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Jüdische Zeitung · 1908-07-24 · 30 (24.7.1908) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 30 Kapitel; liier sei -mir erwähnt, dass Stampfer stets eine massgebende, oft eine führende Rolle in der Kolonie gespielt hat und in einem Brunnen, der nach seinen Anordnungen oder .unter seiner Regierung“ gegraben wurde und der eine Zeitlahg der beste Brunnen der Kolonie war, hat er sich ein ewiges Denkmal schon zu Lebzeiten gesetzt: Die Kolonie nannte den Brunnen nach ihm „Bir Jehoschuali“. - Aber nicht das ist das „historischeste“ an Josuah Stampfer, sondern er hat eine gewisse .Rolle gespielt in der Entwicklung der nationalen, der zionistischen Bewegung — und das kam so: Ich habe schon erwähnt, dass ich Stampfer im Winter 1897/98 in New York kennen gelernt habe. Ich schätzte sein sachliches Urteil hoch und -eines ■ Abends spät, nach Schluss einer zionistischen Versammlung, begleitete ich ihn in seine .Wohnung in Houston Street, um mit ihm über die tatsächlichen Möglichkeiten kolonisatorischer und politischer Natur zu sprechen. Der Verlauf der Unterhaltung führte naturgemäss zu dem Projekt eines vorläufigen Anfanges der zionistischen Tätigkeit in Cypern, ein Projekt, über das ich einige Monate vorher ein von Dr. Herd sehr geschätztes Expose der Wiener Leitung eingejreicht hatte. -. Stampfer hatte ein „Aber“. Ihm leuchtete die Sache, vollständig ein, „aber“ vielleicht war ein näheres Nachbarland mit entsprechender Eignung zu finden: Das Gebiet jenseits der syrischägyptischen Grenze, das wir heute E l - A r i s c h oder (etwas vager ausgedrückt) die Sinai- Halbinsel nennen. Stampfer meinte, wenn wir an Nachbarländer denken müssen, so sollte dieses Nächste, das Erste sein, das zu untersuchen wäre. Vielleicht eignete es sich eben so gut wie Cypern und in diesem Fälle sei es vorzuziehen. Ich bezweifelte, dass El-Arisch günstig genug sei, um neben Zypern in Frage zu kommen, aber die Sache selbst war mir höchst interessant, so dass ich gleich verabredete, bei meiner ersten Reise nach Palästina mich mit Stampfer in Verbindung zu setzen und eine kleine Erkundung vorzunehmen. Erst später fand ich in einem alten Artikel von Nathan Birnbaum*) einen Hinweis auf das gleiche Gebiet. — hier , unter stärkerer Betonung Cypems — während zur Zeit des dritten Kongresses ein Brief von Jechiel'Michael Pines aus Jerusalem' — abgedruckt in „Hameliz“ kurz vor dem . Kongresse — fast genau sich auf den Standpunkt stellte. — Man sieht schon hieraus, dass mehrere Anregungen den Ausgangspunkt zu einer Tätigkeit in öder für El-Arisch hätten geben können. Mich brachte die Gesamtheit der obigen Anregungen und eigenes Studium der Landkarten Palästinas dazu, die Sache anzupreisen, nachdem auf dem IU. Kongress Cypern so wütend abgelehnt worden war; und da ich allein diesen Feldzug, zu führen hatte,**) so bin ich wohl berechtigt zu sagen: ohne Stampfer wäre es nur vielleicht so gekommen, wie es kam. W i e es aber kam, das geht weit über die verhältnismässig „klöne“ Frage von El-Arisch hinaus -- das hat auf die ganze Entwicklung der zionistischen Bewegung weitgehendst und entscheidend eingewirkt. Denn wie ich ohne die vorläufige Ablehnung Cypems auf den III. Kongress El-Arisch kaum zur Diskussion gestellt haben würde, so wäre es auch ohne die vorläufige Ablehnung von El-Arisch sicherlich niemals zu der Uganda-Aöaire, zu „Charkow“, zum Territorialismus etc. etc. gekommen. Bei meinem ersten Aufenthalte in Palästina im Frühjahr 1900 war Stampfer leider nicht in der Lage für eine längere Reise abkommen zu können, und einige Jaffaer Freunde, die ursprünglich ganz bereit gewesen waren, hatten schliesslich mancherlei Bedenken. Aber Stampfer behielt die Sache wohl im Auge und war Ende 1902 gerade so weit, mit einigen Gelahrten die Reise zu unter-. *) „Solange es Zeit ist“ „Jüdische Volkszeitung„, 3. April 18941 — Von mir mehrfach ab-’ gedruckt. In extenso zu finden in meiner Zeitschrift „Palästina“. Jahrgang .1903, Seite' 125 bis 127. **)j Der Feldzug fist übrigens noch nicht zu Ende. In dem „Glaubensbekenntnis zu den Rankstatuten“ das von jedem Zionisten verlangt;wnrde („Ich wünsche, dass'die Machtbefugnis der Gesellschaft, Kolonisationsunternehmungen -zu fördern, auf Palästina, Syrien und andere Teile der asiatischen Türkei, die Halbinsel Sinai und die Insel. Cyprus beschränkt werde“) liegt „nur“ die kompleteste Anerkennung des Nachbarländer-Programmes — aber noch nicht die leiseste Andeutung, einer keimenden Absicht dort wirklich etwas zu' tun! — Der Feldzug ist aber noch im Gange, und es ist sogar 311 der Zeit zu rufen: „Freiwillige vor!“ ..... nehmen, als die „grosse“ zionistische Expedition . entsandt wurde. Angesichts dieser scheinbar so j günstigen Entwicklung der Sache unterblieb « die geplante Reise und' die ganze Angelegenheit nahm den bekannten Verlauf: das positiv Ausführbare wurde zu -/klein erachtet, statt dessen wurden unmögliche,, Ziele aufgestellt und deren Unmöglichkeit zum Vorwand genommen, die ganze Sache fallen zu lassen. Um dann keine Kritik des Verfahrens aufkommen zu lassen, wurde obendrein der Bericht über die teure Expedition geheim gehalten und die Teilnehmer zu unverbrüchlichem Schweigen verpflichtet. Um wieder auf Stampfer zurückzukommen, möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass seine Interessen weit überdie Fragen der Kolonisation hinausgingen. So nahm er lebhaften Anteil an allen jüdisch-wissenschaftlichen Fragen, und als es einmal galt — wenn ich nicht irre, an einen weltfernen afghanischrindischen Wallfaln ts- und Marktorte — gewissen Spuren der versprengten zehn Stämme naehzugehen, und man ihn fragte, oh er an einer solchen Expedition teilnehmen wollte, war er trotz seines Alters und seiner Arbeiten sofort einverstanden/ wenn es sich irgendwie mit seiner Zeitdisposition'vereinbaren Hesse. Stampfer war ein hochgebildeter Mann. Er beherrschte ausser ungarisch, deutsch und hebräisch auch die englische, französische und arabische Sprache. Dabei war . er ein streng religiöser Mann und hauptsächlich auf .ihn war es zurückzuführen, dass Petach-Tikwah als „die fromme Kolonie“ gilt. Es mag schwer genug gewesen sein, einer so stark anwachsenden Kolonie den ursprünglichen orthodoxen Charakter zu wahren, aber Stampfer und seine Freunde hielten fest daran, dass diese Kolonie gegründet wurde um ihren Mitgliedern zu I ermöglichen in altjüdischer Art im Lande der Väter zu lebem.. Das wollte sich Stampfer durch kein neues Element — weder von Kolonisten, noch von jüdischen-Arbeitern — beeinträchtigen lassen, und es ist' darüber zu schweren Kämpfen gekommen, bei denen' Stampfer immer wieder der extremste und unbeugsamste der orthodoxen Richtung war: in {fieser Eigenschaft ist er auch heftig bekämpft worden und hat bei Vielen als der „Schwärzeste sder Schwarzen“ gegolten. Ich bin keineswegs orthodox und habe alle Sympathie mit dem ffingeren Elemente, das zwar kein orthodoxes, §}>£?''-dafür'. , meiner Ansicht ■nach —' nicht mfedSFJcraftvölifes Judentum' nach Palästina bringt:,- :Aber 1 doch — Stampfers Orthodoxie War„vön Her Art,' die'Achtung einflössl- und mit ihr ging gereifte Lebenserfahrung und; ein tiefes Gerechtigkeitsgefühl' Hand in Hand — aus den verschiedenen Gegnerschaften, die erhervorgerufen hat, ist mir sein Bild nur immer sympathischer geworden. Die letzten Jahrt£ seines Lebens brachten ihm viel Unglück in. seiner Familie, das auch die Ursache seines im ^inblick auf körperliche und geistige Rüstigkeit frühzeitigen Todes wurde. Für das Ansehen, dessen er sich erfreut hatte, zeugte die Beteiligung an seinem Begräbnisse, (selbst von Jerusalem waren Freunde gekommen, um ihm das letzte Geleite zu geben, und das hatte seine Schwierigkeiten in einem Lande, wo die Toten wenige Stunden nach dem Ableben begraben werden.) Niemals.vorher ist der Weg von Jerusalem nach Pelaeli - Tikw^li schneller zurückgelegl worden. Stampfer war einer der vornehmsten jüdischen Typen, die mir begegnet sind, eine wahre Patriarchen-Erscheinung. Er wird lange im Gedächtnis derer, die-ihn kannten, fortleben. Korrespondenzen. Selbstmordversuch eines jüdischen Soldaten. Lemberg. (Orig.'-fKorr.) Samstag den 18. verübte Nachman . S a « db e r g, Artillerist in der dritten Batterie des elften Artilierieregiments, einen Selbstmordversuch. Das Motiv ist schlechte Behandlung. Nachmanh- Sandberg ist aus Przemyslamy gebürtig und vor-ilO Monaten freiwillig in.den ■Heeres-verband eingetreten. Er kann somit keinesfalls als militärsöheif bezeichnet werden. Vor Wochen beklagte er sich schon bei Bekannten, über den Antisemitismus, 'A der Sn der dritten Batterie herrsche. Besonders1 zwei Feuerwerker, Lu k o w und Rogalski, brutalisierten und quälten die jüdischen Soldaten ayf die 'unbarmherzigste . Weäse. Saudberg hatte vou diesen beiden Henkern furchtbar zu leiden und wir froh, als man seinein Gesuche entsprach und ihn in die Regimentskanzlei aufnahm. Er kam ober vom Regen in die Traufe. Der Feuerwerker 'Wunderlich verfolgte Mm noch mehr als. die früheren Vorgesetzten. Schliesslich versuchte er durch Selbstmord den Höllenqualen zu entrinnen. Vor zwei Monaten beging ein jüdischer Soldat in derselben Kaserne einen Selbstmord. Welche Lust, als Jude Soldat zu sein! ■ Morris Rosenfeld in Oesterreich. Karlsbad. (Orig.-Korr.) ' Am 10. Juli ist Morris Rosenfeld, der Diohter der Liede: Ghetto, nach Karlsbad zum Kurgöbrauche eingetroffen. Sein Befinden hat sich in letzter Zeit gebessert, doch leidet er. als Folgen seiner schweren Krankheit, an starker Nervosität. Trotzdem ist er nach wie vor schriftstellerisch tätig. Das Newyorker jüdische Tagbtatt „Vorwärts“ bringt häufig Rosenfelds Feuilletons, welche von tiefer Menschen- und Lebenskenntnis zeugen und die durch sprühenden Humor das Entzücken der Leser hervorrufen. — Nach Absolvierung seiner Kur gedenkt RosenMd eine Tournee durch alle grösseren Städte Oesterreichs zu machen, wo er seine Gedichte zum Vortrag bringen wird, ln Karlsbad findet am 29. Juli ini grossen Kurhaussaale eine Vorlesung seiner Gedichte statt. — Wie wir erfahr1:-!!, dürfte Rosenfcld anfangs September nach Wien kommen. Offenes Schreiben an den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Herrn Dr. Alfred Stern, Wien. In meiner Angelegenheit als Privatperson kontra Herrn lg. Back haben Sie sich veranlasst gesehen, mich, weil Sch zufällig Vorstandsmitglied eines Tenipelvereines war, ad audlienduni verbum zu laden, um ihren Standpunkt dahin zu präzisieren, dass ich nicht berechtigt sei, mich-an das (»deutliche Gericht zu wenden, dass ich .vielmehr diese meine Privatsache dem geehrten Kultusvorstande zur Austragung überlassen müsse. Ja, Sie gingen so weit, aus dieser Angelegenheit eine Affäre zu konstruieren und dem Gesamtvorstande des Tempel Vereines das Misstrauen des Verfreteri kollegiums.' >. ausspredieh., ,zu.... JasSeft;-• Iffierriurch; haben Sie die Interessen des Vereines auf das Empfindlichste geschädigt, denn seine eifrigsten und bewährtesten Vorstandsmitglieder, mit dem Obimunie an der Spitze, sahen sich durch Ihr Vorgehen angewidert, zum Austritt aus dem, Vorstand veranlasst. Dies alles in einer zwischen zwei Privat personell entstandenen Ehrenangelegenheit! — Aus Notizen mehrerer Tagesjournale ersehe ich jetzt, dass der aus dem Ertrag der Kultussteuer besoldete Gemeinderabbiner Herr Mayersohn gegen einen Kultussteuerzahle'r Herrn Komet, den Sch übrigens nicht kenne, die Ehrenbeieidiigungsklage überreicht hat. Wfie verhält sich nun der Herr Präsident als Chef der Verwaltung dieser israelitischen Kultusgemeinde, in deren Diensten Herr Mayersohn steht, zu dieser Angelegenheit? Ist Herr Mayersohn weniger Amtsperson als ich? ' - War dem Herrn Präsidenten die Absicht Mayersohns, die Klage zu überreichen, vorher bekannt? Wlas hat der Herr ■ Präsident unternommen, die Klageführung zu verhindern oder doch die bereits überreichte Klage, die ein wahrer Ghillul haschein ist, aus der Welt zu sohaffen? Was gedenkt der Herr Präsident zu tun, dass in Hinkunft keinem Rabbiner gestattet sei, den ordentlichen Gerichtsweg in Ehreiiangelegenheiten zu betreten und dass überhaupt die Venfolgungswut einzelner Gemeindefunktiohäre unterbunden werde? Was gedenkt der 'Herr Präsident weiters zu veranlassen, damit jener Skandal nicht durch die Berufung Mayersohns gegen das fhn und den Kultusvorstand allerdings tolossstellendle Ersturteil neuerlich in der judenfeindlichen Presse breitgetreien werde? Aus all diesem, geht hervor, dass Sie, Herr Präsident, in meinem Falle viel strenger urteilten, als in jenem des Herrn Mayersahn; dabei ist dieser Ihr Beamter, der für jede seiner Leistungen bezahlt, ja sehr gut bezahlt wird, während ich, ein freigewäblter Vereinsfunktionär, mein Amt als .. umwiii n w ■

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