Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 25 .» Ü l> I S C H E Z K I T U N G einen kleinen Erzherzog bei dar Hand nehmen, um ihm diese gelungene parod-ist Ls che Gestalt zu zeigen.“ Der unsaubere Zeilenhudler aus Byzanz mit seinem hündischen Vergnügen an dem eigenen Zerrbild, muss gelogen, haben. Man ist doch nicht 60 Jahre taktvoller Monarch, um offenkundiges Wohlgefallen an der gemeinen Verhöhnung eines unglücklichen Volkes zu zeigen und der zur Regierung berufenen Generation Geschmack an rohen Bübereien beizubringen! R. St. j . »j* Aber nur ein wenig Charakter! Nach seinem erfolgreichen Debiit als Lobredner /und Schleppträger der Christlichsozialen leistete sich der getaufte Jude Redlich, der Abgeordnete von Ni'kolsburg, Göding und Hradisch, ein zweites gelungenes Auftreten als Verteidiger der kflerikalen IMversitätsstürmer. In der Budgetdebatte griff er ganz in der Manier der Schmidt, Liechtenstein und Bielohlawek den Professor Wahrmund, heftig an und forderte die Regierung auf, die „verletzten religiösen Gefühle der Bevölkerung vor den „Angriffen“ dieses Freigeistes zu „schützen“. Er der Universitätslehrer, billigte die Disziplinierung seines freisinnigen Kollegen und plaidierte in einer Weise -für die „Oberhoheit“ der klerikalen Unterrichtsverwaifung, die auf völlige Negierung der Lern- und Lehrfreiheit hinausliei. Angesichts dieser widrigen Kriecherei» entfuhr dem Abgeordnetem Prozessor Masaryk der Zwischenruf: „Aber nur ein wenig Charakter, Herr Kollegal“ Die Naivetät stirbt nicht aus. Von einem getauften Streber Charakter zu verlangen, bedeutet ihren Gipfelpunkt.^ Der Zwischenruf war an die falsche Adresse gerichtet. Diese Mahnung wäre besser der jüdischen Wählermajorität entgegenzuhalten, welche diesem .glatten Renegaten zu Sitz und Stimme im Reichsrate verholten hat und i'hn trotz der eklatantesten Verrätereien nooh weiter hält und durch Vertrauensvoten stützt. Wenn sich schon die Hradischer, Gödinger und Nlkoisburger Juden nicht berufen fühlen, durch Wahl ehrenhafter Juden die Würde des Judentums zu wahren, so brauchten sie doch zumindest nicht dem Papsttum, der pfänischen Regierung und dem Antisemitismus willige Knechte zu liefern. Sie brauchten nicht gerade Leute zu wählen, von denen sieb ehrenhafte Politiker, wie Masaryk, verachtungsvoll abwenden und die in den judenfeindlichen Sudelblättern ä la „Reiohspost“, „Vaterland“ und „Deutsches Volksblatt“, bejubelt werden. „'...Aber nur ein wenig Charakter!“' 'Merkt Euch das, ihr jüdischen R e d 1 i c h. w ä h 1 e r!“ wurden durchschnittlich von jedem Einwohner nicht mehr als 0,33 Eimer Schnaps in einem Jahre verbraucht, während im übrigen Russland) mehr als ein halber Eimer auf einen Einwohner kommt. In den Jahren 1904 und 1905 ist der Schnapsverbrauch unter den Juden ein noch geringerer, während er iim Jahre 1907 sich allerdings vergrösserte und etwa 0,39 Ehnmer beträgt für jeden Einwohner disees Gebietes.- Aber im gleichen Jahre steigt auch der Alkoholgenuss der übrigen Einwohner Russlands von 0,50 auf 0,63, also auch hier eine relativ geringere Steigerung bei den Juden als bei den anderen Völkerschaften Russlands. Die Ursache für die Steigerung wird wohl auf die allgemeinen ökonomischen Verhältnisse zurückzuführen sein. Diese Feststellungen der Budgetkom- ■nfission desavouieren auch dien jetzigen Finanzminister, der jüngst behauptete, dass die Juden an starkem Alkohol ihre beondere Freude haben. Gerade in den Gouvernements Petersburg und Moskau, also den Wohngebieten der echten Russen, wird dem AikaholiSmus am meisten gefröhnt. In diesen 'Gouvernements werden durchschnittlich von jedem Einwohner zwei Eimer, also mehr als viermal soviel als von einem Einwohner in den jüdischen Gebieten, getrunken. Freilich ist für die Sanierung der Finanz Verhältnisse/Russlands der geringe Alkoholkonsum der Juden nicht vorteilhaft, denn die Regierung ■ macht infolge der steigenden Trunksucht immer bessere- Geschälte. Vielleicht erklärt sicli so der Hass-, den der Finanzminiter oft gegen die Juden zum Ausdruck bringt. Nicht Jude, sondern Israelit! Nach Wien kam kürzlich ein 15jähriger russischer Judenjunge, das hübsche, oiiene Gesicht mit kaum verheilten Hiebwunden bedeckt. Gymnasiast, einem blutigen Pogrom in Kiew zur Not entronnen, sucht er, der Verwaiste, im Westen sein Fortkommen. Mitleidige unterstützen ihn und schicken ihn auch ins Bureau der „Alliance Israelite“. Um sein Nationale befragt, gibt er dort an, er sei Jude ... Da unterbricht ihn der jüdische Beamte zurechtweisend mit der Bemerkung: „Sie sind nicht Jude, sondern Israel i t!“ Der kleine Märtyrer schaut den grossen Esel verblüfft an. Er .hat bisher geglaubt, all seine toten Lieben wären qualvoll gestorben, als J uden, um ihres Judentums willen. Und jetzt belehrt ihn der fremde Federfuchser, es wären Russen gewesen, Russen mosaischen Glaubens: „Israeliten!" Wir gratulieren der assimilatorischen „Alliance“ zu diesem Prachtexemplar von Beamten und Letzterem wünschen wir, er möge so ganz unversehens in einen 'Pogrom geraten. Da käme ihm vielleicht sein Volkstum lebhaft zu Bewusstsein; ob er dann noch sein schäbiges „Nicht Jude, sondern Israelit“ bläken würde, ist -fraglich. Aus der Budgetrede des Abgeordneten Dr. Mahler. Wir bringen nachstehend die wichtigsten Stellen der formvollendeten und inhaltlich ungemein reichen Rede. Nation und: Kultur. Wr e r, m e i n e H e r r e n, i m n a t i o n a 1 e n 'Kampfe etwa auf die unbedingte Unterstützung des wirtschaftlichen oder kulturellen Gegners rechnet, dessen Stoss kraft ist gebrochen, wenn er wiederum um 'wirtschaftliche oder kulturelle Güter kämpft. Er -hat damit in Tatsache, via facti, das eine Prinzip als das für ihn oberste anerkannt, die beiden anderen in den Hintergrund geschoben. Es ist politisch unld menschlich ganz ausgeschlossen, in dem engen Verbündeten von heute den schärfsten Gegner, ja Feind von morgen zu sehen. Und darum, meine Herren, muss es einmal klar ausgesprochen -werden: es ist unmöglich, auf drei Pferden auf einmal zu reiten (Heiterkeit), man muss sich für eines entscheiden — nebenbei gesagt, hat man sich bereits entschieden, hütet sich aber nur, es zu sagen. Es muss Klarheit werden, ob man die Fragen der Kultur und der wirtschaftlichen Entwicklung bedingungslos als Fragen zweiten und dritten Ranges behandeln will. Es wird, so hoffe ich, niemand gegen mich dieser Worte wegen den Vorwuri erheben, als ob ich weniger national gesinnt wäre, als ob unsere Partei die nationalen Güter nicht mindestens ebenso hoch einschätzen würde, wie jeder andere. Wir sind uns aber, meine Herren, dessen bewusst, dass, wenn scheinbar das nationale Prinzip mit dem der kulturellen Entwicklung und des Fortschrittes in Konflikt kommt, dies eben nur scheinbar ist, dass in Tatsache nur Nation und Fortschritt nie aber Nation und Rückschritt sich vertragen, und dass, wer letzterem dient und damit sein Volkstum gefördert zu haben glaubt, in Wahrheit damit sein Votkstum preisgegeben hat. Meine Herren! Man mag die Reinheit der Rasse noch so hoch veranschlagen in ihrem Werte, man mag diesem Götzen Rasse noch so grosse Opfer darbringen, man wird nie darüber hinwegkommen, dass Wesen, Bedeutung und Inhalt des Volkstums in seiner kulturellen Entwicklung gelegen ist, und wer darum kulturelle Güter au f g i b t, um scheinbar nationale dafür einzutauschen, gleicht dem Wilden, der echtes Gold rür glänzende Glasperlen hingibt. Und darum stehen wir, meine Herren, auf dem Standpunkt, es muss die Möglichkeit genommen werden, den nationalen Gedlanken im Dienste irgendeines fremden zu missbrauchen; weil wir auf -nationaler Basis stehen, wollen wir ihn nicht diskreditiert sehen. Nationale Autonomie. Jedem Volke muss die Regelung seiner Verhältnisse, die Bestimmung seiner Zukunit selbst in die Hand gegeben werden. Die ungehinderte ireie Ausgestaltung eines jeden Volksstammes unseres vieinationalen Staates betrachten wir als eine Forderung der Ethik, wir betrachten es als unsozial, einem Volke das Recht zu nehmen, sich seiner Eigenart gemäss auszuentwickeln, wir halten die geistigen und kulturellen Güter eines jeden Volkes für heilig uird die tätige, nicht nur durch Worte erfolgende Anerkennung dieser Selbstverständlichkeiten betrachten wir als Voraussetzung des nationalen Friedens und einer erspriesslichen Tätigkeit. Und wenn ich mich, meine Herren, zum Kapitel Unterricht zum Worte meldete, um hierbei die Frage der Selbstregierung zu behandeln so geschah dies, weil wir das Recht eines jeden Volkes auf seine Jugend, seine Hoffnung und Zukunft damit betonen wollten. Ich kann mir den Widerstand von so vielen Seiten gegen die Völkerselbstregierung und Selbstverwaltung nur erklären als eine Nachwirkung des wahrhaft mittelalterlichen, noch 1555 zu Augsburg bestätigten Grundsatzes: cuius regio eius et reiigio. Die katholische Kirche hat sich übrigens gegen diesen Satz gewendet. Wir finden es heute unbegreiflich, wie man von Menschen verlangen konnte, dass sie ihren Glauben, ihre Anschauung nicht nach ihrem ureigensten Wesen formen, sondern wandeln sollten nach den Anschauungen und dem Glauben des Landesherrn, dass überhaupt ein Zusammenhang bestehen sollte zwischen dem Glauben uird dem Territorium, wo einer wohnte und bei der Frage der Nation stecken wir noch heute, meine Herren, verzeihen Sie den harten Ausdruck, in der gleichen Geistesbarbarei. (Zustimmung.) Ist es nicht logisch, ist es nicht sozusagen a priori einleuchtend, dass die Nationalität nicht am Territorium, am Boden, sondern an der Person haftet und dass man nur dann zu einer Lösung des nationalen Problems gelangen kann, wenn man es nicht als eine Frage der Gegenden, sondern der diese bewohnenden Menschen auffasst. (Beifall.) Und wenn wir diese Forderung der Friedens- Schaffung durch die nationale Autonomie in den Vordergrund rücken, geschieht dies eben auch deswegen, weil wir die Bahn dadurch iür weitere Kulturarbeit frei machen wollen. In der Kulturgeschichte und in der Entwicklung der Menschheit sind die Meen die gesetzgebenden Faktoren, die Politiker nur ausübende. Daher, meine Herren, kann die Frage der nationalen Autonomie zwar vertagt, hinausgeschoben, aber nicht zumV ersch winden gebracht werden, denn, vergessen Sie nicht wohl gewöhnt sich der Mensch an wiederholte Liebe, nie aber an wiederholte Ungerechtigkeit. Es liegt mir fern und ich werde mich wohl hüten, mich zum arbiter elegantiarum politicarum auizuwerfen, zum politischen Sittenrichter, doch ich gehöre einer kleine« Partei an und diese kleinen Parteien haben einengrossen Vorzug: sie dürfen sich den Luxus erlauben, Grundsätze zu haben und diesen treu zu bleiben. Und von diesem Gesichtspunkte aus können wir Kritik üben, können es ruhig aussprechen, dass man hier oft nur kleinste Gegenwartsarbeit iür den Augenibliok schafft und dabei vergisst, dass, was für die Zeit allein geschaiien ist. schlechter ist als die Zeit. Wir sind noch nicht aui der Höhe, von der allein zurückgelegter Weg überblickt, künftiger berechnet weiden kann. Das Kultusbudget. Gestatten Sie mir nun, meine Herren, auf die Ziiieru des Budgettitels Kultus und Unterricht einen kurzen Blick zu werfen, wie es schon gestern mein Klubkoüege Stand getan hat. Sie ersehen aus demselben, dass der Staat den Kultzwecken der verschiedenen Koniessionen einen Betrag von fast 2,1 Millionen Kronen zur Verfügung stellt. So viel Sie aber auch suchen werden, für die Zwecke des