Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-07-31 · 31 (31.7.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438197--0675-2440208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 31 der Aerzte, dieser ..Intelligenzler“, ist aber eimach ekelhaft. Engste Angliederung an den „Deutschen Schulverehi“, dessen Macher wacker an der Schmid’schen Resolution rnitgearbeitet haben, an den antisemitischen „Südmähirerbund“, weicher prinzipiell Steilen für arische Aerzte aussohreibt! Während sich die JiicKschnationalen in der Presse und im Parlamente verzwe'ielt anstrengen, gegen den seitens dar Behörden und der deutschen Parteien über jüdische Aerzte verhängten Boykott anzukämpfen, betreiben die letzteren unentwegt „deutsche Trutzpolitik“. Unreifer und unwürdigem können akademisch gebildete Juden wirklich, nicht vörgehen. Diese Akademiker entstammen eben der famosen liberalen Pilanzschule. In deutschen Verbindungen sind sie als gnädig geduldete Mitläufer jedes Selbstbewusstseins entledigt worden. Diese Generation erscheint dem jüdischen Volke tatsächlich verloren. Es wächst aber.eine neue nach, und die ist im jüdischnationalen Geiste erzogen. Sie wird die Abrechnung mit den älteren Kollegen, diesen Schädlingen ihres Volkes und Standes, ausgiebig besorgen. * * *- Pack schlägt sicht Eine edle Freundschaft - ist in Brüche gegangen. Die rumänischen Abgeordneten haben den Wiener Christlichsozialen einen Absagebrief geschrieben und sich - Avieder selbständig gemacht. Schade, jammerschade! Alles hat so gut geklappt. An dunkler Ehrenhaftigkeit stehen rumänische Antisemiten ä la Oncinl den Wiener Briiaeru wahrlich nicht nach, an Talent zum Judenfressen auch nicht, das beweist ja die Geschichte des Heimatlandes. Und alles wegen einer Lappalie, wegen eines Nichts! Der Christlichsoziale Baron Morsey hat nämvich geäussert, die Rumänen griechischorientalischen Glaubens wären Ketzer und Ketzer sind ihm ein Greuel. So sind sie auseinander gegangen. Die Empfindlichkeit der Rumänen ist wirklich zu dumm! Die Christlichsozialen können (Me „Los von Rocn"-Briider, die Wolfianer und Schönerianer, nicht leiden, bei Wahlen gehen sie'doch mit ihnen. Die reichen Juden sind ihnen aus der Seele verhasst, aber sie stehen mit ihnen im regsten Geschäftsverkehr. Das ist eben grossziigige Politik ohne kleinliche Sentimentalität. Die Rumänen sollten sich da ein Beispiel nehmen. * * * Die „Arbeiterzeitung“ als Schätzerin der Täuflinge. Seit längerer Zeit erscheinen in einigen jüdischen Blättern fortlaufend Verzeichnisse der Namen jener, welche aus dem Judentume ausgetreten sind. Dass die Täuflinge hievon nicht sonderlich erbaut sind, da sie den blamablen Schritt lieber unbeobachtet tun, ist selbstverständlich. Komisch wirkt es aber, wenn sich die Wiener „Arbeiterzeitung“ plötzlich als Beschützerin der getauften „Unschuld“ gebärdet. In einer ihrer letzten Nummern wird über die Institution der Tauflisten. losgezogen, von gemeiner Rachsucht, persönlicher Verfolgung, Erpressung, religiöser Unduldsamkeit und. dergl. mehr gesprochen. Wenn je ein Blatt in persönlichen Angriffen auf politische Gegner, in Namensnennung etc. bis zur Grenze des Erlaubten geht, ist es die Wiener „Arbeiterzeitung“ mit ihrem Stab getaufter Mitarbeiter. Aber das nur so nebenher. In der Sache selbst ist festzuhalten, dass die Judentaufen in den seltensten Fällen mit den religiösen Ueberzeugung in irgendwelchem Zusammenhänge stehen. Sie taufen alle darauf hinaus, dass Leute um rein materieller und sozialer Vorteile willen' der bedrängten jüdischen Volksgemeinschaft den Rücken kehren. Der Vorwurf religiöser Unduldsamkeit ist daher sehr deplaciert. Ebenso absurd ist es, der jüdischen Oeffentlichkeit den Vorwurf der Erpressung und. Rachsucht entgegenzuschleudern, weil sie die Renegaten zwingt, die Konsequenzen ihrer feigen Handlung offen zu tragen. Die Zeit der zarten Schonung ist vorüber. Der Jude, weicher sich von seinem Volkstirme lossagt, soll aus der jüdischen Gesellschaft hinaus. Dass Täuflinge einerseits aus ihrem gemeinen Glaubensschacher Vorteil ziehen und anderseits — weil sie ja doch in christlichen Kreisen nicht willkommen sind — die Annehmlichkeiten des jüdischen Milieus unverschämt weiter gemessen, dieser Zustand ist für die Juden beleidigend und muss ein Ende nehmen. Die einzig richtige Antwort auf die Taufe ist der gesellschaftliche Boykott. Das schwindeihaite Verheimlichen des Uebertrittes muss verhindert werden. Ob es nun der „Arbeiterzeitung“ und ihren geängstigten getauften und noch nicht getauften Redakteuren angenehm ist oder nicht, die Liste der Getauften wird auch weiterhin erscheinen. Der Antisemitismus in Ungarn. Ungarn steht am Vorabend der Wablreform und eines Systemwechsels. Aus der magyarischen Koalition beginnt sich immer deutlicher ein klerikal-konservativ-agrarisches Regiment herauszuschälen. Schon zirkulieren allerlei Gerüchte über eine Ministerkrise, Graf Apponyi wird als zukünftiger Ministerpräsident genannt und seine Stützen in der Volkspartei nehmen bereits gegen die bisherige Politik der Koalition in Wort und Schrift aufs schärfste Stellung, weil »diese Politik an sich unmoralisch, ekelhaft, unästhetisch, einer ehrlichen und anständigen Partei unwürdig ist und den Interessen, dem Vertrauen der breiten Volksschichten widerspricht.* Dass dabei der Antisemitismus eine sehr grosse Rolle spielt, beweist die ganze Art der Agitation, die speziell der katholi s ch e Volksv erband in ganz Ungarn entfaltet. Anfangs Juli machten sich die ersten Folgen dieser Tätigkeit im Bezirke Nagy Megyer bemerkbar, das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung war gestört. Die alten Weiber munkelten, dass »die Juden die Bilder und Bildwerke derHeiligen, dieöffentlich sichtbar sind, zerstören wollen und dass man sich zum Schulze derselben vereinigen müsse.“ In der bald darauf dort stattgefundenen Versammlung des katholischen Volksverbandes wurde nun den Bauern nachgewiesen, dass Juden, Sozialdemokraten und Freimaurer identisc:h seien, dass diese Bauern Grund und Boden wie in der Vergangenheit, so auch in der Gegenwart wegnehmen und Hilfe nur im Anschlüsse an den katholischen Volksverband zu finden sei. Broschüren und Flugblätter ähnlichen Inhaltes werden im ganzen Lande verbreitet. Die Hetzereien, die sich unter den Augen der Koalitionsregierung abspielen, gleichen jenen, welche den russischen Progroms vorangingen. Diese nun in Ungarn offen zutage tretende antisemitische Strömung war schon sehr lange, allerdings latent vorhanden. Schon seinerzeit hat bereits KarlEötvös ein Führer der Kossutpartei und Hauptverteidiger im Ritualmordprozess von Tisza Eszlär in einer interessanten Studie dargelegt, er habe vor Uebernahme des Prozesses einen Brief von einem kossutbistischen Parteigenossen erhalten, in welchem ihm wie schon vorher persönlich von der Uebernahme des Prozesses abgeraten worden sei. „Tissza erhalte sein Regiment durch Förderung roher materieller Interessen Einzelner, also durch Korruption, die. „Fäden* der Korruption aber sollen in den Händen der Juden zusammenlaufen.“ Der mit elementarer Gewalt tobende Judenhass muss von den guten Patrioten zu einer Parteiorganisation benützt werden. Es gelte das Losungswort: »Nieder mit der Korruption, nieder mit dem Judentum, nieder mit der Tiszaherrschaft.“ Das verstehe jedermannundmankönnemiteinemeinzigen Schlage siegen. Im Parlament stehe hiefür eine einheitlicheOpposition fast fertig da. E ö t v ö s übernahm trotz der abweichenden MeinungMocsarys und anderer Parteigenossen die Verteidigung im Tisza- Eszlarer Prozesse. Aber bezeichnend ist es, dass derselbe Karl Eötv'ös, der die Verwendung der konfessionellen Gehässigkeit als politisches Werkzeug für abscheulich erklärt, es offen bekennt, dass wenn die Judenhetze zur Erkämpfun» der Unabhängigkeit Ungarns geeignet wäre, er dieses Mittel nicht, unbedingt ab weisen, vielmehr nachsinnenwerde, ob manesnicht dennnoch anwenden soll. SeineübrigenkossathistischenGesinnungsgenossen sind weniger skrupelvoll, trotzdem sie vielfach mit Hilfe der jüdischen Stimmen, besonders in den gemischtsprachigen Wahlbezirken, gewählt wurden, machen sie aus ihrer antisemitischen, reaktionären Gesinnung kein Hehl und sind Satellisten der Volkspartei. Diesen Stempel des Antisemitismus, des borniertesten magyarischen Chauvinismus, der politischen und wirtschaftlichen Reaktion trägt die ganze Gesetzgebung des ungarischen Reichstages, dessen Machthaber nun zu allen erlaubten und unerlaubten Mitteln greifen, um die Einführung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes in Ungarn zu verhindern. Ob es ihnen aber gelingt oder nicht, sicher ist es, dass der Anfang vom Ende der magyarischen Koalition herannaht, und dass ähnliche Verhältnisse im ungarischen Reichstage in jedweder Hinsicht sich vorbereiten, wie sie bereits geraume Zeit im österreichischen Abgeordnetenhanse zu beobachten sind. Der Pseudoliberalismus hat in Ungarn wie in Westösterreich abgewirtschaftet und der extreme Nationalismus ebnet, wie diesseits der Leitha, den Christlichsozialen den Weg. Die Verfassungspartei und die Kossuthisten gleichen vollständig dem „Deutschnationalen Verbände“, den Alldeutschen etc. Die Volkspartei hat den nationalen Chauvinismus der übrigen magyarischen Fraktionen und insbesondere den der Kossuthisten benützt und nach berühmten Vorbildern im deutschen und slawischen Lager geholfen, die Pseudoliberalen zum Falle zu bringen. Sie hat ferner, ebenfalls bewährtem Beispiele folgend, sich der Herrschaft in der magyarischen Koalition bemächtigt und ist nun am Sprunge, die Alleinherrschaft in Ungarn an sich zu reissen. Die ungarischen Juden aber, welche trotz unserer sich seit Jahren immer wiederholenden Warnungen und Mahnungen, dieser erzreaktionären und antisemitisch verseuchten magyarischen Koalition blindlings Heeresfolge geleistet haben, ihr nicht nur bei den letzten Wahlen zum Siege verhalten, sondern sie auch in der brutalen Vergewaltigung der nichtmagyarischen Bevölkerungsmehrheit mit allen Mitteln noch immer fördern, ernten nun von ihren magyarischen „Freunden“ Fusstritte und sind vogelfrei — gegenüber de*r antisemitischen Propaganda der Volkspartei. Diese stellt nun die J u d e n den nicht magyarischen Nationalitäten als Hauptrepräsentanten des magyarischen Chauvinismus hin, sich selbst aber als den Apostel der nationalen Versöhnung, während sie anderseits — wo es ihr eben passt — nicht nur als antisemitische und christlichsoziale, sondern auch als radikal-chauvinistische,Partei auftritt. Unter solchen Verhältnissen treten Ungarn und die ungarischen Juden in die Aera des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes ein. Wie auch immer dasselbe von den heutigen Machthabern in Budapest verunstaltet werden mag, es wird eine gewaltige .Verstärkung der deutschen slawischen und rumänischen Abgeordneten im ungarischen Reichstage und eine vollständige Umgestaltung des Parteiwesens herbeiführen. Für die Juden aber, die in sich zerklüftet ohne grosszügige Organisation und ohne geeignetes Programm dastehen, werden böse Zeiten hereinbrechen, insbesondere dann,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.