Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 30 " . . JÜDISCHE ZEITUNG gierung auch die Aussichten auf Bess erung für die Juden geringer als zuvor. Denn während sie früher von dem Willen eines Einzelnen abhängig waren,' so dass immerhin ohne Schwierigkeiten die Möglichkeit bestand, ihnen Erleichterungen zu gewähren, so ist heute die Zusammensetzung ■ ler Parteien eine derartige, dass selbst die Regierung nicht in der Lage ist, gegen diese durchaus judenfeindliche Majorität etwas für die Juden durchzuselzen. Trotzalledem aber wolle die Regierung,- wenn erst die Ruhe im Lande wiederhergestellt sei, auch an die Lösung der -I u d e n f r a g e herantreten und die gegenwärtige Regierung sei jedenfalls von dem i iestreben erfüllt, diese für Russland wie für die Juden gleich bedeutungsvolle Angelegenheit in humaner Weise zu regeln. * * * Im Laufe der auf die Audienzen folgenden Tage hatte der Präsident eine Reihe längerer Konferenzen mit massgebenden Persönlichkeiten der russischen Regierung, die .ebenfalls zu befriedigenden Ergebnissen geführt haben. Während der Anwesenheit des Präsidenten in Petersburg waren die meisten russischen Mitglieder des Aktionskomitees in Petersburg versammelt. Die Petersburger Presse beschäftigte sich lebhaft liiit dieser Angelegenheit und brachte ausführliche Berichte und Interviews darüber. Vor seiner Abreise stattete Wolflsöhn dem Vertreter der russischenRegierung in Konstantinopel, Herrn Sinowiew, einen Besuch ab', mit dem er eine längere Unterredung hatte. Diesem Besuche wird grosse Bett e u tu n g beigemessen. Wolffsohn besuchte auch den Gehilfen des Ministers des Innern, Herrn Makarow Am Dienstag reiste Herr Wolffsohn nach Wilna, wo. er von der Judengemeinde feierlich empfangen wurde. Die Zentrairegierung aus Petersburg hat den: Wilnaer Lokalbehörden telegraphisch die Ankunft des Präsidenten avisiert und angeordnet, einer Versammlung, die Mittwoch abends zur Begrüssung des Präsidenten stattfinden soll, keinerlei Hindernisse zu bereiten. Am Abend fand in Wilna ein Bankett zu Ehren Wolffsohns statt, an welchem über 100 Personen teilnahmen. Es wurden viele Reden gehalten, die. meisten in hebräischer Sprache. Von den Rednern sind hervorzuheben die Herren N. Sokolow, Dr. Kantor, Rabbiner der Wilnaer ■ Gemeinde und ein Mittelschüler, der namens der jüdischnationalen Jugend Wilnas sprach. In seiner Erwiderung wies Präsident Wolffsohn darauf hin, dass die russischen Juden das wichtigste Element in der zionistischen Bewegung bilden und dass diese nicht auf die Juden anderer Länder bauen können, die lediglich aus Philantropie ihren russischen Brüdern zu helfen versuchen. „Ich selbst“, fuhr Wolffsohn fort, „bin der nationalen Bewegung vielleicht nur deshalb so ergeben, weil ich von Geburt ein russischer Jude bin.“ Er versicherte, dass nach seiner Audienz bei Stolypin, die Regierung der zionistischen Bewegung keine Hindernisse in den Weg legen werde. Er schloss seine Rede mit der Aufforderung, nunmehr die ganze Kraft der Arbeit für das Volk zu widmen. * # * Anlässlich seiner Anwesenheit in Russland entsandten eine grosse Zahl jüdischer Gemeinden Russlands Deputationen zu Wolffsohn u. a. Warschau, Kowno, Grodno, Minsk, Dwinsk, Smorgon. Der Präsident der Misrachiorganisation, Herr Reines aus Lidda und der hervorragende Humorist Scholem-Aleichem waren zur Begrüssung des Präsidenten gleichfalls nach Wilna gekommen. * * * Pressstimmen. Das WarschauerTagblatt „Unser Leben* bespricht in dem Leitartikel vom 15. Juli die Reise des Präsidenten Wolffsohn nach Petersburg und bemerkt, dass Wolffsohn die dritte Privatperson ist, welche heuer Zutritt zu P.A. Stolypin erlangt hat. Weiters wird der Unterschied zwischen den Begleitumständen der Herzischen und Wolffsohnschen' Reise hervorgehoben. „Herzls Rückreise aus" Petersburg glich einem Triumphzuge, kein Jude wurde derart gefeiert, nicht einmal Moses Montefiore.“ „Diese Huldigung galt aber nicht den Erfolgen der Reise, sondern der Persönlichkeit Herzls . . .“ „Wolffsohn aber ist bei den jüdischen Volksmassen last unbekannt; seine Reise kann nur nach den tatsächlichen. -Erfolgen, die sie bringen wird, gewürdigtwerden. Grosse Hoffnungen darf man in diese Reise nicht setzen; sie ist aber nicht darum erfolgt, weil der Zionismus in Russland zurückgeht, denn in der letzten Zeit ist all das wettgemacht worden, was die Bewegung infolge der Unruhen und des Todes Herzls an Intensität und Ausbreitung verloren! hatte.“ In einem weiteren Artikel: „Die Bedeutung der Reise des Präsidenten Wolffsohn“ wird ein viel optimistischerer Ton angeschlagen. „Herr Wolffsohn ist mit dem Resultate der Reise zufrieden. Er hofft, dass die russische Regierung von" nun ab, die Arbeiten der Zionisten nicht stören werde. Besonders entzückt ist er über die Audienz bei Iswolsky, der dem Zionismus äusserst sympathisch gegenübersteht und erklärt hat, dass der Zionismus der einzige Weg ist, welcher zur selbständigen nationalen Erziehung des jüdischen Volkes führt und daher dieSympathie und Unterstützung aller Menschen verdient. Auch Dr. Tschlenow ist mit dem Erfolge der Reise sehr zufrieden und hofft, dass die Bewegung jetzt weitere Kreise erfassen wird.“ Das Petersburger Tagblatt „Der Fraind“ gibt die Aeusserungen Wolffsohns über seine Audienz bei Stolypin wieder: „. . . Während des Gespräches wurde auch die allgemeine Lage der Jaden in Russland gestreift Stolypin bekundet für die jüdische Frage ein lebhaftes Interesse und wünscht ihre baldige Regelung. Er erklärte aber, dass er warten müsse, bis sich das ganze Land vollkommen beruhigt habe, dann werde er sich bemühen, die Judenfrage nach den Grundsätzen der Humanität zu lösen.“ Das Blatt fügt hinzu: „Stolypin sagte somit dasselbe,, was Plehwe seinerzeit Herzl gesagt hat. Plehwe hat nichts dagegen gehabt, dass die Juden Russland verlassen. Stolypin ist auch kein Gegner eines eigenen jüdischen Staatswesens. In Russland aber müssen die Juden warten, bis sich das Land vollkommen beruhigt habe. Diese Auffassung der Judenfrage ist für uns nicht neu! Das Wort „vollkommen“ aber gibt zu denken. Ist -denn überhaupt eine vollkommene Beruhigung möglich? Heisst denn dies nicht die Lösung der Judenfrage auf unabsehbare Zeit verschieben, wenn man sie an eine derartige Bedingung knüpft? Was hat aber Wolffsohn auf diese Worte Stolypins erwidert? Dies möchten wir gerne erfahren. Wir haben kein Recht zu verlangen, dass man alles erzähle, was über den Zionismus gesprochen wurde, aber wir fordern, dass man genau Rechenschaft ablege, was die jüdische Gesamtheit Russlands betrifft. Oder dürfen wir davon nichts erfahren, was man ohne unser Wissen, in unserem Namen gesprochen hat? Wir hoffen, dass man unsere Forderung für billig erachten wird.“ Das Wilnaer hebräische Tagblatt ‘ „H e d Hasman* veröffentlicht ein längeres Interview eines Mitarbeiters mit Herrn Wolffsohn, dessen Inhalt sieh mit den in unserer letzten Nummer veröffentlichten Interview deckt. Es wurden auch noch die Fragen berührt, ob Iswolsky nicht versprochen habe, bei der Pforte für die Zionisten zu intervenieren und ob der Präsident Wolffsohn sich dessen bewusst war, dass er mit . einer Regierung unterhandle, welche die Jüdea auf das blutigste verfolge. Präsident Wolffsohn äusserte sich darüber: „Wenn wir etwas bei der türkischen Regierung erreichen wollen, wenden wir uns direkt an die Pforte. Wir haben die direkte Hilfe der anderen Staaten nicht nötig. Wir bemühen uns aber, zu ihnen in freundlichen Beziehungen zu stehen, damit sie sich unseren Bestrebungen in Palästina1 gegenüber neutral verhalten.“ Auf die andere Frage erwiderte er: „Zwischen Plehwe und Stolypin ist doch ein grosser Unterschied. Und ausserdem ist man manchmal in der äusseren Politik gezwungen, auch mit Mächten zu verkehren, mit deren inneren Politik man nicht einverstanden ist Wir unterhalten freundliche Beziehungen zu allen europäischen Mächten und müssen datier auch daraüf bedacht sein, mit der russischen Re- und auch wirklich Lehrer, zum Beispiel in der Teppichabteilung. Der Unterricht besteht darin, dass die Schüler lernen, ihre Kräfte zu entwickeln und frei zu entfalten. Junge Talente wurden hier entdeckt, gelenkt und gesteigert. Manche kämen her aus dem Schmutze der Chalukah. Anderen —- Schülern und Arbeitern — wurde hier ein Sinn ihres Lebens erschlossen: Arbeit und Arbeitsfreude. Und das sind.Einflüsse, über die Würde des Hauses hinausreichen und noch wertvoller sind als die Arbeit in Wolle und Stein. („Unsere Hoffnung“) Allerlei. Langlebigkeit eingewanderter Juden in den Vereinigten Staaten. In seinem soeben erschienenen Werke „Rasse und Einwanderer in den Vereinigten Staaten“ kommt John R. Commons, Protessor der politischen Oekonomie an der Universität zu Wisconsin, anf die grössere Lang1 ebigkeit der eingewanderten Jüden za sprechen: „Eine hohe Geburtsziffer, einä niedrige Sterbeziffer, ein langes Leben placieren den Jaden ebenso hoch aber den Durchschnitt, als der Neger unter ihmsteht. Diese beiden Rassen bilden die Extreme in der Lebensfähigkeit der Rassen Amerikas.“ Und1 die Grande hiefür sieht.er in den Lebensgewohnheiten, der eingewanderten Jaden, die dnreh ihre Anhänglichkeit an das jüdische Reii-. gionsgesetz bestimmt werden. „Nehmen wir,“ so schreibt Professor Commons, „zwei Gruppen von je hundert Kindern, eine jüdische und eine amerikanische vom üblichen Durchschnitt alle geboren an demselben Tage. Trotz der Unterschiede in sozialer Hinsicht; die für die zweite Gruppe viel günstiger sind, stellen sich die Chancen dennoch so, dass die Hälfte der amerikanischen Kinder innerhalb der nächsten 47 Jahre, die erste Hälfte der jüdischen Kinder nicht vor dem einundsiebzigsten Lebensjahre gestorben seih wird.“ Die Untersuchungen Prof. Commons beziehen sieh ausschliesslich anf die eingewanderten und erstrecken sich nicht auf die Lebensdauer der amerikanisierten Juden. Nach Analogie der nichtenropäischen Jaden muss allerdings angenommen werden, dass sie, je mehr sie die Gewohnheiten des Einwanderungslandes annehmen und sich-, von den jüdischen Traditionen entfernen, sich auch in bezug anf die Lebensfähigkeit ihren neuen Vorbildern nähern und sie bald, wie z. B. in "Dentschland, wo die Geburtsziffer der Juden schon kleiner ist, als die der Deutschen, nach unten hin überflügeln. Juden in der englischen Armee. Der Chiefrabbi Adler macht infolge eines Vorschlages, ein eigenes jüdisches Detachementin der Territorialarmee zu bilden, darauf aufmerksam, dass die Juden in allen Waffengattungen des englischen Heeres bereits stark vertretensind. Herr Adler sagt: Es ist durchaus unwahr, dass die Juden in militärischer Beziehung gleichgiltig seien. Meine Berichte über das Jahr 1907 ergaben, dass s ch in der Flotte , und in der regulären Armee nicht weniger als 60 jüdische Offiziere, und1 in der Yeomanry und den Vö'unteers mehr als 100 Offiziere und: über 800 Mann jüdischen Glaubens befanden. Die Juden stellen einen weit höheren Prozentsatz zu der Armee, als die übrige Bevölkerung. An dem südafrikanischen Kriege nahmen nicht weniger als 3000 jüdische Soldaten in der regulären Armee und in den HüSstruppen teil, ln der Zentralsynagoge wurde ein Denkmal enthüllt für 116 jüdische Soldaten, die im Kriege ums Leben kamen. Der Vorschlag, ein Londoner jüdisches Regiment zu bilden, wird bei -«ns auf heftigsten Widerstand stossen. weil wir ernstlich wünschen, in andere Regimenter aufgenommen zu werden, und nicht als ein abgesondertes Regiment zu dienen. Der englische Jude ist ausserordentlich bestrebt, die Privilegien und die Pflichten des Reiches zu teilen. , dessen Bürger er zu sein, stolz ist. Ueber die Geistesstörungen bei den Juden veröffentlicht Dr. med. Max Sichel in Bechholds ..Umschau” einen kurzen Artikel, der auf ausführlichen im „Neurologischen Zentralblatte“ abgedruckten Untersuchungen des Verfassers beruht. Dr. Sehe! geht von der Voraussetzung aus. ifass die Aufnahmen in die Frankfurter Irrenheilanstalt ein entsprechendes Spiegelbild von der Beteiligung der Juden an den Geisteskrankheiten überhaupt darböten. Auf Grund dieser Voraussetzung kommt er zu dem Ergebnis, dass die Beteiligung der Juden nicht, wie man bisher aunahm, aussergewöhnlic-h stark sei, sondern, dass sie vielmehr dem prozentualen Anteil der Juden an der Bevölkerung entspreche. Dagegen seien bestimmte Formen der Geisteskrankheiten, namentlich das zirkuläre Irrsein unter den Juden auffallend stark verbreitet, während der Alkoholismus natürlich fast gänzlich fehlt. Leider dürfte den Resultaten des Verfassers keine allzu hohe Beweiskraft zugemessen sein, weil ganz zweifellos weite Kreise der jüdischen "Bevölkerung ihre Zuflucht nicht in öffentlichen Irrenheilanstalten suchen, wobei soziale und religiöse Gründe mitsprecten.