Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Zum IV. österreichischen poale-1 zionistischen Parteitag. Konferenzen, Parteitaee und Kongresse •sind das jeweilige Spiegelbild der Entwicklung von Parteien; ihre Bedeutung darf ebensowenig unterschätzt wie überschätzt werden. So wertvoll der geistige Austausch der Gedanken unter den Delegierten und manche -Beschlüsse sein mögen (speziell in organisatorischer Hinsicht), zur »Lösung* grosser Zeit- und Streitfragen sind sie v o 11ständig ungeeignet, so ungeeignet, wie der „moderne“ Parlamentarismus. Diese Tatsache .tritt besonders prägnant im j ü d ischen * Parteileben zutage, wo noch alles in Gärung begriffen ist und * die Klärung unendlich langsame Fortschritte zu verzeichnen hat. Alle Parteitage und Konferenzen tragen daher (soweit sie überhaupt ein positives Ergebnis zeitigen) den Stempel eines Kompromisses, oti sogar eines ungesunden Kompromisses an sich. Ein Produkt dieser Verhältnisse waren auch die Beschlüsse des poalerzionistischen Parteitages. Der Poalezionismus will die Repräsentanz des sozialistischen Flügels der Zionisten sein, eine Organisation •des jüdischen Proletariats, welche unbeschadet der Kooperation mit den übrigen .Zionisten in den allgemeinzionistischen Fragen, in politischer und sozialökonomischer Hinsicht mit den übrigen Proletariern vereint vorgeht. In diesen allgemeinen Sätzen kulminierte die noch nicht vollständig abgeklärte Anschauung der Mehrheit der österreichischen Poalezionisten auf dem Lemberger Parteistage. Es war also die „mittlere Linie“, in der sich der IV. österreichische poalezionistische Parteitag bewegte. Der Parteitag übte Kritik an der Palästinaarbeit, sowie an der bisherigen jüdischen Politik, -ohne a.b e r wie es von mancher Seite gewünscht wurde, sein Heil im u njxndin g t e n Anschlüsse an die marxistisch-sozialdemokratische Partei zu erblicken, wie ja unter anderem auch der Beschluss der A u frechterhaltung der jüdischen •Gewerkschaft bewies. Betreffs der Palästinaarbeit präzisierte der Parteitag seinen Standpunkt (den man auch als Nicht poalezionist teilen kann) dahin, dass er es ab lehne, in der neugegründeten Pale-stine-Land-Developement-Company einen Ersatz für •die Genossenschaft oder eine ihr gleichwertige Institution zu erblicken, wiewohl ihre Bedeutung zunächst als L e h r- und Musterfarm nicht unterschätzt werden darf. Jedenfalls ist es eine Tatsache, dass der Kongress eine die Siedlungsgenossenschaft betreffende Resolution angenommen hat und daher das A. K. die Verpflichtung hätte, den Beschluss des ganzen Kongresses durchzuführen. Den genauesten Einblick in die verschiedenen Strömungen unter den österr. Poale-Zionisten bietet die Debatte über die Taktik. Der Referent bezeichnte die Politik des Jüdischen Klubs ,als programmlos .... sie bietet keine Garantie, dass sie ihren ausgesprochenen demokratischen •Charakter weiterbehalte.Es hängt von der Intensität des Demokratismus ab, ob wir ihr unsere Unterstützung nicht entziehen werden.“ Aber derselbe Referent, welcher in der Kx-itik des „Jüdischen Klubs“ äusserst radikal, betreffs seiner Zukunft äusserst pessimistisch urteilte, legte in der Beurteilung der polnischen Sozialdemokratie (P. P. S.) und speziell der „Jüdischen Sozialdemokratie“ (Z. P. S.) einen beneidenswerten Optimismus und bedauernswerten •Opportunismus an den Tag, welcher insbesondere nach den Beschlüssen der letzten sozialdemokratischen Konferenz in Lemberg nicht am Platze ist, Dieser immer Sozialismus und marxistische Sozialdemokratie verwechselnde Standpunkt wurde noch übertrumpft von jenem anderen Redner, welcher verlangte, dass die Poale- Zion unbedingt die Sozialdemokratie unterstützen sollen. Die Sozialdemokratie ist die einzige (!?) fortschrittliche, revolutionäre Partei. Als proletarische Organisation kennen wir keine andere als die Sozialdemokratie. Dieser einseitige Standpunkt wurde aber von der Majorität des poalezionistischen Parteitages auch vom sozialistischen Flügel nicht geteilt. J Unter grosser Zustimmung konnte der darauffolgende Kontraredner erwidern: „Wir haben mehrmals Gelegenheit gehabt, uns zu überzeugen, dass die Sozialdemokraten der nationalen Gleichberechtigung der Juden nicht geneigt sind. ... Es wurde auch betont, dass der „Jüdische Klub“ bisher nichts Reales geleistet hat. Der Sozialdemokratische Klub, der 87 Abgeordnete zählt, Kat auch bis heute keinen praktischen Erfolg inseiner einjährigen parlaiüentarisehen Tätigkeit aufzuweisen.* Es ist nun ein eigenartiger .Zufall, dass während in dem rückständigen Galizien von vielen im Marxismus der „radikalste Fortschritt“ und die einzig richtige sozialistische wie proletarische Politik noch erblickt wird, in Deutschland, der bisherigen marxistischen Hochburg, der radikal-sozialistische Schriftsteller Gustav Landauer in einem „Aufrufe zum Sozialismus“ bebetitelten Vortrag vor 800 Personen unter grossem Beifall folgende ketzerische Auffassungen entwickelte: „Durch die marxistische Schulung der Arbeiter sind Anschauungen in die Massen getragen worden, die vom Sozialismus weit entfernt sind. Zunächst wird der grosse Fehler begangen, lediglich die Interessen der Arbeiterschaft mit dem Sozialismus zu identifizieren. Das ist falsch; der Sozialismus ' soll nichtfür einzelne Gesellschaftsschichten da sein, er soll alle Menschen vereinen, er ist eben eine Kulturbewegung. Was man heute Sozialismus nennt, ist nicht Sozialismus sondern Marxismus. Die Eroberung des Bodens ist eine Grundbedingung des Sozialismus. Leider muss hier wieder konstatiert werden, dass die heutige sozialistische Bewegung dieser Frage nur eine untergeordnete Bedeutung beimisst. Eben wegen ihres Marxismus wissen es viele Sozialisten nicht, j dass der ganze Sozialismus nur ein Kampf um Grund und Boden ist und so lange das den Kämpfern nicht bewusst ist, sind sie nur sich selbst täuschende Menschen. Auch der Klassenkampf ist nur ein, E rhaltungsmittel der heutigen Z u s t ä n de und führt nicht aus denselben heraus. Er mag heute notwendig sein, um die Massen nicht in grösseres Elend versinken zu lassen, ist aber kein Weg zum Sozialismus.“ Würde man endlich in unserer gesamten Bewegung darüber klar werden, dass die hier dargelegten Anschauungen von grösster Bedeutung für das ganze jüdische Volk, für das Verhältnis zwischen Bürgertum und Proletariat in demselben! sind, dass unsere „bürgerlichen“ Kreise entsprechend der nationalen Eigenart und ‘sozialen Struktur unseres Volkes keine Bourgeoisiepolitik kultivieren dürfen, um als die jüngste nationale Partei modern nationale, unsere Proletarier aber als jüngstsoziale Gruppe, modern soziale Politik — frei vom marxistischen Dogmatismus — verfolgen müssen, dann wären uns verschiedene unerfreuliche Erscheinungen hüben und drüben erspart geblieben. Discite möniti 1 Dr. K. -j; . ■?. Palästina. Mitteilungen des vorbereitenden Komitees der Palest ine Land Development Company. Die Palestine Land Development Company hat ihre Arbeiten in Palästina bereits begonnen. Der Agronom Bermann ist mit einer Anzahl jüdischer Landarbeiter in Dalaika (am Ausfluss des Jordan aus dem Tiberiassee) eingetrcfien und bereitet alles vor, um daselbst den landwirtschaftlichen Betrieb auvzunehmen. Sobald die Regierung die ©aiuerlaubnis erteilt, wird mit dem Bau von Wirtschaftsgebäuden angefangen wertten. Es sollen im ersten Jahre ungefähr 1000 Dunam mit Körnerfrüchten bestellt werden. Nach Fertigstellung dar Ställe und nach Einerntung des Futters von eigenen Feldern wird besonderes Gewicht aui die Rindvieh- und Schafzucht gelegt werden, da die üppigen Weiden im Jordantale hieiür die besten Aussichten eröffnen. Die unerschöpfliche Wassennenge des Tsberiassees und des Jordans soll benutzt werden, um Pflanzungen und Gemüsegärten zu bewässern. Der Ueberituss an Wasser im Verein mit dem ausserordentlich fruchtbaren Boden lassen das Land von Dalaika und Umei Djuni für dfe erste Arbeit der Palestine Land Development Co. als besonders geeignet erscheinen, sobald nur die ersten Schwierigkeiten der Oeifentiichkeit überwunden sind. Indem wir diese Mitteilung der Oefientlichkeit unterbreiten, geben wir der Erwartung Ausdruck, dass all diejenigen Gesinnungsgenossen und Freunde unserer Sache, die noch keine Aktionäre unserer Gesellschaft sind, mit dem. Erwerb von Aktien nicht länger zögern werden. ©ei Ausstattung unserer Gesellschaft mit den nötigen materiellen «Mitteln wird sie hoffentlich in der Lage sein, in nicht mehr ferner Zukunft für die Kolonisation Palästinas und ganz besonders für die Sesshaitmachung Ides jüdischen Arbeiterstandes Bedeutendes zu leisten. I Aktie kostet 1 Pfund Steri., 20.50 Mark, 2-4.25 Kronen. 25.50 Francs, 9.60 Rubel, 5 Dollar. Die Zahlstellen unserer Gesellschaft sind folgende: 1. Für sämtliche Länder: The Jewish Colonial Trust Ltd. London E. C. Walbrook, Brook House: 2. für Deutschland: A. H. Heymann & Co., Berlin, NW. 7., Unter den Linden 59; 3. für Nationalfonids. Wien. IX., Türkenstrasse 9; 5. iür Galizien: Dr. Samuel Rappaport, Lemberg, Sykstuska 33; 6. für Rumänien: Marmorosch ■Blank & Co., Bukarest, für Rechnung des Jewish Colonial Trust, London E. C.; 7. für Holland: Rankierskantoor van Lissa & Kann, Haag. Im Aufträge des vorbereitenden Komitees: gez. O. W'anburg. * * * Das Technikum in Palästina. V Dr. Pari Nathan, der gegenwärtig wieder in Paläsaina weilt, studiert hier die verschiedenen Städte, die iür die Er.!,:htung des neu zu gründenden Technikums in Betracht kommen, auf ihre Eignung zu diesem Zwecke. Dr. Nathan und Achad Haam sind iür Haifa, während andere angesehene Persönlichkeiten Jerusalem als den geeignetsten Platz betrachten. Nach der Ansicht von Dr. Nathan ist Haifa deshalb vorzuziehen, weil es durch seine Lage an: Meere, sowie durch seine Eisenbahnverbindung mit Damaskus einer grossen Zukunft entgegengeht. Der Handel wächst dort zusehends, und auch die Industrie ist in ständiger Entwicklung begriffen. In Haifa wird jetzt der Haien ausgebaut, und die Stadt wird so immer mehr zum wirtschaftlichen und kulturellen Mittelpunkte Palästinas. Es muss frühzeitig dafür gesorgt werden, dass in Haifa ein starkes jüdisches Zentrum erstehe, um die durch die Lage der Dinge geschaffenen wirtschaftlichen Vorteile für -die Juden auszunützen. Die Gründung der technischen Schule in Haifa würde sicherlich nach dieser Richtung hm sehr viel nützen. Die Partei, welche iür die Errichtung des Technikums in Jerusalem ist, weist auf die Notwendigkeit hin, dem bestehenden jüdischen Zentrum in Jerusalem neue Lebenskraft zu- Russland: J. L. Goldberg. Wilna; 4. für Oesterreich: Sammeistelle des Jüdischen