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Jüdische Zeitung · 1908-06-19 · 25 (19.6.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
25 (19.6.1908)
Date
1908-06-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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jüdischen Kultus werten Sicnicht einen Heller finden. Ich möchte nicht missverstanden werden, die Verleumdung, dieser Zungentotschbg, ist schnell hei der Hand, um uns als klerikal zu stigmatisieren; die Frage, ofb der Staat für Kultuszwecke überhaupt Geld hergehen soll, ist eine ganz andere, aber es steht für mich und, wie ich meine, für. jeden -billig Denkenden fest: wenn der Staat für Kultuszwecke Geld widmet, so hat idle jüdische Religion die gleichen Ansprüche auf Berücksichtigung, wie jejde andere. Der jüdische Seelsorger, der in einer kleinen Gemeinde sein Amt versehen muss, der durch die oft beschämend niedere Entlohnung manchmal sogar nicht einmal vor dem Hunger geschützt ist, wie soll er mit Hingebung seines Amtes walten, wenn er weiss, dass er selbst kaum, vor des Tages Not, seine Angehörigen später nicht vor dem bitteren Elend geschützt sind; wie soll er die Begeisterung zu seinem Beruf aufbringen, wie soll er sie im Herzen der Jugend wecken, wenn er sich Tag für Tag dem Gespenst des Hungers gegemibersieht? Nicht um die grossen Gemeinden handelt es sich hier, w i e Wien, Lemberg. i a g usw., sondern um jene Hunderte von kleinen Gemeinden, die durch ihre Armu t, die Armut ihrer Mitglieder, trotz besten Willens nicht imstande sind, ihren Seelsorgern ein halbwegs sorgenfreies Dasein, ein Existenzminimum zu bieten. Ich betone und wiederhole, wir ■bitten nicht um ein Geschenk, wir verlangen nur unser Recht, wir lehnen bedingungslos einen unwürdigen Toleranzstandipunkt ab, gemäss welchem man mit uns verfuhr, wie es die Auischriit aui einem spanischen Waisenhaus besagte: Don'Juan de Rores hat mit. seltener Nächstenliebe dieses Armenhaus erbaut, vorher hat er aber selbst dafür Sorge getragen, dass Arme vorhanden seien. (Heiterkeit) Die Resolution Schmidt. (Meine Herren! Ich habe vorher gesagt dass wir hier noch nicht auf jener Höhe seien, von der aus allein zurücfkgelegter Weg überblickt, zukünftiger Wieg berechnet werden kann- Wären wir dies, so -wäre es undenkbar, dass eine Resolution eine wenn auch nur zufällige Majorität hätte finden können, die zwar in versteckter Form, dafür aber in desto offenerem Wollen das finsterste Mittelalter bei uns in Oesterreich zurückführen will. Es ist von vielen Seiten ganz unrichtigerweise angenommen worden, dass die Resolution die Regierung zu statistischen Erhebungen auifordere, betreffend die Zahl der jüdischen Mittelschüler. Nun; meine Herren, eine solche Aufforderung wäre überflüssig gewesen, denn diese statistischen Daten sind bekannt, sie sind allgemein zugänglich und ich lege Ihnen hiermit einige derselben vor. Es betrug im Jahre 1903/04 die Zahl der jüdischen Mittelschüler 15.880, in Prozenten 13,7 oder auf je 100.000 Personen gleicher Konfession entfielen bei den Nichtiuden 334, bei den Juden 1056 Mittelschüler. Daraus ergibt sich, dass jüdische Knaben verhältnismässig mehr als dreimal häufiger eine Mittelschule besuchen als niditjüdische Knaben. Dieser Auffassung der Resolution Schmid widerspricht sowohl der Wortlaut als auch die Ausführungen -des Herrn Abgeordneten selbst und ich gestehe, dass eine Auffordferung nach dieser Seite uns mindestens vollkommen gleichgültig gelassen hätte, wenn wir dieselbe nicht vielleicht sogar froh begrüsst hätten. t Haben wir Juden doch gar keinen Anlass, uns dessen zu schämen, dass unsere Jugend in einer so ausserordentlich hohen Zahl nach Bildung dürstet, können wir doch im Gegenteil darauf stolz sein, dass der Bildungsgrad unseres Volkes mehr als dreimal grösser ist als der aller anderen Oesterreich bewohnenden Völker zusammen. Und fürwahr, dieser Tatsache brauchen wir uns nicht zu schämen, wir können' im Gegenteil stolz sein und wenn man so oft unsere Existenz als Volk zu leugnen versucht, so können wir dann eiben einfach auf die Ergebnisse dieser Statistik hinweisen und sagen: S e h t Ih r, wenn Ihr nichts anderes gelten lassen wollt, w a s u n s Juden eint und z u s a mini e n s c h 1 j e s s t, so ist es wenigstens das amtlich nachgewiesene Streben nach Bildung und. Erkenntnis. Ich weiss nicht, ob der Herr Antragsteller sich über den Modus der Durchführung und die Konsequenzen seiner Resolution volle Rechenschaft abgelegt hat Hat er dabei an das System Russlands gedacht, »will er, dass uns 'Bildung und Wissen nach Prozenten zugemessen werde, will er jene Theorie in die Praxis -Umsetzen, die in der •Interpellationsbeantwortung Seiner Exzellenz des Herrn Landesvertefdigungsministers hier bereits zum erstenmal sich gezeigt hat, so heisst das, -meine Herren, mit anderen Worten, man verlangt den Taufschein als Eintrittsbillett zu den bürgerlichen Rechten. Dann aber hat vielmehr mit dieser Forderung mittelalterliche Unkultur ihren Eintritt in diesem hohen Hause gefeiert,. Meine Herren! Als Emile Zola in heroischem Mute sein gewaltiges „J’accuse“ als Anwalt der verspotteten Gerechtigkeit in die Welt hinausschleuderte, als der grosse nordische Dichter Björ-nson als Sachwalter verhöhnter Menschenrechte iür ein fremdes Volk mit der ganzen Wucht seiner gewaltigen Person hervortrat, da blickte staunend die Welt auf diese geborenen Ritter der Nächstenliebe. Und' hier stehen wir, ein kleines Volk, im Kampfe gegen eine Welt des Hasses, im Kampfe um das Recht auf Bildung und die. Menschenrechte unseres Volkes. Und der so oft zitierte Genius des Jahrhunderts, der Zivilisation, wo bleibt er? Ich s e ih e sie n -i c h t, d i e -ge-b o r e n e n R i 11 e r derNächstenliebe; was ichsehe, sind um uns herum bewaffnete Neutrale gegen d i e (M e n s c h 1 i c h k e i t. Vielleicht wäre es klüger, taktisch richtiger, werden ängstliche Gemüter sagen, zu schweigen, zu warten und zu baffen, dass auf dieser Tribüne vor den Äugen Europa^' sich keine Majorität für. diese Resolution finden werde. Aber, meine Herren, die Vernunft lehrt schweigen, das Herz lehrt reden. Nie und nimmer .werden wirstill'bleiben, da man versucht, uns eine Klasse von Bürgern dieses Staates, zu Bettlern zu machen, zuBettl er numdießrosamen am Tisch der europäischen Kultur. Jahrtausende hat man uns vorn Laridbesiitz ausgeschlossen und wirft uns nun vor,, wir hätten keine Bauern; heute will man vor uns die Bildungsstätten schliessen, -um in -Zukunft über uns herzufallen, wir hätten, keine gebildeten Stände. Meine Herren! Für das vollgestrichene Mass bürgerlicher Pflichten, das man uns reicht, verlangen wir das entsprechende Mass Gegenrechte, keine Judenrechte, sondern Bürgerrechte, Sie alle wissen, meine Herren, dass in den Anfängen der Zivilisation, als es hier im Herzen Europas noch iso wild zugimg, wie heute in Zentralafrika, als man in Athen Kunst und Wissenschaft noch nicht kannte, ja als noch eine strohgedeckte Hütte an der Stelle der Roma aeterna stand, wie Macaulay sagt, unser so Wart bedrängtes Volk bereits seine zedernerriohteten Paläste, seine herr- . liehen Tempel, seine Philosophen, Dichter urid!; Schriftsteller und seinen einzigen Gott bereits hatte — heute der Gott der ganzen. Wtelt —-. Welches Volk kämpft mannhafter für seine Unabhängigkeit und seine Religion gegen eine erdrückende’ Ueberzahl, welches Volk gab bis zum letzten Moment seines staatlichen Daseins so sichtbare Beweise, was eine e d le Ve r z we if lu n g vermag. ■Was wir, meine Herren, verlangen, ist, dass diese späten Nachkommen der Helden und Propheten die Geschichte und Tradition ihrer Ahnen kennen und hochhalten, um ihrer würdig zu werden, dass die Geschichte -ihres Volkes in ihnen lebendig lebe und wirke. Von Ihnen aber, meine Herren, verlangen wir: Achten- Sie in unssich selbst und ■Ihre Besitztümer. Denn so wie über dem höchsten Gebirge noch'hoch der Aar schwebt, so ii b er der schwer ersteigbaren Pflicht die wahre Achtung. Ich habe gesprochen. (Beifall und Händeklatschen. — Redner wird beglückwünscht.) Die Juden in Oesterreich. (Nach der Studie von Dr. Jakob Thon.) III. Wanderbewegung. Ein besonders interessantes Kapitel der jüdischen Statistik ist die Wanderbewegung. Amtliche Angaben über Ein- und Auswanderung sind leider in der österreichischen Statistik nicht zu finden. Nur aus den Ziffern über die Aufnahmen in den österreichischen Staatsverband und die Entlassungen aus demselben kann man über die Wanderbewegung einiges erfahren. Die Juden machen einen sehr hohen Prozentsatz der neuaufgenommenen Staatsbürger aus, der vom Jahre 1897 ab etwas kleiner wird (1885: 28*22 Prozent, 1895: 20*76 Prozent, 1903: 17*10 Prozent), aber noch den Prozentanteil der Juden an der Gesamtbevölkerung ganz bedeutend übertrifft. Das entspricht auch der verhältnismässig recht hoher! Zahl der in Oesterreich lebenden jüdischen Ausländer. Im Jahre 1900 waren von 1000 in Oesterreichlebenden , Katholiken . . . 14*7 fremde Staatsangehörige Evangelisten... 12*3 „ „ Juden . . ... 64*4 „ , Dies bestätigt die bekannte Tatsache der . starken Beweglichkeit des jüdischen Elementes. Drei Viertel (75*7 Prozent) aller jüdischen Ausländer waren ungarische Staatsangehörige. " Unter den aus dem österreichischen Staats verband Entlassenen nahmen die Juden einen ganz erheblich geringeren Prozentsatz ein, als unter den Aufgenommenen, doch können diese Ziffern nur als ein minimales Mass der Auswanderung angesehen werden, weil fast alle Auswanderer die österreichische Staatsbürgerschaft . beibehalten. Aber auch aus den spärlichen Ziffern geht hervor, dass Galizien das Hauptauswanderungsgebiet ist, während Niederösterreich das Kronland der stärksten Einwanderung ist. 1903 wurden in Niederösterreich Juden aufgenommen: 674, entlassen 28 1902 wurden in Galizien und Bukowina Juden , 33, „ 173 Der Pr ozentsatz der Juden unter sämtlichen neuaufgenommenen Bürgern ist am grössten in der Bukowina (53*95 Prozent) und am kleinsten in Böhmen (10*02 Prozent). Was die Herkunft der Neuaufgenommenen betrifft, so stammen die meisten aus Ungarn (84*13 Prozent) verhältnismässig weniger aus Deutschland (5 08 Prozent). Von den aus dem Staatsverband Entlassenen waren 50*30 (mehr; als die Hälfte) aller Juden ungarische, zirka ein Vieitel (24*11 Prozent) deutsche Staatsbürger, während von den Katholiken ein Drittel nach Deutschland und ein Fünftel nach Ungarn zieht. . Auswanderung. Um diese zu erfassen, sind wir auf die Angaben der Einwanderungsländer angewiesen, namentlich, auf jene der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Statistik dieser Staaten zählt aber nicht nach Konfessionen, so dass nur jene Juden erfassbar sind, welche „jüdisch“ als Muttersprache sprechen. Die Vereinigten Staaten nahmen 89*2 Prozent, Kanada 8*7 Prozent aller über Bremen und Hamburg fahrenden österreichischen Auswanderer (Christen und Juden) auf.- Der Prozentsatz der Juden war dabei ein sinkender, von 17*7 im Jahre 1898/99 auf 9*1 im Jahre 1902/03, absolut aber ist die Zahl der aus Oesterreich nach Amerika auswandernden Juden erheblich gewachsen von 11.701 (1898/99) auf 18.759 (1902/03). Die Auswanderung der Juden ist mehr, als bei den anderen Nationalitäten, eine Familienauswanderung, denn keine’ andere Nationalität hat so viel Berufelose (d. h. Kinder und Frauen) unter sieh, wie die Juden, bei denen sie 40*9 Prozent ausmachen. Von den übrigen 59*1 Prozent sind 35*5 Prozent gelernte Arbeiter, 9*2 Prozent Dienstboten, 8*8 Prozent ungelernte Industriearbeiter, 0*4 Prozent landwirtschaftliche Arbeiter, nur 0*7 Prozent gehören den freien, nur 4*5 Prozent den sonstigen Berufen (Handel) an. In absoluten Zahlen . sind von den im Jahre 1902,03 überhaupt, nicht bloss aus Oesterreich, eingewanderten 76.203 Juden

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