Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG : Nr. 31 wenn sie fortfahren, den magyarischen Chauvinisten Heeresfolge zu leisten. Es ist daher die allerhöchste Zeit, dass die Juden daran gehen, sich auch in Ungarn auf eigene Füsse zu stellen, sich als Juden zu organisieren und eine Politik der nationalen und sozialen Gleichberechtigung zu verfolgen, welche allein ihren eigenen Interessen, sowie denen Ungarns und der Gesamtmonarchie entspricht. Fünfzigjähriges Jubiläum der Gleichberechtigung der Juden in England. Am 26. Juli <L J. feierte« die englischen Jaden das fünfzigjährige Jubiläum ihrer vollständigen Gleichberechtigung. Am 26. Juli 1858 fiel nämlich die letzte Schranke und die ersten jüdischen Abgeordneten zogen in das Unterhaus ein. . Die Juden hatten im Jahre 1658 über ’verjnittlung des berühmten Menasse ben Israel von Crom well die Erlaubnis erhalten, sich in | England anzusiedeln. Zufolge des englischen Konservatismus war die Gleichberechtigung nur schrittweise zu erlangen. Im Jahre 1758 erhielten sie das Recht ungehindert alle Berufe auszuüben. Im Jahre 1829 wurden sie zum .Staatsdienste zugelassen, im Jahre 1836 wurde ihre poetische 'Gleichberechtigung ausgesprochen. Doch konnte vorderhand kein jüdischer Abgeordneter ins Unter- ' haus gelangen, weil die Eidesformel der Abgeord!- neten lautete: „Ich schwöre getreu dem währen Glauben eines C h t i s t e n“. Im Jahre 1847 wurde in der Londoner City Baron Rothschild zum Deputierten gewählt. Das Mandat konnte er aber wegen der Eidesformel, däeer Inder geltenden Form als Jude nicht zu leisten vermochte, nicht ausüben. Bei der nächsten Wahl wurde er wieder gewählt. Ausserdem drang auch der Jade Sir Dawid S alomon durch. Nun musste sich dias Unterhaus zu einer Entscheidung entschlressen. Das geschah in der denkwürdigen Sitzung vom 26. Juli 1858. Alle ' versteckten und offenen Antisemiten, Oie Konservativen, die damals am Ruder waren, sprachen sich gegen den Eintritt der Juden in das christliche Parlament aus. Selbst die Minister äusserten sich m diesem Sinne, Der einzige Verteidiger der Juden war Land Rüssel, dessen Rede einen nachhaltigen Eindhick hervorrief. Auch Disraeli, der damals Deputierter war und seine jüdische Abkunft offen Unbekannte, bot seine gesamte Kraft auf, um die Parteigenossen für die Judenbill zu gewinnen. Baron Lionel Rothschild wohnte der lebhaften Debatte bei. Schliesslich kam es zur Abstimmung und mit 69 gegen 37 Stimmen wurde den jüdischen Deputierten erlaubt, bedeckten Haupte^ die Hand auf dem -Alten Testamente zu schwören und sich hiebei auf die Worte: „So wahrmir Gott helfe!“ zu beschränken. Der Tag der Zulassung ins Unterhaus wurde von allen englischen Juden festlich begangen. In den letzten fünfzig Jahreen hat sich manches geändert Es ist wieder eine ausgesprochen judenfeindliche politische' Strömung zu bemerken. Die Gleichberechtigung wird von einem grossen Teil der englischen Gesellschaft nicht mehr anerkannt und besteht vielfach nur auf dem Papiere, wie in Deutschland und Oesterreich. Jüdische Wanderung and Wanderer-Fürsorge. Von. Pastor O. Eberhard Kotelow (Mecklenburg). Die jüdische Wanderbewegung steigt von Jahr zu Jahr. Seit 1899 veröffentlicht das amerikanische Einwanderungsamt die Zahl der dori einwandemden Juden; sie ist bis zum Jahre 1905 von 37.415 auf 129.910 gestiegen, d. h. sie hat sich in diesensechs Jahren mehr als verdreifacht. Aus Russland, dem Hauptauswänderungslande, sind im Jahre 1899 24.275, 1902 37.846 und 1905 92.388 Juden nach Amerika ausge wandert; mit anderen Worten: die Zahl der russischen Auswanderer hat sich innerhalb der .sechs Jahre fast vervierfacht, in den letzten drei Jahren fast verdoppelt. Nehmen wir den Durchschnitt dieses Zeitraumes und erwägen, dass Amerika als die Hauptzuüuchtsstätte etwa 85°/o aller jüdischen Auswanderer aufnimmt, so ergibt sich als Durch schnittsziffer der Gesamtauswanderüng in dieser Zeit die Zahl 88.500, D. h., mit der Gesamtheit der Juden überhaupt verglichen, kommt auf je 90 Personen Jl Auswanderer. Auf Grund derselben Berechnung für einer Anzahl europäischer Staaten erhalten wir für Italien das Verhältnis 138:1, für Grossbritannien 208:1, für Oesterreich-Ungarn 308:1, für die. Schweiz 805:1, für Deutschland 2040:1, für Holland 2700 :1. Die jüdische Aus* wanderrezahl übertrifft also diejenigen sämtlicher europäischer Staaten . erheblich; ja selbst in Irland, das in Europa die höchste Auswandererziffer stellt, kommt durchschnittlich nur auf 96 Bewohner 1 Auswanderer. .Die Juden stellen demnach in der modernen Wanderbewegung schlechthin den höchsten Prozentsatz; und doch war die Fürsorge für die jüdischen Wanderer bis vor kurzem völlig ungeregelt und systemlos, eine einfache Armenpflege. Dagegen erfreuen sieh die eben genannten Staaten heute sämtlich einer gesetzlichen Regelung des Auswandererwesens und einer Fürsorgepflege durch die Einrichtung von Auskunftsämtern. Zu dieser Regelung haben ideelle und materielle Interessen veranlasst, Daneben ist für Oesterreich, Belgien und die Schweiz der humanitäre Gesichtspunkt massgebend gewesen, der das individuelle Wohlergehen der Auswanderer durch Schutz und Information nach Kräften zu sichern, sucht;. während Deutschland und England darüber hinaus die Auskunftsämter auch ihren nationalen und kolonialen Interessen dienstbar zu machen streben. Eine solche Auskunftsstelle hat also nach der vom deutschen Reichstag angenommenen Resolution Förster den Zweck, „dem Auswanderer, der noch unschlüssig ist, zu sagen, ob esgeraten ist, was er vor hat; der Wanderlustige wird über gewisse Länder alles erfahren können und sich schlüssig machen; er wird-ferner über das Ziel, das er sich gesteckt hat, einen Entschluss fassen können. Er wird Auskünfte erhalten können über das Klima, über den-Arbeitsmarkt, über die Preisverhältnisse, die Ahsätzverhältnisse, die Wege, die er einschlagen kann und endlich auch darüber, ob es schon Ansiedlungsgesellschaften gibt, denen er sich anvertrauen k^pn.“ . £ Die Prophylaxe spielt also bei dem Auskunflsamt eine grosse ,Rolle; es soll „nicht etwa die Auswanderung fördern, sondern von ungeeigneten Zielen ablenken und nach denjenigen Ländern leiten, die dem Auswanderer ein leidliches Fortkommen sichern,“ Oder wie in England' die Weisung an die Emigrants Information Office lautet, sie soll weder zur Auswanderung ermutigen, noch davon zurückhalten; sie soll nur im Interesse der Auswanderer die genauesten Informationen sammeln. Nach dem Vorgang und in Anlehnung an diese staatliche Auswandererfursorge machten es sich auf einer internationalen Konferenz zur Regelung der Auswanderung aus Osteuropa, die am 4. und 5. Dezember 1904 in Frankfurt a. Main abgehalten wurde, auch die grossen jüdischen Gesellschaften verschiedener Richtung zur Pflicht, eine Organisation herbeizuführen und damit die philanthropische, zerrissene Armenfursorge in eine planvoll geleitete soziale Hilfetätigkeit umzuwandeln. Grundlegend war auch für die Frankfurter Verhandlungen der Satz, dass in der praktischen Ausführung der Beschlüsse unter keinen Umständen Massnahmen ergriffen werden dürften, die geeignet wären, zur Auswanderung zu ermuntern oder eine Steigerung derselben herbeizuführen; insbesondere wurde eine Unterstützung der' Auswanderer durch Geldmittel von vornherein ausgeschlossen. Es handle sich vielmehr um die Schaffung einer Organisation, die die Auswanderer unentgeltlich über die Vorbedingungen aufklären solle, unter denen allein ein Verlassen der osteuropäischen Heimat ratsam sei Es solle alsdann auf der Reise den Auswanderern Rechtscbutz,. namentlich gegen Ausbeutung und Uebervorteilung gewährt und ausserdem für billige Reiserouten und möglichst gute Faffit auf den Eisenbahnen und Schiffen gesorgt werden. Diesen Grundsätzen gemäss sind denn auch in den beiden ersten, jetzt verflossenen Geschäftsjahren keinerlei Unterstützungen gewährt worden, durch die der Entschluss zur Auswanderung hätte wachgerufen werden können, wenn auch in vielen tausenden von Fällen: den Auswanderern beigesprungen werden musste, um die bereits unter-, _ nommene Reise fortsetzen zu können. Die Organi-. sation rechnet eben, ohne die Wanderbewegung zu fordem.oder zu hemmen, mit ihr als mit; einer gegebenen Tatsache, und ihre Arbeit trägt häufig, indem sie die Ursachen der Bewegung zu erfor?' sehen und ihren v Weg zu regeln sucht, prophylaktischen Charakter, da manches planlose, unbesonnene Auswandern , durch die Auskunft au die Bevölkerung verhindert wird. Die Fäden der Organisation laufen über die Fürsorgeeinrichtungen der einzelnen Länder und über die Komitees der Hafenstädte in dem „Zentralbureau für jüdische Auswanderung s an g el e g en h e i t e n* in Berlin zusammen. Dieses Bureau ist auf Grund jener Konferenzbeschlüsse von dem jungen, tatkräftigen „Hilfsverein der deutschen Juden“ im Vereine mit der jüdischen „Grossloge für Deutschland“^ . Leben gerufen worden; sein Verdienst ist es wesentlich, wenn sich heute die Auswanderung, trotz des" kolossalen Anschwellens, ohne jene für die durchwandernden wie für die in Deutschlandansässigen Juden gleich verhängnisvollen Störungen vollzieht, die in früheren Jahren als unvermeidliche Begleiterscheinungen äuftraten und sich zuweilen zu bedrohlichen Katastrophen für die gesamte Judenheit steigerten. Das Bureau musste seinen Sitz, möglichst zentral, zwischen dem Herkunfts- und dem Zielende der Auswanderer haben. Deutschland, beziehungsweise Berlin entspricht als Zentrum den heutigen WanderungsVerhältnissen. Denn durch Deutschland geht der grösste Teil der Auswanderer, sowohl derjenigen, die sich von Hamburg oder Bremen aus einschiffen, als auch der anderen, die von Rotterdam, Antwerpen, Amsterdam oder le Havre die Seereise antreten. Durch die „Auswandererhallen“ der Hamburg-Amerika-Linie sind im Jahre 1905 2S.931 jüdische Personen, 1906 sogar 43.445 gegangen; dazu kommen noch 5—7000 in der.' Stadt logierende Auswanderer. Ueber Hamburg gingen demnach im verflossenen Jahre im ganzen rund 50.000 jüdische Emigranten Von Bremen gingen 1905 18.193, 1906 26.755 Juden über See. Das ergibt für die jüdische Wanderungsbewegung aus den deutschen Häfen allein eine runde Ziffer von 53.000, beziehungsweise 76.000 Emigranten. Dazu kommt aber noch die grosse Zahl derjenigen, " die nach: den belgischen, holländischen und französischen Häfen weitergehen. Man schätzte deren Zahl früher auf ein Drittel der Gesamtauswanderer und kam .ajso für den Gesamtdurchzug durch Deutschland ifri Jahre 1905; auf etwa'80.000. Aber die Kontrolle des letzten Jahres hat -gezeigt, dass dieser Ansatz viel zu niedrig ist, wenigstens belief sich im «Jahre 1906 die Ziffer der Durchgangswanderer nicht auf 25.000 (das ist ein Drittel), sondern auf 55.000; in Hannover, der Durchgangsstation für diese Auswanderer, hat das Verpflegungskomitee in den zehn Monaten, von März bis Dezember, allein 41.000 Personen verpflegt. Im ganzen haben also 132.000 jüdische Auswanderer im Jahre 1906 ihren Weg durch Deutschland genommen. Von diesen sind dem. Verpflegungdienste, der ausser in Hannover noch in Düsseldorf, Magdeburg, Schneidemühl, Saarburg organisiert ist, über 60.000 anheimgefaÜen. Die Zahl d?rer, die sich mündlich Auskunft geholt haben, ist nicht bekannt, dagegen haben heben mündlicher Auskunft praktische Vorteile irgend welcher Art und Förderung für die Reise über 14.000 erhalten; von der Zentrale in Berlin 3297, von den Hafenkomitees in Hamburg und Bremen 2180, beziehungsweise 2025, von den Grenzkomitees zum Beispiel in Eydkuhnen 1282, in Königsberg 1620, in Myslowitz 929 usw. (Schluss folgt.) Parteinachrichten. ' ** i — — Aufruf. An die jüdischen Hochschüler und Abiturienten aus den s ü d s 1 aw i s c h e n Ländern! Der gefertigte Verein beruft für den 16. und 17. August 1. J. nach Zemun (S1 a v o n i e n) einen Kongress ein, wozu alle jüdischen Hochschüler und Abiturienten der genannten Länder höfl. emgeladen werden. - Anmeldungen, Informationen, Begrüssüngsschreiben (Telegrammblankette) etc. sind an den Obmann des Exekutivkomitees stud. phil. Alfred Singer, Zemun, Laudongasse 21 zu richten. Akad. Verein „Bar Giora“, Wien. BMEgass