Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 . JÜDISCHE ZEITUNG . ._ Seite 5 Judenviertel' nach Krakau.“ Und er sprach die Wahrheit. Der Strom der kapitalistischen Entwicklung hat in Galizien Bilder von Elend und Verkümmerung hervorgebracht wie sie in Europa sonst nidht zu finden sin'd, hat Typen von Menschen und Lebetfsgewohirheiten .geschaffen, welche alle Schilderungen der 'kühnsten Pessimisten in den Schatten stellen. Blasse, magere, abgehärmte Menschen, die Kleider zerrissen und die Fetzen nachhängend oder zusammengenäht, gewöhnlich, verschmiert mit Talg, Kalk oder anderen Staffen, oit mit Teer bestrioheav, das ist das gewöhnliche Aeussere eines jüdischen Proletariers. Die Weiber, in den dreissiger Jahren schon stark gealtert, mit gelbem, hartem Teint, , ein Gesicht-volL Runzeln, in ärmlichen, abgetragenen Kleidern lassen die Spuren einstiger Jugndfrische nicht mehr erkennen^ Und solche Menschen mit solchem' Aussehen, Hunderte an Hunderte, Tausende an Tausende gereiht, wohnen sie in iibertiihchten, unregelmässigen Lehmhütten, die vom Geschrei schmutziger Kinder und den tausenden qualvollen Sorgen ums tägliche Brot erfüllt werden. Die Gassen, welche aus diesen Häusern gebildet werden, bieten einen einzigen An'bick dar. Die Häuser haben 'vielfach keine Aborte mii keinen Hoiraum; aller Mist und aller Unrat kommt daher auf_ die Strassen und in die Gräben und in vielen Gassen schlängelt sich durch deren Mitte im Sommer bei einer Hitze, die Bäche austrocknen macht, stets ein grüniichschtmmernder, stinkender Bach. In den Hütten wohnen in einzelnen schmalen Z'rmmerchen mitunter Familien mit acht Kindern. Kein Wunder, dass Krankheit aller Art, Skrofulöse, Augenkrankheiten, Lungensucht usw. furchtbar hausen, dass die Sterblichkeit, deren Durchschnitt im ganzen Lande 32 Promille beträgt, bei /den jüdischen Proletariern gegen 60 Promille ausmacht. Meine Herren! Hören Sie die paar Zeilen! Das ist kein Stoff zum Lachen, hoch würdigster Herr. (Abgeordneter. Pastor: Ich lache?) Nicht Sie, aber der Herr Abgeordnete Bauchinger. Darüber, dass Leute so verwahrlost sind, lachen Sie? Das sind entsetzliche Daten, es ist herzbrechend, wenn man dieses Elend sieht, und die Abgeordneten des Landes Galizien ohne Ausnahme, ohne Unterschied der Parteistellung werden Ihnen diese Zustände bestätigen. „Die Lebenshaltung dieser Unglücklichen ist die niedrigste: während der Woche Kartoffeln, Maisbrot und Zwiebel, alles spärlich, alles abgerechnet und abgewogen und nur am Samstag ziert Fleisch niederer Gattung den Tisch. Unter den Arbeitern verdient in erster Reihe die volle Aufmerksamkeit der jüdische Handwerker. 'Das jährliche Einkommen eines solchen Handwerkers kann auf 100 bis 200 fl. beziffert werden. Das sind die Ausbeuter! In 'den Kerzeafabriken ist das Personal ausschliesslich weiblich. Junge, jüdische Mädchen zwischen 16 und 18 Jahren arbeiten zeitweise ununterbrochen 33 von je 36 Stunden und verdienen für je 12 Stunden 30 bis 40 kr. Das Los dieser Mädchen ist jedooh ein beneidenswertes gegenüber dem anderer. Mädchen, die beim Federschieissen beschäftigt sind, haben-einen faglohn von 10 bis 20 kr. Ebenso traurig ist die Lage derjenigen Mädchen, die von den Bohnenexpoi teuren zum Auslesen urtd Reinigen der Bohnen verwendet werden. (Abgeordneter Kunschak: Wer sind diese .Exporteure?) Meine Herren! Die christlichen und jüdisohen Wucherer und Ausbeuter beuten gleichmässig den jüdischen und christlichen Arbeiter und kleinen Mann aus. Wir verurteilen gleichmässig die jüdische und die christliche Ausbeutung, Sie aber sind parteiisch ijiid verurteilen nur die jüdische Ausbeutung. Auf unsere Beurteilung übt es keinen Einfluss, von welcher Nation oder Konfession die Ausbeutung ausgeht — wir verdammen sie ausnahmslos! Bei einem. Taglöhn von 15 bis 20 kr. sitzen sie zu 20 bis 30 an der Zahl in engen Stübchen zusammengepfercht, Körper an Körper bis 9 Uhr abends in eine undurchdringliche Staubwolke gehüllt, aus der mitunter ein heiseres Lachen oder ein trockener Husten herauszittert.“ Ein tiefes Weh ergreift jedes Menscbenherz, wenn man sich diese erschütternden Verhältnisse und Zustände vergegenwärtigt. Diese Schilderung habe ich hier vorgebracht, um einmal das furchtbare Elend der jüdischen Proietdriermassen in Galizien, einem Lande, welches nahezu 900.000 Juden zählt, zu zeigen, und um einmal die phantastischen Darstellungen von dem grossen jüdischen Reichtum und der Arbeitsscheu der Juden zu zerstreuen. Antwort an Herrn Dr. J. Bloch. Herausgeber der „Österr. Wochenschrift“ in Wien. Die Obmännerkonferenz deij zionistischen Studentenschaft Wiens gibt über einstimmigen Beschluss vom 21. d. M. folgende Erklärung ab: Herrn Dr. J. Bloch hat es gefallen, sich als Verteidiger des Herrn Baurates Marmorek aufzuspielen und hierbei die jüdischnationalen Studenten Wiens zur Stellungnahme herauszufordern. Wir sind nicht gewohnt, über Aufforderung eines Herrn Dr. Bloch zu sprechen und dem Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift“, welcher unseren Führer H er z 1 in den Kot gezerrt und die zionistische Organisation durch Anbiederung zu diskreditieren sucht, Rede zu stehen. Wenn wir im vorliegenden Falle eine Ausnahme machen, so geschieht es, in allen Missverständnissen bezüglich unserer Stellung gegenüber Herrn Baurat Marmorek endgültig zu begegnen. Wir erklären, dass die organisierten zionistischen Studenten Wiens nach wie vor den Standpunkt des Distriktstages teilen, der ausgesprochen hat, dass Herr Banrat Marmorek das Vertrauen der innerösterreichischen zionistischen Organisation nicht geniesst. Die Gründe hierfür sind: Herr Baurat Marmorek hat zwecks Erlangung eines Kultusraandates gegen den Willen der Wiener Organisation mit der herrschenden Kultuspartei ein Kompromiss geschlossen. In der bekannten Taussigaffäre, die seinerzeit in den Kreisen aller ehrlichen und selbstbewussten Juden einen Sturm der Entrüstung auslöste, hat es Herr Baurat Marmorek unterlassen, gegen den Geldvermittler der russischen' Regierung und damaligen Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde Ritter v. Taussig im Kultusrate -und vor der Oefientlichkeit Stellung wzu nehmen, vielmehr — zu einer Zeit, als die zionistische Organisation bereits gesprochen hatte — öffentlich erkärt, „er habe sich über die Angelegenheit noch keine Meinung gebildet.“ Durch dieses Vorgehen hat er die zionistische Organisation als deren Mandatsträger er galt, auf das schwerste diskreditiert und ■ geschädigt. Herr Baurat Mar m.o r e k gibt vor, als Zionist im Kultusrate zu sitzen. Er hat es aber bis jetzt vermieden, auch nur einmal für die Postulate des zionistischen Kultusprogrammes, als da sind: allgemeines Wahlrecht für dieKultusgemeinde, Propagierung desjüd i s chn at ionalen Gedankens von der Kultusstube aus, Fühlungnahme mit der Masse der jüdischen Wählerschaft etc. einzutreten. Sei ne T ätigk eit im Kultusrate entspricht dem seitens der Zionisten mit Recht so heftig angefeindeten Systeme der herrschenden assimilatorischen K u 11 u s c li q u e. Anlässlich der letzten Kultus- und Reichsratswahlen hat es Herr ßaurat Marmorek nicht für gut befunden, als Zionist dem Kampfrufe der Organisation zu folgen. Wir erachten demnach die Angelegenheit für uns so lange für erledigt, als nicht der Distriktstag dieses über Herrn Marmorek gefällte Urteil auf Grund des Referates seiner Untersuchungskommissipn zii ändern für gut befinden wird. , Unser Vertrauen, in die. Organisation steht fest and am wenigstens ist di e ,Wü h 1 arb e it des anscheinend wohTin formierte n Artikelschreibers der„Blochschen Wochenschrift“ geeignet, dieses Vertrauenzu erschüttern. Die Obmännerkonferenz der organisierten zionistischen Studentenschaft Wiens. Eine Zentralstelle für das jüdische Armenwesen. Es wäre ungerecht, wenn wir aus Abneigung gegen die durch ,aristokratischen“ Dünkel bedingte Rückständigkeit der Wiener Kultusgrössen verkennen würden, dass selbst in deren Machtbereich der allgemeine Zug nach Ordnung und Konsolidierung der jüdischen Kräfte unaufhaltsame, wenn auch langsame Fortschritte macht. Eine der wundesten Punkte an dem kranken Leibe der Wiener Kultusgemeinschaft war bis nun das Armenwesen, welches nebst der Kultusgemeinde,zahllosen Vereinen überantwortet war, ohne dass diese Organe miteinander irgendwelche Fühlung gehabt hätten. So konnte es kommen, dass einerseits sich ein Berufsschnorrertum eingenistet hat and dass anderseits wahrhaft Hilfsbedürftige nicht rechtzeitige oder nicht ausreichende Hilfe fanden. Die seit II Jahren auf der ,Tagesordnung stehenden Bestrebungen nach Zentralisierung des jüdischen Armenwesens scheinen jetzt endlich um einen Schritt der Verwirklichung näher gekommen zu sein. Für den 9. Juni wurde von einem „anonymen“ Komitee eine konstituierende Versammlung der Wiener jüdischen Wohltätigkeitsvereines zwecks Schaffung der Zentralstelle einberufen, wobei es in der Einladung merkwürdigerweise hiess, dass die Versammlung nur eine Stande dauern dürfe. Der zahlreich beschickten Versammlung präsidierte das Kultusvorstandsmitglied D r. Steiner. Nach einem allgemeinen Referat des kaiserlichen Rates* Dr. Krüger über die Notwendigkeit der Zentralisierung machte Herr Kohn vom Wohltätigkeitsverein Brigittenau auf die Mängel des vom vorbereitenden Komitee ausgearbeiteten Regulativs aufmerksam. Auf die lauten Zwischenrufe einer Anzahl von Delegierten, dass ihnen dieses Regulativ überhaupt nicht bekannt sei, bat Doktor Krüger, man möge doch Vertrauen zum Komitee haben, das dieses Regulativ erst nach langen und eingehenden Beratungen mit einigen Vereinen zustande gebracht habe. Durch diese Erklärung wurden aber noch erregtere Zwischenrufe ausgelöst, dass es eingeweihte und nichteingeweihte Vereine gäbe und dass die nachträgliche Zuziehung der letzteren sinnlos erscheine. Als nun Dr. Krüger die enbloc - Annahme des Regulativs beantragte, verlangte Doktor Z i p s e r zunächst dessen Verlesung. Diesem Verlangen wurde nach einigem Widerstreben der Versammlungsleiter entsprochen. Hierauf wandte sich Dr. Z i p s e r unter Zustimmung eines grossen Teiles der Versammlung insbesondere gegen den Punkt des Regulativs, wonach der Zentralstelle nur jene Wiener Wohltätigkeitsvereine etc. angehören sollen, welche über ihr förmliches Aufnahmeersuchen durch das Kuratorium zugelassen werden. Der Redner bemängelte, dass nicht angegeben werde, welche Wohltätigkeitsvereine eigentlich gemeint seien, ob nur jüdische oder auch interkonfessionelle und beantragte, die Beschränkung auf j ü d i s c h e Vereine offen auszusprechen. So könne auch 'die Bedingung einer Zulassung durch das Kuratorium wegfallen, weil andern- V-