Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-07-31 · 31 (31.7.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438197--0674-2440207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 geschicbte den Vorhang vom Allerheiügsten weggerissen und vor aller Augen Jiept wertloser Plunder. In der Türkei sind aie „k-insten“ Diplomaten aller europäischen Grossmächte gesessen, grossmäulig und aufgeblasen. Jahrzehnte hindurch haben sie „hochwichtige“ Enqueten übgehalten, „geniale“ Reformvorschläge konstruiert, eine dumme Welt glauben gemacht, dass die Zukunft des osmanischen Reiches nur von ihrem Belieben abhängig sei. Mit verhaltenem Atem hat man ihren Offenbarungen gelauscht. Nun hat sich der Türke erhoben, die hochweisen Monokelträger wie die Flöhe aus dem Pelze geschüttelt, der „kranke* Mann hat die westeuropäische Medizin ia die Gosse geworfen und zum selbstgebrauten Heiltrank gegriffen! Die Türkei hat eine Verfassung! Die allweisen und hochvermögenden Grossmachtvertreter ducken sieb wie verprügelte Köter. Sie haben sich nicht einmal als brauchbare Spione und Schnüffler erwiesen, denn das Eintreffen des lang vorbereiteten Ereignisses hat sie ebenso überrascht und unvorbereitet gefunden, wie den letzten Reporter des letzten Provinzblättchens; Und das sind dieselben Leute, deren Achselzucken die Börse revolutioniert, deren Augenzwinkern in Leitartikeln registriert wird, um deren Kammerdiener die Vertreter der mächtigsten Presse Gunst .und Vertrauen heischend berumschwänzeln! Für uns Zionisten bedeuten die Ereignisse der letzten Tage eine gewaltige Verrückung der Situation einerseits, anderseits bietet uns ihre Beobachtung die wichtigsten Anhaltspunkte für die Bestimmung des künftig zu verfolgenden Weges. Die Auseinandersetzung mit der Türkei, als derzeitige Herrin in Palästina, bildet ein Hauptproblem des Zionismus. Diesbezüglich hat von Anbeginn Einstimmigkeit und Klarheit geherrscht; bezüglich der Methode, nach' welcher dieses Problem zu lösen wäre, nicht. Viele" glaubten und glauben noch das Ziel -auf dip lo ma tisch e m Wege am leichtesten erreichbar. Durch Verhandlungen mit den diplomatischen Vertretern der Grossmächte soll eine ausschlaggebende Intervention bei der Pforte und durch Abmachungen mit letzterer ein Eingehen auf unsere Pläne erzielt werden. Die Methode scheint verlockend bequem. Sie basiert aber auf zwei Voraussetzungen: Die Grossmächte vermögen bestimmenden Einfluss auf die innere Gestaltung des türkischen Reiches auszuüben und die türkische Regierung selbst ist imstande die jüdische Autonomie in Palästina einfach von oben herab zu dekretieren. In Anbetracht der letzten Er¬ JÜDISCH.E ZEITUNG eignisse erscheinen beide Voraussetzungen als hinfällig. Die - europäischen Grossstaaten stehen den inneren Vorgängen fast ohnmächtig gegenüber und die Türkei ist nicht mehr der despotisch regierte Bakschischstaat, dessen Machthaber auf dem Verordnungswege ohne Zustimmung des Volkes Landgebiete x-ein mechanisch zuteilen und autonomisieren können! Mag die neue Verfassung in bezug auf Dauer und Inhalt den hochgespannten Erwartungen entsprechen oder nicht, so steht doch fest, dass die Pforte ohne oder gegen den Willen ihier Völker. nichts endgiltig zu bestimmen und sich auf die Dauer diesem Willen nicht zu widersetzen vermag. Die Oeffenllichkeit hat bis zum heutigen! Tage nur eine türkische Regierung gekannt, sie wild es lernen müssen, mit einem türkischen Volke zu rechnen, so auch der Zionismus. Unser Land werden wir nur erlangen, wenn es gelingt, das türkische Volk unseren Plänen geneigt zu machen. Die momentane, durch Vermittlungen, Versprechungen u. dgL m. erwirkte gute Laune seiner Machthaber und Diplomaten wird uns wohl kleinere Hindernisse aus dem Wege räumen, nie aber dem Endziele nahe bringen. Wir müssen ans Volk heran; uns mit seinem Wesen vertraut machen und soweit es in unseren Kräften liegt, an seiner Entwicklung mitarbeiten. Nurals verständnisvolle und hilfsbereite Freunde, nicht aber als protegierte Diplomatenschütztinge werden wir ihm willkommen sein. Eine wohlüberlegte und tatkräftige Propagierung des Zionismus unter den türkischen Volksmassen bietet das geeignetste Mittel zur gedeihlichen Auseinandersetzung und zur Erlangung Palästinas. Wir werden dann aller Furcht vor Schwankungen auf dem Diplomatenmarkfe überhoben sein. Wir werden nicht 'ängstlich die Stimmung dieses oder jenes politischen Agenten studieren und vor ihr zittern müssen. An dem geeinten Willen des jüdischen und türkischen Volkes werden dann die raffiniertesten Diplomatenkunststücke zusöhknden. Auch bezüglich' unseres Verhältnisses zu den übrigen Mächten bildet dieser jüngste Zusammenbruch westeuropäischer Regierungskunst eine wertvolle Mahnung. Was von den bis nun als rückständig so arg verschrieenen Türken gilt, gilt in erhöhtem Masse von den fortgeschrittenen Völkern Europas. Sie sind es, welche die Geschicke endgiltig gestalten, nicht aber augenblickliche Machthaber und Geschäftsträger. Mag es sich nun um Verfolgung rein zionistischer Zwecke oder aber um Verbesserung der Lage der Juden in den einzelnen Ländern handeln: Wir müssen Nr. 31 uns an .die Völker wenden. Die Unterhandlungen mit den Regierungen, haben nur dann bleibenden Wert, wenn sie vom Willen der Völker, des jüdischen und der anderen, getragen werden. Ohne Wissen und Mitwirkung des Volkes getroffene, von der herrschenden Volksmeinung abweichende Vereinbarungen sind nutzlos, wenn auch die Macht der Kontrahenten augenblicklich gross ist Das muss das Leitmotiv aller zionistischen Aktionen sein. Robert'Stricker. Rundschau. Juden ist der Eintritt verboten! Die gute teutsche Sitte, Juden den Eintritt in öffentliche Lokale, wie Bäder, Hotels, Gastwirtschäften etc., zu verbieten, war bisher so ziemlich auf das deutsche Reich beschränkt. Sie scheint sich aber nunmehr auch auf österreichischen Boden verpflanzen zu wollen. Ein Vorfall, der sich in Schlesien, in der deutschen Stadt Tesche 11 kürzlich zugetragen hat, 1.eiert beredtes Zeugnis. Jüdischen Bürgern, welche die städtische Badeanstalt besuchen wollten, wurde seitens der Bediensteten der Eintritt mit dem Bedeuten verwehrt, es dürften zufolge höheren Auftrages an Juden keine Karten verabiolgt \v erde n. Die Betroffenen wandten sich an den Bürgermeister, erhielten aber den Bescheid, es wäre da lrich-ts zu machen. Dabei ist Teschen eine „liberale“ Stadt, das 'heisst, der deutsche Charakter ihrer persönlichen Vertretungskörper wird nur mit Hilfe der'jüdischen Stimmen aufrecht erhalten. Es geht halt nichts über deutsche Dankbarkeit! Vielleichtist dieser Vorfall geeignet, die mährisch-schlesischen. Juden zum Nachdenken über die Zweckmässigkeit ihrer deutsch-assimilatorischen Politik zu veranlassen. Sollte das nicht der Fall sein, dann wird eben so ein gutdeutscher Teschener Jude auch weiterhin Geld für deutsche Trutzvereine schwitzen, deutschnational .wählen- und — zu Hause baden, natürlich in schwarz-rot-gelber Schwimmhose. Heil! Jüdische Aerzte als deutschnationale -Handlanger. In Mähren gibt es einen „Verband deutscher Aerzte“, welcher wie alle nichtantisemitischen „deutschen“ Vereinigungen, zu 90 Prozent aus Juden besteht. In der letzten Hauptversammlung wurde beschlossen, den Verband dem „Deutschen S ch-u'lver eii n.“ und dem „S ü d m a ir k b u n d“ enge anzugliedem. Wenn der mährische Killehjude seinen ärgsten Feinden, den deutschen Rassenantisemiten, trotz der bittersten Erfahrung nachläuft, so wirkt das sehr deprimierend. Die Born i er toi t und Charakterlosigkeit Lande der Väter, für das sie ihre Kinder heranziehen will. Aber auch in den drei heiligen Städten, das ist mir wohl bewusst, ist die jüdische Bevölkerung so bunt zusammengewürfelt, dass es sehr schwer ist, über sie in einem Atem zu sprechen. Aber eines scheint mir bei allen recht ähnlich: die Stellung der Frau. Ob unsere Religion die Schuld trägt — sie bevorzugt ja durchaus den Mann —, ob der Einfluss der orientalischen Umgebung gewirkt, ich will es nicht entscheiden; sicher ist, dass die Stellung der Frau eine ziemlich niedrige ist Die Frau ist durchaus nicht die Gefährtin des Mannes, nicht die .Herrin des Hauses. Den Mann adelt sein „Lernen“ und hebt ihn weit über die Frau, die gänzlich ohne Erziehung und Bildung bleibt Es gibt ein derbes Volkswort: „Frauensterben bringt kein Verderben“, dort in Palästina habe ich das Wort verstehen lernen. Allerdings die Frau hat wirklich keinen grossen Wert, sie löstet nicht viel. Ich glaube nicht, dass allzu viele kochen können, von Nähen und Flicken gar nicht zu reden. Oft hatte ich das Gefühl, hier sollte man einen Besen in die Hand nehmen, um den Frauen zu zeigen, wie man sauber macht, oder Nadel und Faden, um Löcher zu flicken in Tisch- und Bett-1 zeug. In der Stadt ist es ja meist nicht die Aufgabe der Frau, verdienend mitzuarbeiten, hier ist es ihre Pflicht, mit Ordnung und Sauberkeit zu sparen und zu erhalten. Und wieder tritt uns das verderbliche Vorurteil entgegen: körperliche Arbeit schändet Die Vorsteherin der Eveline Rotschild- Schule in Jerusalem erzählte mir, dass in ihrer Schule in den Oberklassen die Mädchen auch Haushalt lernen müssen, putzen, scheuem, waschen — da kommen oft die Mütter und beklagen sich, ihr Kind dürfe das nicht, ihr Kind habe zu „edle“ Hände. Aber es ist nicht zu edel, geschenkte Kleider zu tragen, geschenktes Brot zu essen, nur die Arbeit schändet! Dabei spreche ich nur von der Arbeit im eigenen Hause. Denn bis einmal jüdische Mädchen Dienst und Arbeit in fremden Häusern übernehmen werden, wird noch viel Zeit vergehen. Dazu müssen sie erst freier und unabhängiger geworden sein, um zu verstehen, dass der Wert des Menschen nicht in seiner Stellung liegt, sondern in ihm selbst. Allerdings, man versteht und verzeiht so viel, wenn man die Enge und die Dürftigkeit dieses armen Frauenlebens sieht, _das sich in den dumpfen Löchern abspielt, die sie dort Wohnung nennen. Halb Kind noch — manchmal zu 14—15 Jahren — wird so ein Mädchen verheiratet Noch selbst nicht voll entwickelt, gibt es oft schon einem Kinde das Leben; j nicht selten folgen Krankheit und Siechtum dieser j ersten Geburt. Ist doch das Kindbettfieber erschreckend häufig und fordert unzählige Opfer! Ist es ein Wunder? Ein Arzt ist wohl fast nie bei einer Geburt zugegen, aber nicht einmal eine ausgebildete Hebamme, die .. können sich; nur die Reichen gestatten, die, Armen, die grosse Mehr-., zahl, sind ohne Hilfe; von Aseptik, von Antiseptik; kann keine Rede sein. Und wo Krankheit, und Sterben der jungen Mütter häufig ist, da steigt naturgemäss die Säuglingssterblichkeit gewaltig an; denn wer sollte für die zarten Neugeborenen sorgen? . Es gibt also schon eine .Frauenfrage inunserem alten neuen Heimatland, wenn auch in ganz anderem Sinne, als man sie bei uns versteht. Und an 'ihrer Lösung müssen vor allem wir Frauen arbeiten. Wir müssen Schulen gründen, Haushaltungsschulen für Stadt und Land, und wir müssen Lehrerinnen hinübersenden, die nicht nur ihr Fach verstehen, die auch Persönlichkeiten sind, an denen die heranwachsende Frauengeneration ein Vorbild haben kann, die sie die Arbeit lieben und achten lehren. — Wir müssen geschulte Hebammen haben, die den Frauen beistehen, Krankenpflegerinnen, die in die Häuser gehen, denn wo gäbe, es Krankenhäuser, die alle Kranken fassen könnten, Pflegerinnen für die Allerkleinsten, die Säuglinge, die durch Belehrung und Tat die Mutter unterstützen? Allerlei. Uetiertritte. In Ungarn sollen im Laufe des Jahres 1906 nicht weniger als 468 Personen vom Judentum zum Christentum über,getreten sein, die meisten zum Katholizismus, einige erklärten sich für konfessionslos. 98 Personen sind zutn Judentum übergetreten, darunter 26, die schön früher Juden gewesen waren. Dabei gehört gerade in Ungarn die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung der „orthodox-jüdischen Konfession“ an. Es gab Ende 1906 in Ungarn 308 orthodoxe;Mutterigemeinnden und 1270 orthodoxe Pffiialgemeinden, .gegen 271 „heologe“ Muttergememden und 499 meologe Filiälgemeinden. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.