Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 25 (19.6.1908)
- Date
- 1908-06-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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unniittelfaaren nichtjüdischen Nachbarn zu ergattern, verschrieb man sich sofort mit Haut und Haaren. Der Umstand, dass ein solches Vorgehen für weitere jüdische Kreise und in der Zukuntt Schaden stiften musste, kam nicht in Betracht und der momentane, erschlichene, erschacherte Vorteil war Endzweck. Das politische Programm der Jüdischnationalen bedeutet in erster Linie den Bruch mit dieser Art von Politik. Aber selbst die erfolgreiche und äusserlich sieghafte Proklamierung eines Programmes ist noch lange nicht identisch mit der faktischen Erziehung des Volkes im Sinne dieses Programmes. Gar mancher nennt sich bereits jüdischnational und ist dabei Ghettojude bis in die Knochen, lebt noch vollständig in der alten Gedankenwelt etc. Er hat die alten Methoden innerlich nicht überwunden und bietet sich die lockende Gelegenheit, kleinliche Interessenpolitik zu betreiben, zuckts ihm in den Fingern. Vor dieser eminenten Gefahr ist unsere junge Partei nur durch unablässige energische Betonung und strikte Befolgung der wichtigsten und leitenden Grundsätze zu hüten. Und da sind es drei Punkte, denen das Hauptaugenmerk zu widmen ist, weil hier die Gefahr des Rückfalles in uralte Gewohnheiten besonders gross erscheint. Das jüdischnationale Programm kennt keine Politik der persönlichen Einflüsse! Das Ausspielen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtmittel jüdischer Persönlichkeiten, wie es im Privatleben gebräuchlich ist, darf nie zu politischen Missbrauchen führen. Niemandem zuliebe darf vom vorgesehriebenen Wege abgewichen werden. Der Macht einer zielbewussten nationalen Politik wird sich auch der Höchstgestellte auf die Dauer nicht entziehen können und er wird dem jüdischen Volke dienstbar werden. Seine Mithilfe heute unter falschen Voraussetzungen und auch nur augenblicklichen Verzicht auf prinzipielle Forderungen einhandeln, Messe die alte fruchtlose Politik unter dem Deckmantel neuer Schlagworte fortsetzen. Eine gesunde jüdischnationale . Politik ist nur-diejenige, welche für das gesamte jüdische Volk in Oesterreich arbeitet und nicht durch Rücksichtnahme auf die Sonderinteressen von einzelnen Gruppen und Personen in ihren Grundzügen beeinflusst wird. Aktionen, die sich im Sinne des Prbgrammes, also im Interesse der Gesamtheit als notwendig erweisen, dürfen nicht unterlassen werden, weil die Lage einzelner momentan hierdurch etwas gefährdet erscheint. Solche Konflikte erscheinen unvermeidlich, besonders bei uns Juden, die wir zufolge der bisherigen Desorganisation und Sonderpolitik jetzt noch den verschiedensten politischen Einflüssen ausgesetzt sind. Diese Konflikte müssen überwunden werden. Das Prinzip, wonach der Gesamtheit grosse Opfer für Wenige auf erlegt werden, kann bei Aktionen der Wohltätigkeit, nie bei politischen Aktionen Anwendung finden. Der sentimentale und vielfach heuchlerische Hinweis auf die erschwerte Lage; Einzelner oder kleiner Gruppen darf unsere Politik nicht bestimmen. Die jüdischnationale Politik muss demokratisch sein. Der Ghettojude war undemokratisch. In seinem jämmerlichen Zustande der Unsicherheit und des Elends hat er die Herrschaft der Besitzenden anerkennen müssen. Das wurde zur Tradition und bis auf den heutigen Tag geübt. Und insbesondere auf diesem Gebiete muss durch unermüdliche und rücksichtslose Erziehungsarbeit ein Rückfall in die alte Gewohnheit verhütet werden. R. St. Rundschau.' Jüdisches vom Huldigungsiestzuge. Alle Völker des Reiches waren vertreten und alle Zeiten herrlich dargestellt. Mit der Urväter Kriegs- und Hausrat beladen und geschmückt zogen sie dahin. Nur die Juden nicht, und es wäre doch so interessant, ergötzlich und belehrend gewesen. Dem Veranstalter hätte sich eine Ueberfülle historischen Materials, scharf gezeichneter Kulturbilder und packendster Effekte geboten. Man stelle sich nur vor: Hinter den tapferen Rittern und minniglichen Erauen.aus der Zeit Rudolf von Habsburgs einen Wagen mit Scheiterhaufen, darauf sich Juden auf Spiessen drehen, wie anno dazumal, das Ganze mit glühenden Zangen, Daumschrauben und Richtschwertern sinnig verziert. Oder in der Gruppe Albrechts des Ersten, ein historisches Stilleben „Der schwarze Tod“, darstellend ein Ghetto, das von Wafienknechten und 'Kreuzfahrern'gestürmt wir'd, mit ersäuften Juden, .abgestochenen Kindern und geschändeten Frauen; hinter den Mannen und Reisigen Friedrichs des Dritten eine Folterbank mit angespanntem. Rabbi, aus dessen Wunden Blut träufelt und als gemünztes Gold in Säcke fällt, -welche die Wappen des österreichischen Hochadels tragen; hinter den Raubrittern ein Miniaturverliess, einen Käfig mit ausgeplünderten und von Ratten angesessenen Juden u. s. f. Dies alles und noch viel mehr haben sich diese Tröpfe von Festzugsmachern entgehen lassen! — Trotzdem bot der Festzug auch uns Juden manch herzerhebenden Augenblick. Ritten da in der Gruppe Rudolf des Stifters auf prächtigen Schlachtrossen, in klirrendes Wixengescjnmerde gehüllt, zwei Jünglinge, Brüder des Herzogs darstellend, und ireudelachend erkannten wir in ihnen Fleisch von unserem Fleische, die Barone Waldberg und K u b i n s k y, ersterer Enkel des gottseligen Moische Walkers, welcher Schächter in Przemysl war, vor ein paar Jahrzehnten nach Wien gekommen ist und es zu einem grossen Vermögen und getauften Enkeln brachte, letzterer Sohn des Sohnes des verblichenen A 1 s o K u b i n, seines Zeichens Hausierer aus Ungarn, dessen alten Hosen Millionen und dessen ■Lenden adeüchte Christenenkel entsprosstem ■Gross sind deine Wunder — Herr! In den Zeiten Rudolf des Stifters war es ein lieber Gebrauch, dass man alten Juden ä la Waldberg und Kubin solange Backenzähne riss und brennende Kienspänne unter die Haut stiess, bis sie von der Eitelkeit des schnöden Goldes überzeugt waren und es freudig den adeligen Herren iiberliessen. W!ie sinnig, dass gerade Judenstämmlinge heute im Gewände dieser Herren einherstolzieren! Ein bisschen Rebbach und Taufwasser und aus geschächteten Gänsen werden Schlachtrosse, aus übertragenen Hosen adeliges Prunkgewand und aus Hausierersamen christlicher Adel teutscher Nation! Wie schmeichelhaft! — Der Aufzug der Festzugsgruppe aus der Zeit der Tiirkenbelagerung Wiens bot dem jüdischen Publikum ein besonders angenehmes Schauspiel: Am Ende des Zuges lief unter dem fahrenden Gesindel ein p o 1 n i s c h e r Jude m i t K a f t.a n, Zylinder und Pajes einher und gab Kapriolen, zum Besten, dass alles wieherte. Wie ein polnischer. Jude mit Zylinder und Kaitan in die Zeit der Türkenbelagerung hi neinge rät, ist unerfindlich. Der. liebe Wiener' Pöbel soll halt seine Freude haben, so sclvmeisst man ihm zwanglos einen polnischen Juden als Fressen hin! Dabei sind auf teuren Tribünen- und Fenstersitzen tausende Juden gesessen. Der grössere Teil des jüdischen Publikums war empört, aber beiweitem nicht alle. Wie in gewissen jüdischen Kreisen solche rohe Beschimpfungen hingenoinman werden, beweist eine Aeusserung der „Wiener Allgemeinen Zeitung“, dieses von Bankjuden, darunter R. v. Taussig, erhaltenen und durchwegs von Juden geschriebenen „deutschliberalen“. Biattes. Sie lautet wörtlich: „B ei d er D e f i 1 i e r un g d e r VIII. Gruppe (T ü r k e n k r i eg) erregte ein köstlicher polnischer Jude die lebhafteste Heiterkeit des Kaisers. M a n sah den Monarchen lachen und iiessen die tränengewohnlen Augen im Glanze der Sehnsucht erstrahlen. Die Volksseele war ihrer Fesseln, die Gelehrten dünkel und unjüdischer Kastengeist um sie geschlagen,ledig. Israel von Medzyhorz aber, war der neue Prophet. Seine Geschichten und der Sagenkranz, der sich um ihn gewoben, waren echtes Volksgut geworden, tief versteckt im Herzen des Volkes. Die neue Zeit hat diesen Schatz zutage gefördert. Perez.und Berdyczenski haben ihn literarisch ausgebeutet und Martin Buber hat es ■unternommen, ihn dem westeuropäischen Publikum zugänglich zu machen. *) ln einem Stile, -der an die Bibel und an Nietzsche erinnert,1 erzählt er uns die Legende des Baal-schem und wenn wir sie begreifen wollen, so müssen wir aufmerksam lesen, müssen versuchen, uns in eine ungewohnte Gefühlswelt hineinzuleben, nicht nur die Westjuden, auch die Ostjuden, seien sie auch selbst in ihrer Jugend Chassidim gewesen. Diese fremde Gefühlswelt ist nicht westjüdisch, ist nicht ostjüdisch, sie ist maeterlinkisch, sie ist Bubers Gefühlswelt Die .Legende des Baal-schem* atmet keinen oder — besser gesagt — keinen echten Chassidismus. Im hochdeutschen Gewände, in dem sie uns entgegenlritt, erscheint sie auf den ersten *) Die Legende des Baal-schem von Martin Buber (Verlag Bütten & Loening, Frankfurt a. M. Preis broschiert M 6.—, gebunden M 7.50.) Blick vertraut Aber nur auf den ersten Blick, j Wohl ist sie der Ausfluss einer gottsuchenden i Stimmung. Aber einer raffinierten, verfeinerten,! gekünstelten und krankhaften. Die Legende Bubers ist ein Produkt der Ueberkultur. Sie hat heimliche wunderbare Schönheiten, sie befriedigt, erfreut und beruhigt aber nicht. Die Legende des Baal-schem, wie sie das Volk erzählt, klingt anders. Sie lässt keine Fragen zurück. Sie ist nicht gewunden und geschraubt. Sie ist bloss wunderbar und herzerfreuend. Bubers Legende ist wohl dem Volksgute entnommen; sie wird aber nie zum Volksgute werden. Sie ist das Werk eines reifen — schier möchte man sagen — eines überreifen Künstlers. Wir hätten sie lieber einfacher erzählt gelesen. Als Bild chassidischer Sagenpraeht ~ kann sie uns in dieser Form und in dieser Umgestaltung kaum dienen. Das Buch muss als das Werk eines Einzelnen und nicht als das eines Volkes betrachtet werden. Nur als solches ist es einzig in seiner Art. Ostjüdische Mystik, westeuropäische Bildung, ins Ungemessene verfeinertes Künstlertum, ungeheure Sehnsucht und ein Gutteil Sinnenrauscb haben es entstehen lassen. Es wirkt betäubend wie schwerer - alter Karmelwein. Herrlich ist der Rausch, aber erwacht, reibt man sich die Augen und erkennt, dass der Wein ein wenig gepanscht war... Allerlei. Die Juden und der Alkohol. Bekanntlich ist gegen Ende des vorigen Jahrhunderts das Alkohol- Monopol für ganz Russland eingefübrt worden. Diese Massnahme, die von dem damaligen Finanzminister Witte begründet und ausgeführt wurde, hatte .eine grosse Reihe von jüdischen Existenzen ruiniert, denn die Juden waren es vornehmlich, die Schnapsläden hatten und mit sonstigen alkoholischen Getränken handelten. Es äst nun interessant, zu erfahren, dass nach einer Statistik, die die Budgetkornmission jetzt zusammengestellt hat, 'keine der Wirkungen, die sich seinerzeit Witte von der Einführung des Monopols versprach, ein getroffen ist. Die Trunksucht .unter den Bauern hat sich in den letzten zehn Jahren nicht nur nicht verringert, sondern sie hat bedeutend zugenömmen, obgleich keine privaten Geschäftsleute an einer Steigerung der Trunksucht. Interesse hatten. Mit dieser nunmehr ziffernmässig festgestellten Tatsache ist die in Russland allgemein verbreitet gewesene Annahme widerlegt, dass es die Juden ge:- wesen seien, die die Bauern zum Schnapstrinken verleiteten, um sich an 'ihnen zu bereichern. Die Verwalter der Schnapsläden sind vielmehr jetzt regierungsoffizielie Beamte. interessante Aufschlüsse gibt die Statistik darüber, in welchen Gegenden Russlands-und bei welchen Volksstämmen die Trunksucht am meisten herrscht. Es hat denjenigen, die die Statistik aufgestellt haben, sicherlich keine Genügtuung bereitet, konstatieren zu müssen, dass die Juden dem Alkoholgenuss' am wenigsten ergeben sind. In den nordwestlichen Provinzen, also dem jüdischen 'Ansiedlungsgebiete,