Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 29 (17.7.1908)
- Date
- 1908-07-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. . .JÜDISCHE ZEITUNG Organisation, gibt das Wahlrecht zum Kongr ess und bildet den Grundstock, der Mittel für unsere Arbeit. Wir rufen Euch aber auf, die Erwartungen unserer Leitung auch inanderer Weise nicht zu enttäuschen und namentlich an Werbeeifer es nicht feVilen zu lassen. So > viele Juden schauen mit Wohlwollen auf unsere Arbeit, nehmen Anteil an unseren Erfolgen, können sich, aber aus kleinlichen Gründen näht' aufraffen, sich uns anzuschliessen. Andere wieder, welche niit unseren Zielen völlig einverstanden sind, hab;n noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Gesinnung zu betätigen. Diese zahlreichen Freunde müssen gewonnen werden I An Eüch ist es, sie aus ihrer Lässigkeit aufzurütteln, ihnen begreifl.ch zu machen, dass sie alle kleinlichen Bedenken überwinden müssen, denn das jüdische Volk lebt In Kriegszeiten und kann keinen Mann entbehren! Der Feind steht nicht mehr vor den Toren. Er ist allerorten auf unserer Verfolgung begriffen — da ist keine Zeit zum Schwanken und Zaudern. »Das jüdische Volk schläft,“ — so hiess es auf einem Kongress — Ihr seid berufen, es zu erwecken, es zu organisieren, ihm Weg und Ziel zu weisen. Aber es gibt auch eine grosse Anzahl von Stammesgenossen, die entweder noch gar keine oder eine falsche Vorstellung vom Zionismus haben Da gilt es, unablässig aufzuklären, nicht zu ermatten in dieser mühevollen Arbeit. Gesinnungsgenossen! Das jüdische Volk /jiTdlscb-t» dass jeder seine Pflicht tut. Jeder -„eine trägt eine grosse Verantwortung — nicht nur für das, was er tut, sondern noch mehr für das, was er unterlässt, obzwar er es hätte tun können. Alle Eure sonstigen Pflichten müssen jetzt zurücksteben — Euere ganze Kraft habt Ihr der Schekelagitation zu widmen. An die Arbeit! M.t Zionsgruss: Das Innerösterreichisch'e Distriktskomilee. Max Markus, Alexander Geller, Obmann.. Schriftführer. Zur Durcliführang der in vorstehendem Aufruf angeordneten Schekelagitation erlässt das Distrik'tskomitee die nachstehende Instruktion für die Schekelsammlung, Vereine haben zunächst — soweit dies nicht schon geschehen ist — von ihren Mitgliedern den Schekel unverzüglich einzukassieren und abzuführen. Ferner soll in jedem Vereine umgehend eine Vorstandssitzung stattfinden, um wegen einer .umfassenden Schekelagitation Massnahmen zu treffen. Das D. K. ist von diesen Sitzungen zu verständigen. . - Vor allem wird es sich darum handeln, die Vorstandsmitglieder und andere Vereinsangehörige zu einer persönlichen, regen Schekelagitation heranzuziehen. Schekelsammlung durch Einzelpersonen. Gesinnungsgenossen, welche Schekelagil alion betreiben wollen, können die Blocks im Lokal des D. K., IX., Türkenstrasse 9, Telephon 14199 jederzeit erhalten. Abführung der gesammelten Schekel. Die gesammelten Schekel können entweder direkt per Postanweisung an das Innerösterreichische Distriktskomitee, IX., Türkenstrasse 9, gesandt werden, oder im Wege der vom zionistischen Zentralerem’ über Anweisung des Distriktskomitees ausgeg- - benen Postsparkassen-Erlagscheine (mit Schekeivermerk). In jedem Falle ist an das D. K. gleichzeitig die Schekelliste, welche mit jedem Block ausgegeben wird, genau ausge füllt zurückzusenden, so dass Name, Stand und Adresse jedes einzelnen Schekelzahlers ersichtlich ist. Direkte Abführung einzelner Schekel. Jene Gesinnungsgenossen, welche keine Gelegenheit hatten, ihren Schekel durch Zahlung eines Vereinsbeitrages oder an Schekelsammler zu entrichten, werden besonders darauf aufmerksam gemacht, dass sie den Scheckei (K 1.20) auch direkt per Postanweisung oder durch Postsparkassen-Erlagscheine (mit Schekeivermerk) abführen können. In diesem Falle ist Name, Stand und Adresse genau zu v rmerken. Mit der Zahlung des Schekels bringt man zum Amdruck, dass man das Bastler Programm anerkennt. Auf diese Form der Schekelabführung machen wir besonders auch die jüdischen Mädchen und Frauen aufmerksam, welche zum grossen Teil die zionistische Idee bi-' geistert aufgenommen haben, von denen aber trotzdem nur wenige sich organisieren. Es genügt aber durchaus nicht, dass bloss die männlichen Familienmitglieder den Schekel zahlen, auch Mädchen und Frauen müssen ihre Gesinnung selbständig betätigen, um so mehr als in der zionistischen Bewegung Frauen und Männer gleiche Rechte (vor allem das aktive und passive Wahlrecht zum Kongress) besitzen. Vom Jüdischen Klub. Bekanntlich hat der Abg. Kur.vlowicz im Reichsrate den Antrag auf Schliessung der Schenken in Galizien am Sonntag eingebracht, welcher dem sozialpolitischen Ausschüsse zugew.esin wurde. Zum Reisrenten über -diesen Antrag, ■dessen Annahme für eine grosse Zahl von Juden in Galizien den vollständigen Ruin bedeuten würde, hat der sozialpolitische Ausschuss erfreulicherur:d bedeutsam erweise den jüliischnationalen Abg. Dr. Gabel beste..t. * * * Abg. Dr. Gabel hat die flagrante Verletzung der Staatsgrundgesetze durch einen StiatsteaTT.ten z-um Gegenstände lolgender Interpellation an den Kultusminister gemacht: „In Lemberg besteht ein k. k. Lehreriur.euseminar. also eine staatliche Anstalt, deren derzeitiger Leiter Herr Direktor Vv o j c i e c h o \v s k i ist. Zum Entr.tte in dieses Seminar sind das zuriickgelegte 15. Lebensjahr und das günstige Ergebnis enter Au'fnahmspriUung über die Kenntnisse einer vierklassgen Bürgerschule erforderlich. Der ob genannte Herr Direktor Wojciechowski hat es S-ch nun seit zirka vier bis fünf Jahren offenbar zum Pr.nz/pe gemacht, jüdischen Kandidatinnen den Eintritt in das obige staatliche l.rstitut geradezu unmöglich zu machen, indem rt keine einzige Jüdin bei der Aufnahmspröfnng aurchiässt. obwohl sämtlich; Bewerber'nne : ausgezeichnet qualifiziert und vorbere.tet sind. Hierbei schikaniert er ostentativ die jüdischen Kandidatinnen und das nicht etwa wegen Mangel der erforderlichen Kenntnisse, sondern nur aus persönlichen Gründen. Indern er sich über ihr Exterieur,, über ihre Stimme usw. iu abfälliger Wi-.ise lustig macht, ihre- Gebärden nncliiViit und sie öffentlich verspottet. Unter den von d'csem Direktor in die erste Klasse des Seminars im Fetzten Jahre sutgenommenen 75 Schülerinnen buiir.det sich keine einzige J ii d i n 111G erst jüngst hat dieser Direktor bei der Auviiahmsprüfung vier Jüdinnen grundlos reprobieri, obwohl dieselben entsprechend vorgebildet waren. Unter der Leitung des genannten Herrn Wojciechowski ist es r.un dazu gekommen, dass im Seminar auf einige Hundert Schülerinnen sich nur eine einzige Jüdin in der dritten Klasse befindet. z Da dieser Vorgang seitens des genannten Direktors eine aufliegetrde Verletzung der Staatsgrundgesetze involviert, so stellen die Gefertigten an Seine Exzellenz den Herrn Minister für Kultus und Unterricht die dringenden Anfragen: „1. Sind demselben diese beim k. k. Lehrerseminar in Lemberg derzeit herrschenden, gesetzwidrigen Zustände bekannt und ist er widrigenfalls bereit, darüber eine gründliche Untersuchung einlriten zu lassen? eine lose Rose auf dünnem Stengel: Man hört das Atmen der Nacht. Durch die Seele aber geht jenes Beben, von dem man nicht weis?, wieso es entsteht, warum es das Herz beklemmt und die Augen mit Tränen füllt. Der jüdische Nationairuf. Die in Nr. 26 unseres Blattes gegebene Anregung, das Wort „ Aschre“ als Nationalruf zu verwenden, wurde von vielen Blättern aufgegriffen und eifrig besprochen. Nachstehend veröffentlichen wir zwei Zuschriften aus dem Leserkreise, die auf dasselbe Thema Bezug haben: Löbliche Redaktion! Zum Artikel „Der jüdische Nationalruf“ möchte ich folgendes bemerken: Dass „Hedad“ als B e g r ü s s u n g e w o r t ungeeignet ist, geht schon daraus hervor, dass es ,als solches niemals vorkommt. Aber ebensowenig ist „Aschrö“ dazu geeignet. Erstens ist ,Aschr6“ ein status constructus und muss immer seine Ergänzung bei sich haben, also könnte man höchstens sagen„Aschrächa“ öder „ Aschrdchem*. Aber auch dann ist es durchaus keine B eg-rüssungsformel, welche doch immer einen Wunsch in sich schliesst.' Aber „Aschrd* konstatiert nur, dass jemand unter gewissen Bedingungen' glücklich ist, drückt aber nie den Wunsch aus, dass jemand glücklich sein s o 111 Die einzige Begrüssungsformel im Hebräischen war und ist „Schalom 1* Es ist wahrscheinlich, dass das lateinische salus damit zusammenhängt. Es wäre zu wünschen, dass wir Juden unser altes Begrüssungswort wieder einführen und es würde gar nicht schaden, wenn dadurch die Deutschnationalen zu ihrem Schrecken gewahren müssten, dass ihr „Heil*- Rnf ein echter Judenstämmling ist! Mit Zions-Gruss Rabbiner Dr. Kahan, Znaim. Sehr geehrte Redaktion! Gestatten Sie mir eine kleine Bemerkung im bezug auf die im Feuilleton Ihres geschätzten Blattes vom 26. Juni geäusserte Anregung, das Wort zum Nationalruf zu erheben. Ohne auf die Begründung des Autors zur Ablehnung des einzugehen und ohne die Absicht dasselbe zu verteidigen, muss ich entschieden auf die sprachgebräuchliche Unzulässigkeit des nertt Ms selbständigen- Rufes hinweisen, da es nicht angeht, ein Wort im.Status constructus zu gebrauchen, ohne ihm Personalsuffixe anzuhängen oJer darauf ein Substantiv als Genetiv folgen zu lassen. Es mag ja sein, das3 dem Autor '-rent wohlklingender als -,Tn und das letztere unjüdiscb, weil an einen aramäischen Königsnamen anklingend, erscheint, aber gerade der „Woblklang‘, den der Antor im „ vokal ischen* Auslaut fiodet, macht das Wort als absoluten Ausruf grammaiikalisch ungebräuchlich. Weshalb die begriffliche Nachäffung des deutschen „Heil* dem Gebrauch eines aramäischen Wortes vorznziehen wäre, das sich Bürgerrecht im Hebräischen durch Jesaia und Jeremia erworben hat, ist mir ganz unverständlich, da wir ja so viele Arämäismen dulden und besonders auch die Monatsnamen, die wir konstant gebrauchen, bekanntlich nicht hebräischen Ursprungs sind. Zar Begrüssnng wäre, wenn schon das deutsche „Heil“ wiedergegeben werden soll, Sibz? entsprechender und in den wenigen Fällen, wo etwa „bravo“ gerufen zu werden pflegt, können wir in einer Zeit, wo das Neuhebräische so sehr von Arämäismen strotzt, dem aramäischen >n\n ohne Eifersucht den Platz lassen, den es bereits behauptet. Wir haben es nicht nötig, zu grammatikalischen Ungeheuerlichkeiten wie als Status absolutus zu greifen Mit Zionsgruss Dr. M. B. Allerlei. Die Macht des Gewissens, fu einem der grössten Lokale Bostons sollte, wie die Nevvyorker „Times" meldet. Reverend Freu der. einer der bekanntesten Missionsredner .einen Vortrag halten und die Häuptlinge der Salvation Army freuten sich schon auf den> gewohnten grossen Erfolg der Agitat.onsrede. Aber wie ein Blitz aus heiterem Hmtroel wirkte es auf ade Anwesenden, als Freuder nach, einer ziemlic'i:, objektiven Dissertation über den Talmud, mit einem Maie innehielt und folgende Sätze in die verdutzte Versammlung rief: „Ich gelobe es, nie mehr einen Juden von seinem Glauben abzubringen und zu verführen! Ich erkläre hiermit, dass die ganze Judenmission nichts anderes als Humbug ist und ich will diese Komödie nicht mehr mitmachen!" Sprach’s und verliess den Saal, Die Versammelten waren durch diese unerwartete Wendung so überrascht, dass sie ln ihrer Verlegenheit lärmend auseinandergingen.