Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438192--0613-2440141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wissen. Wo sind Uenn beispielsweise die Juden in, der Intendanz, rrn Auditoriat, im obersten militärischen Justizsenate; im obersten Gefällsstraigericht, im Justizministerium, bei den Oberlandesgerichten, beim obersten Gerichts- und Kassationsi hole, in der Oaneralprokuratur, beim Verwaltungsi geriohtsiiofe, beim Reichsgericht, bei den politij sehen Behörden? Haben wir irgendeinen jiidi- . sehen Bezinkshauptmann, Statthalter«- oder Rej g'ierungsrat, Regierungssekretär oder Regierungs- ] kommissär? I , Es ist nun bezeichnend, dass alle Judenfeind- , liehen Anträge von Iden Christlichsozialen aus-! gehen, die sich auch: -ihres Deutschtums rühmen, j und überdies von dem Gros der deutschen Par-! teien. Alle diese auf -Entrechtung der Juden, auf > Ausmerzung der Juden aus den. öffentlichen und , Staatsanstellungen, auf Beschränkung der Juden; hdnsichtHch des Besuches der Hoch- und Mittelschulen, alle diese gegen die Juden gerichteten (reaktionären und' (ungesetzlichen Massnahmen gehen von dem Gros der deutschen Parteien aus. Die Herren übersehen da, dass all dasjenige, was sie jetzt gegen die Juden planen, sich auch gegen die Deutschen wenden wird. Die Herren mögen nicht vergessen, dass sie «ine Minderheit im Staate repräsentieren; mehr als zwei Drittel der österreichischen Völkerschaften sind Slawen und die könnten mit denselben Argumenten fordern, dass die prozentuelle Zulassung zu den Staatsämtern und zum Besuche der Hoch- und Mittelschulen auch hinsichtlich der Deutschen eingeiührt werde. Warum soll denn die prozentuelle Zulassung zu Staatsanstellungen und zum Besuche der Hoch- und Mittelschulen auf die Juden allein beschränkt bleiben? Wenn die Deutschen vielfach die Errichtung, deutscher Schulen und Lehranstalten fordern, be-: gründen sie dies mit der grossen 'Frequenz dieser: Anstalten durch deutsch sprechende Schüler. Woher -kommt aber diese grosse Frequenz? Notorisch: daher, weil -ein grosser Teil der jüdischen Studierenden ach bisher zum Deutsohtume bekannt und sich als Deutsche ausgegeben haben. . Daher kommt es. dass -beispielsweise.. die, Zafii der deutschen Studierenden an den öster-' reichisChen technischen (Hochschulen 47.10 Prozent ausmacht, ohne die Juden aber um 16.05 Prozent weniger, daher bloss 31.05 Prozent. (Meine Herren! Das können Sie nachlesen hier in den offiziellen statistischen Ausweisen in der Parlamentsbibliothek! An den Universitäten waren im Jahre 1904/05 43.83 Prozent deutscher Studierender und ohne die Juden um 15.31 Prozent weniger, sonach - bloss 28.52 Prozent An dien Gymnasien und Realgymnasien im Jahre 1903/04 4L5 Prozent oder im Jahre 1904/05 38.5 Prozent, denn aber ohne die Juden um 14,14 Prozent weniger, sonach bloss 27,5 Prozent oder 24.11 Prozent für die Deutschen. An den Realschulen 48.61 Prozent, ohne die Juden weniger 13.54 Prozent, bleiben bloss 35.07 Prozent An den Gewerbeschulen 52.9 Prozent ohne die Juden um 6 bis 7 Prozent weniger, also etwa 46.9 bis 47.9 Prozent; an den verschiedenen gewerblichen Fachschulen 60.5 Prozent ohne .die Juden um etwa 15 Prozent weniger, also bloss 45 Prozent an den Handelsschulen 65.2 Prozent, ohne die Juden um 15.8 Prozent weniger, also lediglich 49.4 Prozent. Das sind Zittern.aus dem 74. Bande der „Oesterreichiscban Statistik“, hier in der Parlamentsbibliothek nachzulesen. Diese Ziffern sind authentisch. Als es sich um die Schaffung des grossen Wohlreformwerkes handelte, da wurde von Iden Deutschen als Grund zu ihrer vorzugsweisen Berücksichtigung bei der Mandatsverteilung und Schaffung der Wahlbezirke in mehreren Provinzen, namentlich aber in den gemischtsprachigen Ländern Böhmen, Mähren, Schlesien, auch in der Bukowina ihre höhe Steuerleistung, ihre grosse wirtschaftliche Bedeutung sowie ihre hervorragende Beteiligung in 'Handel, Gewerbe und Industrie ins Feld geführt, Argumente, die (Joch in gleichem Masse auch zugunsten der Juden sprechen. Was geschah aber bei -dieser Berechnung? Nachdem notorisch derzeit noch die jüdischen Industriellen, Unternehmer und Fabrikanten, usw. sich zu Iden Deutschen zählen, haben die Deutschen die Steuerleistung der Juden als etwas Selbstverständliches für sich reklamiert und prak-. tisch ausgenützt. (Haben aber deshalb 'die Juden von den Deutschen irgendwo ein Mandat bekommen? Das nicht!. Wiissen Sie,, wie das toezeich-’; net wird? Fragen Sie nur den Abgeordneten Di. Lecher, ist etwa sein Deutschtum minder- 1 wertig? Der sagte: Es ist eine Schande und un- : moralisch, vor den Wahlen die jüdischen Stimmen! für sich zu werben, nach den Wahlen aber die I Juden nicht kennen zu wollen oder gegen sie auf- I zutreteh..! I Nur mit Hinzurechnung der jüdischen Steueri leistung besitzen die Deutschen in Prag und in Böhmen die Hälfte der gesamten Steuerleistung. •Und der -hodbweise Stadtrat von Asch in Böhmen hat erst i vor einigen Tagen den ein- . heiligen Beschluss gefasst, die städtischen Wasserleitungsrohre nur bei keinem tschechi- . sehen und jüdischen Fabrikanten zu -bestellen. | I I Die Regierung und die Juden. Es -ist ja ein vergebliches Beginnen, hier dem hohen Hause, der Majorität des Hauses, den Artikel XVIII unserer Staatsgruridgesetze in Eninnej rung zu bringen, der da lautet: „dass es jederj mann .freisteht, seihen Beruf zu wählen, sich für denselben auszubilden, wie und w-o er will.“ Dass die Resolution Schnöd gegen diese staatsgrunidgesetzliche Bestimmung ganz flagrant verstösst, ist für jedermann klar; Ihre Auslegung ] ist willkürlich und rabulistisch. Diese ingeniöse Erfindung „der Staatsgnmdgesetze nach Prozenten“ ist aber auf das Schuldkonto der Regierung zu setzen; denn die Regierung hat dieses System des Bevölkemmgsprozentsatzes bereits eingeführt- ■ -Bei deji Militärärztestellen. Und der Herr Minister für Landesverteidigung hat hier auf meine und meines Klubkollegen Dr. Gabel Ausführungen unrichtige Angaben gemacht. Derzeit dienen jüdische .'Militärärzte aktiv, und zwar. als . Generalstabsarzt - keiner; - als Oberstabsärzte I. -Klasse 4; als Oberstabsärzte fl. Klasse 11; als Stabsärzte 13, als Regimentsärzte I. Klasse 20, als Regimentsärzte IL Klasse keiner, als Oberärzte 4, zusammen also 52. Bei einem systemisierten Stande von 1236 Militärärzten macht dies 4.36 Prozent ans. Selbst wenn man die 43 Aerzte der Landwehr mitzählt, macht -das 95 aus und bei dem Gesamtstande würde noch immer der Prozentsatz 6.89 Prozent ausmachen, keineswegs aber 18 Prozent! Wenn der Herr Minister das Drei-, Vier¬ oder Fünffache behauptet, dann nennt man das Beantwortung von Interpellationen, und das Haus nimmt selbe zur Kerintnis, weil Herr v. Uriel, der' als Despot das Militärsanitätswesen leitet, -diese Auskünfte erteilt hat. (Ruf: Dem Minister glauben wir mehr!) Der jüdische Grundbesitz. Was den Grundbesitz betrifft, der den Juden so sehr verübelt wird, so werden hier die phantastischesten Uebertreibungen vorgebracht. loh bitte, zunächst ist doch notorisch, dass in den meisten westösterreichischen Ländern, so in Öberösterreich, Tirol, Salzburg, Vorarlberg, Kärnten, Krain, Steiermark ulsw. die Juden keinen Besitz haben. In Galizien, von welchem Lande die übertriebensten Behauptungen auf gestellt werden, beziffert sich der Grundbesitz, wie folgt: Der gesamte landtäfliche Besitz Galiziens beziffert sich auf 2,916.630 Hektar. Davon ist öffentliches Gut: 505.374 Hektar 17-33 Prozent; juristischer Besitz: 25.745 Hektar 0.88 «Prozent christlicher Besitz: 2,183.892 Hektar 71.45 Prozent; jüdischer Besitz: 301.619 Hektar ~ 10.34 Prozent, also um etwa 1 Prozent weniger als die Bevölkerung. (Zwischenrufe.) Die statistischen Daten sind den Publikationen des Dr. Pilat entnommen, herausgegeben vom galizischeu Landesaüsschusse und vom Abgeordneten Professor Buzek. Die Bevölkerung Galiziens beträgt aber 7,315.939 Einwohner und verteilt sich selbe wie folgt: Katholiken 6,456.284 SS.24 Prozent; griechisch Nichtunierte 2352 0.03 Prozent; Protestanten 44.382 — 0.63 Prozent; Israeliten 811,183 11.09 Prozent, also nahezu um 1 Prozent ist der Besitz geringer, als die Anzahl der jüdischen Bevölkerung. Was die Bukowina betrifft, so beträgt die gesamte Bodenfläche 1,044.290 Hektar, wovon auf den Besitz des Staates, des Landes, der Gemeinden, Korporationen und sonstiges öffentliches Gut 104.188 Hektar 9.98 Prozent entfallen; die restliche Bcdaniläche verteilt sich zu 45.09 Prozent auf -den' sogenannten Klein- und 44.93 Prozent auf den Grossgrundbesitz; von diesem letzteren befinden sich 25.71 Prozent (268.495 Hektar) Üer gesamten Fläche im Besitze des Bukowinaer griechisch-orientalischen Religionsfonds und 19.22 Prozent (144.694 Hektar) entfallen auf den privaten . Grossgnmöbesitz. Etwa der fünfte Teil befindet sich in den Händen der Juden. Die Bevölkerung der Bukowina beziffert sich wie folgt: Unter 730.000 Einwohnern, sind rund 500.000 6S.56 Prozent griechisch-orientalisch, 110.000 15.33 Prozent katholisoh, . 19.000 bis 20.000 2.64 Prozent protestantisch und 100.000 14 Prozent sind Juden. ' Aus (diesen Daten' können die Herren ersehen, welch kolossale Uebertreibungen immer hier vorgebrächt werden. Was den Städtebesitz betrifft, so ist allerdings in einigen Städten ein grösserer Prozentsatz zugunsten der Juden, dagegen sinkt wieder.,dieser Prozentsatz in einer grossen Anzahl von Ortschaften zu einer minimalen Beteiligung der Juden oder (besitzen sie daselbst gar nichts. Das jüdische Massenelend. Man spricht immer von der Ausbeutung der Juden usw. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen noch einige Bilder aus Galizien vorführe, und zwar entnehme ich die Daten einem Werke des ehemaligen Abgeordneten Szczepanowski. ■ Seine Darstellung ist wohl geeignet, . die Mär! von ‘ dein "'Reichtum 'der Juden zu ^erstöreii.' Szczepanowski hat ein Werk über jlas Elerid der Bevölkerung in Galizien veröffentlicht unidi führt darin aus, dass in Galizien ein Arbeiter die Hälfte der durchschnittlichen 'Leistungskraft eines europäischen Arbeiters besitzt und ein Viertel dessen verzehrt, was ein Mensch zur Erhaltung seiner Gesundheit verzehren muss. Er behauptet ferner, dass in Galizien im Durchschnitt 50.000 Menschen jährlich am Hungertyphus sterben. Er sagt weiter: „Am entsetzlichsten jedoch ist das Judenelend“. Meine Herren! Sie beurteilen hier die Juden nur nach einigen Ringstrassenhausbesitzern, nach einigen Millionären oder nach einigen wenigen hiesigen Geschäftsfirmen oder nach jenen wenigen -'jüdischen Grossen, die in simpler Indolenz dastehen und uns Juden mehr schaden als nützen, die glauben, dem Judentum zu nützen, wann sie1 eine nichtjiidisdie Gesellschaft in ihren Salons empfangen, und sich glücklich fühlen, wenn sie einen Händedruck von einer hochstehenden Persönlichkeit bekommen. '(Rur. Auch von Lueger?) Ja, aucii von Lueger. (Heiterkeit.) Wir führen Ihnen aber die Verhältnisse in den jüdischen Volksmassen vor. „Ais zu Ende der siebziger Jahre der verewigte Kronprinz von Oesterreich London besuchte, beschloss man, ihm das Merkwürdigste zu zeigen; was London besitze; als solches zeigte man ihm nicht den Haien, nicht die City, nicht Westminster, man zeigte ihm das Ostende. Drei Tage trieben sie sich; der Prinz von Wales, der gegenwärtige König von England, der Kronprinz von Oesterreich, der Polizeipräsident von London und all das Gefolge in diesem. Weltviertel des Jammers herum. In einer Volksküche wohnten sie dem Mittagessen bei; allen entrangen sich Ausrufe des Staunens und Entsetzens über die Kost, die Kleidung und das Aussehen dieser ärmlichen, elenden Menschen. Da rief der Nationalökonom Karl Menger.den Prinzen und dem Gefolge .zu:;,Meine Herren, die Leute, die Sie hier sehen, sind Gentlemen;, wenn Sie Elend sehen wollen, wirkliches, l starres, grausiges Elend, so gehen Sie in das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.