Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 28 Doch siehe da, auch hier kann man leider “derzeit auf ihre Dienste nicht reflektieren. So absurd es klingt: Eine Unzahl jüdischer Gross industr i e 11 er weist prinzipiell arbeitsuchenden Juden die Türe! — Oesterreichs bedeutendstes industrielles Unternehmen, die Witkowitzer Eisengewerkschaft, ist im Besitze von Guttmann und Rothschild.. Im Dienste dieses Unternehmens steht ein nach Tausenden zählender Stab technischer und rechtskundiger Beamter. Ein Riesenheer von Antisemiten und Täuflingen, nur hie und da in qualvoll fürchterlicher Enge* ein Jude eingekeilt! Man könnte .von eigentümlichen Zufällen, von verstohlenen und den Besitzern unbekannt gebliebenem Treiben gewissenloser Hetzer und von dergleichen mehr sprechen. Man hat auch schon davon gesprochen, aber die Liebesmüh ist verloren, die naive Offenheit des Baron Guttmann hat sie zuschanden gemacht. Als vor einigen Jahren in B orysiaw Hunderte jüdischer Grubenarbeiter aufs Pflaster flogen, wandte man sich an ihn, er möge doch diesen Armen und fleissigen Arbeitern Platz 'in seinen Gruben gewähren. Die Antwort lautete: „Ich kann die jüdischen Arbeiter nicht anstellen, meine Beamten sind Antisemiten!“ Man muss diesen alt und frisch getauften antisemitischen Beamtenpöbel kennen! Ein energisches Wort von oben, ein Exempel, und die „antisemitische Konsequenz“ ist hin, eine blosse Andeutung, sie braucht nur von „oben“ zu kommen, und all die deutschnationalen Helden werden butterweich. Aber Exempel werden nicht statuiert, das energische Wort bleibt ungesprochen, die „Gefühle“ der Beamtenschaft werden zart geschont. Und draussen irren brotlose Juden, Akademiker und Arbeiter, verzweifelt umher. Aehnliches lässt sich aller Orten beobachten. Der erwähnte Fali ist leider nur ein aus. der Menge gegriffenes Beispiel. Dass mächtige Juden ihre Stammesbrüder von sich abschütteln, zynisch und unverhohlen, gehört nicht zu den Seltenheiten. Heute dürfen sie es noch straflos tun, aber es werden andere Zeiten und es werden Richter kommen. ln guten Händen. Durch die. Strassen Wiens wackeln knarrend und rasselnd grellbemalte Wagenungetüme. Müde und abgehetzte Klepper sind-vorgespannt und müde und abgehetzte Menschen versehen den Dienst, in Hitze und Kälte, in Staub und Schnee. Begonnen wird vor Morgengrauen, spät in der Nacht findet der Gaul ein Häuflein gehacktes Stroh in der Krippe und der Mensch paar Nickel, in der schwieligen Hand. Die Wiener Omnibusgesellschaft gibt ein hartes Brot, aber doch Brot, und noch mehr, sie gibt auch Juden Brot. Der jüdische Omnibuskondukteur ist keine Rarität. Nun ist die Gesellschaft ins Wanken geraten, sie kann nicht vom Fleck, sie ist bankerott. Die armen Bediensteten fürchten vor die Türe gesetzt zu werden. Christen und Juden tun sich zusammen und schicken eine Deputation zum Bürgermeister Lueger. Sie erhalten tröstliche Auskunft. Die Stadt Wien löst das Unternehmen ab, die christlichsozialen Stadtväter übernehmen Wagen, Pferde und;.Bedienstete. Werden sie auch die Juden, übernehmen? Lueger sagte der Deputation: „Meine Herren, seien Sie beruhigt. Ihr Schicksal liegt in meiner Ha n d!“ Seid beruhigt! Lueger ist ja persönlich ein so lieber guter Kerl, eigentlicn kein Antisemit, er tut nur so! In den Kaffeehäusern am Kai und in der Leopoldstadt kann man’s stündlich hören. Euer Schicksal liegt wirklich in „guten“ Händen. O weh! Wir, kennen diese Hände allzugut! Sie greifen hart und rücksichtslos zu, wenn’s Juden an die Luft zu setzen gilt, diese guten Hände. Vor Jahresfrist gab’s einen ähnlichen Fall. Die Gemeinde Wien erwarb damals das Elektrizitätswerk. Alle Angestellten müssen übernommen werden, so ward’s verklausuliert und beschworen. Nicht ein einziger jüdischer Beamter behielt seine Stelle! Man erhob schwächlichen Protest, mit schwächlichen Ausreden wurde er abgetan. Noch heute treiben sich die Leute brotlos herum. Dabei handelt es sich um höher Qualifizierte, um Leute, die sich eher wehren können und ein für sie günstiger Vertrag lag vor. Diesmal sind’s arme Teufel, Diener der niederen Kategorie, wehrlos, auch kann die Gesellschaft für sie keine Bedingungen stellen, da sie zu ärg in der Klemme steckt, die Gemeinde . diktiert bedingungslos. Die Wehrlosen werden ohne viel Lärm hinausbefördert werden. Die alten, grauen Arbeiter werden klanglos verschwinden, um als gezwungene Faulenzer, als hungrige Schnorrer wieder aufzutauchen. Auch Schnorren will gelernt sein. Zu diesem Studium aber blieb den jüdischen Omnibuskondukteuren während ihres arbeitsreichen Lebens keine Zeit. Sie werden recht unbeholfene Bettler sein. „Chuzpe“, r Der Immunitätsausschuss des österreichischen Parlamentes hat den rühmlich bekannten Juristen und König Salomo umeine Nasenlänge geschlagen. Erhat da unlängst eine Entscheidung getroffen, die allen Rechtsgelehrten und Liebhabern judizieller Delikatessen den Mund wässerig machen dürfte. Der Abgeordnete von Ung.- Brod, Göding und Nikolsburg Dr. Redlich fuhr im schönen Monate Mai in seinen Wahlbezirk. Es war keine Vergnügungsreise. Er hatte unmittelbar vorher. den Christlichsozialen und ihrem Führer Gessmann einige Liebesdienste erwiesen und-die Verachtung seitens aller anständig Denkenden biefür reichlich eingeheimst. Zur notdürftigen Auffrischung seines stark ramponierten Ansehens glaubte er bei seiner ausschliesslich jüdischen Wählerschaft Vertrauensvoten einsammeln zu müssen. Dies der Zweck der Reise. Alles war gut arrangiert. Unter Leitung der mit dem Hause Redlich in innigster Gastfreundschaft stehenden - Bürgermeister und Kultusvorstände aus dem Bezirke wurden die schönsten Vertrauenskomödien gespielt. Nur in Brod wollte die Sache nicht ganz klappen. Da erhub sich Urplötzlich Herr W.; ein zionistischer Akademiker, und erklärtes, es sei gemein, sich von Juden wählen zu lassen und dann bei den ärgsten Antisemiten herumzuscharwenzeln, es sei ein Skandal, dass sich jüdische Wähler von Getauften ihre Stimmen und ihr Vertrauen abpressen und herausschwindeln lassen. Sensation! Alles fragt: „Wie kommt der in,die Versammlung? Er macht doch mit Redlich keine Geschäfte! Hinaus!“ Redlich selber war perplex. Eine sachliche Erwiderung schien ihm riskant, er begnügte sich zu erklären, das sei jüdische Chuzpe! Nachdem Herr VV. sich anderweitig Satisfaktion nicht holen konnte und überdies eine Auseinandersetzung vor der unbestochenen Oeffentlichkeit herbeisehnte, klagte er den Redlich. Das Bezirksgericht verlangte vom Parlamente die Auslieferung. Der Immunitätsauschuss hat sie verweigert und wörtlich motiviert: „Der Vorwurf Chuzpe ist wohl verletzend. Das beleidigende Wort müsse aber allgemein •verständlich sein, zumindest aber der Z uhörer schaft, in welcher es gefallen, als verletzend geläufig sein. Nach den Akten (?!) ist es aber zweifelhaft, ob in der Versammlung die Bedeutung des Wortes „Chuzpe“ verstanden wurde.“ Bravo! In der Versammlung war kein Unbeschnittener, wie ja überhaupt die Wählerschaft Redlichs fast ausschliesslich aus Juden besteht! Aber das kaum aufgeblühte Mädchen. Alle' schienen sie von ihrer künftigen „Grösse* besonders überzeugt zu sein und sprachen überaus gerne von ihren künftigen Triumphen — von Kränzen aus Lilien, Rosen und Lorbeer. — Sie sahen ihre ganze Zukunft in rosiges Licht getaucht und ahnten nicht den Schatten. Es trat jetzt für eine Zeit lang Stille ein. Ich schritt am Gange auf und ab, dann öffnete ich die Türe, welche nach der zweiten'Waggonliälfte führte und sah dort hinein. Diese ganze Abteilung ist vollgepfopft mit Juden aller Alters- und Reinlichkeitsgrade, sowie einigen Bauern. Die meisten Juden tragen lange, schwarze Kaftane, Plüsch¬ oder Filzhüte, und an den Schläfen baumeln bei -den einen in. geraden Strähnen, bei den anderen in zierlichen Schraubenlinien die Seitenlocken. Den Raum erfüllt dichter Rauch, penetranter Tabakgeruch und grosser Lärm. Einige der Juden stehen, in ihre Gebetmäntel gehüllt, gegen Osten gewendet und beten. Mit andachtsvoll geschlossenen Augen stammeln sie ihre uralten Gebete und neigen sich tief gegen Osten. Es liegt eine eigene Poesie in diesem Bilde der betenden Juden. Wenn sie mit geschlossenen Augen so dastehen und beten, dann ist es fast als liege eiu seltsamer Abglanz auf ihren Zügen. Sie hören nicht den Lärm, der um sie tobt, sie sehen nicht das Grau, das sie umhüllt, sie beten jetzt zu ihrem Gott, dem Gott ihrer Väter und schauen mit geschlossenen Augen das Land ihrer Sehnsucht — das Land ihrer Freiheit Die im Abteil sitzenden Bauern sind stämmige Gestalten mit gelblicher Gesichtsfarbe und lichten Haarsträhnen. Sie tragen Kleider aus dickem, grauen Leinen, breite Ledergürtel und kleine schwarze abgetragene Hüte, die von farbigen Schnüren umrahmt sind. Die meisten haben hinter das rechte Ohr Zündhölzchen gesteckt und rauchen kurze Tonpfeifen. Betende Juden und rauchende Bauern, alle sitzen sie friedlich beisammen. Und wenn man die gutmütigen Bauernmienen betrachtet, dann ist es einem, als wäre all der Judenhass der Bauern nur ein Märchen, das in den Zeitungen lebt. Plötzlich tritt aus dem. Lärm und Rauch, der das Coupe erfüllt, ein kleiner, magerer und schmutziger Jude mit unendlich langen Seitenlocken und zwei Riesenbündeln hervor. Kaum, dass er die Bündel niedergestellt hat, seufzt er schwer, wischt sich mit einem riesigen roten Tuch das Gesicht, daun öffnet er eines seiner -Bündel und schleppt einen Korb- Trauben hervor. Und nun fimgt er an der Reihe nach alle zu quälen. Doch er konnte nur wenige für seine Trauben gewinnen. Dies verstimmte ihn', aber er gab die Hoffnung nicht auf. Er vertieft sich abermalsin seine Bündel und schleppt einen Korb mit Semmeln und Würsten hervor. Dies scheint den Reisenden mehr zuzusagen, denn bald ist der kleine Jude von einem Knäuel Kauflustiger umringt. Der eine kauft um drei Kreuzer, der . andere um fünf und einer sogar um zehn Kreuzer. Und als keiner mehr kaufen wollte, nahm der kleine Jude seine zwei Bündel und ging in die nächste Abteilung, aus der ich gekommen war. Der Herr Direktor, welcher wieder draussen am Gange stand, begrüsste ihn mit Freude, kaufte eine ganze Wurst, acht Semmeln und ein halbes Kilogramm Trauben und also vollbeladen trat er mit strahlendem Angesichte unter seine Artistinnen. Nachdem die Wurst, die Semmeln und die Trauben von ihnen verzehrt waren, - öffnete der Herr Direktor seinen Handkoffer, legte sich einen frischen Kragen um und liess sich dann von einer seiner Artistinnen eine breite, lange,' weisse . Künstlermasche binden. Hierauf betrachtete er sich wohlgefällig in dem-ihm von einer , anderen vorgehaltenen Spiegel, zog die zwei Enden der Krawatte frei heraus, strich sich die Locken in die. Stirne und zeigte sich dann also ausstafliert den Draussenstehenden. Unter diesen befand sich ein älterer' Weinrdiscnder mit einer biühenden Purpurnase, welche einer kleinen Weltkugel glich, die der liebe Herrgott in seiner besten Laune an dieses grinsende Gesicht geworfen. Die zahlreichen Löcher und Gruben, deren Gründe bläulich schimmerten, leuchteten gleich Seen aus den rotbemoosten Höhen, auf deren höchsten Gipfeln gleich träumenden Palmen Lärchen standen. Diesem Nasenmanh schienen die Artistinnen es angetan zu haben, denn die ganze Zeit stand er vor dem Eingang in ihr Separee, Und so oft sich die Tür öffnete* warf er mit seinen sehn-