Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-06-19 · 25 (19.6.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438191--0601-2440128
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Angehörige der freien Berufe . . . ... 499 Kaufleute ..2.363 Handwerker . . . . , . . . . . . 26.329 Farmer. 46 Landwirtschaftliche Arbeiter . . . . . 334 Minenarbeiter. 13 Taglöhner. 6.664 Dienstboten. 7.039 Sonstige Berufe. 756 Unbekannte Berufe 1.00S Ohne Beruf inklusive Weiber und Kinder . 31.152 76.203 Von den Einwanderern bleiben fast 70 Prozent im.Staate New-York, 10 Prozent in Pennsylvanien. Keine andere Nation konzentriert sich auf auf irgend einen Staat in so hohem Prozentsatz, wie die Judm in New-York. Nach der Höhe der mitgebrachten Geldmittel stehen am höchsten die Deutschen, von denen jede Person mit eigener Kassaführung 51‘38 Dollars besass, am niedrigsten die Polen (12'30 Dollar), die Juden stehen mit 40'43 Dollar in der Mitte, doch ist ihre Stellung in Wirklichkeit ungünstiger, da bei ihnen mehr Angehörige und Kinder miteinwandem, als bei den übrigen Nationen. Zu rück gewiesen wurden im Durchschnitt 1898/99 bis 1902/03 von den jüdischen Einwanderern 9'4 Prozent, ein sehr hoher Satz, der nur übertroffen wird von jenen bei den Balkanvölkem (11'6 Prozent). Absolut genommen wurde von den Juden die höchste Zahl zurückgewiesen, und zwar 2728. Davon waren Arme 2062, Kranke 575, Schwachsinnige 5, Irrsinnige 8, Sträflinge 2. Interessant ist es, das Wachsen der jüdischen Gesamteinwanderung in Amerika zu betrachten. Sie betrug: 1901/02 57.6S8 1902 03 76.203 1903,04 102.236 1904/05 129.910 1906 07 153.74S Sie hat sich in fünf Jahren verdreifacht! Dabei sind in der amerikanischen Statistik nur diejenigen Juden gezählt, die Jüdisch“ als Muttersprache angeben. Die Steigerung der Zahl der jüdischen Einwanderer ist ausschliesslich der ausserordentlich angewachsenen Zahl der »weiblichen Einwanderer zuzuschreiben, eine Folge der Pogrome, vor denen ganze Familien flüchteten, WÄrend früher nur der Ernährer oder ledige junge Leute über den Ozean gingen. (Wird fortgesetzt.) ~ Juden, tretet dem „Jüdischen Turnverein“ bei! Der I. Wiener jüdische Turnverein hat einer sehr fühlbaren Kalamität energisch ein Ende gemach.t Die bislang benützten Turnräume haben sich schon vor Jahren als zu klein erwiesen und entsprechen auch nicht jenen Anforderungen, die besclieidenermassen an eine der Körperpflege gewidmete Stätte gestellt werden können. Mit grossen Opfern, durch rastlose und zielbewusste Arbeit ist es dem jüdischen Turnvereine nunmehr gelungen, geeignete und durchaus zweckentsprechende Hallen für seine Zwecke ausfindig zu machen, in Stand zu setzen und für längere Zeit zu sichern. Es gibt in Wien keine zweite jüdische Institution von kultureller Bedeutung, die so wenig Unterstützung und Interesse seitens der offiziellen jüdischen Kreise findet als gerade der J. Wiener jüdische Turnverein. Ein Spiel des Zufalles lässt die Eröffnung der neuen Turnhalle des Wiener jüdischen Turnvereines im Hause IX. Lichtensteinstrasse 20 mit den Bemühungen des assimilatorischen „Deutsch - österreichischen Turnv.er eines“ zusammenfallen, ein Heim für Turnzwecke zu erbauen. Die „Deutschösterreichischen* weisen in ihrem, an alle Freunde der freiheitlichen Turnerei, scilicet: Grossjuden, erlassenen Aufrufe darauf hin, dass sie nach 28jähriger rastloser und mühevoller Arbeit vor der Notwendigkeit stehen, ein neues Tumlokal zu suchen. Nur schade, dass ein Grossteil dieser rastlosen und mühevollen Arbeit darin bestand, die häufigen und kräftigen Fus stritte der deutscharischen turnerischen Organisationen abzuwehren. Die wirklichen deutschen Turner wünschen bekanntlich mit den deutschösterreichischen keinerlei Gemeinschaft und nach wiederholten Hinauswürfen haben sich die Deutschtümler in den einzelnen Turngauen das blosse Geduldetwerden doch erbettelt. Die Wiener Grossjuden sind mit den Deutschösterreichern eines Sinnes. In dem Verzeichnis der beitragenden Mitglieder des deutschösterreichischen Turnvereines wimmelt es förmlich von Blaus, Kohns, Gutmanns, Lembergers, Pollaks und Taussigs. Es geht das Gerücht, das die Sammlung zur Erbauung einer Turnhalle innerhalb weniger Tage den Betrag von 25.000 K ergeben hat. Vielleicht finden sich darunter auch einige 100 K die nicht von Juden stammen. Wäre die Unterstützung durch Grossjuden zur Zeit des Bestandes einer gleichgesinnten politischen Partei erfolgt, bei charakteristischem Assimilantenaberglauben an die Rettung des Judentums durch den „Liberalismus“ wäre sie erklärlich; heute aber scheint die Aufrufeaufforderung zur Förderung der „guten deutschfreiheitlichen* Sache denn doch zu deplaciert. Der jüdische Turnverein hat während seines zehnjährigen Bestandes seine Existenzberechtigung dargetan. Die Mitgiiederzahl nimmt stetig zu, ihre Opferwilligkeit ermöglicht die Deckung der materiellen Anforderungen und —- last not least — die turnerischen Leistungen müssen auch von gegnerischer Seite anerkannt werden. Der jüdische Turnverein wird sich auch weiterhin kräftig entwickeln! Aber es wäre doch eine Ehrenpflicht jener Kreise, welche kulturelle Bestrebungen zu unterstützen haben, auch diesem Vereine ihre Aufmerksamkeit und ausgiebige Unterstützung angedeihen zu lassen. Zur Eröffnungsfeier der neuen Turnhalle, die allen Anforderungen des Komforts und der Hygiene entspricht, wurden Einladungen in grosser Zahl versendet.,.Es deklarierte sich aber die totale Interesselosigkeit der jüdischen Bürgerschaft. Sogar der Appell an den Geldsack seitens der Assimilanten hat mehr Erfolg als die anspruchslose Einladung zu einer schönen Feier, die einen Markstein bildet in der Entwicklung jüdischer Turnerei. Die Leitung des jüdischen Turnvereines, der Wille und das Interesse seiner Mitglieder ist zu energisch, als dass ein Stillstand in der bisher kräftigen Entwicklung dieser jungen Organisation zu befürchten wäre. Und schliesslich ist diese in ihrer Konsequenz grandiose Indolenz der Grossjuden nicht für den jüdischen Turnverein beschämend; aber es wäre zuviel verlangt, wenn der jüdische Turnverein durch die hündische Kriecherei der jüdischen Gegner aus dem „Deutschösterreichischen“ durch die erbärmliche und würdelose Preisgabe der nationalen Ehre die Ehre des jüdischen Volkes schweigend beschmutzen Hesse. Die Mitglieder des jüdischen Turnvereines sehen in diesen Abtrünnigengewissnicht ihresgleichen, aber die Gegner unter allen Völkern differenzieren nicht und darum mussein offenes Wort gesprochen werden, auch auf die Gefahr hin, dass die Spenden der Grossjuden den „Deutschösterreichern“ infolgedessen noch massenhafter z u f 1 i e s s e n. J. Parteinachrichten. InnerfisterreiGhiscber Distriktstag. Sonntag den 14. Juni fand der innerösterreichische Distriktstag statt, der von 28 Delegierten besucht war. Den Vorsitz führte Herr Max Markus. Das Referat über Organisationsfragen erstattete Herr Adolf Böhm. Redner erörtert die Verhältnisse der zionistischen Organisation, die sich infolge der Separierung der galizischen Organisation ergeben haben, bespricht die beiden OrganisationsentwiVrfe Finzi und Dr. E. Margulies, die nur iormale Unterschiede auiweisen. und bittet den Distriktstag, sich aui die Besprechung von Details nicht einzulassen, um nicht durch eventuelle Differenzen eine. Einigung unmöglich zu machen. Mit Rücksicht auf die gegebenen Verhältnisse ist ein Zusammenschluss der westösterreichischen Distrikte notwendig, was bereits von der Briinner Konferenz anerkannt wurde. Was die Finanzierung des zu schaffenden Zentralkomitees betrifft, erklärt Redner für unbedingte Notwendigkeit, dass dem Zentralkomitee 50 Prozent der aus Westösterreich eingelaufenen Schekeisumme als Subvention gewährt werde. Redner schlägt schliesslich folgende Resolutionen vor. die vom Distriktstage angenommen werden: I. Die Zusammenfassung der Distrikte soll erfolgen durch Schaffung eines westösterreichischen Parteitages als ständige Institution, durch Schaffung eines Zentralkomitees der westösterreichischen Distrikte, welches vom Parteitag unter gleichmässiger Berücksichtigung der einzelnen Distrikte zu wählen ist. Dieses Z.-K. hat seinen Sitz in Wien und hat für die administrativen Agenden ein Zentralbureau zu errichten. Dem Z.-K soll zustehen: die Vertretung der drei Distrikte nach aussen, die Uebprwacfiung der zionistischen Presse in den betreffenden Distrikten, die Leitung und Zentralisierung der Sammlungen für zionistische Zwecke, die Leitung und Ueberwachung der Tätigkeit der. D.-K. und die Festsetzung eines Budgets. Die Tätigkeit des Zentralkomitees soll sich auf rehr~ zionistische Angelegenheiten beschränken. II. Der Distriktstag erklärt sich iür diese Vereinigung der westösterreichischen Distrikte nur unter der Bedingung auszusprechen, dass von vorneherein Garantien für ihre Dauer geschaffen werden. III. Der Distriktstag beauftragt die Delegierten, welche das D.-K. zum westösterreichischen Parteitag entsenden wird, den Antrag zu stellen und zu vertreten, dass dem zu schaffenden Zentralkomitee zu seiner Finanzierung vom Aktionskomitee 50 Prozent Schekeianteit gewährt werde. In der Debatte bespricht Herr York- Steiner die gegenwärtigen Verhältnisse in der zionistischen Organisation, die einer Konsolidierung bedürfen, wünscht eine Einigung zunächst der westösterreichischen Organisation, um in unser Verhältnis zur galizischeu Organisation Ordnung bringen zu können. Er empfiehlt einstimmige Annahme der Vorschläge des Referenten. - Dr. W e i s e n g r ii n tritt den Vorwiirien des Herrn Y ork-Stein er gegen die Wiener Organisation entgegen, zählt deren Eriolge aui und tritt gleichfalls für die vorgeschlagenen Resolutionen ein.. s Herr L ö w wünscht einen zwangsweisen Zusammenschluss der westösterreichischen Distrikte und tritt für eine: weitgehende Zentralisation nach deutschem Muster ein, wobei den Distriktskomitees alle Autonomie genommen werden möge. Herr Fleischer wilnsciht, dass in die Tagesordnung des Briinner Parteitages auch der Punkt „Verhältnis der zionistischen Organisation zur politischen1’ aufgenommen werde. Herr Dr. J. Margulies erklärt, dass die vorgelegten Entwürfe wohl nicht die glücklichsten jedoch durch die Verhältnisse geboten seien, tritt für die Aufrechthaltung der gesamtösterreichischen Organisation ein und verlangt schliesslich Garantien für den Bestand des Zentralkomitees. Die übrigen Redner sprechen sich hauptsächlich dahin aus, dass ein starkes Z.-Knotwendig sei, das möglichst aus Mitgliedern, die an einem Orte wohnen, bestehen solle. Alle treten für eine weitgehende Einschränkung der Autonomie der Distriktskomitees ein. Referent Böhm erklärt im Schlussworte, dass der Zentralismus gewiss wünschenswert sei, sich aber von selbst herausbildten müsse. Wenn das Z.-Ketwas leisten werde, so werde es sich Vertrauen erwerben. Die Verschiedenheit der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.