Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-07-10 · 28 (10.7.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
28 (10.7.1908)
Date
1908-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438194--0636-2440166
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.Riedaktion, Administration, und ‘ Inseratenaufnähme: IX., ^aplteosfrasse $[f. 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden tSglicb von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. / ' Erscheint jed^tl Freitag. Verkaufstellen in. Wien: Administration, TQrkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau 6old schrie dt, I,Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. ü — — — lj Ab i nnementspreise: ln Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Gaazjäbr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—. vierteljähr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Fres. 15.—. H ■■ Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. - In Prag: Zeitun.gsv er sc hie iss Wlozek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 28. |ias den) jobalte: Juden! Hinaus ans dem „Deutschen Schulder ein!u Jüdische Solidarität. IngutenHänden. „Chuzpe“.'.': Ein BUhoschuritz. Gesetzwidriges im Wiener Kultusstatute. . Von Dx. J.: Z i p s e r. Herzlgedenhfeier. Vom. Brühher Parteitage: Referat über den Nationalfond. Von Emil Stein. Palästina: Aufgehobenes Landkaufverbot. Kindergärten. Eine Kolonie amerikanischer Juden. Feuilleton:. Bilder ans Galizien. Von Lorenz Sclierlag. Liste der Ueberläufer. Parteinachrlohten, Korrespondenzen und Vereinsnachriohten. Zionisten! Es ist unbedingte Pflicht jedes Gesinnungsgenossen, die1 »Jüdische Zeitung« zu abonnieren und für sie unablässig Werbearbeit zu leisten 1 FEUILLETON. Bilder aus Galizien. Von Lorenz Scherlag. Eisenbahnfahrt. Es gibt wohl kaum eine Bahnstrecke, welche landschaftlich so wenig Abwechslung bietet, wie diejenige^ welche von Wien gegen Ostgalizien führt. Dagegen bietet das reisende Publikum hier ein' derart reiches Material für diverse Studien und Beobachtungen, wie man es selten wo anders findet. Besonders in der dritten Klasse auf der Strecke hinter Krakau. Alle Menschenklassen sind da vertreten. Alle Grade der Reinlichkeit, des Reichtums, respektive der Armut, alle Religionsarten sind hier friedlich durcheinander gemengt und die Grenze zwischen ihnen ist oft nur schwer zu finden. Alle schliessen sich hier bald aneinander an, erzählen sich gegenseitig Erlebtes und Erdachtes und einer kennt das Reiseziel des anderen. Nur ab'.und zu findet sich ein Einsamer, der in eine Ecke, gedrückt schweigend dasitzt und von den Mitreisenden daher für einen unverträglichen Sonderling gehalten wird. Es war diesen Herbst, als ich nach langer Zeit wieder diese Strecke fuhr. Wien, Freitag, den }0. Juli 1908.!L Jahrgang. Juden! Hinaus:aus dem „ Deutschen Schulverein! “ Der Ehrenpräsident de$ „Deutschen Schulvereines“, Abg. Dr. Steinwender, die Ehrenmitglieder und Funktionäre dieses Vereines, die Abg. Sylvester, Hoffmann, Weidenhoffer u. a. haben in der Parlamentssitzung vom 26. Juni 1908 für den Antrag des Christlichsozialen Schmid, das heisst: für die Vertreibung der jüdischen Kinder aus den österreichischen Schulen gestimmt. Unter scheinheiligen liberalen Fräsen entlockt man Euch Geld für die Errichtung deutscher Lehranstalten und arbeitet gleichzeitig an Gesetzen, die Eueren Kindern den Eintritt in. diese Schulen verwehren sollen. . Jeder.. Jude, der trotz . Sieges fischen und niederträchtigen Vorgehens in einer Gemeinschaft mit solchen Leuten verweüt, handelt gewissenlos! Er tritt seine Mannesehre mit FUssen! Er belädt den jüdischen Namen mit Schande! Er beleidigt seine Kinder und untergräbt ihre Zukunft! Juden! Hinaus aus dem „ Deutschen Schulverein! “ Schon auf dem Wiener Bahnhofe hatte ich eine Gesellschaft bemerkt, welche durch das sonderbare Verhältnis ihrer männlichen und weiblichen Mitglieder meine Aufmerksamkeit erweckte. Dem Aussehen nach mochte es eine Schauspielertruppe sein. Sie bestand aus sechs Mädchen und einem Manne. Dieser hatte ein glattrasiertes Mondgesicht, welches unter einem breiten, einst weissen Panama hervorlugte. — Drei Finger seiner rechten Hand hielt er in die Spalte seines zugeknöpften Rockes gesteckt und schritt über die Fliesen des Perrons mit solchem Selbstbewusstsein und Stolz einher, als hätte er mindestens mit Napoleon aus derselben Schüssel Kirschen gegessen. Ich gestehe zu meiner Schande, dass der grösste Fehler des weiblichen Geschlechtes, nämlich die Neugierde, manchmal auch mich befallt. So geschah es denn auch jetzt. Und von dieser bösen Neugierde getrieben, näherte ich mich dem „Glattrasierten“ unter dem einst weissen Panama und versuchte ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er stellte sich mir als Direktor der Truppe vor. Bei dem Worte „Direktor“ schob er; sein rechtes Bein in einem Winkel von 45 Grad nach rechts Vor, hob langsam den Kopf, senkte die Augenlider — — und sah auf mich herab. Er erzählte, die sechs Mädchen seien ihm von deren Eltern kontraktlich für drei Jahre überlassen und er unterrichte sie in allen Varietekünsten, wofür Rundschau. Jüdische Solidarität. Das Semester ist geschlossen und als akademisch Graduierte verlassen viele Studenten die Hochschulen auf Nimmerwiedersehen. Endlich auf eigenen Fussen, zu stehen, gerüstet ins praktische Leben treten und sich den Anteil holen zu können, das erfüllt mit trendigen Hochgefühlen. Wohl die meisten, doch nicht alle, Gibt’s doch Stadenten aus dem Stamme jener Juden, die da weinen, wenn andere lachen. Ist er in der Wahl der Väter, Onkel und Tanten nicht besonders vorsichtig gewesen, dann erwirbt der jüdische, Student mit dem Abgangszeugnis die Aussicht auf Demütigungen, Kränkungen und Leiden schlimmster Art.; Man will ihn nicht, das heisst so roh wird's nicht ausgedrückt: man kann nur derzeit auf seine Dienste leider nicht reflektieren. Amtliche Stellen sind ihm unerreichbar, die grossen staatlichen und privaten Betriebe haben fast durchgehends und konsequent die Judensperre eingeführt, lange bange Jahre der Ungewissheit, nicht selten sind es Hungerjahre, verstreichen, ehe der spröde Zufall einen Unterschlupf finden lässt Aber dem Himmel sei Dank! Ein Licht leuchtet diesen Armen! Gibt es doch eine ganz stattliche Reihe grosser jüdischer Unternehmungen, die Technikern, Juristen u. a. Versorgung in Hülle und Fülle bieten können, jüdischen Technikern und jüdischen Juristen. sie dann bis Ablauf der drei Jahre für seine Tasche tanzen und singen müssen. Der Zufall, oder vielleicht auch Absicht (meinerseits) fügte es, dass ich mit ihnen in denselben Waggon einstieg. Es war dies einer jener Waggons, welche durch eine Türe in zwei Hälften geteilt sind, von denen die eine Hälfte einen einzelnen grossen Raum bildet, während die zweite mehrere kleine Abteilungen besitzt, vor welchen vorne ein gemeinsamer Gang führt. In solch eine Abteilung hatte der „Herr Direktor“ seine Truppe „versorgt“. Er selbst hielt sich abwechselnd entweder unter ihnen, oder draussen im schmalen Gange auf, wo ich und noch einige standen. Er sprach leidenschaftlich gern und erzählte, dass er jetzt mit seiner teilweise bereits abgerichteten Truppe nach Kiew und Petersburg fahre, und im Winter gedenke er mit ihr in Wien aufzutreten. Er schien es gern vermeiden zu wollen, dass seine Elevinnen mit den Reisenden sich in ein Gespräch einliessen und gestattete daher einerseits niemandem den Eintritt in ihre Abteilung, während er anderseits den Mädchen das Verweilen am Gange strenge verbot. Als er jedoch später,. vom vielen Reden müde geworden, sich zu den Mädchen zurückgezogen hatte und scheinbar dort in Schlaf versunken war, verliess eine nach der anderen abwechselnd die Abteilung, angeblich um Luft zu schnappen. Es waren dies meistens noch ganz junge,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.