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Jüdische Zeitung · 1908-07-24 · 30 (24.7.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Seite i» Und der alte Haschei Bondy Fühlte tief, dass seinem Sohn die Höchste Ehrung widerfuhr, Und er sprach: „Bis hundert Juhr!“ Aber das Kaffeebesteck Schob der Jüngling lächelnd weg, Sagte schnarrend: „Süffig Stoff!“ Drauf der Vater: „Maseltow!“ Und die blonde Katharine Brachte mit verzückter Miene Aus der „Quelle* deutschen Trank; 1 s i zwickte sie zum Dank, Und sie zeigte durch Geberden Sich geehrt, gezwickt zu werden! Dann begann ein fröhlich Zechen; I s i schimpfte auf die G e c h e n, Die Barissen, Klerikalen, Sprach von höhern Idealen, Deutscher Zucht und blanker Wehre, Burschentum und Mannesehre, Und. zum Schlüsse wie zum Trost Rief er stürmisch: „Heil!“ und „Prost!“ Ha'schel B on dy, der Papa, Wusste nicht, wie ihm geschah — Dieses Feuer, die Noblesse! Wie die Neue Freie Presse. So gediegen und so frisch! „Das sollt hören Doktor Kisch, Der dem armen Isileben 4 in Religion gegeben!“ Dachte sich der gute Mann Und er stiess begeistert an Mit der Zunge und de.a Most Und sprach schmunzelnd: „Cheil! und Prost!“ Ein Gespräch führt heutzutage Immer auf die Judenfrage, Und wie sonst und überall War es diesmal auch der Fall. Hier entstanden — wie es schien — Etliche Disharmonien; 1 . Deiihjder. Jüngling,, wenn er bierig, Zeigtsich sehr kulturkampfgierig, - Während sich das Alter meist Höchst konservativ erweist. I s i d o r vertrat die Meinung, . Dass der Jude als Erscheinung Von der kultivierten Erde Männiglich v» rschwinden werde, Denn es herrsche die Tendenz Ritueller Abstinenz — Herrn Bondy senior Kam dies unglaubwürdig vor Und er meint, dass jene Lehre Eine grosse Chuzpe wäre Und sein Sohn ein eitler Tropf, Deutlicher: ein Parachkopf. Dieses väterliche Scherzen Nahm sich Isi sehr zu Herzen Und er sprach mit viel Talent — Schimpfen sei kein Argument Und er würde, täts ihm passen, Sich ganz einfach taufen lassen. - Weh! An dieser Stelle eben Wurde ihm ein Patsch gegeben. „Was? Du wagst es, Vater —?“ schreit er; Da ereilte ihn ein Zweiter. „Pfui! Papa!“ versetzt er bitter; „„\Vieheisst hui?““ Und patsch! Ein Dritter. Als der Mar ko man ne sah, Dass Entsetzliches geschah, Zog er mit Verachtungsblick Sich in das Kloset zurück, Richtet Mütze dort und Band, Setzte die Frisur in Stand Und begab sich stolz im Flaus Zum Kommers ins. Deutsche Haus. Mit erhobenem Gemüt Sang er dort das schöne Lied: Deutsche Männer, ha, wie prangen Eure jugendroten Wangen! Beda. JÜDISCHE ZEITUNG Die Taufbewegung in Wien. Zu diesem Kapitel des Buches von Doktor f h ou „Die Juden .in üesterreich“ bringt die Juiimftnimer der Zeitschrift „Ost und West" einen Artikel von B. Samuel, in welchem dier- Verfasser ziemlich unklar.und nur andeutungsweise ausspnicht, dass der Zionismus au der grossen Zahl der Tauien in Wien mit schuld sei. Etaeu solchen Zusammenhang wirklich auizuzeigen, unterlässt B. Samuel, er bemerkt nur. dass namhafte Zionisten rnfd nächste Blutsverwaivdte von solchen sich taufen dessen. Im direkten Gegensatz hierzu macht der Verfasser im weiteren Verlaufe seines Artikels für die starke Taufbewegung in Wien den Kultusvorstand verantwortlich: „Und was soll man von den „Hütern des Weingartens" 'denken, denen die Wartung und Pflege dieses Bodens an vertraut war. Es ist gew'iss ungerecht, jemanden für die Handlungsiweise seiner Nachkommen ohne weiteres verantwortlich zu machen; aber für das Betragen und die Führung einer ganzen Generation darf und muss ihre Vorgängerin, Erzieherin und Erblasserin zur Verantwortung gezogen werden. Daher werden alle, die seit einem Meusohenalter die geistigen Lenker der ersten j üdis c he n ü e.m e i nd-e Oesterreichs gewesen, für die Apostasiie der jetzigen Generation vor dem Richterstuhl der Geschichte Rechenschaft ablegen müssen.“ Dem stimmen wir zu. Will B. Samuel Wissen, rang zusammen, anderseits aber damit, dass in wachsendem Masse Juden, welche in Wien nicht ansässig sünd, sich fp Wien taufen lassen, weil s3e in ihrer kleinen Hehnatsgemeinde dies aus einem Rest von Schamgefühl nicht tun wollen. Im Jahre 1905 waren 42 Prozent der m WtJen Getauften keine Wiener. AU das übersieht der Verfasser. Aber selbst wenn wirklich ab 1896 die Zahl der Täuflinge in Wien zunähme, so wäre es ein starkes Stück, dem Zionismus die Schuld an dieser Erscheinung zuzuschreiiben. Wie kann ein anscheinend Wissenschaftlich gebildeter Mann solche Zusammenhänge ohne jede soziologische Nachforschung konstruieren! Aus einem solchen Zusammentreffen — wenn es wirklich vorhanden wäre — kann man gar keine Schlüsse ziehen und wenn durchaus ein logischer Zusammenhang konstruiert werden soll, so läge es näher zu sagen: Ab 1896 wuchs der soziale Druck auf die Judlen so sehr, dass einerseits die Taufbewegung zuuabin. andereits dfie zionistische Bewegung auftauchte. Und 'das wäre wohl auch viel richtiger, da seit jener Zeit infolge des Sieges der antisemitischen Parteien in Stadt, Land und Reich der soziale Druck auf die Juden in jeder Weise zunahm, besondlers aber jener auf die intellektuellen Kreise, soweit sie auf Beamtenstellen reflektieren. Und diese Kreise stellen das stärkste Kontingent zu dem Heere der Täuflinge. -Die Tauibewegung ist von unserem Standpunkt aus -gewiss beklagenswert. Aber so weit slie'e'.n Abfallen von Elementen bedeutet, die innerlich dem Judentum entfremdet oder moralisch haltwaruim so viele Juden keine Scham dabeiempfinden, sidh aus materiellen oder anderen niederen Motiven (der Verfasser -sagt: aus Frivolität u-nki Gesirmungsk>si.gkefrt) taufen ^u lassen, so möge er n-achforschen, wie die 'Leitung unserer Kultusgenveitwle durch die Art des jmn ihr besorgten Religionsunterrichtes, durch -ihre assimilatorische Prvlit'k, durch ihre gänzliche Interesse- und Verständnislostgkeit für das Judentum — was sich oft bis zur -Alhneigung gegen all es. Jüdische steigert — die letzten zwei Generationen ^jm Judentum entfremdet'hat.* Weiss der.-Vierfas6W«mcht. dass'dSe Sophisten gegen dieses „System“ und 'seine Vertreter sei-t einem Jahrzehnt puf das HeitHfipte ankämpfen? Wieiss er nicht, dass.es nur:-dem Zionismus gelungen ist, die Jugend Wiens -und Oesterreichs zum grossen Teil für das Judentum Wieder zu interessieren? Glaubt er aber wirklich, dass der Zionismus in kurzer Zeit Milieu und Erziehung der Wiener .Juden ändern und der Taut'bewegung Einhalt gebieten kann? Zionismus und Taufbewegung stad soziale Erscheinungen, die ihre Wurzel .in der eigentümlichen Lage der Judenim:: Golus haben. Diese kann der Zionismus nicht von heute auf morgen ändern. Er kann tav Golus nur eine Erziehungsarbeit leisten, -deren Früchte werden erst nach dem Abstechern der -entjndeten letzten zwei Generationen voll geerntet werden können. Der Verfasser sucht 'infolge des Umstandes, dass die Taufen in Wien zuivehmen, und' zwar, wie er behauptet, seit dem- Jahre 1896, In welchem der Herzische Zionismus auftauchte, einen Zusammenhang zwischen diesem üijd jener Steigerung der Taufen zu konstruieren. Demgegenüber ist zu konstatieren, -dass es gar nicht wahr ist, dass ab 1896 eine abnormale Steigerung der Taufen platzgriüi. . Die Ziffern sind nach dem Buche Thons die folgenden: 1892 148 1893. 233 Zunahme gegen das Vorjahr 70 % 1894 217 — 1895 212 — ' 1S96 229 — 1897 265 Zimaifome „ .. 16 °/° 1899 280 6 % 1900 315 V;1 „ - 12 190 t 313 — i ' ' 1902 336 Zunaibme " 7 % 1903 339 99 \ % 99 »» •» 1 ' Die Zunahme 1893- -1894 war also die stärkste und damals gab es gar keinen Herzischen Zionismus. Seitdem sinken, die Zuwachsprezente. Dass die absolute Zahl der Täuflinge - wächst, hängt einerseits mit der Zunahme der Bevölkeios sind, ist sie kein Schaden -für unser Volk und unsere Zukunft. Dass jene Juden, die noch nicht gärrzlioh entjudiet sind, wäeder dem Judentum gewonnen werden, das ist und bterbt das allgemein anerkannte Verdienst d_s Zionismus, trotz Herrn B. Samuel. B- Palästina. IEii» historischer Kolonist. Von Davis Tfietsch, Jaffa. Kürzlich starb in Petach-Tikwab einer der Gründer der Kolonie, Josua Simon Stampfer, ein ungarischer Jude. Er war der erste jüdische Kolonist aus Palästina, den ich kennen gelernt habe, als er im Interesse der Chalukah und auf Einladung seitens der amerikanischen Rabbinen im Winter 1897/98 sich in New York aufhielt. Er half damals wacker in der zionistischen Agitation mit und auf diese Weise kamen wir zusammen. Stampfer war einer von der kleinen Gruppe Jerusalemer Juden, die im Jahre 1878 den Plan fassten, Boden zu kaufen und Landwirtschaft zu treiben. Das Unterfangen war so kühn, dass die Beteiligten die Sache streng geheim hielten. Sie wollten nicht die Kritik herausfordem, die sie selbst vielleicht wieder wankelmütig gemacht hätte, und fürchteten wohl auch direkte Gegnerschaft und manche andere Schwierigkeiten von dem vorzeitigen Bekanntwerden des Planes. Nach vielen Beratungen entschloss man sich vorerst zu einer Rekognoszierangsreise. Ein kleiner Trupp Reiter verliess eines frühen Morgens Jerusalem (das damals noch auf den Bezirk innerhalb der Mauer beschränkt war), aber als man kaum ausserhalb des Tores war, sah man einen alten Juden am Wege sitzen, der sich beim Nahen der Reiter erhob, sie segnete und ihnen Glück zu ihrem Unternehmen wünschte. — Es war ein sonderbarer Anfang, aber jeder schöpfte Mut daraus: Viele Gegenden wurden besucht. Unter anderem ging man auch ins Ostjordanland, wo die „Kundschafter“ ganze Städte mit fertigen, fast völlig erhaltenen Häusern, mit Wasserzistemen und in den Fels gehauenen Getreidekammern vorfanden — ganze Städte ohne einen einzigen Einwohner. (Erst die Ansiedlungstätigkeit der türkischen Regierung, die seither tscherkessische und ähnliche Kolonien dort anlegte, hat diese alten Städte, von deren Existenz auch einzelne Forschungsreisende berichteten, zum Teile wieder nutzbar gemacht) Schliesslich entschied man sich für den Erwerb eines Stückes Land bei Jaffa, am Andscheflusse gelegen, wo heute die grösste aller jüdischen Kolonien Palästinas, Petach-Tikwah, steht — Die Schwierigkeiten, unter denen die Kolonie anfänglich zu leiden hatte, gehören nicht in dieses

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