes Zeichen von nationaler Schwäche. sje Sommerliche Judenleiden. Während der schönen Sommermonate werden d i- Redaktionen der jüdischen Blätter mit Klagen vom ländlichen Antisemitismus geplagter Sommergäste überflutet. Bald wird da ein judenreines Hotel errichtet, bald trifft dort .eine Kurko'ihmission oder ein Bürgermeister. den Juden beschwerliche und gehässige Verfügungen, gesellschaftlicher Boykott wird geübt. Soweit diese Klagen von Kranken ausgehen, denen keine Wahl bleibt und die auf gewisse Erholungsstätten und Heilanstalten angewiesen sind, verdienen sie Berücksichtigung seitens der jüdischen Oeffentlichkeit und Abwehr durch dieselbe, den Jeremiaden der Uebrigen sei mit einem Worte Bescheid getan: S e 1 b s t h 11 f e! Um leidlich auszukommen genügt aber ein Minimum an Takt und Selbstgefühl. Erst wenn es fehlt — und das ist in der Klasse, welche das Kontingent der jüdischen Sommergäste stellt, manchmal der Fall — ergeben sich Unannehmlichkeiten. Es gibt Juden, die eitien Ehrgeiz darein setzen, in bekannt antisenitischen Gegenden Unterschlupf zu finden, förmlich stolz sind sie darauf. Ihre Plagen sind wohlverdient. Es gibt Juden, in deren Häusern das Wort „Jude“ vor dem Dienstboten nicht laut ausgesprochen werden darf, den Kindern wird „jüdisch“ als identisch.mit „unfein“ hingesfelit, bei der Aufnahme der Wohnung dem Hauswirt gesagt, man sei wohl Jude, „halte aber nichts darauf“, womöglich noch versichert, „man sei nicht wie die anderen!“ Die Umgebung merkt sofort die Schwäche und die Missachtung wird direkt herausgefordert. Viele Juden wollen sich wenigstens in der Sommerfrische die hohe Ehre „christlichen“ Umganges ergattern.- Man wimmelt sie ab, und dann jammern sie über die. brutalen Antisemiten. Dem energischen und taktvollen Juden passieren solche Dinge nicht. Es ist auch nicht notwendig im Milieu allzusehr aufgehen und den „Gebirgler“ spielen zu wollen. Unseren Rasseschönheiten steht das Dirndlkostüm nicht, in die Breite gegangene Stammesgenossinen sollen nicht in rote Strümpfe und kurze Rockerin, unsere Börseaner nicht in Bauernjanker kriechen. Man braucht beim Tarokspiel nicht „Kärntnerisch“ reden zu wollen, wenn man am Salzgries oder in Pest zu Hause ist. Man braucht nicht den Spott herauszufordern. Taktvoll sein, dann geht’s fast überall, und geht’s nicht, das Bündel schnüren und abfahren. Das ist das beste Mittel gegen sommerliche Judenleiden. Jüdische Wanderung und Wanderer-Fürsorge. (Schluss.) Eine seiner Hauptaufgaben sieht das Zentralbureau darin, der grossen jüdischen Masse über alle Verhältnisse der. Aus- und Einwanderung Und über die Einzelheiten der Reise die genaueste Auskunft'zu geben. Das geschieht indirekt durch allerlei Publikationen, vor allem durch das Korrespondenzblatt, das zwischen den einzelnen Landesorganisationen und Örtskomitees die Fühlung herstellt, direkt durch den brieflichen Verkehr mit den einzelnen Auswanderern die Anfragen an das Bureau richten. Im verflossenen Jahre sind 185S solche briefliche Anfragen (gegen 1184 im Jahre 1905) bei der Zentrale eingelaufen; davon kommen aüa Russland 1136 (1905: 800), an zweiter Stelle kommt erst Deutschland mit nur 192 Anfragen. Von den russischen Fragen gingen- 544 in russischer Sprache, 462 im Jargon, 44 auf Die -. freigewordenen Familienstellen wurden nämlich nach dem Ermessen der Landesbehörden verliehen; die Einziehung derselben wurde schon aus fiskalischen Gründen vermieden, um das'der Judenscbafl des Landes auferlegte Kontributionsquantum ohne bedeutende Belastung des Einzelnen Einbringen zu können. Um die vakanien Stellen entspann sich in' der Regel ein heisser Kampf, der vielfach zu jahrzehntelangen Feindseligkeiten innerhalb der Gemeinde führte. Die Anfänge einer besseren Zeit brachte den Juden Oesterreichs die kurze-Regierungszeit Kaiser Josefs IL Dieser edelgesinnte Monarch hob viele drückende Massnahmen, unter denendie Juden bis dahin geschmachtet halten, auf und liess sie wenigstens teilweise der allgemeinen bürgerlichen Rechte teilhaftig werden. Er erliess für die einzelnen Kronländer „Toleranz-Patente“, so für Schlesien am 15. Dezember 1781, für Mähren am 13. Februar 1782. Die Juden wurdenunter gewissen Bedingungen zum Kommerzialwesen zugelassen und es wurde ihnen die Errichtung von Fabriken gestattet; auch die lateinischen Schulen öflhete Kaiser Josef seinen jüdischen Untertanen. Im Gegensätze zu Mähren war jedoch den schlesischen Juden auch weiterhin untersagt, Synagogen zu errichten und Rabbiner, zu halten, nur das Privat- Exerzitium im Familienkreise war ihnen gestattet. l) Auch der Realbesitz blieb ihnen,untersagt, nur in der Stadt Teschen befanden sich zwei privilegierte Judenhäuser. Die freiheitliche Saat Kaiser Josefs II. fasste jedoch trotz dessen kurzer Regierungsdauer Wurzel und liess sich durch die reaktionären Bestrebungen der späteren Zeit nicht mehr verdrängen. Die Bevölkerung gewöhnte sich allmählich daran, im Juden nicht mehr den schutzlosen, tief minder- _ wertigen Heloten zu sehen, und insbesondere unter der Intelligenz, der damaligen Trägerin der freiheitlichen Ideen, schwanden die Vorurteile gegen die Juden. Das Jahr 1848 fand daher auch einen grossen Teil der österreichischen Juden in den Reihen der Freiheitskämpfer, und es ist nicht zum geringen' Teil auch deren Verdienst, dass diese wichtige Epoche nicht nur für die Völker Oesterreichs im allgemeinen, sondern insbesondere auch für die Juden eine, neue Aera eirileitete,- indem die zivilen Beschränkungen derselben nunmehr gänzlich entfielen. Hiermit war die -schwerste Vorarbeit erfolgt für die im Jahre 1867 unter-Kaiser Franz Josef 1.' staatsgrundgesetzlich - gewährleistete Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne (.Unterschied der Konfession. ■■ Diese gevvalü'gen rechtlichen Umwälzungen halten eine natürliche Einwirkung auf die sozialen Verhältnisse der Juden. Es . war ihnen die Freizügigkeit und die freie Berufswahl eirigeräumt worden und es ist selbstverständlich, dass die in ihren Ghetti eingezwängten Juden Mährens (dieselben scharenweise yeriiessen, um, an anderen Orten unter günstigeren Bedingungen neuen Berufen nachzugehen, dass aber auch die Juden Schlesiens sich nunmehr vielfach an Orten nieder Hessen, in denen die Maximalzahl der Juden komplet, und daher eine Neuaufnahme von Juden unzulässig war. Die Fluktuation der jüdischen Bevölkerung erstreckte sich jedoch nicht bloss innerhalb des Landes; aus den benachbarten Kronländern Mähren und Galizien, sowie aus Ungarn kamen viele jüdische Familien nach Schlesien, lind insbesondere die bis dahin in ihrem Ghetto internierten 135 systemisierten - Familien der Judengemeinde Hotzenplotz, welche auf einer mährischen Enklave im Lande Schlesien gelegen ist, verliessen zum grossen Teile ihre, Heimatsgemeinde und besiedelten Troppau und andere Städte Westschlesiens. Ostschlesien (Teschner Kreis), das auch bis dahin ungleich mehr Juden beherbergte als Westschlesien (88 systenüsierte Familien gegen 31), wurde auch jetzt von Juden, insbesondere aus Galizien, mehr aufgesucht, da die diesen Ländesteil bewohnenden Polen infolge ihrer niedrigen Kulturstufe des Juden als des volkswirtschaftlichen Trägers von Handel und Verkehr mehr bedürfen, als die Westschlesien bewohnenden Deutschen, welche den Juden als wirtschaftlichen Faktor boykottieren und ihn zu eliminieren suchen. Daher kommt es, dass speziell das flache Land von .Westschlesien in manchen Bezirken von Juden fast nicht oder überhaupt-nicht bewohnt ist. , , Die beigeschlossene Tabelle gibt Aufschluss über die Fluktuation der jüdischen Bevölkerung Schlesiens in den fetzten drei Dezennien. Die : grösste jüdische Einwohnerzahl weisen die Städte ■ Bielitz und Teschen auf, sonst wohnen die Juden

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