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Jüdische Zeitung · 1908-07-03 · 27 (3.7.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 B ö h in und Dr. Emil M a r g u 1 i e s betraut worden sind. Die in Wien bestehende Nationalfoadskommission und deren Leiter Gg. Dr. Zweig, Emil Stein, Heinr. Lederer und K o 11 i n e r wurde in dieser Eigenschaft für Westösterreich bestätigt und beschlossen, die Kommission, soweit sie für Westösterreich tätig ist, diam Zentralbureau anzugliedern. Für das Budget des ersten Jahres hat das Zentralkomitee einen Betrag von •2100 K für angemessen erachtet, wobei davon ausgegangen wurde, dass das Zentralbureau — im Verein mit anderen in Wien bestehenden zionistischen Institutionen — einen Sekretär gegen Besoldung dauernd austellen müsse. Zur Deckung dieses Budgets haben die einzelnen Distrikte sich ■bereit erklärt, je 700 K beizutragen, der mährischschlesische und innerösterreichische nur unter dar Voraussetzung, dass sie durch die beim A. K. für dieses Jahr aitzusuchencle Rückvergütung eimjr SOprozentigen Schekelquote hierzu in die Lage versetzt würden. Das neugewählte Zentralkomitee ■hat es für wünschenswert erachtet, durch seinen Präsidentein bei der Jahreskonferenz in Köln vertreten zu sein. Unter lebhaftem Beifall führt Dr. ■Mangu lies sodann aus, dass alle Beschlüsse des Zentralkomitees einstimmig erfolgt seien, insbesondere auch dieirenigeii, welche die Psrsonalfragen betreffen. Diese Einmütigkeit sei ein gutes Vorzeichen dafür, dass in dem neu geschaffenen westösterreichischen Verband volles Einvernehmen und gegenseitiges Vertrauen herrschen werkte. Rücksichtlich des Budgets beantrage er folgenden Beschluss: Der Parteitag bewilligt dem Zentralkomitee für das nächste Jahr ein Budget von 2100 K und nimmt die Erklärung der Vertreter der westösterreichischen Distrikte, dass sie zu diesem Budget je- 700 K beitragen, zur Kenntnis.; Jf/SÜ Dieser Antrag wird auf Befürwortung des Dr. W erntr leinstimmig angenommen. Der Präsident lässt sodann über klie Resolutionen zur Palästmairage abstjrranen. Die Resolution Wald mann: Der Parteitag fordert das Z. K. auf. es möge eine rege Agitation entfalten, damit anlässlich der Suk'kothfeiertage ausschliesslich Palästina-Esrogim verwendet werden sowie die Resolution Emil Margit lies: Das Z. K. möge geeignete Vorkehrungen ' zur Gründung eines Schulvereines für Palästina trefien. werden dem Z. Küberwiesen. Resolution F i n z i: Das Z. K. wird beauftragt, Mittel und Wege zu suchen, welche geeignet sind, die Palästinaarbeit in den einzelnen Distrikten zu vertiefen. 1 wird angenommen. Ueber Anfrage teilt Dr. Isidor M a r g u 1 i e s mit, dass die Mitglieder des A. K. für Westösterreich den Sitzungen des Z. K. beigezogen werden. Stein regt an,.nach dem Vorschläge Warburgs am Todestage Herzls rege für den Herzlwald zu agitieren. (Lebhafte Zustimmung.) Präsident Bechert: Wir sind am Schlüsse der Verhandlungen. Es ist der Eindruck aller, dass wir von dem schönen Verlauf des Parteitages befriedigt sind. Vorsitzender dankt den Veranstaltern, sowie insbesondere dem Stenographenbureau, d'as ausgezeichnete Arbeit geleistet habe. Friedr. Löw spricht dem Präsidium den Dank und die vollste Anerkennung für die würdige und kraftvolle Leitung aus, ebenso den Referenten für ihre Mühewaltung. Mit einem „Auf Wiedersehen, Hedad!“ schllesst Präsident Bechert den Parteitag, worauf die Delegierten die ‘Hat'kwah anstimmen. Wiener Gesinnungsgenosse tler sich für einS* bestimmte leichte Arbeit freiwillig in den Dienst des Nationalfonds stellen möchte, wird ersucht, seine Bereitwilligkeit und die ihm passende Arbeitszeit der Sanfnelsietle des jüdischen Nanonatfords. IX., Tüvkenstrasse' 9, bekahntzugeben. Brief aus Galizien. Ost und West. Das Kronland Galizien zerfällt bekanntlich geographisch und ethnographisch in zwei Teile. Ost- und Westgalizien, zwischen welchen der Sanfluss die natürliche Grenze bildet, bleiben aber trotz langjähriger Bemühungen der polnischen Machthaber, dem Lande gewaltsam ein einheitliches Gepräge zu geben, auch in politischer Hinsicht getrennte Gebiete. Der' Unterschied zwischen Ost und West bleibt bestehen, in der Sprache und Politik, in den Sitten, kurz in allem, was in nationaler und kultureller Hinsicht einem. Lande das Siegel der Eigenartigkeit aufdrückt. Während Westgalizien, mit Ausnahme der Juden und einer verschwindend kleinen daher nicht in Betracht kommenden Anzahl Ruthenen, von einer national einheitlichen Bevölkerung bewohnt ist, wütet im Osten seit Jahrzehnten ein erbitterter nationaler Kampf, dessen belllodernde Flammen gerade jetzt den politischen Horizont unheimlich beleuchten. Während aber umgekehrt im Osten kaum die Umrisse einer sozialen Gruppierung merkbar werden, ist die Bevölkerung des Westens bereits sozial geschichtet und die breiten Massen bekunden dort eine solche Vertrautheit mit sozialen Problemen und den Postulaten des Weltproletariats, wie man sie nur in den industriereichsten Gegenden des westlichen Europas antrifft. Die Juden unterliegen allerorten, unbeschadet ihrer nationalen Eigenart, in grossem Masse den mannigfaltigsten Einwirkungen des Milieus, und die Vorgänge in der unmittelbaren Umgebung bleiben nicht ohne Einfluss auch auf ihr politisches Fühlen und Denken.*) Da nun die Verhältnisse in Zis und Trans grundverschieden sind, müssen sich die Juden des östlichen und westlichen Galiziens in dieser Richtung sehr merklich voneinander unterscheiden. Und in der Tat unterscheiden sich die ostgalizischen Juden von den westgalizischen nicht nur in ihrem Sprachakzent, sondern auch im Jargon selbst, welcher die Spuren stark ruthenischen bezw. polnischen Einschlages deutlich erkennen lässt, ja die ganze Lebensweise ist in jedem der beiden Landesteile eine andere, sogar die synagogale Liturgie, sowie die äussere Form vieler religiöser Uebungen tragen unterscheidende Merkmale an sich und — was uns gegenwärtig hauptsächlich interessiert — auch in den politischen Anschauungen der galizischen Juden erkennt man das typisch östliche resp. westliche Moment, so dass streng genommen, auch das galizische Judentum nicht als ein einheitliches Ganzes betrachtet noch behandelt werden darf. Znm Lobe der ostgalizischen Juden — mögen sie sonst in bezug auf Kultur und Zivilisation manches zu wünschen übrig lassen — muss gesagt werden, dass ihr nationales Leben ein viel regeres ist als dasjenige der westgalizischen. Der impulsive Enthusiasmus, die erhabene Begeisterung, welche sich während der vorjährigen epochemachenden Wahlkampagne der galizisch-jüdischen Wählerschaft bemächtigte, hatte im Westen nicht den gleichen Grad zu erreichen vermocht, wie in Ostgalizien. Die dramatischen Szenen des Wahlkampfes, die denkwürdigen Episoien mit fastenden Weibern, die an Ahnengräbern für den Sieg des nationalen Kandidaten beteten, haben sich in Westgalizien nicht abgespielt und — man gestatte mir eine derbe Wahrheit zu sagen — der Durchfall eines jüdischnationalen Kandidaten, wie derjenige des Dr. Hilfstein in Krakau, war in dieser Form nur im Westen möglich. Wenn, wir aber nach den tieferen Ursachen dieses Mangels an Nationalgefühl fragen, wenn wir diesem Minus das Plus an *) Zu demselben Schlüsse gelangt auch u. a. Dv. J. Meist in bezug auf die deutschen Juden in seinen Ausführungen Xr. 26 und 24 der „Jiid. Ztg.- Kultur, welches sie zweifellos besitzen und das sie Idealen zugänglicher machen sollte, gegenüberstellen, so wirft sich von selbst die Frage auf: Sind etwa die westgalizischen Juden politisch und wirtschaftlich so gut gestellt, dass sie mit dem herrschenden System wirklich zufriedener sein können als ihre Brüder im Osten? Oder hat vielleicht der Zionismus in ihrer Mitte so wenig Wurzeln gefasst, dass ihnen jedes Verständnis für nationales Leben fehlt und sie sich zu ernsten Selbständigkeitsgedanken noch nicht aufschwingen können? Diese Fragen müssen entschieden verneinend beantwortet werden. Es braucht nicht erst nachgewiesen zu werden, dass auch in den jüdischen Zentren des Westens die Juden politisch unzufrieden sind. Machen sie doch aus ihrer regierungsfeindlichen Gesinnung kein Hehi und stimmen seit Jahren fast ausnahmslos für Kandidaten der Oppositionellen. Ich möchte nur einige Beispiele anführen. Die wiederholte Wahl Daszynskis durch die Juden in Krakau, die Wahl des „Unabhängigen“ Dr. Gross, der schwere Kampf, welchen der Allpole Battaglia gegen einen von den Juden kräftig unterstützten Sozialisten in Tarnow zu bestehen hatte. Das alles beweist eher das Vorhandensein eines stolzen Selbstbewusstseins, einer Fähigkeit zu mannhafter kräftiger Abwehr, als knechtische Zufriedenheit und Gefallen an der scblachzizischen Knute. Nicht minder hinfällig wäre die Behauptung, dass die westgalizischen Juden dem Zionismus weniger zugänglich sind. Vor einem Dezennium schon blühte in Westgalizien der Zionismus und während sich derselbe im Osten erst zu entwickeln begann, hatte bereits Westgalizien sein zionistisches Zentrum in Tarnow, nahm bereits dessen Schöpfer Gg. Dr. Salz eine hervorragende Stellung in der Bewegung ein. Die wahre Ursache des nationalen Indifferentismus im Westen des Kronlandes ist meines Erachtens nicht in der jüdischen Gesellschaft selbst, vielmehr in der nichtjüdischen Umgebung, im Milieu zu suchen. Die heftigen Zusammenstösse zwischen Ruthenen und Polen in Ostgalizien, das heisse nationale Ringen in diesem Teile des Landes versetzt auch den dort lebenden Jaden in eine Kampfesstimmung, deren er sich anfangs gar nicht bewusst ist, die aber unwillkürlich und elementar zum Durchbruche kommt, wenn er einmal die ungerechte Zurücksetzung seiner Nation zu fühlen beginnt. Sein Blut kommt in Wallung und umso früher und umso stärker, je näher ersieh dem nationalen Kriegsschauplatz seiner n i c h t j ü d i s c h e n Umgebung befindet. Deshalb ist der westgalizische Jude in nationaler Hinsicht kühler und schwerfälliger, obwohl er eine ausgeprägtere Individualität ist, als der östliche Jude. Denn er ist dem nationalen Kanonendonner entrückt und seine Nerven sind einer Erschütterung nicht so sehr ausgesetzt, wie jene des Ostjudens. Es ist somit für die zukünftige Entwickelung des jüdischen Volkes in Galizien von nicht zu unterschätzender Bedeutung und von eminent politischem Werte, dass sich zwischen den ost- und westgalizischen Juden ein reger politischer Verkehr und Meinungsaustausch entwickeln, dass von jüdischer Seite suggestiv dort nachgeholfen werde, wo das nicbtjüdische Milien die Wirkung versagt. Der Osten soll sich die Kultnrsegnungen des Westens za eigen machen, dieser dagegen sich an dem nationalen Feuer des ersteren erwärmen, dann wird für die jüdische Bevölkerung Galiziens der San nicht ein Symbol der Trennung bedeuten. Als ein wichtiger Schritt nach Vorwärts ist die jüngst erfolgte Vereinigung der drei zionistischen Distrikte Galiziens zu begrüssen und es ist zu hoffen, dass bei intensiver, das ganze Land umfassender Tätigkeit die zwischen Jude und Jude leider noch beste- 1

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