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Jüdische Zeitung · 1908-07-17 · 29 (17.7.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
29 (17.7.1908)
Date
1908-07-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ihn ganz. Heilig ist dieses Wollen, sonst nichts! — Und sie gehen an das Grab und weinen. Da unten aber liegt einer, der milde und weichen Wesens war. Er liebte das Recht und liebte die Wahrheit. Seine 'Liebe war gross, war stark, doch sanft. Er lebte n icht im herben - Kampfe; er lebte im innigen Verlangen. Warum weinen die herben Kämpfer, die trotzigen Stürmer an diesem Grabe? Die Wunderblume am Grabe singt: Er war nicht fromm, doch wies er den Frommen das Ziel der Gebete: Z i o n! Er war nicht, elend, doch er zeigte den Elenden das Ende der Qualen: Zion! Er war nicht Stürmer, doch einen herrlichen Kampfpreis liess er' den Stürmenden winken: Zion! So müssen sie ihn lieben, und ewig trauern 11m Einen, der nicht war wie sie. Robert Stricker. Präsident Woiffsohn beim russischen Ministerpräsidenten Stoiypin. Aus Russland kommt eine erfreuliche Nachricht: Der Präsident des zionistischen Aktionskomitees hat bei der russischen Regierung persönlich und offiziell interveniert, um die äusseren Hindernisse, welche seit der Revolution die zionistische Arbeit in Russland lähmten, zu beseitigen. Diese Aktion hatte nicht nur einen vollen Erfolg, sondern die äusseren Umstände, unter welchen sie sich vollzog, beweisen deutlich, welch unvermindert hohes Ansehen die zionistische Organisation und ihre Leitung in den offiziellen Kreisen gemessen. Die Unterredung, welche Wolfisolm mit dem russischen Ministerpräsidenten hätte, konnte natürlich auch die allgemeine politische Lage der Juden in Russland nicht unberührt lassen und es ist zu hoffen, dass sie auch auf diese nicht ohne günstige Einwirkung bleiben wird. .Wir erhalten hierüber folgende Nachrichten : Petersburg, den 11. Juli 1908. . Am Freitag, den 10. Juli wurde der Präsident der Zionistischen Organisation, Herr David Woiffsohn, vom russischen Premierminister, Herrn P. A. von Stoiypin, im Elagin’schen Palais empfangen. Im Laufe einer längeren Unterhaltung, die während dieses Empfanges stattfand, wurden die wesentlichen Punkte der zionistischen Bewegung, * ihre allgemeine Ziele, die -Tätigkeit ihrer Institutionen und die zionistische Arbeit innerhalb Russlands eingehend erörtert. Zum Schluss gab der russische Premierminister seiner vollsten Sympathie für das zionistische Ideal Ausdruck und erklärte, die russische Regierung beabsichtige nicht den Zionisten Russlands Hindernisse in den Weg zu legen, sofern ihre Arbeit der Verwirklichung ihres programmatischen Bestrebens : gewidmet ist, eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen. An demselben Tage hatte Herr David Woiffsohn eine längere Konferenz mit dem Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herrn A. P. Iswolsky. Woiffsohn Uber seine Audienz. Einem Mitarbeiter des Petersburger jüdischen Tagblattes „Der Fraind“ gegenüber äusserte sich Woiffsohn über seine Audienz folgendermässen : „Ich bin nach Russland gekommen, um die Sympathie der russischen Regierung und des Premierministers Stoiypin für den Zionismus zu gewinnen, damit die zionistische Arbeit in Russland ungestört vor sich gehen könne. In der mit Minister Stoiypin abgehaltenen Konferenz kam das Gespräch auch) auf die allgemeine Lage der Juden in Russland, Stoiypin bekundet Tür die jüdische Frage ein lebhaftes Interesse und wünscht ihre baldige Regelung. Er erklärte aber, dass er warten, müsse, bis sich das ganze Land beruhigt habe, dann werde er sSch bemühen, die Judenfrage nach den Grundsätzen der Humanität zu lösen. In bezug auf den Zionismus erklärte Stoiypin, dass er mit dieser Bewegung sympathisiere und dass die Regierung die Zionisten an ihrer Arbeit, insoweit diese die Verwirklichung des zionistischen Zieles erstrebe, nichthn geringsten zu hindern beabsichtige.“ „Als Ausländer,“ fuhr Präsident Woiffsohn fort, „konnte ich natürlich .über die praktischen Massregeln der Regierung, welche die Erklärung des Ministers in die Tat umzaisetzen imstande wären, nicht sprechen; ich gewann aber den Ein-’ druck, dass von nun an die Zionisten in Russland werden ungestört arbeiten können. Meine Audienz beim Minister des Aeussern, Herrn Iswolsky, dauerte 17- Stunden. Iswölsky bewies eine vollkommene Vertrautheit mit der Judenfrage und den Prinzipien des Zionismus. In unserem Gespräche wurde auch die äussere Politik im Zusammenhänge mit Palästina berührt. Ich erstattete dem Minister, genauen Bericht über I’ die Arbeiten des Zionismus in Palästina.“ I * * * ' Präsident Woiffsohn konferierte ausser mit den Ministern Stoiypin und Iswolsky noch mit anderen hochgestellten Persönlichkeiten. * ’ £ : ** * Am 11. Juli stattete der Minister des Aeussern Iswolski demPräsidentenWol f fs o hn e i n en Gegenbesuch ab. * * * Seit einigen Tagen weilen in Petersburg die hervorragendsten russischen Zionisten, unter anderen Dr. T s c h 1 e n o w, L. G o 1 dberg, B. Goldberg, B. Jaffe, N. Sokolow u. a. •f» jj. sfs Die Petersburger Zionisten veranstalteten zu Ehren des Präsidenten Woiffsohn ein grosses Bankett. Aufruf des Innerösterr. Distriktskomitees für die Schekelsammlung. I907J8, Gesinnungsgenossen! Schon naht das Schekeljahr seinem Ende und unser Distrikt hat seiner ‘ Pflicht der Schekelabfuhr noch nicht voll genügt. Es geht aber keineswegsan, dass die bis nun alljährlich festgestellte Steigerung der Schekelerträge ausbleibt oder gar in einen Rückfall umschlägt. Wir alle sind uns klar bewusst, um was es sich hier handelt: 1. Die Zahlung des Schekels zu einer . Dokumentier«] g unserer Stärke, zu einer Probe der Leistungsfähigkeit unserer Organisation zu gestalten. 2. Nicht nur den Gesinnungsgenossen, sondern auch der jüdischen und nichtjüdischen Oeffent- Iichkeit den Umfang, den Gehalt und die Bedeutung unserer Bewegung vor Augen zu führen. 3. Den finanziellen Apparat der Gesamtorganisation auf eine gesunde Grundlagezu stellen. 1 Gesinnungsgenossen! Darüber, dass Ihr Euere Pflicht insoweit erfüllt, dass Ihr selbst den Schekel zahlt,, wollen wir kein Wort verlieren. Es ist das geringste Opfer, das von einem Zionisten verlangt wird. Viel schwerere Opfer aller Art werden die Zionisten noch bringen müssen, um ihr Ideal zur Wirklichkeit werden zu lassen.« Aber nicht weniger wichtig, als alle anderen Leistungen ist die kleine Schekelzahlung: sie dokumentiert die Zugehörigkeit zur es den westlichen Juden wie ein Wunder gezeigt und schrieb darunter: In hoc signo vinces. Den östlichen Juden aber brachte er zum Bewusstsein,- was ihnen ein bluüoses Schema war. Und wir haben den Zauber erlebt und es mit eigenen Augen gesehen: Jene begannen zu empfinden und diese zu verstehen. Und doch war sein Ideal nicht greifbar. Wodurch gewann er das Volk? Er gab ihm weder panem noch circenses, nicht einmal eine Erleichterung von momentanen Leiden konnte er versprechen, ja er stemmte s:ch mit seiner ganzen Riesenkraft gegen jede Gegenwartsarbeit. Aut Caesar, aut nihiL Entweder Judenstaat — und ihr seid ein Volk wie jedes andere, oder kein Judenstaat — und ihr seid Parias. Ein drittes gibt es nicht. Das ist die Herzl’sche Alternative. Im Golus seid und werdet -ihr immer bleiben, was Vater Abraham unter den Kindern Cheth gewesen: Einheimische Fremde. Und das Volk, dieses leidgekränkte, getretene Volk empfand und verstand. Es erhob sich plötzlich aus dem grauen Alltag in ungeahnte Höhen. Es erschloss sich ihm ein Sinn, den der Einzelne nie besitzt, der nur der Volksseele eigentümlich ist, der Sinn für die Fortsetzung der eigenen Geschichte. Und es ging wie ein Hauch der Poesie über die ganze Nation. Gewiss, die Not ist keine Dichterin. Und wer" den Angstschrei des Hungerleidens nicht vernommen, wer nackte Judenkinder im gaUzischen Winter nicht gesehen, der werfe auf die Nachfolger des grossen „politischen Poeten“, die Gegenwartspolitik betreiben, den ersten Stein. Aber sie mehren die Romantik nicht, die der politische Poet um das Haupt des alten Volkes gewoben ... Was war das Geheimnis seiner Kraft? Ein Tyrann, der die Juden mit der ganzen Verbissenheit seiner finsteren Seele hasste, lud ihn zu sich, um mit ihm zu verhandeln. Er wurde unversehens der Fürsprecher seines Volkes, ohne dazu ernannt zu sein. Man fand, empfand es ganz natürlich. Er ging zu Königen als Abgesandter seiner Nation, als wenn er selbst ein König wäre. Er kam als Fremder zu uns und kannte uns bald so gut, dass er nach England berufen wurde, um. über Tun und Lassen Aufschlüsse zu erteilen. Er wurde der Mann, den das mächtigste Reich der Erde für würdig hielt, ihm ein Land für sein Volk anzubieten. Und nun; wo er nicht mehr ist, verweigert Mr. Grey selbst ein Wort der Fürsprache für dieses Volk... Worin lag seine Kraft? Er erhob die Männer, die ihn umgäben und mit ihrer werktätigen Liebe unterstützten, zu Volksfursten und da er verscliied, verliess sie die Gunst der Nation und ihre Liebe. Als er noch unter den Lebenden war, fragte der eine oder andere Herrscher nach dem Juderistaat und so er uns verliess, ward es still ringsumher, wie um sein einsames Grab ... Doch nein, es ist nicht still geworden rinjgs-, umher. Aus dem Osten kam es wie ein lariggezogener Todesruf durch die Nacht Dort im Osten wurde gemeuchelt, sonder Gnade und Erbarmen'. Dort . wurden unsere Brüder gemordet, mit Feuer und Schwert mit Axt und Späten, mit Stock'und Stein, mit Knute und Sense, mit Knüttel« und Strick. Dorther kamen die vielen Tränen, die schweren Seufzer geweht Und die fragten nach dem Judenstaat.... Ritter Eisenohr hatte einen Falken, der ihn auf allen seinen Wanderzügen begleitete und er. liiess: Glaube, dass ich’s kann. Das, meine ich, war Herzl’s Falke: Der Glaube, dass er’s konnte lind seine zweite Genossinwar die Taube: Die Liebe. Die endlose Liebe zu seinem. Volke, die sein Ich ausfüllte und der Glaube an sich selbst — das waren die zwei Komponenten seines Lebens, aus denen sein Wirken resultierte. Daher sah man ihn an der Spitze selbst dort, wo man ihn nicht vermutete, weil er. glaubte, dass er’s konnte. Und was die Liebe ihm eingegeben, hat der Glaube . vollfuhrt. Und weil er das Volk geliebt hat, dem er entstammte, glaubte er an dessen Entwicklung und endlicher Erlösung aus tiefem Leid; Und weil er an die Entwicklung des Volkes geglaubt hat, liebte er es und träumte ihm eine Zukunft vor und eine hervorragende Stellung unter den Nationen. Liebe und Glaube ... darin lag seine Kraft. ■Er glaubte, dass er’s kann ... Da kam der Tod auf filzenen Sohlen, lockte inihn die Berge und winkte ihm ab, Brüderchen,'es hat Zeit, noch ist das Mass nicht voll... . Er starb. Und wir warten auf Josua Bin Nun ... - . Es ist Nacht geworden. Der Slrassenlärm ist verhallt. Vom Wiener -«Walde tönt es Aber die Tannen herüber, wie wenn Rehe röhren und Adler pfeifen in den Lüftern Die Gräber schweigen, nur hie und da bewegt sich

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