Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seilt* 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 29 2. Ist er ‘bereit, das Erforderliche zu veranlassen, damit der obgenaunte Direktor sein obgesohitdertes Vorgehen gegenüber Jüdinnen endlich aufgebe?“ * * * Ahg. .Dr. Strauch er hat an den Ministerpräsidenten eine scharfe Interpellation, betreffend die ehristli chsoziale Agitation in der Bukowina, gerichtet In «der Interpellation wird ausgefü'hrt, dass, seitdem Dr. Gessmann 'Mitglied des Kabinetts geworden ist, in der Bukowina organisierte, iudenfesndliche Parteien entstanden seien, die unverkennbar unter der Patronanz des genannten Ministers stehen. Die O r ga ne der antisemitischen Parteien im Lande erklären ausdrücklich, dass sie unter der Patron a-n zun d1 werktätigen.Förderung des Ministers D r. Gessmann stehen. Sie gerieren skih als Organe eines Ministers und winken auf gewisse offizielle Kreise dadurch geradezu eSnschüchtemd. ‘Die genannten Blätter enthalten in jeder Nummer die wütendsten und unerhörtesten Beschuldigungen der Juden, predigen den wirtschaftlichen und sozialen Boykott und fordern zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung auf. Eine solche gewissenlose Agitation könne nur die bösesten Früchte zeitigen. Essei unerhört, dass in einem modernen Rechts- Staate ein Mitglied der Regierung Parteien offenkundig favorisiert, die derartige Tendenzein verfolgen. Der Ministerpräsident wird aufgefordert, zu veranlassen, dass der Minister Dr. Gessmann seine Tätigkeit in der bisher ruhigen Bukowina einstelle. * sS * Soeben Ist eine vom AWg. Dr. Gabel verfasste Broschüre, „Der Jüdische Klub“ erschienen, welche 5n ausführlicher Weise die Tätigkeit der jüdischnationalen Abgeordneten behandelt. .Diese fleissrge und gründliche Publikation, auf deren Inhalt wir. in einer der nächsten Nummern zuriiekkommen' -werden, verdient allgemeine Beaohtuug und die wre5teste Verbreitung. Wirtschaftliche Gegenwartsarbeit im Zionismus. Vom R. R. A. Dr. Arthur Mahler. (Aus dem am Brünner Parteitage erstatteten Referate.) Für viele ist heute noch der Begriff des Zionismus an eine Art Katastrophentheorie gebunden, als ob der Jude nur dann ganz und gar Zionist sein könnte, wenn es ihm schlecht geht. Und doch meine ich, dass,'ganz abgesehen von den tatsächlichen Crfahnmgen, die wir als ein über die ganze Welt zerstreutes Volk zu machen Gelegenheit hatten, schon die reine Ueberlegutig uns zeigen muss, dass das gerade Gegenteil wahr ist, dass der Zionismus nur dort gedeihen kam, wo der Jude materiell am besten gestellt äst. Es ist dies einer der zahlreichen praktischen Beweise der Weltgeschichte. Die grösste Zahl der _ Zionisten finden wir in Südafrika und Australien, wo der Jude gleichberechtigt ist, wo er sich oline jedwedes Opfer offen zu seiner Weltanschauung bekennen kann. Die prozentuell geringste Zahl von Zionisten haben wir in Russland. Ein Land mit sechs Millionen jüdischen Einwohnern hat nur so und so viele 1000 Zionisten, während z. B. in Neuseeland unter 15.000 Juden 3000 Zionisten zu finden sind. Schon von diesen theoretischen Gesichtspunkten aus wirkt es klar, dass die Gegenwartsarbeit weit entfernt ist, dien Zionismus zu schädigen, im Gegenteile ihn sehr fördert. Aber es gibt noch einen zweiten, viel tiefer liegenden Grund. Wenn Sie Wesen und Inhalt unserer ganzen Bewegung betrachten, so werden Sie finden, dass sie auf ein erhabenes Zukunftsziel gerichtet äst: auf die nationale Wiedergeburt unseres Volkes. Es ist zu natürlich und zu sehr in der Psychologie des Menschen begründet, dass er Ideale zwar hoch sohätzt, dass er aber sein ganzes Sein für ein Ideal vollständig einzusetzen nur dann imstande äst, wenn sie ihm einen Halt bieten. Werai wir aber verlangen, dass er Ideaie auf 20, 30, ja 40 Jahre verteilt, dann werden Sie es begreiflich finden, dass derjenige, der im harten Kampre ums Dasein steht, sich nicht ganz dem Zionismus widmen kann. Die grosse Masse unseres Volkes ist in misslichen materiellen Verhältnissen, kann also nur dann an ihm festhalten, wenn sie 'in» Zionismus auch nur ein kleines Aequivalent findet. Der Zionismus wird dann auf eine gesunde und unverrückbare Basis kommen, wenn er neben dem idealen auch einen materiellen Ha'i bietet Wir müssen mit der menschlichen Natur rechnen; so hoch wir auch dun Idealismus veranschlagen, müssen wir uns immer das lateinische Sprichwort Vorhalten: Vivere necesse est. Das Kreditwesen. .Eine, ganze Reihe von Erscheinungen, die der Zionismus gezeitigthat, beweisen, dass in unserer ■Bewegung Keime liegen, die fruchtbar und triebfähig sind. Ich meine damit jene Versuche, die zum Teile än Böhmen ihnen Ausgangspunkt genommen haben. Eine :der schwierigsten und wirklich traurigsten Probleme, das für die breite jüd.- sche Masse besteht, ist der K r e d i t m a n g e 1. Durch die barbarische Legislatur ist der grösste Teil des Volkes auf den kaufmännischen Beruf gedrängt worden, es hat. auf d.esem Gebiete eine Auslese stattgefunden, die geistigen Fähigkeiten des jüdischen Volkes s.nd nach dieser Richtung entwickelt worden, so dass wir mit Stolz sagen können, der jüdsche Kaufmann gehört mit zur Elite der grossen Kaufmannschaft. Die grosse Ma«=se führt aber einen geradezu nervenzerstörenden Kampi um das Dasein- Sie, meine geehrten Damen und Herren, die meist die Verhältnisse im Westen keimen und aus dem besseren Miiüeu, wissen nicht, was es für den Juden heisst, Kaufmann. Kte-nkaufmann, Krämer zu sein. Jeder einzelne dieser Begriffe bedeutet einen Feindschaitsbegriff. Jeder einzelne gibt Anlass zum Kampfe bis zur Vernichtung. Und diesen Kampf vermag der Jude nur dann erfolgreich zu' bestehen, wenn man ihm die Möglichkeit gibt, ein Aequivalent n die Wagschale zu legen, und das ist der K r ed i t. Bei uns in Oesterrech sind die Kreditverhältinsse trister als anderswo. In Deutschland wird das Kreditgeschäft, lieben der Gross- und Mittelbank, ‘im wesentlichen vom Privatbankier besorgt. Das hat den grossen Vorteil, dass der Privatbankier seinen Kunden kennt, dass er weiss, ob der Betreffende vertrauenswürdig ist oder nicht. Er bringt ihm ein grösseres Interesse entgegen. Er wird kein Geschäft auslassen, das zu machen ist.. Daraus resultiert logischerweise, dass selbst der mittlere oder kleine Mann, wenn er nur den Ruf eines tüchtigen Fachmannes. hat, iu Deutschland beim Privatbankier einen entsprechenden Anfangskr.eait findet. Bei uns in Oesterreich liegt das Kreditgeschäft in der Hand der Gross- und Mlttelbank. Für diese rentiert das kleine Geschäft nicht. Die Grossbank hat kein Interesse daran, das kleine Geschäft zu machen. Mit einem kleinen Schnittwarenhändler, der einen Umsatz von 10—15 Tausend Kronen im Jahre macht und dem mit Kredit von 2 bis 3 Tausend Kronen geholten wäre, mit diesem arbeitet sie nicht. Was ist die Konsequenz? Der kleine Mann arbeitet unter zehnmal ungünstigeren Umständen als der Grosskautmaiin und muss daher ruiniert werden. Denn,dasselbe Prinzip, wie die Bank,,befolgt und pflegt auch der grosse Lieierant, der mit der grossen Bank liiert ist, dem kleinen Kaufmann gegenüber^ Daran geht hn Westen der kleine Kaufmann bedingungslos zugrunde. Im Osten kommt noch der Wucher dazu. Der Wucher ist noch imstande, den Mann ein paar Monate länger zu halten. Bei uns im Westen hat er ^überhaupt keinen Kredit, er ist zum Tode verurteilt. Im Osten lebt er durch den Wucher unter den entsetzlichsten Verhältnissen ein paar Monate länger als 'bei uns. Was. ich 'hier gesagt habe, bezieht sich ausnahmslos auf den .jüdischen Kaufmann. Für den nichtjüdischen hat das keine Geltung, weil die Nichtjaden, sowohl die Deutschen als auch die Tschechen, die Gefahren und Schwierigkeiten des Krdditmangels erkennen und darum nationale Kreditinstitute geschaffiefi.’. Saften: Zäloznas. Spar- und Vorsöhuss- ■ kasseh;?:;tiie initden gewaltigen Kapitalien, die früher in den Sparkassen kommassiert waren, die .• Kennationalen mächtig stützen.' loh könnte aus meiner .eigenen Erfahrung als -Kaufmann' viele Fälle erzählen. -.Bin Mann .immer Bekanntschaft, der ursprünglich HandweLer war und keine Spur : hervorragender Intelligenz besäss, hat es durch nationalen Kredit zu einer Höhe gebracht, dass er heute sämtliche jüdischen Textilindustriellen überflügelt fiat. Man hat ihm eben bedingungslos ri a - ti o n a l e n Kredit zur -Vertilgung gestellt., ln der Tcxtilbranche, in welcher es bis vor kurzem.keine n i c h t jüdischen. Industriellen gab, ist es heute so weit, dass die Juden eine Rolle zweiten und dritten Grades spielen. So ergeht es auch den Händlern. Sie brauchen sich nur auf dem flachen Lande umzutun und werden sehen, dass die jüdischen Händler überall verschwinden. Sie haben keinen Kredit. Wer diese traurigen Tatsachen richtig beurteilt, wird auf den richtigen Wieg geführt, nämlich zur Gründung nationaler Vorschuss- Vereine und H i 1 f s k a s s e n. Auf diesem Wege wird es auch möglich sein, alle jenen Elemente zur Arbeit heranzuziehen, die uns heute noch fremd gegeuüberitehen. Ein glänzendes Beispiel hierfür bietet die Volksvorschusskasse in Prag. Es ward so oft eir.geweiidet, dass wir lauter arme Leute sind, dass wir -nicht imstande sind, solche Werke’zu schaffen. Nun, meine Herren, die Volksvorschusskasse in Prag ist mit 20 fli Stammkapital gegründet worden. Ich hatte die Ehre, in der Verwaltung der Kasse zu sein und ich kann Ihnen sagear, dass -Hunderte und aber Hunderte von Juden dieser-Kasse'i h r e E " z danken und sie zu den höchsten Errungemog de* der zionistischen Idee gehört. Wir haben vic?Fn Juden eine menschenwürdige Existenz geschaffen. Wir haben bei dieser Arbeit nicht über Wolken hinweg in unser heiliges Land geblickt. Wir sind mit beiden- Füssen auf festem Boden gestanden und wir werden so lange da stehen, so lange wir nur wollen.' Darum, meine - Herren, möchte ich als ersten Punkt der wirtschaftlichen Gegenwartsarbeit die Schaffung von jüdischen V o 1 ks v o rschu s s k assen hervorheben. Kapital ist zu beschaffen. Und die Kräfte?. Darüber brauchen wir nicht erst zu sprechen. Macht man uns doch gerade den Vorwurf, dass wir v.el zu viel tüchtige Leute haben. Stellen wir immer den richtigen Mann an den richtigen Platz. Lassen wir den Kaufmann als Kaufmann mitarbeiten an unserem heiligen Werke zum Wöhle les Volkes und wir haben einen Schritt nach Zion gemacht, viele und viele Meilensteine hinter uns gebracht, denn nach Zion werden nicht gebrochene Sklaven, sondern nur aufrechte Männer, den Weg finden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das Versicherungswesen. Habe ich auf die Sorge für die "Gegenwart als einer der wichtigsten hingewiesen, so will ich jetzt auf ein nicht minder wichtiges Gebiet übergehen. Das ist die Fürsorge für die Zukunft der Familie. Ich will mich nicht in tiefe iiationalökononrische Probleme verlieren. Ich will-bloss damit rechnen, was jedem vielleicht zunächst am Herzen liegt. Der Gedanke,, der jeden Juden beherrscht, ist: meine Kinder sollen es besser halen als ich, meine Familie soll so weit als möglich sorglos leben können. Dieser Gedanke ist der vornehm* liebste ■Lebensinhalt dies Juden. Es sind unter den Hunderttausenden nur sehr wenige, die ruhig der letzten Stunde entgegenblicken können. Die Mehrzahl der Juden wagt es nicht, an das Ende zu denken. Hier einziugreifen ist unsere Pflicht. Wir Juden haben vor allem die Tugend — ich will mich ganz milde ausdrücken —, dass wir unsere Ideale nicht im gefüllten Bierglase, sehen. W i r s i n d keine A 1 k o h o 1 i k e r.. Und dieser Umstand zeitigt eine Reihe von schwerwiegenden Konsequenzen. _ Es grassieren unter uns Juden nicht jene Volkskrankheiten, die das durchschnittliche Lebensalter des Menschen .herabsetzen. Ich will nur bemerken, dass z. B. die Tuberkulose, trotz der -schlechten wirtschaftliohen Verhältnisse, einen viel geringeren Prozentsatz unter den Juden fordert, als unter den anderen, Völkern. Und so isr es auch bezüglich anderer Volkskrankheiten, Was resultiert daraus? Jeder Jiide; welcher für