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Jüdische Zeitung · 1908-06-26 · 26 (26.6.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
26 (26.6.1908)
Date
1908-06-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Da loben vir uns die wieder ereifern sich plumpe Tölpel und sprechen deutsche Volk vor der schwarzen Gefahr er- Nr. 26 geniale Grösse zu erfassen, ehrenwerten Herren, die sich huldigend vor äta •beugen und in ehrfürchtiger Scheu idas Maul halten. 'Dieses sind die wahrhaft Waisen und Anständigen in Israel. Hoch der Zar! — Wohlfahrten kosten Geld, Unterstützung von Klöstern und Kirchen kostet Geld, der Kampf gegen die verdammten Juden kostet Geld, parteigenössische Lieferanten kosten Geld, Gastmähler und Protektionskinder kosten Geld, die Propaganda für den Judenboykott kostet Geld, so viel Geld! Heiliger Sebastian von Laogenzersdorf, hilf! Und der Gütige half. Er sandte den Wiener Juden Taussig unddieser borgte den Wiener Christlichsozialen dr eihundertsechzig Millionen, um Gotteswiflen und efti halbes Prozent. Milde, süss und gut ist dieser Tausäg, ein echtes jüdisches Herz! In der Stunde der Not ist er nicht kleinlich und vergisst und verzeiht, um Gotteswillen und ein halbes Prozent! Niemand kämpft mit so giftigen Warfen gegen das jüdische Volk als die Christlichsozialen, aber Taussig verzeiht und vergisst und | borgt Geld. Sie machen den armen Hausierer brotlos und werfen den jüdischen Beamten aufs Pflaster, aber Taussig verzeiht und vergisst. Eben sind sie daran, die Judenkinder aus den Schulen zu verjagen, aber Taussig verzeiht und vergisst und borgt Geld. Sie wollen Schussgeld für die Juden und; dem Hilsner Tausende ins Geiägnis folgen lassen, feige und tückisch treffen sie das jüdische Volk in seinen Aermsten und Schwächsten.a'ber Taussig verzeiht und. vergisst und borgt Geld. Edelmut, der Perzente trägt, ist ansteckend. Diesmal steht Taussig nicht allein auf ragender Höhe und viele gelehrige jüdische Jünger verzeihen und vergessen und borgen mit ihm. ' Dre Edlen reissen sich förmlich darum, ihr Geld in Gessmanns und Schneiders Taschen hineinzustopfen. Und die ehrenwerte juldienlrberale Presse! Stand sie jemals zurück, wenn es galt, das wahrhaft Gute zu fördern? So tut sie denn ihr Möglichstes, die. Anleihe zu fördern, um. Gotteswillen und gutbezahlte Annoncen. Sie schreibt nicht! thehr wie früher von der $chandwirt^chaft. der, Christlichsozialen, von ihrer Profitgier, von ihrer Geschäftsunkenntnis, ihrer skrupellosen Schuldenmaeherei, sondern verzeiht und vergisst mit Taussig, und spricht von einer „populären" Anleihe, „eminent gemeinnützigen Zwecke n“, „glänzenden ß e t ii t i - gungsmöglichkeiten für das inländische (d. h. jüdische) K a p i t a 1“, gesunder Realpolitik des Bürgermeisters zu Nutz und Fr om men der Gemein de“ u. s. f. Wer’s nicht glaubt, lese nur in der „Mittagszeitung“ und der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ und anderen echt liberalen Judenschutzblätterii nach! Grinsend hält Bielohlawek die Pfoten hin und Taussig füllt sie mit Gold! Und Folgende, zwar recht dürftige Familientafel4“"') ‘ dürfte das Verständnis wesentlich erleichtern: Haucke, Offizier in Diensten der Landgraf tn v. Hessen, vermählt mit Käthel; beider Kinder: 1. Graf-Moritz Haucke. gestorb. 1830; 2. Graf Josef Haucke, gestorb. 1837. Kinder des Grafen Moritz Haucke: a) Eine Tochter, vermählt mit Baron von Stackeiberg; b) Julie Gräfin von Haucke, vermählt mit Prinz Alexander v. Hessen und bei Rhein; Kinder der Julie Gräfin v. . Haucke und des Prinzen Alexander v. Hessen: 1. Mpa r i a Kar ovl i n e vermählt mit Graf Gustav zu Erbach-Schönberg: 2. Ludwig Alexander, vermählt mit Prinzessin Viktoria v. Hessen; 3. Alexander I. von Bulgarien; 4. Prinz Heinrich Moritz, vermählt 1885 mit Beatrice Prinzessin vom Grossbritannien und Irland (jüngste Tochter der Königin Viktoria). Tochter des Prinzen Heinrich Moritz und der Prinzessin Beatrice; Ena Viktoria Prinzessin von Battenberg, vermählt mit König •Alfonso v. Spanien. . Aus dieser Stammtafel ist also ersichtlich, dass die jetzige spanische Königin die Urenkelin des Grafen Moritz Haucke, der wiederum der Sohn eines getauften Juden ist. Der künftige König' des Landes, in welchem einst die Sonne nicht unterging, wird kaum mit gutem Gewissen 43 *) Gotha. Hof- und Staatskalender. von Lumperei und Voiksverrat, drohen mit der Wut des erwachenden jüdischen Volkes, das dereinst Abrechnung halten wird mit ail diesen teilen Schächern und Wucherern, die ihre Nation um ein halbes Prozent verraten, diesen geldgierigen Nothelfern aller Judenhetzer und Judenmörder! Hol’ der Teufel die kleinlichen Schreier. Wir sind grosszügig! Wir verzeihen, vergessen und borgen! Es lebe Taussig und was i'iin achtet und liebt! Es lebe das herrliche halbe Prozent! Hoch Lueger! R. St. * * * Unerbetene Hilfe. Die schönen Wah’rmund-Tage sind nun zu Ende. War das eine herrliche Zeit für unsere lieben G'laubensgenosisen deutscher Nationalität! So gut ist es ihnen schon lange nicht ergangen, j Die Spuren der letzten Hiebe noch irisch auf dier Haut, hat Mauschel, der Fusstrittempiänger, mit den edlen Fusstrittspendern Schulter an Schulter j mithin dürfen im Kampfe um die Freiheit der Wissenschaft. — Hat man sioh für deine Hilfe bereits schönstens bedankt, o Mauschel? Sei unbesorgt! Man wird dich nur zu bald mit gewohnter Münze entlohnen. Eine andere Bezahlung war ja nicht vereinbart. — Oder hat man dich diesmal gerufen, deine Hilfe in Anspruch genommen? Mauschel, mein Goüi, noch ist dein Nacken rot vom letzten Tritt. Ich fürchte, er wird bald noch röter werden. — Wozu steckst au auch deine Nase hin, wo sie nicht willkommen ist? — Du möchtest den „Deutschfreiheitlichen“ ach so gerne behilflich sein irr. Kampfe gegen Rom. Weisst du denn nicht, dass sie, die du liebevoll und stolz die .^Freiheitlichen" nennst, weit mehr gegen dich | and, als gegen Rom, dass sie jederzeit bereit sind, | vom. Kampfe gegen Rom a'bzulassen, um dich windelweich zu prügeln, dass sie mit Rom in einem Punkte einig ist, einig im Hasse gegen dich? — Du siehst und willst nicht sehen. — Du hörst und willst nicht hören. — Du liest die „Neue Freie“ und lässt dich einlullen in süsses Liigengecasei. — Wohl weisst du, dass es Lügen sind; Aber naoh echter Mauschelart freust du dich, dass du dies weisst und freust dich, dass sich ar..e. lügen lassen. — Aber Mauschel, so pass doch auf! | —• Wer iässt sich denn anliigen? Wem willst du einreden, dass sie, die „Deutschireiheitliohen“, deine Freunde sind? Den Freiheitlichen seiest, dem Wolf und Idem v. Stransky willst du das einreden? — Mauschel, Mauschel, ich fürchte, du hast deu Verstand verloren. — Die vielen Prügel haben dein Gehirn durchgeriittelt. Du kannst ohne Fusstritte nicht mehr leben. Du bist zu sehr daran gewöhnt. — So hol' dich der Teufel! Hilf ihnen weiter, dem Wolf und' dem v. Stransky, deinen Freunden, den „Freiheitlichen“, hilf ihnen das den Eid. -der einst für alle spanischen Ritter vorgeschrieben war, ab!egen können, denn es heisst darin: Ich schwöre, dass ich weder von jüdischem noch maurischem. Blute bin. Paul Diamant. Allerlei. Juden im preussischen Landtage. Die Zahl der jüdischen Abgeordneten im preussischen Landtage beträgt nun 9 (früher 7); es kam nämlich bei den Freisinnigen 1 dazu, während unter den 6 Sozialdemokraten 2 Juden sind. jüdische Arbeiter in Chicago. Die ameriKanischen jüdischen Zeitungen bringen ab und zu einige charakteristische Bilder zur gegenwärtigen Lage -der Arbeiter in den Vereinigten Staaten. Besonders bezeichnend ist folgendes: Zurzeit gibt es z. B. in Gh'icago ungefähr 500 jüdische Schuhmacher. von denen ein grosser Teil früher in Russland selbstänÜSg gewesen war. In Cnicago sind sie natürlich unabhängige Lohnarbeiter. Sie verdienen etwa fünf bis zehn Dollar pro Woche, was in Chicago nicht sehr viel ist, und arbeiten dafür von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends. Die Werkstäten, in denen sie beschäftigt werden, sind grösstenteils unsaubere, im höchsten Grade unhygienische Räume mit überaus mangelhafter Ventilation. Frische Luft ist dort ein seltener Artikel. Um aber selbst bei diesen wenig verlockenden Bedingungen dauernd Beschäftigung zu haben, ging ein grosser Teil der Arbeiter au, iolg-ende Bedingungen ein: Sie geben ihre ganzen Ersparnisse dem Geschäftsir.hsber als Einlage, wogegen I er verpflichtet ist, die betreuenden Arbeiter stän- I dig zu behalten. retten. — Aber eines merk’ dir, Mauschel! Nicht frech werden! Sonst regmet’s auch von anderer Seite Hiebe und dann, o Mauschel, dann ist’s um dich gescheh’n! F r o s c h. * * * Antisemiten im Frack und an der Arbeit Ein rührendes und liebliches Schäferidyll hat sich unlängst in Wien abgespielt. Vertreter des offiziellen Judentums einerseits und des streitbaren Christentums anderseits haben sich liebenswürdig die Aufwartung gemacht und die überschwenglichen Komplimente getauscht Es geschah dies anlässlich der Uebecgabe des Wertheimsteinschen Parkes an die Gemeinde Wien. Das jüdische Fräulein von W e r t he im st ei n hat aer judenireundlichen Stadt Wien einen grossen und prächtigen Garten vermacht- Da es den Juden so glänzend geht und man bedürftige Stammesgenossen vergeblich sucht, wusste sich die Erblasserin für ihren Grundbesitz keinen besseren Gebrauch, als ihn den Döblinger Antisemiten für ewige Zeiten zu überlassen, wohl damit sie dort Erholung finden, und ihre durch das „Juden. hinaus“-Gebrüll ermüdeten Lungen stärken mögen. Bei der feierlichen Durchführung dieser Schenkung fungierte Lueger als Vertreter der Stadt und Hoirat Gompeirz als solcher der Familie Wertheimstein. Sie schüttelten sich bieder die Hände und wussten sich in Versicherungen der gegenseitigen unbegrenzten Hochachtung nicht genug zu tun. Dem entzückten jüdischen Leser traten, angesichts der Zeitungsberichte über diese Verbriiderungsszene Freudentränen in die Augen. Ist also der böse Antisemitismus doch tot! Es lebe Herzbruder Lueger! Weil aber übergrosse Freude schaden kann, setzte der gütige Zufall gleich hinter diesen einen anderen Zeitungsbericht von wohltuend dämpiendem Charakter. Es handelte von einem jüdischen Drechslergehilfen, der sich unterfing. am Wiener städtischen Arbeitsvermittlungsamte Arbeit zu suchen. Er bewarb sich um einen seit längerer Zeit freien Posten in Sfeinamanger. Nach Durchsicht seiner Papiere sagte der Beamte zu ihm: „Juden schicken wir nicht; an solche Plätze! Sie sind Rekrut und beim Militär schwindeln sich neunzig Prozent der abgestetlten Judendurch. ZuFusskcnnenSienach Steinamanger gehen. fr e i w i 11 i g schicken wir Sie nicbt!“ Und bei diesem Bescheide blieb es. Während Lueger jüdischem Ge'dprotzen seine Aufwartung macht, beschimpfen seine Beamten das Judentum in brutalster Weise und jagen hungrige jüdische Arbeiter ins Elend. Die jüdischen Reichen werden aber auch fürderhin ihr Geld an Antisemiten verschenken und die Liebenswürdigkeiten von .ludenhetzern im Frack hoch einsetätzen, höher als die Ehre des jüdischen Volkes, höher als den Notschrei ihrer hungrigen Brüder. Aus der Budgetrede’’des Abg. Dr. Straucher. Die Deutschen und die Juden. Meine Herren! ich gelange run zur Besprechung der bekannten Schrridschen Resolution. Dieser Resc.iu'ion wurde im Budgetausschuss ein äusserlich harmloser Anstrich gegeben: aber der Herr Abgeordnete Schmid hat in seiner Rede b: der Sitzung;.m 2. d. M. die wahre Tendenz seines Res-vlutionsantniges gezeigt. Diese geh: dahin, dass für die jüdisch.u Studierenden ein Numerus clausus an den österreichische:';M:tteiu/si Hochschulen eingeiiihrt wird und r.'icats anderes. Der Herr Abgeordnete Schmid hat bei dieser Gelegenheit all; mög'ichen Insulte und Beschimpfungen gegen die Juden vorgebracht. Es ist doch bekamt, dass eine grosse Zahl staatlicher Behörden trotz Geltung der Staatsg rund gesetzt: derzc.t für di-; Julien noch vö.iig unzugänglich sind, und dass es überhaupt ausserordentlich schwer fällt, sehr gut qualifizierte einv.a;Gr-cfc jüdische Bewerber in öüentliche c.'er in Stsrtsunsteilurgen zu bringen, ich bitte nfir zu gestatten, meine Herren, dass ich Ihnen das gleich nachweise. denn es scheinen manche Herren von i;',::: diesen Sachen sehr wenig oder gar nichts zu

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