Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. .28 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Bethlehem, Ramleli, Lydda und viele andere im Innern des Landes. Daneben ist auch die Förderung landwirtschaftlichen Kolonisation durch Verpachtung von Ländereien in Dalaika und Umeldschune und Gewährung eines Kredites an die Land-Development Company betrieben worden. Diese neue Gesellschaft (L. D. G.) wird den Juden die Möglibhkeit bieten, sich in den landwirtschaftlichen Arbeiten methodisch auszubilden, wie auch ohne Geldmittel auf einem Ertragreichen Boden allmählich Pächter und Eigentümer zu werden. Auf diesem Wege dürfte es gelingen, die bereits im Lande sesshafte, jüdische Bevölkerung und die zahlreichen jungen Juden, die nach Palästina kommen, festzuhalten und einen Stab tüchtiger Arbeiter heranzubilden. :..al Sollte dieser Versuch nicht reüssieren, so werden die verpachteten Ländereien vor Ablauf ddf Vertragsfrist in den vollen Besitz des Nationalfonds rückübergehen. : Die L. D. G. erscheint mithin als eine Form der Administration des Nationalfondes ohne jegliches Risiko. Dem J. N.-F. wird ein massgebender Einfluss auf die Geschäftsführung dieser ‘ Gesellschaft dadurch eingeräumt,. dass die L. D. G. SO dem N. F. zu überlassende Anteile als Gründeranteile ausstellt und insgesamt nur 200 ausgeben darf. Diese f urze Skizze wird, wohl genügen, die irrige Ansicht, dass der Nationalfonds vorläufig in Palatina nicht funktionsfähig und daher die Arbeit zur Vermehrung seines Vermögens nicht allzu dringlich sei, als haltlos darmtun. Wer die Verhältnisse in Palästina kennt, weiss, dass verschiedene christliche, private .und kommunale Gesellschaften seit Jahren den Boden und Industrie und Handel in ihren Besitz und unter ihren Einfluss zu bringen suchen. Es wäre unklug und verhängnisvoll, würden wir es verabsäumen, in Palästina rechtzeitig eine Basis für die Erreichung unseres Endzieles zu schaffen. Es ist daher unsere wichtigste und dringendste Aufgabe, das Vermögen des jüdischen Nationalfonds unter Anwendung aller uns zu Gebote stehender Mittel, zu vergrössern und ihn aktionsfähig zu machen, auf dass kein günstiger Moment ungenützt verstreicht. Korrespondenzen. Jüdische Sprachkonferenz in Czernowitz. Czernowitz. Eine Gruppe bedeutender jüdischer Schriftsteller, hauptsächlich aus Amerika, veranstaltet feine Konferenz jüdjschejr >L(iteratur welcahie sich mit der jüdischen Sprache zu befassen haben wird. Die Konferenz ist für den Monat August öder Anfang September bestimmt und wird nach Czernowitz einberufen. Die Tagesordnung ist folgende: 1. <lie jüdische Orthographie; 2. die jüldiische Grammatik 3. fremde und neue Worte; 4. jüdisches Wörterbuch; 5. die jüdische Jugend und die jüdische Sprache; 6. die jüdische Presse und die jüdische Sprache; 7. die jüdische Bühne und die jüdischen Schauspieler; 8. die ökonomische Lage der jüdischen Schriftsteller; 9. die ökonomische Lage der jüdischen Schauspieler; 10. die Anerkennung der jüdischen Sprache. Der bezügliche Aufruf an die jüdischen Schriftsteller ist gefertigt von: Dr. Nathan Birnbaum (Wien), Jakob Go rdiii ('Newyork), A. M. Jewalenka (Newyork), David P i u s k r (Newyork), Dr. Chaim Scih'i'it So ws'ky. (Newyork). Russland. Verwüstung von fünf jüdischen Kolonien in Süd- Russland. Odessa. (Orig.-Korr.) Fünf jüdische Kolonien in Südrussland wurden durch ein furchtbares Hagelwetter vollständig verwüstet. Nach den letzten Missernten trifft dieser Schlag die Kolonisten sehr hart. Nun sind die meisten Familien obdachlos geworden. Wenn nicht die Regierung und die private Wohltätigkeit helfend! eingreiifen, sind viele Kolonisten dem Hungertode preisgegeben. Ein jüdischer Autorenabend. Odessa. Zugunsten der Hinterbliebenen des hebräischen Dichters Jehuda S t e i n b e r g fand in Odessa ein jüdischer Autorenabend unter Mitwirkung der jüdischen Dichter undi Schriftsteller Frug, Scha 1 om Aleichem, Schalom Asc<h, Perez Hürsc'hbein, M endele moch er sforim und Chaim Nachman Bialik statt. Es war nach dem Urteile aller Anwesenden eine der glänzendsten Manifestationen der jungjfidischen Literatur. Der materielle Erfolg war ein entsprechender. Oesterreichisches aus Russland ’St. Petersburg. In der Budgetdebatte in der Duma ergriff der Abg. Nisselowitz (Jüdischer Kadett) das Wort, um gegen die Beschränkungen bei der Annahme jüdischer Schiitar an den russischen Schulen zu protestieren. Seine Rede machte einen ungewöhnlichen Eindruck. Am nächsten Tage trat ein Mitglied der Rechten seinen Ausführungen entgegen und gebrauchte in seiner Rede dieselben Argumente wie Professor Schmlid im österreichischen Parlament Es bleibt die Frage, ob Ider russische Antisemit den österreichischen oder der österreichische den russischen kopiert hat. Neue Schikane.) ] ä Petersburg, 7. Juli.- Hintereinander hageln Massnahme auf Massnahme, durch die den Juden jede Bildungsmöglichkeit genommen wird. Die Prozentsatznorm wird wie in den finstersten Zeiten strikte eingehalten. Dies. j>ilt nicht nur für die Mittel- und Hochschulen, sondern auch als Neuerung für die zahnärztlichen Lehranstalten, die von den Juden höchstens in einem Prozentverhältnis von 3 bis 10 Prozent besucht werden dürfen, wenn sie ihnen nicht gänzlich verschlossen sind. Früher gab es nun wenigstens unter den freien Hörern und Hörerinnen eine beträchtliche Anzahl von Juden; allein dies Institut ist durch Verfügung des Ministeriums über Nacht abgeschabt worden. Zur weiteren Bedrückung der Juden ist die Zahl derer, die als „Wilde“ zum Abiturientenexamen zugelassen werden, wesentlich eingeschränkt worden. Vielleicht die ärgsteMassregel ist jedoch die gegen die jüdischen Privatgymnasien gerichtete. Von den Kronschulen fast ausgeschlossen, hatte die jüdische Bevölkerung in ihrem unbezwinglichem Drang nach Bildung eine Reihe von höheren Privatschulen, die d e Rechte von Kronschulen hatten, ins Leben gerufen. Mit einem Male sind diese Schulen jetzt ihrer Rechte beraubt worden. Druck und Schikane auf Schritt und Tritt! Da sind die Verfügungen, dass Kronstipendien an Juden nicht zu verleihen seien, nur noch feine Ironie. Ein Erlass der russischen Regierung. Warschau, 6. Juli. Das Unterrichtsministerium hat an die Kuratoren der Lehrbezirke ein Rundschreiben folgenden Inhalts erlassen: Wenn eine Lehranstalt einen Schüleraasflug nach Ortschaften veranstaltet, wo Juden sich nicht aufhalten dürfen, so ist die Schulbehörde, sofern sich unter den Schülern auch Juden befinden, verpflichtet, zuvor die Einwilligung des Gouverneurs zur Mitnahme der Juden einzuholen. Wie minutiös die Fürsorge des Ministeriums ist. Palästina. Prof. Warburg über die „Palästina Landentwicklungsgesellschaft“. (P. L. D. G.) (Aus einem Briefe an Ing. Ussischkin, Odessa.) Noch immer herrscht die irrige Ansicht, dass die Lehrfarm den Hauptzweck unserer Gesellschaft bildet, während sie in Wirklichkeit doch nur den Anfang der Tätigkeit der P. L. D. G. darstellt. Zur Vermeidung von Missverständnissen muss ich erklären, dass von einer etwaigen Aenderung des Arbeitsplanes der P. L. D. G. absolut keine Rede ist, da diese Gesellschaft, wie bereits wiederholt auseinandergesetzt, nicht etwa neue Theorien erproben will, sondern nach dem bewährten System der preussischen Ansiedlungskommission und der privaten deutschen und polnischen Landbanken verfahren wird. Die Reduzierung des Betriebes im ersten Jahr ist hauptsächlich auf die vorgerückte Jahreszeit zurückzuführen, und das von unserer Gesellschaft vorläufig unbebaut bleibende Terrain wird nur auf eine ganz kurze Frist an bereits ansässige jüdische Kolonisten verpachtet, die in der Nachbarschaft unseres Gutes eigene Besitzungen und Häuser haben. Die Erweiterung des Betriebes der Lehrfarm wird voraussichtlich schon im nächsten Jahre erfolgen. Auch die Stellungnahme des Arbeiterverbandes »Hachoresch“ aus Sedjera zu unserem Unternehmen hat absolut nichts mit unserem Arbeitsplan zu tun, weil die Kritik der Arbeiter hauptsächlich auf ihren Erfahrungen in Sedjera, wo der Boden bekanntlich ein viel schlechterer ist, basiert, während es sich in unserem Falle u;n einen ausserordentlich fruchtbaren Boden handelt. Die Ziffern der Arbeiter für Brücken- und Häuserbauten sind für uns ebenfalls nicht massgebend, weil wir vorläufig nur wenige Bauten vornehmen werden, während der Bau der Brücke erst einer späteren Zukunft Vorbehalten'bleibt und fürs erste gar nicht in Betracht kommt. Was das Angebot der Ghersoner Kolonisten und Bergjuden anbelangt, so haben wir bereits längst unsere Bedenken gegen die Verpachtung des National fondsgutes (von »Ländereien“ kann beim Nationalfonds überhaupt noch nicht die Rede sein, weil er nur ein einziges zur Besiedlung in Betracht kommendes Gut besitzt) an genannte Reflektanten geäussert Wir haben nämlich die nur allzu sehr begründete Befürchtung ausgesprochen, dass wenn der Nalionalfonds sein Gut den betreffenden Bewerbern in langfristige Pacht übergibt, er es wahrscheinlich nie wieder zurückbekoramen wird. Denn es ist wohi kaum anzunehmen, dass Leute, die 12 oder 15 Jahre auf einem der »Gesamtheit* gehörenden Gute wohnen und inzwischen eigene Häuser errichtet und das Land durch Kultur und Pflanzungen verbessert haben, nach Ablauf der Pachtfrist ohne weiteres ihren bisherigen Wohnsitz aufgeben würden. Aber selbst im besten Falle müsste wahrscheinlich der Nalionalfonds nach Ablauf des Pachtvertrages die Häuser und Pflanzungen der Pächter übernehmen, obwohl er möglicherweise zu jener Zeit hierfür gar keine Verwendung hätte. Was die Frage des Agrarkredites betrifft, so ist ein Irrtum, zu glauben, dass die P. L. D. G. diesen Punkt gänzlich ausgeschaltet hat. Unsere Gesellschaft wird an die zukünftigen aus ihren Zöglingen hervorgehenden Pächter und Besitzer wohl Kredite, gewähren müssen und dies auch tun, soweit sie es geschäftlich wird verantworten können. Dagegen wäre es meines Erachtens vollständig verfehlt, wenn sie aucli Fernstehenden Kredite einräumen würde. Letzteres wäre vielmehr Aufgabe einer besonderen Agrarkredit- Institution, deren Gründung der Zukunft Vorbehalten bleibt. Uebrigens gibt es noch viel dringendere Institutionen, die zur Hebung der palästinensischen Landwirtschaft ohne Versäumnis geschaffen werden müssten. So schreibt zum Beispiel der bekannte Landwirtsehaftler, Herr Dr. Lothar Meyer, der vor kurzem Palästina studienhalber besucht hat, in seinem Berichte über »die jüdischen Kolonien um Jaffa“ folgendes: »Es ist meines Erachtens hohe Zeit, die vielen infolge des Fehlens zielbewusster und tatkräftiger Instruktion und Direktion eingetretenen Versäumnisse gutzumachen.“ Nach Ansicht dieses allgemein anerkannten Fachmannes bedarf es also vor allem der Einführung einer Instanz, welche landwirtschaftliche Direktiven zu geben versteht. Ebenso ist nach Meinung des genannten Fachmannes die Errichtung der landwirtschaftlichen Versuchsstation etwas sehr Dringendes und ungemein Wichtiges, also wiederum einer Institution, die die Gegner der P. L. D. G. erst unlängst als etwas Ueberflüssiges und bestenfalls Verfrühtes bezeichnet haben. * * * Aufgehobenes Landkaufverbot in Palästina. Bisher bestand in Palästina ein Verbot, in einer Entfernung von je 10 km zu beiden Seiten der Hedschäsbahn Land zu kaufen. Dieses Verbot ist in den letzten Tagen aufgehoben worden, wodurch ein neues aussichtsreiches Gebiet der Ansiedlung erschlossen ist. * * * Kindergärten. Wie populär die Institution des Kindergartens die für den Orient eine in mannigfacher Richtung ungemein wichtige Mission zu erfülle hat — in der kurzen Zeit ihres Bestehens speziell in Palästina geworden ist — dafür liefern die folgenden Mitteilungen einen höchst erfreulichen Beweis. Der Zudrang zu den drei Kindergärten des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Jerusalem war zu Beginn des neuen Schuljahres nach Ostern so stark, dass nicht allen Gesuchen um Aufnahme entsprochen werden konnte. Hunderte von Müttern füllten, wie man uns aus Jerusalem mitteilt, Hof und Strasse vor den Lokalen der Kindergärten um ihre Kinder anzumeiden. Die Frauen, deren Kinder ans Mangel an Raum nicht aufgenommen werden konnten, verliessen weinend das Haus. Die drei Kindergärten des Hilfsvereins in Jerusalem zählen jetzt 450 Zöglinge. Der dritte Kindergarten ist aus der Montefiore-Kolonie in die