Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 30 (24.7.1908)
- Date
- 1908-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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dem kühl rechnenden Verstände,’ anstatt mit dem Gefühle beireiben. .Was iah nicht,alles; PJehwe unserem Herzl versprochen!- Nichts geringeres als die Unterstützung -seiner Be-. werbungen um den Charter beider.Pförte. Was verspricht nicht eine russische Regierung um eines momentanen Vorteils willen 1 Da heisst es, ruhiges Blut bewahren, Leistung und Gegenleistung nüchtern abwägen und sich nicht durch äussere Ehrungen verwirren lassen! Die Frage ist : Was kann die russische Regierung bewogen, haben, unseren Präsidenten zu sich zu. berufen? Die. offizielle Lesart ist die, dass die Regierung endlich die ihr vorliegenden Besenwerden wegen der vielfachen Behinderung der zionistischen Arbeit in Russland entscheiden und sich vorher an authentischer Quelle informieren wollte, dabei mag der Wunsch mitgespielt haben, . auf. die Zionisten. Russlands einen Druck dahin auszuüben, dass sie sich auf die Arbeit für das Endziel beschränken und keine - innere russische Politik treiben. Doch dies allein würde eine so bedeutsame Tatsache, wie die Berufung Wolfifsohns nach Petersburg, nicht restlos erklären, noch weniger aber die besondere Aufmerksamkeit, mit welcher er behandelt wurde. Hatihm doch Iswulsky einen Gegenbesuch abgestattet, was sonst nur bei auswärtigen Souveränen oder hohen Würdenträgern der Fa}l ist. Man wird nicht fehl gehen, wenn man tiefere Gründe für das Vorgehen der russischen Regierung sucht Bekanntlich hat Stolypin nicht nur durch Anwendung von Gewalt, — darin haben ihn seine Vorgänger weit übertroffen — sondern durch meisterhafte Klugheit. die Revolution vollständig zu ersticken gewusst Er arbeitet jetzt an einer langsamen Entwirrung der Situation und an einer halbwegs befriedigenden Lösung der innerrussischen Probleme. ' Von diesen ist die Judenfrage die allerschwieiigste und vom Standpunkt der russischen Regierung1 .eine fest; unlösbare.! Sie fürchtet die Juden als revolutionäres Element und "weiss, dass sie im Interesse der Beruhigung Russlands die Lage der Juden etwas erleichtern muss. Anderseits aber wird ' sie nie und nimmer einer Emanzipation der Juden nach westeuropäischem Muster zustimmen und hierin wird die Duma ihr - beipflichten. Wenn es sich bloss um Juden handelt, werden die „Kadetten“ schon Umfallen, wie: es ja schon der Fall war. - Die russische * Regierung schätzt zwar die Juden als treibendes Element in Industrie, Handel, Bankwesen etc. und musste schon einer k l e inen; A n zä h 1, wie ' da£ schon bisher .geschah, volle^Bfirgerrechte einräünaen; Aber Russland ^eherbergt ‘5l/2 .Milliöneri unserer Volksgenossen und nach dein ' Aussprüche Plehwes würden die Juden, wenn sie Freizügigkeit erhielten, infolge ihrer überlegenen, Intelligenz in kurzem alle ökonomischen Positionendef_jR]Sches in Händen haben. (Wie Verfehlt 'diese Ansicht isl, soll hier nicht erörtert werden. Selbst wenn sie richtig wäre, so ist es^kjar, dass die Hebung der Produktivkräfte des Reiches, durch wen immer sie erfolgte, dem ganzen Staate zugute kommt) Trotzdem ist es für die russischen Machthaber unmöglich,. die heute bestehenden Beschränkungen aufrecht zu erhalten. Bei dem. .langsamen Uebergang zu konstitutionellen Zuständen kann über die. Juden nicht zur Tagesordnung übergegangen werden. Denn eia Rechtstaat, der nicht als sein Grundgesetz den Satz: Gleiches Recht für alle, wenigstens theoretisch proklamiert, ist heute nicht mehr möglich. Die Judenfrage inacht der russischen Regierung die grösste Sorge. Sie ist für sie nicht lösbar. Es isj daher nicht ausgeschlossen, dass sie, ähnlich wie Plelnve, in dem zionistischen Ideal einen Ausweg aus dem Dilemma sieht. Die Heimstätte in Palästina könnte einen grossen Teil der russischen Juden an sich ziehen und der russische Einfluss in der Türkei könnte auf diesem neuen Wege eine ungeahnte Steigerung erfahren. Denn ein grosser Teil der Auswandernden wird nicht so bald die russische Staatsuntertänigkeit mit - der türkischen vertauschen; Gegen" England, das trotz aller Verträge doch der einzige ernst;.zu nehmende Rivale Russlands in der asiatischen Türkei ist, würde dadurch ein Gegengewicht geschaffen. Die zionistische Realpolitik muss demgegenüber mit kühl rechnerischer Erwägung, ohne jede Sentimentalität handeln. Ohne Sentimentalität: denn-wenn die russische Regierung auch noch , so viel gegen das jüdische Volk gesündigt hat, , so darf ihre Unterstützung nicht abgelehnt werden/ wenn sie ernstlich unsere Pläne und damit indirekt das Wohl unseres Volkes fördern will. Ihre Motive müssen uns dabei * herzlich gleichgiltig sein. Wenn der Wunsch, die Zahl der Juden im Russland zu vermindern, es ist, der sie an treibt, sich für unsere Pläne zu erwärmen, -so haben wir darüber nicht zu rechten. Wir sind ja selbst überzeugt, dass es unseren Volksgenossen in Palästina viel besser geben wird als in Russland und können es nur begrüssen, wenn die russische Regierung ihre Verpflichtung einsieht, die gewünschte Verminderung durch vernünftige - Ifi; ' ■ Aktionen, statt j.durch /Po£|pxne ||hrbeizu- L führen;; Selbstredend ist flas gr^fe Miss- , traubh^gegenüb^all|gulefö^i VeKp^echungen am;Bjidze|pf Ei^ware dbr russischen" -Re- ^ienih|, gewiss-sehr recht, wenn wir'ihr die Kastanien aus dem Feuer holten, d. h.'^ie von der jüdischen Einwohnerschaft befreien würden. Aber dazu reicht unsere Kraft noch nicht ' aus und es muss den russischen Machthabern klar gemacht werden, dass ihre Unterstützung die Ausführung unserer Pläne bedeutend fördern kann-, Es wird ferner wohl zu erwägen sein, ob wir uns gegenüber etwaigen vagen Versprechungen in eine Politik hineintreiben lassen sollen, die uns Vielleicht in" Konflikt mit England oder gär mit der Türkei bringt. Immerhin stehen wir vielleicht vor einer bedeutsamen Wenduög des politischen Zionismus. i1 Herzl, dessen Todestag sich gerade jetzt jährte, hat das Gewaltige vollbracht, da» Judentum zu einem politischen Faktor zu machen. Seine Nachfolger werden zweifellos seiner Schule Ehre machen und er; weisen, dass sie das Instrument, das er geschmiedet hat, auch richtig gebrauchen, dass sie sein Vermächtnis wahren können. Das Vermächtnis, dass die Judenfrag e_e i11 e politische Frage ist, die nur-durch p o] i ti sc.he'Mittel gelöst werden kann. Die Reise Wölffsohns nach" Russland. In Ergänzung unserer in der vorigen Nummer veröffentlichten Berichte über dje Anwesenheit des Präsidenten Wolffsohn,'jti Petersburg, erhalten wir folgende Nachrichten : . ' Herr Wolffsohn hat in seiner Unter- - reduug mit dem Ministerpräsidenten Stolypin auch die allgemeine Lage der Juden In Russland berührt und dabei feststellen können, dass die Regierung selbst sehr wohl weiss, dassdie Juden heute in Russland schlechter daran sind als je zuvor, namentlich auch als vor dem Ausbruche der revolutionären Bewegung. Und zwar ans zwei Gründen : einmal; weil die Juden von dieser revolutionären Bewegung keinerlei Vorteile, sondern nur den Schaden gehabt haben, dass ihre Lage in einen immer schärferen Gegensatz zu derjenigen der übrigen Bevölkerung kam, der mancherlei . Zugeständnisse gemacht wurden, während die Juden sogar viele Erleichterungen, ,die sie bis dahin genossen, verloren haben; sodann aber sind jetzt nach Ansicht der R.-r Lampe, die Tempelmauer in mannigfachen Farbenharmonien besonders geschmackvoll ausge- : fuhrt wird. Was die Farbe selbst betrifft, so soll sie — soweit dies überhaupt möglich — das spezifisch palästinensische Kolorit wiedergeben. In einigen der letzten Teppiche? ist wirklich die Kraftwirkung der Naturfarben —' besonders, in einem wirklichen „Blumenteppich“ — überraschend gelungen. An anderen Mustern, besonders dem der „Menorah“, herrscht eine besonders fein abgetönte Farbengebung. In technischer Beziehung umfasst die Teppicherzeugung Spinnerei, und Teppichknüpfableilung. Die Wollfärbung wird, erst seit kurzer Zeit ebenfalls im „Bezalel“ hergestellt. Auch soll eine Wollwäscherei in . Palästina ’ (in Riscbon Le Zion) für den „Bezalel“ errichtet werden. Neben dem Kunstgewerbe, in dessen Diensten und auch-unabhängig von demselben, wird .dann die freie Kunst entwickelt Wir erwähnten; die selbständige Omamentierung, dazu kommt; die Zeichenabteilung, wo die ersten Versuche, m palästinensischer Landschaft gemacht werden, während auf dem Gebiete des Porträts manche; vorzügliche Leistungen vorliegen. Dazu stehen der palästinensische Jude und der urwüchsige Araber und Be- . duine Modell. Erwähnen wir noch einige freie Gemälde, zum Beispiel »Die Freude des Alters“ von Stärk, in welchem manche vielversprechende Talente sich entfalten wollen. Wir sahen, dass das Material der Gestaltung, ' Linie und Form, aber ebenso auch der dargestellte Gegenstand der städtischen und landschaftlichen Umgebung entnommen werden, Und wie sie da ,in den. Bergen und am Jordan herumstreiften, die Farben von Himmel und Erde erspähten, Blumen und Schmetterlinge .einheimsten, Schlangen erlegten .und bunte Vögel erhaschten, begannen, sie den Grund zu legen zu dem kleinen, aber an interessanten Objekten reichen Museum. Scbmet- : terlinge und Vögel und Eier und Schlangen vom Töten Meere und Muscheln —..alles in sorgfältiger Anordnung. .Von den grösseren Objekten erregt ein palästinensischer Steinbock, ein - Krokodil, .eine ganze Serie grosser. Raubvögel ■; und* mehrere seltene Fische unsere Aufmerksamkeit Und daes in Palästina nicht gar viele Menschen gibt, die sich mit der Erforschung der FJora und Fauna eingehend und ständig beschäftigen, wird in diesen Sammlungen auch manches wissenschaftlich Wertvolle , enthalten sein. So wurden . zum Beispiel im Gebiete von Jericho winzige,: Kolibris entdeckt, wie sie -bis jetzt nur in>,Brasilien als wohnhaft angenommen wurden, und einige bisher unbekannte Schmctterlingsarten wurden des lateinischen Namens einer jüdischen Kolonie gewürdigt. Neben den naturhistorischen fesseln uns die archäologischen Sammlungen, obgleich dieselben nicht aus systemisierten Arbeiten,, sondern nur aus gelegentlichen Funden vmd. Schenkungen hervorgegangen sind. Sehr viel jsfammt. aus den Kolonien, die oft genug aiif älthistorischem Boden erbaut sind. Neben zahlreichen alfen iind ältesten Münzen, kleinen Oelkrügen in mannigfacher Grösse und Form finden sich Wurfsteine der Festung Betar, uralte Gewichtsstücke, viele sogenanute „Tränenkrüglein“. Aus jüngerer Zeit stammen seltene Ritualien, Bannsprüche usw., die von verschiedenen jüdischen Elementen, namentlich von jemenitischen Juden gesammelt wurden. Hammer und Meissei rufen uns wieder an die Stätte der Arbeit, -der plastischen Arbeit in .Gips, Holz und Stein. Manche der früheren Entwürfe begegnen uns hier wieder. Dann Umarbeitungen von Werken Schatz’ oder neue Bild- .hauerarbeiten, worunter. die Selbstbüste . eines Schülers aufiallt. Die Holzabteilung ist mit einer * gewöhnlichen -Tischlerei und mit einer Abteilung zur Anfertigung von Bilderrahmen verbunden. Auch für Möbel; hat?dey „Bezalel“ einfache .stilvolle Formen, geschaffen,- dip iäuph sonst ,in Palästina sich eingebürgert habgpi-.-fi:.^ : Ehe wir das-.Haus verlassen/ bemerkeniavir noch 'die - Werke Professor S c h ä tz’,.r darunter die wuchtige Matliisjahubüste, den kolossalen ■ „Messias“ Glicesteins, ■ an den -Wänden Lilien sehe" Originale und Reproduktionen der Meisterwerke. Hirschen her g s. Und wir tragen noch einen, grossen Eindruck mit .hinaus. Nicht des Geschaffenen, sondern des Schaffens-im „Bezalel“. Eine kleine Schule ist er, die Kräfte wie Schatz und Hirsebenberg leiten, mitten in einem noch „unbebauten* Lande. - Zwischen Unterricht und Arbeit, zwischen Lehrerschaft und Schülerschaft besteht eine unmittelbare Brücke. -Einige der Schüler sind schon selbständige Künstler