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Jüdische Zeitung · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · p. Seite 8

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Zufuhren. Der Einfluss der Juden in Jerusalem, und die Rolle, welche sie im Lande spielen, würden dadurch eine wesentliche Hebung und Stärkung erfahren. Auch wird die Befürchtung ausgesprochen, dass in Haifa das Technikum deutschen Einflüssen . allzu sehr unterliegen müsste, während es in Jerusalem eine echt jüdischnationale Anstalt mit der hebräischen Unterrichtssprache bleiben muss. In diesem Sinne haben viele Juden Palästinas Dr. Nathan eine Adresse überreicht. Gegen Haifa sprechen auch administrative Schwierigkeiten, welche mit einer eventuellen Errichtung des Technikums in dieser Stadt verbunden sah könnten. Haifa untersteht dem Wali von Beirut, der selbst Kindergärten nicht er-, öffnen lässt, weil er die, Stärkung des deutschen Einflusses fürchtet In Jerusalem dagegen wird man voraussichtlich ohne Schwierigkeiten und polizeiliche Schikanen die Schule begründen können. Augenblicklich 'hat sich Dr. Nathan nach Beirut begeben, um mit der dortigen admmistratvven Behörde persönlich zu verhandeln. Es wäre sehr zu wünschen^ dass diese Verhandlungen 'Erfolg hätten, denn, wie die, Dinge einmal liegen, muss doch Haifa zweifellos als der geeignetste Platz für das neue Technikum betrachtet werden, wenn es nicht gegenwärtig überhaupt der einzige Ort ist an dem die Errichtung einer höheren .technischen Schule den Juden und dem Lande wirkliche Zukunftsaussidhten eröffnet Die Befürchtungen eines überwiegend deutschen Einflusses, die der Wali auch vom Technikum zu hegen scheint, wird Herr Dr. Nathan sicher durch Hinweise auf die Zweckbestimmung der Schule entkräften können. * * * Neue jüdische Kolonie in Palästina. Aus New7 York wird geschrieben:’Der Gründer der jüdischen Kolonie Rechoboth bei Jaffa, die bekanntlich zu den besten Kolonien Palästinas zählt, Herr Lewin-Epstein, reist dieser Tage abermals nach Palästina ab, um eine zweite Kolonie auf derselben Basis w'ie Rechoboth ins Leben zu rufen. An dieser neuen Kolonie beteiligen sich fast ausschliesslich ’ wohlhabende amerikanische Juden, die eine Gesellschaft mit gleichen Anteilen bilden und gemeinsam den Landkomplex kaufen und bewirtschaften lassen w7erden. Korrespondenzen. Betbausgelder für Antisemiten. Gderberg. {Orig.-Korr.) Wir stehen im Zeichen des allgemeinen Jubiläumsjahres; auch wir feiern hier ein zehnjähriges Gründungsfest unseres ßethausvereines. Natürlich lassen sich unsere Herren Obermcszkos diese Gelegenheit nicht entgehen, uni den früheren" Zeichen: ihrer Charakter!osigkeit ein neues hinzuzufügen. Am 29. Juni1 soll ein Jubiläumsfest stattfinden und wurde für dessen Vorbereitung ein Jubiläumskomitee gebiMeL In seiner letzten Sitzung beschloss dieses Komitee einen grossen Teil des eventuellen Reingewinnes dem antisemitischen Deutschen Schulkreuzerverein zuzuwenden. Dieser heldenhafte Beschluss wurde von den schlesischen deutschnationalen (lies: antisemitischen und von Juden erhaltenen) Blättern in die Welt posaunt. Kann denn ein jüdischer Verein keine bessere Verwendung für sein Geld linden, als für die Unterstützung einer ausgesprochen antisemitischen Institution? Galizien. ' Proselytenmacherei. Wadewice. (Orig.-Korr.) Die Fälle, wo jüdische Mädchen im unmündigen Altar entführt und in den Schoss der alleinig seligmachenden Kirche von allzu eifrigen Seelenrettem gelockt werden, haben sich besonders in den letzten Jahren stark gehäuft. Die Eltern der entführten Kinder iühren dann gewöhnlich einen aussichtslosen Kampi. um ihr Fleisch und Blut den Räubern zu entreissen. Die eingeileüteten Recherchen führen in der Regel ■bis zu den Prorten des Klosters und dort bricht sich die Macht der Staatsgewalt. Und wenn auch unzweideutig nachgewiesen wird, dass hochwü rdiige Herren uitd gebetbeflissene Nonnen ihre Hand kn Spiele haben, so findet sich doch kein. Staatsanwalt, der gegen säe . eine Anklage erheben würde. Eine rühmlicne Ausnahme in dieser Beziehung machte der Staatsanwalt von Wadowice, der sich vom G<Jrechrigkeitsgeiüm 1 e leiten lieSS und gegen die Nqraie Aniela ßzowska, Vorsteherin des *N zsCretnie-yGosters in Wadowice, und' gegen Anna M ä r k i e w7 k’ a aus ßeuthen in PreusSisch-Schksieri, Aufseherin der Jesuitenanstalt in B o -b r k i, gegen die Sekretärin des j Kranhennauses in 3Wadowice Manie L a s c i a k! ,. j und gegen den Bevollmächtigten der Güter der j Fürstin Ogin-ska Kasimür p o r a w s k i, Direktor. | der Jesuitenanstalt in -Bobrki, die Anklage wegen j Verbrechens dar öffentlichen Gewalttätigkeit, begangen durch Entführung der 13jährigen Balblne Goldfinger, erhob. Die Vorgeschichte dieses 'Prozesses ist folgende: Der Schankwirt Goldfinger wanderte mit seiner Frau und drei Kindern aus Zembryce nach Amerika aus und nur seine Tochter Balbine Qodd“- finger konnte wegen, eines schweren Augenleidens nicht naehfahren und blieb bei ihrer Tante Sala Lea’bner, weiche sie in das Krankenhaus in Wadowdee brachte, Balbine Goldnnger beschloss nun, wahrschefhlich unter dem Einflüsse der Nonnen, w'elche die Krankenpflege besorgen, sich tauten zu lassen. Als ihre Tante sie im Juni, v. J. aus dem Krankenhaus© ab-holen wollte, erfuhr sie, dass Balbine Goldfinger sich nicht mehr im Spitale. befand und erst weitere Nachforschungen, die zur Verhaftung einer .gewesenen Patientin im K-rankerihause, Anna Kara, führten, ergaben, dass die Anna Kara und die Goldfinger, weiche sich in Wadowdce, viel an den gemeinsamen Gebeten beteiligt hatte, mit der Nonne Lasciak fortgefahran war. In Krakau wrar sie in das Nazaretinerinnen-KIoster, gebracht worden. Von dort ab fehlt jede Spur des Verbleibens der 'Goldfinger und erst als eine Revision des Klosters angedraht wurde, kam zutage, dass die Goldfil ger sich erst in das Felicianerinmen-Kloster in Krakau, von ‘da nach Beuthen, später nach Wien begeben hatte, w7o sie unter dem Namen Anna ‘Haase beim Tischlermeister Holuja in Dienst getreten war. Hier verblieb sie bis 22. November v. J. und iuhr dann nach Krakau, wo sie gerichtlich vernommen wurde. Dann wurde sie in der Anstalt in Bobrki untergebracht. Dort verschwend sie am 15. Dezember abermals und es ist bis heute den Nachforschungen der Behörden nicht gelungen, ihren Aufenthalt zu eruieren. An der Entführung des Mädchens soll sich auch Porawski beteiligt haben. Alle Angeklagtem stellten entschieden jedes Verschulden in Abrede. Sie erklärten, nicht gewusst zu_haben, dass Balbine Goldfinger das unmündige Alter noch nicht überschritten habe.. Sie hätten über ihre Bitten dem Mädchen, das behauptete, obdachlos zu sein, Unterkunft gewährt. Aus Bobrki sei sie ohne ihr Zutun und Wissen dann verschwunden. ' Die Verhandlung endete mit der Freisprechung aller Angeklagten, da die Geschwomen mit Stimmenmehrheit die Schulafragen aui Entführung verneinten. Ein jüdisches Nationalbaus. Rymanow {Orig.-Korr.) Im Mai d. J. wurde hier der Verein „B-eth Israel“ gegründet, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, ein jüdisches Nationalhaus zu errichten. Seinen Bemühungen ist es gelungen, ehren: geeigneten Bauplatz iür diesen Zweck zu erwerben. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, dass der Verein bereits im nächsten Jahre mit dem Bau des Hauses wird beginnen können. So wird auch in unserer Stadt in kurzer Zeit ein äusseres Zeichen zielbewusster jüdischnationaler Arbeit erstehen . Russland. Eine russische Gerichtsfarce. Biaiystok. In Russland ist Frau Justitia nicht nur blind, sondern auch krumm. Drei Jahre musste sie hinken,. bis sie sich endlich dazu entschloss, gegen die Hooligans, die im Jahre 1905 in Biaiystok eine fröhliche Judenhetze inszeniert,. hunderte Juden geschlachtet und die ganze jüdische Bevölkerung an den Bettelstab gebracht hatten, cfnzuschreiten. Die Untersuchung bewegte sich in. den landesüblichen. Bahnen. Wer die Wahrheit, sagte, und die Behörden als die Schuldträger bezeichnete, wurde ausgeschieden. Nun, da alles vorbereitet, kann die Farce losgehen, die iür. jeden Faß : zweifellos damit enden wird, dass keinem einzigen, der Monier ein Haar gekrümmt wird. Demi sie: werden entweder freigesprochen oder nachträglich vom Väterchen begnadigt weiten. Ueber den Verlauf des Prozesses selbst berichtet die „Russische Korrespondenz“ folgendes: Gleich zu Beginn der Verhandlung spielte sich eine, charakteristische Szene ab. Höhere Milätärpersomen bekundeten die für die damalige Biaiystok er Militärverwaltung kompromittierende i Tatsache, dass‘sie ohne Antrag der Zivil Verwaltung in ungesetzlicher Weise die Macht’ über die Stadt sich’ angeeignet hat. Da erklärte der Gerichtsvorsitzende, dass die Handlungen. de’r Behörde dicht: erörtert werden dürfen und Hess weitere Aussagendarüber nicht zu. Im Verlaufe der weiteren Verhandlungen stellte sich heraus, dass niemand die angeblich geschleuderten Bomben, die von der Ortsbehörde als Anlass des Pogroms bezeichnet. worten waren, gesehen hat. Desgleichen wurde: die Behauptung, dass dem Pogrom eine grosse Erbitterung der christlichen Bevölkerung gegen die: Juden vorausgegangen sei, völlig widerlegt. Der Prozess nimmt bereits ein nervöses- Tempo an. Viel© Zeugen aus Id'er Bi aly stoker Ge- - Seilschaft, die unbequem werden könnten, werdem unter den nichtigsten Vorwänden ausgeschaltet.. Nach: dem. Muster der früheren Pogromproz-esse sind deswegen Zusammenstösse zwischen den Verteidigern und dem Vorsitzenden auf der Tagesordnung, weil letzterer alle Versuche einer "gründlichen Erörterung der allgemeinen Umstände des- Pogroms unterdrückt. Trotzdem stellen sich schon viele Lügen der Untersuchungsakten heraus. Die- Behauptung, däss die Metzelei am Bahnhofe durch die jüdische Selbstwehr veranlasst sei, erweist. Sich als völlig erfunden, da diese Leute nach Aussage von »zehn Zeugen überhaupt erst nach dem. Pogrom am Bahnhöfe1 erschienen. Die Verhandlung am Mittwoch beleuchtete neuerdings das Verhalten der Zivilbehörden während des Pogroms. Zwei ßialystoker angesehene Bürger bekundeten, "sie hätten den Gouverneur rechtzeitig auf den bevorstehenden Pogrom aufmerksam gemacht. Da habe der Gouverneur geantwortet: „Ein Pogrom wird stattfimlden, wenn von den Balkons Schüsse fallen werden,“ Tatsächlich begann der Pogrom mit einem solchen- Schuss, der von einem Mann in Dolizeiunifarm abgegeben wurde. Tagelang hatten die Juden, so sagte der eiine Zeuge, um sich vor dem Tode zu. retten, in. schmutzigen Verstecken: zugebracht. Wie gemeldet w'ird, "ist das Urteil im: Prozess bereits gefällt worden. 15 Angeklagte: wurden freigesprochen, ein Angeklagter zu drei. Jahren und einer zu sechs Monaten Kerker verurteilt Woraus hervorgehen soll, dass bloss zwei; Leute im Jahre 1905 gegen die Juden exzediert haben. Es ist fürwahr in Russland weit ungefährlicher, Juden zu morden, als verbotene Bücher zu: lesen, denn -dafür wandert man für viele Jahre, naoh Sibirien. ' Talmud-Thcra-Schulen in Russland. Astrachan. Das jüdische Schuhvesen in Russland krankte bisher an einem Geiste, der nirgends so unsympathisch w'irkt, wie gerade in Schulangelegertheiten, nämlich an einem beinahe fanatischen Kastengeiste. Trotz der vielgepriesenen demokratischen' Ueberzaugungen, die angeblich in der russischen Judeitheit herrschen, sollen, sind wohl nirgends die Unterschiede zwischen reich und arm so ausgeprägt, wie unter den russischen Juden. Wenigstens aui dem Gebiet des Schulwesens will man nunmehr diesem —- besonders einer gleichmässig unterdrückten Gemeinschaft — unwürdigen Zustande ein Ende maohen. Im Auslande hat man kaum eine Vorstellung, was hierzulande eine „Talmud-Thora-Schule“ heisst. Das sind jüdische Schulen -fiir arme Kinder, Schulen, die erst in der letzten Zeit Fenster bekommen haben — -im wahren Sinne des Wortes zu verstehen, da es meist schmutzige, -dunkle und kleine Räume waren, in denen arme, ausgehungerte

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